Jesus Christus – Die Ikone Gottes

Der von oben kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allen und er bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an. Wer es aber empfängt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist. Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt ohne Maß. Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Sie haben sicherlich alle schon einmal eine Ikone gesehen, die Darstellung einer biblischen Geschichte oder von biblischen Personen, die auf Holz gemalt oder auf Holz geklebt wird. Ikonen sind in unserer Kirche wenig verbreitet, mehr bei den Katholiken, ganz besonders aber bei den Orthodoxen Christen in Russland oder Griechenland. Wer schon einmal die Gelegenheit hatte, an einem Gottesdienst in einer orthodoxen Kirche teilzunehmen, wird wissen, welch großen Stellenwert diese Bilder haben. Aber selbst wenn sie in unserer Kirche kaum verbreitet sind, so denke ich, hat jeder, der sich einmal länger eine Ikone angesehen hat, ähnliche Erfahrungen gemacht. Ikonen haben etwas sehr anziehendes an sich, sie faszinieren durch ihre Darstellungsweise. Gleichzeitig geht man aber an sie nicht heran, wie an ein ganz normales Bild, das ebenfalls eine biblische Darstellung zeigt. Besonders Ikonen, die mit sehr viel Gold verziert sind, lassen in uns so etwas aufkommen wie eine heilige Scheu. Wir spüren, bei aller Menschlichkeit, die auf den Bildern dargestellt wird, diese Bilder sind nicht nur menschlich irdische Darstellungen. In den Ikonen scheint auch etwas himmlisches, etwas göttliches durch. Ein Geheimnis Gottes liegt in ihnen verborgen. Das Geheimnis wird sichtbar, aber dennoch wird es nicht gelüftet. Und ich behaupte, gerade das macht die Faszination, aber auch die Ehrfurcht bei uns Betrachtern aus: menschliches gewinnt göttliche Gestalt, göttliches erscheint in menschlicher Gestalt.

Wenn wir mit diesen Gedanken die Weihnachtsgeschichte und den heutigen Predigttext vergleichen, liebe Gemeindeglieder, so könnte man sagen, die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium ist mit einem normalen Bild zu vergleichen. Da geht alles so menschlich zu, so wie wir es uns gut vorstellen können: ein junges Paar ist unterwegs, sie finden keine Unterkunft in der Stadt, in die sie gehen müssen, bis ihnen ein Raum bei den Tieren angeboten wird. Und dort wird dann das Kind geboren und weil kein anderer Platz vorhanden ist, wird es eben in Windeln gewickelt in eine Krippe gelegt. Ungewöhnlicher, aber dennoch bildreich und verständlich, das Ereignis auf dem Feld: die Hirten, die eine Botschaft vernommen haben, die sie überprüfen und dann auch weitergeben. Ein schönes Bild, das uns hier vor Augen gemalt wird, seit Kindertagen vertraut und es gehört einfach zu Weihnachten hinzu.

Auch der Predigttext aus dem Johannesevangelium ist ein Weihnachtstext, aber eben nicht so bildreich, so anziehend und ansprechend, wie die bekannte Weihnachtsgeschichte. Die johanneische Weihnachtsgeschichte gleicht eher einer Ikone, einem Bild, das mehr beschreiben will, als die Äußerlichkeit des Geschehens, so wie wir ja auch nach dem Heiligen Abend, an dem die Äußerlichkeiten des Weihnachtsfestes im Vordergrund standen, tiefer in das Geschehen von Weihnachten eindringen wollen, mehr davon wissen wollen, was mit diesem Ereignis in unserer Welt geschehen ist.

Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und der redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allem und er bezeugt, was er gesehen und gehört hat. In diesen steilen Sätzen ist die Weihnachtsbotschaft des Johannes zusammengefasst.

