Ist nichts mehr so, wie es war?

Aus der Tagesschau vom 14. 12. 2001, 20.00 Uhr:
Wort des Jahres.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat den Begriff "11. September" zum Wort des Jahres gewählt. Zur Begründung hieß es, die Terroranschläge in New York und Washington hätten den Sprachgebrauch in Deutschland stark beeinflusst. So habe der Satz "seit dem 11. September ist alles anders" einen festen Platz in der Sprache eingenommen. Auch "Anti-Terror-Krieg", "Milzbrandattacke" und "Schläfer" stehen ganz oben auf der Liste der Wörter des Jahres.

Liebe Gemeinde, was denn nun? "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit." oder: "Nach dem 11. September ist nichts mehr, wie es war."

Die deutschen Sprachforscher sind sich einig: Der 11. September ist nicht einfach ein Datum wie jedes andere. Er ist das Wort des Jahres 2001. In der Begründung der PONS-Redaktion heißt es: "Der Begriff ´11. September´ sowie die in den Medien erfolgende Einteilung der Welt in eine Zeit ´vor dem 11. September´ und ´nach dem 11. September´ stehen als Symbol eines Umbruchs, einer Zeitenwende im kollektiven Empfinden vieler Menschen. Der ´11. September´ markiert für viele das Ende einer Epoche, die jedenfalls in den westlichen Ländern von Frieden und Zukunftshoffnung geprägt war."

Wahrscheinlich wissen Sie auch noch, wo Sie waren, als Sie die erste Nachricht hörten, dass da in Amerika irgendetwas passiert sei. Irgendetwas mit Flugzeugen und Hochhäusern.

Ich habe noch nie so oft über ein und dasselbe Thema gepredigt wie in diesem Jahr. Hier in der Kirche, im Tetsche, bei den Friedensandachten in St. Marien, im Altenheim. Sollte es ein Kanzelwort 2001 geben, so wäre es wahrscheinlich auch der 11. September.

Nicht der 26. Januar, als in Indien vielleicht über 100000 Menschen unter Trümmern begraben wurden, als die Erde bebte. Nicht der 20. Juli, als in Genua der Globalisierungsgegner Carlo Guiliano durch die italienische Polizei erschossen wurde. Nicht der 13. Dezember, als Terroristen im indischen Parlament ein Blutbad anrichteten. "Nach dem 11. September ist nichts mehr, wie es war."

Stimmt das eigentlich? Können Sie das bestätigen? Die Erde dreht sich weiter mit mehr Sicherheitsgesetzen, aber nicht sicherer, mit neuen Allianzen gegen "den Terror", aber nicht einiger, vielleicht auch mit der Einsicht, dass die sogenannte zivilisierte Welt weder unverwundbar noch unschuldig ist.

Wer sich die Weltpolitik anschaut, dem fällt es schwer, am Jahr 2001 ein gutes Haar zu lassen. "Nach dem 11. September ist nichts mehr, wie es war." ieser Satz trifft ganz sicher auf 3478 Familien zu, die seit dem Wort 2001 um einen Angehörigen trauern.

Doch wie steht es mit Ihnen? Hat sich Ihr Leben verändert am 11. September? Oder hatten Sie in diesem Jahr ganz andere Wendepunkte in ihrem Leben, Wendepunkte, hinter denen das Wort 2001 verblasst und klein wird? Geburt, Beruf, Diagnose, Verlust, Liebe, Hochzeit, Urlaub Wenn die Johannes B. Kerners und Günther Jauchs dieser Welt Sie einlüden und Sie nach Ihrem Wort des Jahres 2001 fragten, was würden Sie antworten? Welches Datum wäre für Sie ein Wendepunkt? Vielleicht gab’s auch überhaupt keinen Wechsel im Jahre 2001. Vielleicht lief das Leben in ruhigen Bahnen ohne große Zwischenfälle. Vielleicht blieb alles, wie es war, trotz des 11. Septembers, trotz der verschiedensten Katastrophen, die wir dieser Tage im Radio und im Fernsehen noch einmal präsentiert bekommen. Wenn wir den Blick vom Fernseher auf unser eigenes Leben richten: Für viele von uns war dieses Jahr ein gutes Jahr, ein Jahr, auf das wir voller Dankbarkeit zurückblicken können, voller Dankbarkeit für das Leben, das Gott uns schenkt, für die Familie oder für die Gesundheit.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Der vorgeschriebene Predigttext für heute ist eine Art Gegenrede gegen das Wort des Jahres 2001. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit – und das ist auch gut so. Fast störrisch stemmt sich der Satz gegen fast alles, was die Jahreschroniken und -rückblicke berichten. Ein Satz, der auf Kirchenportale und Grabsteine gehört: In Stein gehauen, in Metall gegossen: trutzig und widerborstig gegen jeden Zweifel, jede Ungewissheit, jeden Einwand. Doch was hat er mit unserem Leben zu tun, was hat er mit diesem Altjahresabend zu tun?

