Ist Buße out?

Liebe Schwestern und Brüder!

Am heutigen Buß- und Bettag sollen wir uns gemäß der 1.These Martin Luthers, die er am 31.Oktober 1517 an die Wittenberger Schlosskirche anschlug, daran erinnern: "Wenn unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ,Tut Buße!‘, so will er, dass das ganze Leben eine stete Buße sein soll." Das ganze Leben sei Buße fordert Luther unmissverständlich! Aber was bedeutet eigentlich diese alte und fast schon unmoderne Wort der Buße? Im Sinne Jesu, im Sinne der ntl. Schriften und im Sinne der Reformatoren bedeutet Buße Umkehr, Reue und Vergebung. Und Buße setzt voraus, dass ich mich selbst als fehlbar und als Sünder empfinde. Buße setzt Reue und ein Gewissen voraus. Wer kein Gewissen hat, der wird nicht Reue empfinden und schon gar nicht Umkehr und Veränderung zeigen. Ohne Gewissen und Glauben keine Reue und auch keine Buße. Nun nicht jeder ist gläubig, aber fast jeder hat ein Gewissen. Und das ist beruhigend. Diese innere Instanz, die quasi wie ein Richter entscheidet, ob unser Handeln und Verhalten ethisch richtig oder falsch ist oder war. Insofern kennen die meisten von uns das Gefühl der Reue, wobei bekanntlich nicht jeder reuige Sünder Buße tut. Buße im biblischen Sinn setzt voraus, dass ich auf falschen Wegen umkehren kann und dass ich bei Fehlverhalten Reue empfinde und Buße tue. Doch ist es eigentlich noch "in" oder zeitgemäß über Buße, Reue und Vergebung zu reden, wo wir doch täglich das Gegenteil sehen und erleben?

"Das war ich doch nicht, das habe ich nicht gemacht. Ich bin nicht zu schnell gefahren. Und wieso soll ich jetzt ein Verwarnungs- oder Bußgeld bezahlen. Das ist doch nur reine Abkassiererei der Polizei oder Schikane. Und außerdem sollten die lieber die richtigen Ganoven schnappen als sich an mir kleinen unbescholtenen Bürger gütlich zu tun. Ich bin doch im Prinzip unschuldig." Solche oder ähnliche Gespräche haben Sie vielleicht auch schon gehört oder sogar selbst mit sich geführt, als jemand aus ihrem Bekanntenkreis oder Sie selbst den Bußgeldbescheid wg. "Zuschnellfahrens" ins Haus bekommen haben.

Ich, ich habe nichts gemacht, ich bin unschuldig und für nichts verantwortlich, log mir ein Schüler direkt und unverblümt ins Gesicht, nachdem er einem anderen kurz vorher in meinem Beisein ins Gesicht geschlagen hatte. "Ich bin unschuldig, ich habe nichts gemacht," sagte er mir locker lächelnd. Selten ist bei uns Menschen heutzutage noch ein Gefühl von Reue, Schuldeingeständnis, Umkehr oder für Buße vorhanden. Buße ist "out", wenn ich mich selbst verwirklichen will. Buße ist altmodisch, wo doch jeder weiß, dass Fun und Spaß wichtig ist, auch wenn andere dabei unter die Räder geraten. Schnell fahren und rasen macht eben Spaß. Nur Spießer fahren langsam und korrekt, auch hier in Wippershain. Buße ist "out", ist einfach nicht mehr modern, wo jedes Kleinkind doch schon tagtäglich im Fernsehen oder auch durch auf Selbstverwirklichung pochende Eltern suggeriert bekommt, dass jeder ein kleiner Prinz oder eine kleine Prinzessin oder ein kleiner Held ist. Helden und Prinzen machen keine Fehler! Helden sind bekanntlich cool, lässig, stark und ohne Fehler.

Ist Buße "out", ist Buße, Reue, Umkehr und Erneuerung nicht notwendig für das tägliche Miteinander von Menschen oder im Verhältnis von uns Menschen zu Gott? Ist das "Schuld abladen verboten" in einer Gesellschaft, die nur noch die Starken und Rücksichtslosen zu unterstützen scheint? Ist um Vergebung und Verzeihung bitten einfach "out" bzw. nicht mehr modern genug?

Liebe Schwestern und Brüder, es ist eben nicht "out" und auch nicht unmodern, es wird niemals aus der Mode sein als Christ und Christin Gott und seinen Nächsten um Verzeihung zu bitten für begangene Sünde, für begangene Fehler. Und sich durch Gebet und Buße -und Buße meint hier nicht: tagtäglich begangene Selbstgeißelung oder ein demütiges in den Dreck werfen . Es ist nie zu spät jemand, um Verzeihung und Vergebung um begangene Schuld zu bitten. Und wie das Gefühl ist, wenn ich meine Schuld vor Gott und meinem Nächsten bekannt habe, dass kann jede und jeder von uns nachvollziehen. Nach einem eingesehen Fehler, nach innerlicher Reue, nach selbstauferlegter Buße, fallen einem Zentnerlasten von der Seele. Darum geht es bei der Erinnerung, dass wir alle Umkehr und Erneuerung brauchen. Gott schenkt uns im Glauben die Fähigkeit zu Buße. Gott schenkt uns damit die Möglichkeit zu Umkehr und Erneuerung. Im Gebet kann ich Gott meine Unzulänglichkeiten, Probleme, Schuld und innerer Zerrissenheit mitteilen. Ich kann ihn um Gnade und Vergebung bitten. "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsere Schuldigen", beten wir im Vaterunser.

