Ist beten gefährlich?

Neulich las ich in der Zeitung: „Handy am Steuer. Höhere Strafen. Berlin. Wer künftig trotz Verbots ohne Freisprechanlage am Lenkrad telefoniert, muss tiefer in die Tasche greifen. Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe kündigte am Wochenende höhere Strafen für die Benutzung von Mobiltelefonen beim Autofahren an. Handy Sünder sollen demnächst mit 40 Euro statt wie bisher mit 30 Euro Strafe rechnen müssen.“ Als ich vergangenen Jahr häufiger die Autobahn befuhr, sah ich des öfteren ein großes Plakat, auf dem davor gewarnt wurde, die Hände beim Fahren so voll zu haben, dass man faktische keine Hand am Steuer hat. Auf dem Bild waren neben dem Handy, noch die Cola Dose, die Zigarette und das Frühstücksbrot. Egal ob das alles gleichzeitig geht, manchmal kommt’s schon vor, dass man mit dem Knie das Lenkrad halten muss. Das ist gefährlich. Doch darüber wollte ich jetzt gar nicht predigen, sondern daran eigentlich eine Frage anschließen, die jetzt vielleicht Schmunzeln auslöst: Darf man beim Autofahren beten? Oder, wie kann man beim Autofahren beten?

Braucht man zum Beten seine Hände, was ja im Gottesdienst absolut der Fall ist, dann ist Beten genauso gefährlich wie Telefonieren. Ist Beten aber nur Denken, dann hat man äußerlich gesehen keine Probleme. Nur man ist mit den Gedanken nicht beim Straßenverkehr. Betet man dann etwa vor einer roten Ampel, dann merkt man den Wechsel der Lichtzeichen nicht, und fährt erst, wenn’s von hinten hupt.

Was ist Beten? Wie geht Beten? Warum beten Christinnen und Christen? Der heutige Sonntag heißt Rogate, „Betet“, da bietet es sich an, über das Beten nachzudenken.

Ich möchte zwei Positionen zeigen, die uns sicherlich beide bekannt vorkommen. Die erste Position wird in folgendem Text ausgedrückt:

Das Beten, als ein innerer förmlicher Gottesdienst und darum als Gnadenmittel gedacht, ist ein abergläubischer Wahn; denn es ist ein bloß erklärtes Wünschen gegen ein Wesen, das keiner Erklärung der inneren Gesinnung des Wünschenden bedarf, wodurch also nichts getan und also keine von den Pflichten, die uns als Gebot Gottes obliegen, ausgeübt ist. Ein herzlicher Wunsch, Gott in all unserem Tun und Lassen wohlgefällig zu sein, das ist die alle unsere Handlungen begleitende Gesinnung; sie ist der Geist des Gebets, das ohne Unterlass in uns stattfinden kann und soll. Diesen Wunsch aber in Worte und Formel einzukleiden, kann höchstens den Wert eines Mittels zu wiederholter Belebung jener Gesinnung in uns selbst haben. – Wer anfangs vielleicht gedacht hat, hier sei etwas absolut unchristliches gesagt, hat dann sicher gemerkt, dass es dieser Autor mit dem christlichen Glauben durchaus ernst meint. Nur, er hat ein bestimmtes Denken, mit dem er alle religiöse Handlung beurteilt. Es gilt nur das, was vor der Vernunft besteht. Das Zitat ist von Immanuel Kant, dem Vertreter der Aufklärung. Das ist die geistige Revolution, die sich in Deutschland ereignete, während in Frankreich die echte bürgerliche Revolution tobte. In dem Wort „betet ohne Unterlass“ (1. Thessalonicher 5, 17) ist das Verständnis des Gebetes als eines einzelnen Aktes und die Anrede Gottes bereits ansatzweise durchbrochen. Das Gebet ist nicht mehr gebunden an bestimmte Formen und Situationen, innerhalb derer es allein möglich wäre, sondern ist eingebettet in den irdischen Ablauf des Lebens also in nicht religiöse Zusammenhänge überführt. Es hieße dann einfach, das Leben in einer Haltung zu verbringen, die der des Gebetes entspricht. An unserer einfachen Frage: Kann man beim Autofahren beten? Verdeutlicht: Wenn man verantwortlich fährt, betet man automatisch mit. Es gäbe gar keine gesonderte Zeit des Gebets.