Weihnachten, so stellt uns Johannes vor Augen, Weihnachten geht es um die Begegnung von Himmel und Erde, oder genauer gesagt, um das Herabkommen des Göttlichen ins Menschliche, das Kommen Gottes in unsere Welt. Viele Menschen, die diese sehr starren Gedanken hören, haben hier ihre Zweifel und äußern sie gerade auch zur Weihnachtszeit, wo der Bruch zwischen der Welt, in der wir leben und der vermeintlich guten Welt Gottes meist sehr schmerzlich bewusst wird. Es gibt genügend persönliche und globale Ereignisse, die immer wieder den Zwiespalt zwischen unschuldigem Leid, größter Armut und Friedlosigkeit auf der einen Seite und der Botschaft von Frieden und Freude auf der anderen Seite in uns wach werden lassen: warum gibt es so viel Leid und unschuldiges Elend in der Welt? Warum muss der eine ein schweres Schicksal tragen, während der andere unbeschwert und ohne Blessuren leben kann? Warum greift Gott nicht ein, wenn die Ungerechtigkeit überhandnimmt? In diesen Fragen steckt eine große Sehnsucht nach Gott, nach einer Welt, in der Heil zu sehen ist. Unsere Fragen zielen darauf, mehr von Gott zu wissen, ihn zu verstehen und ihn möglichst auch in unser Gedankengebäude und unsere Lebensphilosophie einzubauen.

Johannes urteilt hart über diese Fragen: Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und er redet von der Erde. Mit diesen Worten will er deutlich machen, dass unsere menschlichen Suchbewegungen, unsere menschlichen Fragen und Antwortversuche Gott nicht erkennen werden, sie werden immer menschliche Gedanken bleiben, die endlich sind und irgendwann den Weg alles Vergänglichen gehen. Der Weg menschlicher Gedanken zu Gott hin ist und bleibt ein menschlicher und vergänglicher Weg.

Aber Johannes sagt damit nicht, dass jeder Zugang zu Gott versperrt sei. Gott ist nicht unzugänglich, aber wir kommen zu ihm niemals durch uns selber. Der von oben kommt, der ist über allem und er bezeugt, was er gesehen und gehört hat. Gott ermöglicht den Zugang zu sich auf seine Weise, indem er in dem Menschen Jesus von Nazareth in die Welt kommt. Dadurch allein ist der Zugang zu Gott geschaffen.

Das Wunder von Weihnachten, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist, dass wir Menschen nun jemanden haben, der verlässlich von Gott zeugen kann, der bezeugt, was er gesehen und gehört hat, der mit seinem eigenen Leben diesen Gott in der Welt darstellt: Jesu Worte sind Gottes Worte, Jesu Handeln ist Gottes Handeln an den Menschen, Jesu Leiden am Kreuz ist Gottes Leiden mitten unter den Menschen, Jesu Auferstehung ist Gottes Tat der Rettung aller Menschen. Jesus Christus hat durch seine Person Gottes Wesen und Gottes Handeln unter uns Menschen deutlich gemacht. Vom Liegen in der Krippe bis hin zur Auferweckung und zur Erscheinung vor seinen Jüngern, ist dieser Jesus von Nazareth das Bild Gottes unter uns Menschen. Ganz menschlich und doch auch ganz göttlich ist Jesus Christus die Ikone Gottes, denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte, der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in die Hand gegeben. So beschreibt Johannes dies mit seinen Worten.

Diese Gedanken sind für viele von uns sicherlich unbegreiflich, zu steil und zu weit weg von unserem Leben. Wir stehen vor diesen Gedanken, wie vor einer Ikone, fasziniert und distanziert zugleich. Es sind auch keine Gedanken, die wir mit unserem normalen Verstand, mit den Gesetzen unseres Denkens und unserer Logik erfassen können. Dass in einem Menschen Gottes Wesen sichtbar wird, das ist eine Aussage des Glaubens, die auch nur im Glauben angenommen, im Glauben verstanden werden kann, wenn wir dieses Wunder der Welt überhaupt je verstehen können. Aber genau dies ist nun einmal das Wunder, das wir an Weihnachten feiern, dass Gott selber zu uns herabkommt und uns einen Zugang zu sich verschafft, dass er uns ermöglicht ihn zu sehen, wie er sein will und was er uns schenken will. Jesus Christus, das Bild, die Ikone Gottes, ist unser Weg zu Gott, ja durch ihn haben wir die Fülle des Lebens. Es liegt an uns, ob wir uns von ihm ergreifen lassen, ob wir uns von ihm auf den Weg zu Gott mitnehmen lassen in ein erfülltes Leben.

drucken