Jesus ante portas

Sie hatten das Szenario oft genug durchgespielt. Vorweg die Eskorte. In weitem Abstand. Damit die erregte Menge den Zeitpunkt abpassen konnte: Gleich ist es soweit! Es musste ja Zeit genug sein, damit sie die anderen auch auf die Straße holen konnten. Die in den Häusern. Die wichtigeres zu tun hatten, als stundenlang draußen Spalier stehen und warten auf den großen Augenblick. Die würde man ins Freie rufen, wenn die Vorhut in Sicht käme. Danach würde er selbst kommen. Flankiert von den Jüngern. Petrus, Jakobus und Johannes neben sich. Die anderen 9 dahinter. Und dann der große Freundeskreis, der Zug aus den vielen Städten. Der war schon unübersehbar lang, als sie durch Jericho gezogen waren. Aber nun war der Zeitplan durcheinander geraten. Der Meister wollte unbedingt einen Esel haben. Er wisse einen Besitzer, der würde ihn zum Nulltarif her geben für diesen einen Tag. Das passte nun gar nicht ins Konzept. Die Vorhut war doch schon los geschickt und nun diese peinliche Verzögerung. Auch würde der äußere Eindruck mit Sicherheit darunter leiden. Es war doch alles viel vornehmer geplant. Repräsentativer. Die Pharisäer und der Priesteradel sollte erblassen vor Neid. Zugegeben, über solche Einzelheiten hatten sie mit Jesus nicht gesprochen. Sie wussten, auf all das legte er keinen Wert. Trotzdem hatten sie es so eingefädelt.

Nun gerieten diese schöne Pläne durcheinander. Inzwischen sind die beiden Jünger mit dem Esel zurück gekommen. Jesus nimmt auf dem Tier Rücken des Tieres Platz. Der Zug setzt sich in Bewegung. Unsicher geht Petrus nebenher. Wie würden sie das in der Stadt aufnehmen? Würde sie diese Schlichtheit befremden? Oder würden sie das in Verbindung setzen mit der alten Weissagung vom König, der auf dem Esel in seine Stadt geritten kommt? Petrus schaut neben sich zu Jakobus und Johannes. Die gehen wie in Trance. Sie träumen von der baldigen Regierungsübernahme. Vor kurzem hatten sie inständig gebeten: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus hatte gesagt, das anzuordnen stünde ihm nicht zu, sondern Gott allein. So, als ging es da um die Plätze im Himmel. Aber die beiden hatten doch ganz bestimmt an die Ministersessel in Jerusalem gedacht. Und so stellte sich Petrus das auch vor: Das alte Regime muss abdanken, und der wahre Messias wird öffentlich anerkannt. Da reißt der Jubel den Petrus aus seinen Gedanken. Schon haben sie das Stadttor durchzogen. Diese Begeisterung! Diese über Erwarten große Menge! Wer sich da alles auf gemacht hat! Kinder und Greise, Bettler und Geschäftsleute, die ganze Stadt scheint auf den Beinen! Diese vielen Palmzweige, die Stoffe auf den Wegen, einen wahrhaft königlichen Empfang haben sie vorbereitet. Ganz wie geplant, ach was, noch gewaltiger. Nur Jesus in seiner Schlichtheit, mit seinem ernsten Blick passt irgendwie nicht dazu.

Aber den Petrus machten die Hosianna-Rufe stolz. Balsam ist das für seine Seele. Und für die seiner Freunde. Wie oft war ihre Arbeit behindert worden! In Samaria hatte man sie hochkant raus geworfen. Wie heftig und gehässig hatten die Schriftgelehrten mit ihnen gestritten! Gnadenlos hatten sie ihre Überlegenheit ausgenutzt. Mit klugen Fragen konnten sie einen so richtig in die Enge treiben! Und die einfachen Fischer hatten beschämt schweigen müssen, weil sie dieser Taktik nicht gewachsen waren. Und all die sonstigen Einschränkungen! Wie oft hatte ihnen der Magen geknurrt, hatten ihnen die Fußsohlen geschmerzt von den langen Wegen. Aber das war ja nun gottseidank vorbei. Jetzt würde eine neue Zeit anbrechen. Der Jubel hier, diese überschwengliche Begeisterung, all das entschädigte den Petrus für die Entbehrungen bislang. Hatte nicht der Meister selbst gesagt: Wer immer um meinetwillen und um , des Reiches Gottes willen Haus, Hof, Familie hinter sich lässt, der wird es vielfältig empfangen. Dereinst im Himmel und auch schon jetzt. Diese Zeit war nun gekommen! gekommen. Jetzt würde alles besser werden! Nur Jesus scheint irgendwie nicht angesteckt zu sein von der allgemeinen Begeisterung. Die schlichte Art, mit der er sich präsentiert, irritiert seine engsten Anhänger. Das ist dem Petrus gar nicht recht. Ein bischen Understatement macht sich ja gut, zumal bei einem Unternehmen, das von Spenden getragen wird. Aber hier kommt immerhin das Aushängeschild. Der Imageträger. Wird diese bescheidene Präsentation den Effekt des geplanten großen Auftritts zunichte machen?

