Jesus geht seinen Weg

Liebe Gemeinde,

dieses ist das einzige Zeugnis aus der Kindheit Jesu und scheint zugleich wie das Aufreißen einer Wolkenwand zu sein, in der dann für nur einen Augenblick die Zukunft sichtbar wird. Jesus ist zwölf Jahre alt und darf seine Eltern zum Passafest nach Jerusalem begleiten. Das jüdische Volk denkt an den wundersamen Auszug aus der Knechtschaft in Ägypten. Als die Feierlichkeiten beendet sind macht man sich wieder auf den Heimweg nach Jerusalem. Doch wo ist Jesus? Er ist wie vom Erdboden verschwunden.

Wenn wir heute von verschwundenen Kindern hören, so denken wir ganz unwillkürlich an die Verbrechensserien, die im vergangenen Jahr unser Land heimsuchten. Verschwundene Kinder – zu dieser Thematik, so denke ich, kann eine jede und ein jeder von uns einen Beitrag hinzufügen.

Es war vor zwei Jahren, als wir morgens beim Frühstück unsere Pflegetochter vermissten. Sie war nicht in ihrem Zimmer, sie war nicht im Bad, sie war im ganzen Haus nicht zu finden. Ihr Bruder, er musste wohl etwas wahrgenommen haben, meinte dann schließlich, dass sie bereits gegen 6.00 Uhr mit dem Bus zur Schule gefahren sei. Die Angst in uns, dass ihr etwas passiert sein könnte, stieg. Sofort stieg ich ins Auto und fuhr den Weg zur Schule hinter her. An jeder Haltestelle schaltete ich die Nebellichter ein, um hier einen besseren Einblick zu gelangen. Doch nirgends war etwas von dem Kind zu sehen. Die Angst schnürte mir fast die Kehle zu. Nach einer ¾ Stunde Fahrt, etwa 100 Meter vor dem Schulgebäude, fand ich sie, total verängstigt und durchgefroren. – Gott sei Dank, sie lebte!

Wie müssen sich Maria und Josef gefühlt haben? Jesus ist immer noch nicht aufgetaucht. Seine Eltern tun alles Mögliche, um ihn unversehrt und wohlbehalten wiederzubekommen. Sie suchen bei Nachbarn und Bekannten, die bereits nach Nazareth vorausgegangen sind; doch kein Lebenszeichen von ihm. Nach drei Tagen angstvollem Suchen fanden sie ihn mitten unter den Lehrern im Tempel zu Jerusalem sitzen. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

Marias schmerzlicher Vorwurf: „Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“, ist an das ungehorsame Kind besorgter Eltern gerichtet. Die Antwort des Kindes ist verblüffend. „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“, gibt der gehorsame Sohn Gottes zurück. Und das muss sich nun die besorgte Mutter sagen lassen, dass Nazareth und auch das Elternhaus des ungehorsamen Kindes nicht sein Zuhause ist.

Seines Vaters Haus ist der Tempel, wo angebetet wird und wo Menschen seines Vaters Wort erforschen und nach seinen Weisungen fragen. Zwischen den Lehrern steht der zwölfjährige Jesus, als wäre er einer von ihnen und lässt sie zu deren Erstaunen erfahren, was sein Vater mit seinem Wort sagt und meint. Was sein Vater spricht, versteht er besser als die Lehrer, und wo sein Vater spricht, da ist sein Zuhause. Hier wird ein deutlicher Einschnitt im Leben des jungen Jesus erkennbar; ein Ablösungsprozess vom Elternhaus, ähnlich, wie das bei unseren Kindern auch geschieht.

Doch bei unseren Kindern läuft dies ein wenig anders ab. Sie lösen sich von ihrem Elternhaus und ordnen sich in andere, meist auf Formen und Normen verzichtende Gruppen ein. Damit ist also der Zugehörigkeit Jesu zu den Eltern eine Grenze gesetzt worden. Denn der Sohn Gottes geht andere Wege als der Mensch Jesu. Die Schlucht zwischen Menschheit und Gottheit ist aufgerissen. Maria ahnt wohl in ihrem Herzen davon, doch verstehen wird sie erst viel später, dass Jesus den Weg gehen muss, der ihm vorgegeben ist.

Es ist kein Wunder, dass Maria und Josef den Zwölfjährigen nicht verstanden haben, der aber verstand seinen Vater. Über seinen weiteren Weg ist ihm ein Licht aufgegangen. Die Absicht von Jesu Eltern, als sie ihn zum Passafest in den Tempel mitnahmen, ihn nämlich in den Glauben der Väter einzuführen, das war geschehen, aber auf eine ganz andere Art und Weise, als sie sich das gedacht hatten. Vielleicht hätten sie Jesu nicht einmal verstanden, wenn er mehr zu Maria und Josef gesagt hätte. Dass er aber als gehorsamer Sohn mit ihnen nach Nazareth zurückging, das verstanden sie, denn dort war er ihnen untertan. Doch sein künftiger Aufenthalt war dort nicht mehr, als nur ein Abwarten bis zum Beginn seines Lebens- und Leidensweges im Auftrage seines Vaters.

Der Mensch Jesu, liebe Gemeinde, geht seinen Weg weiter, der nach Golgatha führen wird. Der Weg des Sohnes Gottes aber geht darüber hinaus. Er geht über das leere Grab und über die Auferstehung hin zum Vater.

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