Auf den ersten Blick scheint unser Predigttext auch ein paar Argumente dafür zu liefern. Hier ist von der Beziehung die Rede, die Gott durch Jesus zu denen hat, die an ihn glauben: „26b Ich sage aber nicht, dass ich dann den Vater für euch bitten werde; 27 denn der Vater liebt euch. Er liebt euch, weil ihr mich liebt und nicht daran zweifelt, dass ich von Gott gekommen bin.“ Formell könnte es ja so aussehen, dass Jesus wie ein Anwalt bei Gott für uns Eintritt und dass dadurch unsere Bitten erfüllt werden. Doch davon wird hier abgesehen. Der Glaube selbst, natürlich als Glauben an Jesus Christus, ist für Gott Grund genug, den Bitten der Jünger, das heißt der Christen zu entsprechen. Wir alle sind von Gott geliebte Menschen. Diese vollkommene Liebe ist die Erhörung unserer unausgesprochenen Gebete.

Allerdings lässt sich diese Haltung der Aufklärung hier doch nicht ganz durchhalten. Gerade am Anfang unseres Predigttextes ist jeweils von konkreten Bitten die Rede. Der Text geht also schlicht davon aus, dass Betenden Menschen immer bestimmte Bitten aussprechen und nicht, dass sie ihr Leben in einer betenden Haltung verbringen. Die Haltung gibt es, uns sie heißt Glaube.

Die erste Position versteht das Beten ganz allgemein als Lebenshaltung und kann es strenggenommen vom Glauben nicht unterscheiden.

Um eine Unterscheidung zu ermöglichen, möchte ich bewusst eine zweite Position dagegenstellen. Es handelt sich um Aussagen eines praktischen Theologen, die ich teilweise kürzend mit eigenen Worten wiedergebe: „Für unser christliches Denken ist Gebet immer menschliche Antwort auf ein göttliches Wort. In der Sprachentwicklung eines Kindes ist klar, dass jedes Wort eine Antwort bildet und dass jedes Wort eine Antwort findet. Das Gebet setzt immer ein Wissen von Gott voraus, wie und woraufhin er anzureden ist. Es setzt ein Wort von ihm voraus, das zur Antwort berechtigt. Dazu werden dann die üblichen Gebetshaltungen angeführt, die allgemein die Haltung symbolisieren, in denen der Mensch absolut passiv ist. Das Gebet als Antwort in passiver Haltung respektiert in Bezug auf Gott dessen Größe, Freiheit und Unverfügbarkeit. Das Gebet gehört nicht den Bereich der Arbeit, sondern in den der Ruhe: Es findet dort statt, wo der Mensch mit dem tätigen Leben aufhört und im Hören auf Gottes Wort zur Ruhe kommt. Menschen stellen sich auf das Beten ein. Was und wen sie erreichen wollen, wird sichtbar in Körperkonstellationen, die sie einnehmen und in der sie sich mit dem ganzen Leib, mit Hand- und Kopfhaltungen in eine bestimmte Richtung positionieren. Aus dieser Beschreibung wird klar, dass Beten immer eine Art Handlung ist, wenn es eben auch eine Handlung ist, die in Passivität geschieht, wenn nicht gerade laut gesprochen wird. Doch auch das ist Beten: Durch lautliche Artikulation wird eine Macht angerufen, die im Unterschied zur leibhaften Gegenwart des Betenden nicht sichtbar anwesend ist. Das Gebet beginnt mit dem Anruf Gottes, der eine Offenbarungserfahrung, ein Wort Gottes voraussetzt. Die Voraussetzung ist für uns als Christen der Name Jesu Christi.“

Das was Manfred Josuttis hier schreibt ist keinesfalls nur auf die christliche Religion zutreffend. Das Gebet gibt es auch in anderen Religionen. Das Gebet ist für ihn eine so praktische Handlung, dass er es sogar wagt, das Beten mit dem Telefonieren zu vergleichen. Der Anfang jedes Gebets ist die Kontaktaufnahme mit Gott.

Noch einmal sehen wir auf unseren Predigtext, und fragen, was dafür und was dagegen spricht: Josuttis legt Wert auf die Feststellung, dass nicht nur die Worte, sondern bereits die Gebetshaltungen den Glauben an Gott direkt voraussetzen und dem Glauben entsprechen wie Wort und Antwort. Das kann mit Blick auf den Predigttext absolut bestätigt werden, wenn es dort heißt: „26 Dann werdet ihr ihn unter Berufung auf mich bitten.“ Die Christinnen und Christen würden sich ja wohl kaum an Jesus berufen, wenn es nicht durch den Glauben geradezu zwingend erforderlich wäre. Der Glaube an Jesus besteht ja geradezu darin, dass Jesus durch seine Auferstehung zu Gott aufgestiegen ist und nun als der gekreuzigte Mensch unser ständiger Fürsprecher ist. Jesus hat uns daraufhingewiesen, dass wir Gottes geliebte Geschöpfe und Kinder sind. Jesus hat als göttliche Person unsere Not und unser Leiden ans Kreuz getragen. Bei ihm sind unsere konkreten Gebet aufgehoben. Wir können zu Jesus beten oder zu Gott in Berufung auf Jesus. Die Haltung des Gebets ist auf Antwort ausgelegt. Das Gebet entspricht der mit Jesus gegebenen Zusage. Ein Gebet ohne Haltung drückt ziemlich wenig aus.