Aber die Sorge des Petrus scheint völlig unbegründet. Die Begeisterung der Menge steigert sich sogar noch. Man skandiert Halleluja und Hosianna. Im stillen malen sich die Jünger aus, wie die nächsten Tage ablaufen werden. Jetzt hat es ein Ende mit den Freiluftveranstaltungen, wo man oft genug einem Sandsturm oder Regenguss ausgesetzt war. Jetzt hat es ein Ende mit den Vorträgen in überfüllten Wohnzimmern, wo ganz Freche einmal sogar das Dach aufgebrochen hatten, um ihren kranken Freund herunter zu lassen. Erst zu spät kommen und sich dann in der ersten Reihe postieren. Das hatte den Petrus furchtbar gewurmt. Aber die anschließende Heilung hatte immerhin die Popularität des Meisters enorm gesteigert! All solche Einschränkungen waren nun überholt. Jetzt endlich würden die Predigten Jesu den Rahmen kriegen, der ihrer würdig war: Mitten im Tempel, an dem Ort, wo die Propheten gewirkt hatten, würde der auftreten, der die Worte der Propheten erfüllt.

Vor ihnen erhebt sich der Tempelbezirk mit seinen mächtigen Gebäuden! "Sieh Meister, was für Steine, was für Bauten," ruft einer der Jünger überwältigt aus. Irritiert vernimmt er den Kommentar Jesu: "Wahrlich, ich sage dir, bald wird hier kein Stein mehr auf dem anderen sein. Auch wenn du es auch jetzt nicht verstehst ich sage dir: Dieser Tempel wird abgebrochen werden und in drei Tagen wieder aufgebaut." Ein Spitzel hat diese Worte mit bekommen und macht sich eifrig Notizen. Dann entfernt er sich unauffällig. In einem Seitengemach der Tempelanlage überbringt er seinen Bericht. Dort sind die versammelt, die nicht mit gejubelt haben. Der Spitzel schaut in besorgte Gesichter. "Meine Herren, hier, wie gewünscht, der aktuelle Bericht. Es ist genau wie Sie erwartet haben. Eine ganze Fülle von staatsfeindlichen Aussagen. Das müsste für die Anklage ausreichen.

Gelangweilt nimmt ein Ältester des Hohen Rates den Notizblock und knüllt ihn zusammen. Wütend zischt er: "Wen interessiert das noch? Er hat das Volk doch schon auf seiner Seite! Auf uns wird niemand mehr hören. Das ist eine historische Stunde das draußen. Unsere Herrschaft ist am Ende. Alle Welt läuft ihm nach!" "Abwarten," unterbricht der Hohepriester. "Ich kenne das Volk. Heute rufen sie Hosianna, morgen kreuzige! Sieh lieber zu, dass du mit diesem Judas Kontakt auf nimmst…" Liebe Gemeinde, sehr viele von uns kennen die Szenerie vom Einzug Jesu in Jerusalem. Im Kirchenjahr wird sogar doppelt daran erinnert, am 1. Advent und am Palmsonntag. Anders als sonst bekommt dies Evangelium durch die Ereignisse der letzten Wochen bedrückende Aktualität. Es sind Parallelen, die uns bewusst machen sollten, wie anders Jesus ist. Wie anders sich die globale Macht präsentiert, die Jesus vertritt. In Bagdad ist auch ein Zug in die Hauptstadt gekommen. Bei den Bewohnern jener Stadt waren auch große Erwartungen, bei etlichen auch große Befürchtungen mit dem Einzug verbunden gewesen. Und dann kam der Tag. Die einen jubeln, die andern sehen ihre Niederlage besiegelt und erwarten einen Herrschaftswechsel. Aber die da eingezogen sind, kamen nicht friedlich. Eine ganz markante Szene, die ein Reporter einfing, war diese: Ein amerikanischer Schützenpanzer nähert sich einer Palasttür. Er ist schon im Hof des Palastes. Die Tür ist kunstvoll gefertigt. Der Panzer nimmt darauf keine Rücksicht. Er brackert auf das Tor zu, das fliegt in Stücke, und dann donnert das Fahrzeug hinein und dahinter die nächsten Fahrzeuge. So ist Jesus nicht. Wohl kommt er, um die Herrschaft anzutreten, er kommt und das gilt nun wirklich und wörtlich: Er kommt, um das alte Reich des Bösen zu entmachten. Es ist ihm am Ende sogar gelungen. Seine Mission war erfolgreich. Aber er kommt nicht mit Blitz und Donner, er schießt sich nicht den Weg frei. Er schmiert keine Klaqueure mit Dollars und Krediten. Jesus kommt unscheinbar. Schlicht. So ganz anders als die Herren dieser Welt.

