Irren ist menschlich

Friede zuvor. Liebe Gemeinde,

bestimmt sind unter Ihnen auch Beifahrer. Und bestimmt haben Sie das auch schon mal erlebt: Man hat Ihnen die Karte in die Hand gedrückt, und damit auch die Verantwortung dafür, dass die Reise richtig läuft. Plötzlich merken Sie, dass der Mensch neben Ihnen falsch abgebogen ist. Sie sagen: "Ich glaube, hier sind wir verkehrt" oder "Stop" oder Ähnliches. Und er fährt einfach unbeirrt und stur weiter, sogar eine Einbahnstraße ignoriert er. Es scheint, als wolle er gar nicht wissen, dass was falsch läuft. Irgendwann stellen Sie fest, dass es keinen Sinn mehr hat, zu argumentieren, und lassen ihn seine Irrfahrt fortsetzen, bis er in eine Sackgasse gelangt. Und dann wird Ihnen vielleicht noch die Schuld zugeschoben, da Sie als Routenplaner hätten rechtzeitig erkennen müssen, wo es wirklich langgeht. Ich habe einen Bekannten, der Spezialist in dieser Taktik ist. Erst nach langer Zeit brummt er dann regelmäßig: "Irren ist menschlich".

Freilich ist es das, und Irrtümer einsehen ist schon schwer genug, noch schwerer ist es, sie zuzugeben. Man glaubt, ein Stück von seinem Gesicht zu verlieren. Aber nicht immer enden hartnäckige Irrfahrten so folgenlos, so korrigierbar.

Heute ist Volkstrauertag, kein kirchlicher Feiertag. Der vorletzte Sonntag im Kirchenjahr ist für politische Parteien, Vereine und auch Hinterbliebene von Toten des letzten Krieges Anlaß, sich im Gedenken an Ehrenmälern für Gefallene zu versammeln. Die Namen von Millionen Toten erinnern aber auch an zwei verlorene Kriege, in denen ein ganzes Volk unbeirrbar in die falsche Richtung gelaufen ist und "gestürmt ist wie ein Hengst in die Schlacht", wie es in unserem Predigttext heißt.

So beklemmend wie in diesem Jahr habe ich das Gedenken an Kriegsgräbern und Denkmälern für Gefallene noch nie empfunden, gibt es doch brandaktuell Anlass genug, über die Worte des Propheten Jeremia nachzudenken. Ich kann mir sogar vorstellen, er hielte dieselbe, 2 600 Jahre alte Rede heute vor dem Weißen Haus oder auch vor den Politikern in Europa, die die "uneingeschränkte Solidarität" mit den USA darin demonstrieren wollen, dass sie bereit sind, Tausende von Kriegstoten zu riskieren, um Gewalt mit Gewalt, Unrecht mit Unrecht zu vergelten. Die Opfer der Terroranschläge von New York werden nicht wieder lebendig durch weitere Tausende von Toten. "Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in die Schlacht dahinstürmt" – beängstigend ähnlich stellen sich mir die Bilder der deutschen Mobilmachung derzeit dar. "Warum will denn dies Volk irregehen für und für?"

Gott spricht in unserem Predigttext durch Jeremia zu einem Volk, dessen Bündnispolitik mit Mächtigeren gescheitert war. Sie hatten aufs falsche Pferd gesetzt, der Krieg war verloren, die Heimat verwüstet – und sie haben ihrem Gott die Treue gekündigt. Immer wieder war Jeremia warnend aufgetreten, immer wieder hatte er angeprangert, was im Argen lag ("die Priester herrschen auf eigene Faust", "bessert euer Leben und euer Tun" ) – aber wer will schon wahrhaben, dass er auf dem Irrweg ist? Genau aber darin besteht der Schaden, dass man sehenden Auges weiter in die falsche Richtung rennt.

"Sie halten fest am falschen Gottesdienst", damit ist nicht die Gottesdienstordnung gemeint. Es kann bedeuten, dass an die Stelle von Gott Begriffe wie "Vergeltung", "Besitzstandswahrung", "unsere zivilisierte Welt" in den Mittelpunkt getreten sind. Das kann auch bedeuten, dass man glaubt, Gott auf seiner Seite zu haben, da, wo man längst gegen seine Gebote verstoßen hat. Ich denke an das "Für Gott und Vaterland" oder "Gott mit uns!" auf Uniformkoppeln des Ersten Weltkrieges, an die "Einheit von Evangelium und Volkstum" in der Zeit des Nationalsozialismus und daran, welche fatale Umwidmung das Wort "Heil" damals erfahren hat.

"Heil Hitler" – Inbegriff von falschem Gottesdienst. Die Worte der Stuttgarter Schulderklärung der Evangelischen Kirche Deutschlands von 1945: "Wir klagen uns an, dass wir nicht treuer gebetet, fröhlicher geglaubt und brennender geliebt haben" können wir jeden Tag aufs Neue an uns selbst überprüfen. Sie mahnen jeden Christen, darüber nachzudenken, auf welches Pferd er gerade setzt, wem er sich anvertraut und vom wem er sein Denken und Handeln bestimmen lässt. Das fängt im Kleinen an. Ich finde, es fängt schon da an, wo wir, wie es in diesen Tagen oft zu hören ist, sagen: "Ich kann ja doch nichts ändern. Die Weltpolitik wird von den Großen gemacht, die haben das Sagen. Und wir müssen gehorchen."