Was spricht dagegen? In Vers 28 wird etwas beschrieben, dass so erst mal nur mit Jesus und Gott, dem Vater zu tun hat: 28 Ich bin vom Vater in die Welt gekommen. Jetzt verlasse ich die Welt wieder und gehe zum Vater. Das eigentliche Heilsgeschehen ist epochal, das heißt es übergreift Generationen. Was hat demgegenüber eine einzelne Bitte für einen Wert. Sollte man da nicht vielmehr annehmen, dass jede einzelne Bitte schon durch die Nähe Jesu bei Gott beantwortet ist, ohne dass sie auch nur gedacht worden ist.

Für die Gabe des heilvollen Lebens kommt es also auf die menschlichen Handlungen gar nicht an. An anderer Stelle ist gesagt, dass Gott unsere Bitten schon kennt, bevor sie aussprechen. Aber wozu dann noch ausdrücklich beten, wenn der Glaube doch so sehr im Vordergrund steht? Egal, welche Bedeutung das Beten hat, es hat keinen Einkaufswert Gott gegenüber. Gott erlöst uns durch Jesus und nicht, weil wir schöne Worte machen.

Nun zur Zusammenfassung: Wenn Gebet auch nicht als religiöse Leistung aufgefasst und eingesetzt werden darf und kann, so soll es doch als Antworts – Handlung auf Gottes Zusage ausgeübt werden. Also zum Beten beim Autofahren musste man genauso wie zum Anrufen auf einen Parkplatz fahren. An der Autobahn gibt es auch sogenannte Autobahnkirchen, die man dazu ansteuern kann.

Beten und Glauben gehören zusammen. Das Beten ist die Handlung des Glaubens. Wer glaubt betet, wer betet glaubt. Wenn Gott uns sein Wort gibt, erwartet er doch zu recht wie in aller menschlichen Kommunikation unsere Antwort. Vielleicht haben wir deshalb das religiöse Sprechen zum Teil verlernt, weil wir die Einstellung Immanuel Kants vorgezogen haben. Was aus Kants Aussage letztlich folgt, ist, dass man immer irgendwie zwischendurch auch Beten und mit Gott reden kann. Ich möchte das gar nicht in Abrede stellen. Trotzdem ist Beten auch Kommunikation, Gespräch mit Gott. Verglichen mit menschlicher Kommunikation müsste man sagen, dass diese Form des Betens das Gegenüber nicht richtig wahrnimmt und auch nicht ernstnimmt, weil es sich ihm nicht zuwendet. Ich möchte so nicht mit Menschen und auch nicht mit Gott reden. Vielleicht beten wir dann weniger, aber dafür richtig. Und wir können trotzdem auch während des Fahrens einmal an Gott denken, ohne dafür eine Strafe zu bekommen, aber eben als Ausnahme.

Denn auf das Beten sollten wir uns noch aus einem anderen Grund körperlich und geistig ganz einstellen. Das ist deswegen, weil wir uns zu recht vom Glauben auch eine Kraft für das Leben erwarten. Diese Kraft lässt sich im Beten erfahren. Glaube ohne Gebet ist kraftlos. Dazu sagt unser Predigttext, dass wir unser Leben als Christ und Christin in ständiger Auseinandersetzung verbringen, die geistige und seelische Kraft kostet: 33 Dies alles habe ich euch gesagt, damit ihr in meinem Frieden geborgen seid. In der Welt wird man euch hart zusetzen, aber verliert nicht den Mut: Ich habe die Welt besiegt!

Lassen sie uns heute durch den Sonntag Rogate und durch die gegebenen Texte wieder erneut an das Gebet erinnern, das wir für die Kräfte unseres Leben so dringend brauchen wie ein körperliches Training.

Dazu lasse ich nun abschließend einmal einen christliche Dichter zu Wort kommen:

Ein Leben lang.
Betend
Also gewohnt
In den Wüsten zu wohnen
Durststrecken zu durchstehe
Von jeher
Halten wir stand
Wir haben den längeren Atem
Wir haben die größere Hoffnung

Betend
Also denkend das Undenkbare
Folgen wir der Spur
Halten Schritt mühsam
Mit dem der vorangeht
Durch Wasser und Wüste
Der möglich macht das Unmögliche
Das Leben wirkt
Aus dem Tod

Betend
Also mit anderen Augen
Sehen wir manchmal ein Zeichen
Auf den Zusammenhang weisend
Sehen vor Tagte
Ein wenig schon
Wie ein Licht
Das verheißene Land.

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