Darum trauen ihm viele nicht zu, dass sein Unternehmen Erfolg haben kann. Sie meinen, das sei nur etwas für eine rührselige Minderheit, ewig Gestrige, buchstabengläubige Romantiker. Wo doch in der rauhen Wirklichkeit sich die durchsetzen, die sich auf Fakten verlassen und nicht auf Gebete.

Und wir sehen hier, wie sogar die Jünger diesem Denken erliegen. Wo sie zu vergessen beginnen, dass ihre Vollmacht bisher immer im Gebet gelegen hat, im Vertrauen auf Gott, in der engen Beziehung zu Jesus. Aber nun erliegen sie Zug für Zug dem Glanz der Macht, dem Hochgefühl des Ruhms. Dem beruhigenden Gefühl, sicher zu sein, weil man im Chor mit der Menge skandiert.

Es ist ja gut und erhebend, im Kreise vieler Halleluja, Ehre sei Gott zu singen. Und doch ist es heilsam, dass wir in der Fastenzeit darauf verzichten. Und uns bewusst machen: Mit Jesus gehen, an Jesus bleiben, heißt letztlich in der Minderheit sein. Heißt sich unterscheiden vom bequemen Weg, den alle gehen. Die Bibel nennt es "das Kreuz auf sich nehmen".

In der Szene vom Einzug in Jerusalem gerät das Kreuz völlig aus dem Blick. Ein einziges Detail erinnert noch an das, was in Wahrheit bevorsteht: Der Esel. Wir Bremer verbinden den Esel ja mit den anderen drei Tieren als einen der Bremer Stadtmusikanten. Die machen fröhlich Musik. Sie sind einem schlechteren Schicksal entkommen, auf dem Weg dahin haben sie sich Mut gemacht mit der Losung: Etwas besseres als den Tod findest du allemal. Jesus findet nichts besseres allemal. Er wird den Tod finden. Aber daran denkt an diesem Tat keiner. Die Jünger haben anderes im Kopf, an diesem Tag sind sie ganz erfüllt von ihren Wünschen und Ideale. Das, worauf sie so lange gewartet haben, ist nun zum Greifen nahe. Aber als diese Hoffnungen nicht eintreffen, sind sie wie vor den Kopf geschlagen. Wie ist das mit dir? Wie wirst du damit umgehen, wenn sich deine Hoffnungen zerschlagen? Oder meinst du, als Christ bist du darauf vorbereitet? Es heißt hier von seinen Anhängern, nicht von der Stadtbevölkerung, im Blick auf den bescheidenen Aufzug Jesu: "Das verstanden seine Jünger zuerst nicht." Das waren die, die jahrelang ganz dicht bei Jesus waren, mit ihm gegessen haben, bei ihm gewohnt haben, die engsten Vertrauten. Sie gehörten fest dazu.

Es werden Zeiten kommen, und vielleicht hast du sie schon einmal durchlitten oder du reibst dich gerade daran: Zeiten, wo du Jesus nicht verstehst. Etwa wenn wie es hier der Fall ist, sich eine klare Entwicklung anbahnt, von der du viel erhoffst. Und dann wird auf einmal alles zerschlagen. Du kannst gar nichts dafür, und auf einmal wird dir alles zerschlagen. Und du fragst: Wo ist Jesus jetzt? Sei gewiss: Er ist da. Er sieht das. Er hat das auch schon voraus gesehen. Darum kann er diese deine Lage verstehen. Und er wird dir helfen, damit umzugehen, vielleicht wird er dich in eine neue Situation hinein führen. Was kann dir dabei helfen? Auch das wird hier verraten: "Das verstanden seine Jünger zuerst nicht. Doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand."