Erinnern Sie sich? Jesus Christus gestern, gestern im Jahr 2001 Erinnern Sie sich noch, wie er Sie begleitet hat? Als Sie die Hoffnung nicht verloren, als Sie frei sprechen konnten, als Sie Liebe und Freundschaft spürten. Wissen Sie noch: Er lachte und weinte mit Ihnen, gestern, im Jahr 2001. Er vermittelte, stieß an Grenzen und versuchte es wieder neu. Keinen Augenblick waren Sie im gestern ohne ihn, auch wenn Sie ihn nicht spürten und alles so selbstverständlich schien. In diesem Jesus Christus ist ihr Gestern gut aufgehoben. Er streut kein Salz in Ihre Wunden, sondern will sie heilen. Er wärmt die alten Geschichten nicht wieder auf, sondern will vergeben, er ist gegenwärtig in Ihrer Vergangenheit, damit Sie nicht in ihr stecken bleiben. Erinnern Sie sich: Er ist gegenwärtig in Ihrem Gestern, damit Sie sich dem Heute zuwenden können.

Jesus Christus gestern und heute, heute am Altjahresabend, erkennen Sie ihn? Er ist heute bei Ihnen. Dort, wo Sie Hoffnung und Zuversicht gewinnen, dort wo Sie zu ihren eigenen Fehlern und zu ihrer eigenen Verantwortung stehen, dort, wo Sie aus dem Kreis Ihres eigenen Ichs heraustreten, um Liebe zu schenken. Er ist heute bei Ihnen, wenn die Zeiger auf Mitternacht gehen, lässt Sie gnädig sein bei Ihrer kurzen, geistigen Bilanz des Jahres 2001, gnädig mit sich und anderen. Sehen Sie ihn? Er ist in Brot und Wein, in den Worten: "Für dich gegeben.", "Für dich vergossen.", er ist gegenwärtig in Ihrem Heute, damit Ihr Leben nicht mehr so ist, wie es war.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Auch morgen, im Jahr 2002. Vertrauen Sie ihm? Er wird kommen und seinen Sinn in unsere Sinnlosigkeit legen. Er wird kommen, um den Frieden und die Liebe zu vollenden. Er wird kommen, um uns einen neuen Himmel und eine neue Erde zu bereiten. Hoffen Sie auf ihn. Allein die Hoffnung kann schon jetzt Ihr Leben verändern.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Eine trotzige Gegenrede gegen das Wort des Jahres 2001. Denn es ist nicht wahr, dass seit dem 11. September alles anders ist. Christus ist derselbe geblieben. Selbst wenn Himmel und Erde vergehen, sein Wort bleibt ewiglich. Er will uns von unserer Schuld befreien, uns in unserer Gegenwart halten, uns eine neue Zukunft eröffnen. Es ist eine Frage der Weltanschauung, wonach wir unser Leben ausrichten. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, heißt es in unserem Predigttext weiter. Was für Lehren könnten wir aus dem letzten Jahr ziehen? Dass Leben Kampf und Verteidigung bedeutet? Dass grenzenlose Freiheit eine Frage der Waffen ist? Dass eh alles hoffnungslos gleich bleibt, hoffnungslos unabänderlich, ungerecht und unsinnig. Es ist eine Frage der Weltanschauung. Lasst euch nicht durch solche Lehren umtreiben. Nicht immer macht Erfahrung klug. Viel zu oft verhindert sie Hoffnung. Nicht die Lehre der Vergangenheit soll unser Leben bestimmen, sondern die Hoffnung auf eine neue Zukunft in der Liebe Gottes.

In der Lutherbibel ist unser Kapitel mit "Letzte Ermahnungen" überschrieben. Letzte Ermahnungen am Ende eines Briefes an eine verfolgte und von Hoffnungslosigkeit angefochtene Gemeinde, letzte Ermahnungen an uns, die wir zwischen den Jahren stehen, zwischen Abschied und Neuanfang, zwischen Jahresbilanz und guten Vorsätzen, zwischen Zweifel und Zuversicht. Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, fest, nicht hart, nicht verhärtet durch Angst vor der Zukunft oder Enttäuschungen der Vergangenheit. sondern fest im Glauben, dass unser Friede und unsere Zukunft in Christus geborgen sind. Kein Wort der Welt, kein Datum, keine Katastrophe, kein Tod kann an diesem Ziel unseres Lebens etwas ändern. Wir müssen nicht in der Vergangenheit, wir dürfen für die Zukunft leben. Und diese Zukunft ist allein Gnade und Barmherzigkeit. Die letzten Ermahnungen laden ein, schon jetzt in ihr zu leben: Sie lauten: Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt. Die Ehe soll in Ehren gehalten werden bei allen. Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Keine Worte des Jahres 2001, sondern Worte ewigen Lebens.

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