Sicher: Durchgreifend ändern könne wir nichts, aber das können auch die "Großen" nicht. Ändern, wirklich wenden, kann nur Gott das Weltgeschehen. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, seine Stimme zu hören, durch alles Kriegsgeschrei, durch alles Säbelrasseln hindurch. Er bietet uns an, wieder aufzustehen, unsere Irrtümer einzusehen, umzukehren. Genau dafür hat Gott seinen Sohn für uns durch den Tod gehen lassen. Jesus hat uns vorgelebt, dass Niederlagen keine Schande sind, dass Scheitern letztendlich zum Sieg führen wird. Zu Gott dürfen wir bitten, dass er uns und auch den Mächtigen hilft, klar zu sehen.

Aber wo ist Gott?

"Herr, wann haben wir dich gesehen hungrig oder durstig oder als einen Fremdling oder nackt oder krank oder gefangen…?" die Frage, die wir vorhin im Evangelium gehört haben, zeigt uns deutlich, wo wir den lebendigen Gott suchen sollen und finden können – nicht auf der Seite der Satten und Siegessicheren. Hungrige, durstige, nackte und kranke Fremde sehen wir täglich im Fernsehen zum Beispiel im Kriegsgebiet in Afghanistan. Fremde, die um Asyl bitten, leben in unserer unmittelbaren Nachbarschaft als Gefangene in der JVA Volkstedt. Wo wir gerade an Jesus Christus vorbeischauen oder vorbeigehen, ohne ihm zu helfen, das werden wir in diesem Leben nicht erfahren – es könnte überall sein und es wird sicher öfter geschehen, als wir es überhaupt wahrnehmen. "Aber ich kann doch nicht überall helfen und überall sein. Ja, ich habe immer ein schlechtes Gewissen, weil ich so wenig tue. Und ich kann schon gar nicht mehr hinschauen auf die schrecklichen Bilder von Gewalt, Hunger und Elend im Fernsehen…ich weiß ja schon, dass das verkehrt ist, aber irgendwie macht mir alles Angst. Ich finde den Krieg in Afghanistan fürchterlich, alle Kriege sind fürchterlich und ich finde es nicht gut, dass unsere Soldaten da mitmachen, aber wir sind nun mal als Deutsche in der Nato und müssen zu diesem Bündnis stehen", so richtig wohl war es der Nachbarin bei diesem Satz, den sie kürzlich beim Geburtstagskaffee fallenließ, sichtlich nicht. Dennoch hatte sie die Mehrheit der Gäste auf ihrer Seite bei der Haltung: "Da kann ich nichts tun, und unsere Politiker müssen ja auch so handeln, weil auch sie nicht frei sind".

Merkwürdig nur, dass nie so laut Bündnistreue eingefordert wird, wenn es um die Mitgliedschaft in der UNO, wenn es um die Weltklimakonferenz, wenn es Entwicklungshilfe und Bildung für die Menschen in armen Ländern geht.

"Wenn ein Krieg kommt, werde ich nicht in den Krieg gehen", hatte ein junger deutscher Pfarrer 1935 gesagt. Er hieß Dietrich Bonhoeffer. "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu dir", schrieb ein deutscher Schriftsteller. Er hieß Bertold Brecht. Das klingt überzeugend, aber ob es stimmt, konnte nicht getestet werden, weil zu wenige den Frieden wagen.

Bonhoeffer starb 1945, weil er ähnlich wie der Prophet Jeremia nicht aufhörte, lautstark in Gottes Namen zur Umkehr zu rufen, auch noch im Konzentrationslager. Und weil sich vielen Menschen durch dieses Reden die Augen öffneten und sie die Richtung wechselten. "Das ist das Ende", meinten sie "Mächtigen" bei seiner Hinrichtung, aber er selbst sah in diesem Ende den Anfang. Sein Vorbild hat seitdem überall in der Welt Christen motiviert, gegen Hass und Gewalt aufzustehen.

Auch an diese Toten, an die, die in einem Krieg ihr Leben lassen mussten, weil sie Friedensarbeit leisteten, sollten wir am heutigen Tag denken. Kraft und Mut, Furchtlosigkeit schöpften sie aus einer Quelle, die auch uns täglich offen steht, die uns hilft, aufzustehen, wenn wir gefallen sind. Vor Gott dürfen wir Irrtümer eingestehen ohne Furcht, das Gesicht zu verlieren – und wir dürfen ihn bitten, dass er uns Mut schenkt, die Richtung zu wechseln, wenn wir auf dem falschen Weg sind. Wir dürfen ihn auch um die Kraft bitten, heute "treuer zu beten, fröhlicher zu glauben und brennender zu lieben". Nur er kann uns helfen, eine "Bekennende Kirche" zu sein, wo immer dieses offene Bekenntnis zu seinen Geboten uns abverlangt wird. Dazu, dass wir zum Innehalten und zur Umkehr fähig sind, bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare.

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