Die haben in ihre Bibel geschaut. Die hatten sie vorher auch, aber da werden sie nicht so genau hinein geguckt haben, wozu auch, sie hatten ja Jesus persönlich um sich. Aber als nach Karfreitag Jesus nicht mehr so da war wie vorher, sondern im Grab: Als nach Ostern Jesus nicht mehr da war wie vorher, sondern im Himmel: Da haben sie in die Bibel geschaut. Und haben erstaunt fest Zusammenhänge gefunden. Eins fügte sich ins andere. Sie haben verstanden. Und waren getröstet. Hatten neue Kraft. Das brauchst du auch! Mancher Christ fühlt sich heute gut und stark und ist sorglos und denkt: Ich komme ja leidlich voran. Mal läuft es ein bischen quer, aber im großen und ganzen geht es gut voran. Und den Trost der Bibel den kenne ich doch. Es gibt genug Christen, die meinen, sie wüßten das wesentliche aus der Bibel und von den Jesusgeschichten sowieso. Das haben sie doch Jahr für Jahr im Kindergottesdienst gehört oder selbst erzählt. Aber dann kommen so richtige Schwierigkeiten. Hoffnungen zerschlagen sich. Alles geht über deine Kräfte. Du betest zwar wie gewohnt zu Jesus. Aber der ist irgendwie ganz weit weg. Dann kommen die Zweifel. Dann wirst du mißmutig. Dann hast du keine Lust mehr auf Gottesdienste oder Treffs mit anderen Christen, wo doch nur die bekannten Sprüche kommen, mit denen du schon seit Monaten nichts mehr anfangen kannst. Du denkst, Gott versteht dich nicht. Und du verstehst Gott nicht. Liebe Gemeinde, da muss ein Christ durch. Das sind die Passionsphasen eines Christenlebens. Und wie enden die? Nicht unbedingt dadurch, wie die Welt meint, dass auf Regen wieder Sonnenschein folgt. Sie enden damit, dass du Jesus näher kommst. Ihn anders siehst. Und die Bibel hat dir dabei geholfen.

Hier siehst du den wesentlichen Unterschied zwischen einem Christenmenschen und einem Weltmenschen. Der Weltmensch mag durchaus religiös sein. Aber wenn er wirklich alleine steht, wenn das Leid kommt, das er nicht einordnen kann, daa ist es dann schnell aus mit dem Halleluja und Hosianna. Dann ruft man: Wo ist Gott? Ich kann an diesen Gott nicht glauben. Und diese Leute bleiben in ihrem Unverständnis und verhärten sich noch darin. Ein Christenmensch erlebt anfangs das gleiche. Wie es hier heißt: Das verstanden seine Jünger zuerst nicht. "Zuerst" ist das Schlüsselwort. Zuerst müssen auch Christenleute durch die Dunkelheiten, durch Zeiten, wo Gott ganz fern scheint. Aber sie haben ihre Bibel. Sie haben (hoffentlich) einen Menschen, der sie nicht fallen lässt, wenn sie grantig und verbittert werden und sich mit den gewohnten Antworten nicht zufrieden geben. Aber diese Zeit geht vorüber. Und eines Tages können sie rückblickend sagen: Zuerst verstand ich es nicht. Aber jetzt sehe ich meine Lage anders. Die Zeit, die verstreicht, bis diese Wende kommt,, kann kurz sein, kann lang sein. Bei manchem Erleben werden wir erst in der Ewigkeit sagen: Ach so sind die Zusammenhänge! Was war ich blöd, was war ich vernagelt, was hab ich nur schwarz gesehen. Zuerst verstand ich es nicht. Aber nun sehe ich es in anderem Licht.

Jesus ante portas. Jesus steht auch heute vor der Tür unseres Herzens. Da will er herrschen, nicht in den Palästen der Mächtigen. Lass dich auf seinen Weg mitnehmen. Und bleibe dabei auch in dunkler Zeit. Wie es in einem Lied aus unserer Mappe heißt: "Herr deine Wege, die du mich leitest, kann ich oft nicht verstehn. Doch weil du mitgehst, und um das Ziel weißt, will ich sie gern mit dir gehen.

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