Liebe Schwestern und Brüder, Buße im religiösen Sinn meint, dass ich über begangenes Unrecht Leid empfinde und das griechische Wort "metanoia" meint sogar, dass ich das, was ich falsch gemacht habe "zutiefst bereue" und den eingeschlagenen Weg korrigiere, dass ich umkehre. Somit bedeutet Buße bzw. büßen im religiösen Sinn von einem Irrweg abzukommen. Gott will uns in seiner Einladung zur Buße von den ausgetreten Pfaden der eignen Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit abbringen. Gott vergibt uns unsere Schuld. Gott schenkt uns seine Zeit der Gnade und nicht eine Galgenfrist. Die Vorraussetzung dafür ist, dass ich in mich gehe, dass ich den schmerzlichen Prozess der eigenen Schuldeingeständnis und Demut gegenüber dem eignen geschenkten Leben immer wieder neu erkenne und durch geschenkte Gnade im Gebet und in der Buße zu einer Erneuerung in meinem Verhältnis zu Gott gelange.

Der Predigttext von heute fordert dies auch. Hingegen ist Jesus hier noch viel radikaler als Luther. Die Stichworte Jesu lauten: ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte kommt; ich kenn euch nicht, wenn ihr meinen Willen zeit eures Lebens nicht getan habt; da wird ein Heulen und Zähneklappern sein und ihr werdet ausgestoßen und die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten.

Liebe Schwestern und Brüder, hier geht es um das endgültige Gericht Gottes über unsere Taten. Und das, was Jesus androht ist keine Lappalie. Es geht um Gottes Gericht über uns Menschen. Und ich denke, wer sich zeit seines Lebens gegenüber seinen Mitmenschen sagen wir wie ein "Schwein" und Unmensch Verhalten hat, der wird im göttlichen Gericht auch die Strafe dafür empfangen. Insofern sind Jesu Worte endgültig und auch radikal. Da wird nichts beschönigt und klein geredet. Und doch sind diese radikalen Worte unseres Herrn nicht das Letzte, was über uns gesprochen wird. Gott sei Dank! Das Letzte, was bleibt, ist Gottes Gnade, die wir für begangene Reue und Buße empfangen werden. Nicht in dem Sinne, dass wir diese Gnade auch wirklich verdient hätten oder meinten durch gottgefälliges Leben sogar verdienen zu können, sondern aus dem freien Entschluss Gottes zur unverdienten Gnade und Barmherzigkeit für uns.

Was können wir tun? Beten und unsere Ohnmacht, Hilflosigkeit, Buße, Vergebung, Umkehr und Ratlosigkeit in Gottes Hände oder vor seine Ohren bringen. In Angst und Furcht, bei Not und Hilflosigkeit wird vor Gott gebracht, werden unsere Bitten und Gebete vor Gottes Ohren gebracht. Was bringt es zu beten? Welchen Nutzen hat das Beten? Bittet, so wird euch gegeben! Klopfet an, so wird euch aufgetan! Beten kommt von bitten. Gott um Vergebung der eigenen Sünde bitten. Die Mitmenschen um Verzeihung und Vergebung bitten. Nun vor mehr als zwei Monaten am 11.September sind durch terroristische Anschläge in New York und in Washington Tausende Menschen ermordet worden. Millionen Menschen aller Konfessionen und Religionen beteten zu Gott für die Sterbenden und deren Angehörige. Viele tausend Menschen sind hier bei uns in Sondergottesdienste gegangen und haben die Toten betrauert und für eine angemessene und maßvolle Antwort und Reaktion auf diese Morde gebetet.

Beten hilft immer. Beten ist der Weg zu Gottes Ohr. Beten hilft sich selbst zu sammeln. Beten reinigt das Gewissen und wischt die innerlichen Tränen ab. Beten hilft ausweglose Situationen zu akzeptieren. Beten hilft die eigene menschliche Ohnmacht und Hilflosigkeit zu ertragen, ohne verrückt zu werden. Beten wäscht den irdischen Staub aus unseren Augen und zeigt uns bruchstückhaft die himmlische Herrlichkeit. Wer betet, der öffnet sich Gott mit allen Sinnen. Er öffnet sich für Gottes Gnade, Barmherzigkeit und für sein Gericht. Wer betet, der akzeptiert unsere bescheidenen menschlichen Grenzen und hofft und glaubt an Gottes große Freiheit und Weite. Und so wie es beim Beten um uns selbst oder um die andern geht, so geht es am Bußtag zuerst um die eigene Buße und nicht um die Fehler der anderen. Als Geschenk bekomme ich die Vergebung dessen, der allen Menschen noch eine Chance gibt. Das sagt auch die unterschwellige Botschaft des Predigttextes. Und letztlich geht es im Leben immer wieder darum, dass ich eine neue Chance bekomme, aber nicht auf die billige Art, dass ich keine, manchmal sehr schmerzliche Einsicht in Erneuerung bräuchte, sondern dass ich durch die Einsicht in die eigene Schuld wieder neue Lebensfrüchte für meine Mitmenschen hervorbringen kann. Diese Früchte sind der Segen und die Gnade Gottes, die tagtäglich in guten und schlechten Zeiten für mich da sind. Und wenn ich mir dessen bewusst bin, wenn ich mir bewusst bin, dass das Leben ein immer wieder neues wunderbares Geschenk Gottes an uns Menschen ist, dann bekomme ich auch soviel Demut und Selbsterkenntnis, die Vorstufen zur Buße, die zur Erneuerung des eigenen Lebens führen. Gott schenkt diese Gnade und Güte jeden Tag neu. Und seine Glaubensfrüchte zeigen sich auch durch Gebet, Buße und Umkehr, die wir alle nötig haben. Gebet, Buße und Umkehr sind nämlich die Dusche für die Seele und das eigene Gewissen.

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