Interpretation, Interpellation, Interzession

Liebe Gemeinde,

provozierende Worte sind das. Da macht Jesus allein das Verhalten von Menschen zum Maßstab, nachdem sie einst beurteilt werden. Allein die Zuwendung zu den Kranken, Verfolgten, Kleinen zählt. Nicht der Glaube. Das scheint allem anderen zu widersprechen, das Jesus an andere Stelle sagt.

Aber ich glaube, das ist nicht so. Jesus nimmt nur hier einen einzigen Aspekt heraus und formuliert hier wie auch sonst sehr pointiert. Ihm geht es um die Zuwendung zu denen, die unten stehen, die keine Macht und keinen Einfluss und schon gar kein Geld haben. Diesen Auftrag, den Jesus hier im Bild des Weltgerichtes der Kirche, also seinen Nachfolgern erteilt, ist das für mich eigentlich Provozierende. Denn daran müssen wir uns als Kirche, als Gemeinde, als Einzelne fragen lassen, ob wir uns daran orientieren und versuchen, dies umzusetzen. Und ich glaube, wir müssen oftmals zugestehen, dass wir da bequem sind, die Auseinandersetzung und das Engagement scheuen. Wir haben einiges zu verlieren, schließlich leben wir weitgehend als wohlhabende Menschen in einer reichen Kirche in einem reichen Land, trotz aller Diskussionen. Deshalb tut es immer wieder Not, uns vom Evangelium an das Wesentliche erinnern zu lassen, uns stets neu herausfordern zu lassen. Denn, wie Wolfgang Huber, der neue EKD-Ratsvorsitzende, mal gesagt hat: "Eine Kirche, die niemanden mehr aufregen will, verdrängt, dass das Evangelium, dessentwegen sie allein existiert, aufregend ist. Sie vergisst, dass sie sich zu einem Herrn bekennt, der als Aufrührer hingerichtet wurde. Die Nachricht, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, war keineswegs ein Abschied von ‚dieser Welt‘, sondern politisch höchst folgenreich: ein respektloser Hinweis auf die Grenzen aller politischen Herrschaft. Solange die Kirche mit diesem Jesus von Nazareth noch etwas zu tun haben will, kann es ihr nicht in den Sinn kommen, den Glauben zum unpolitischen Seelentrost zu machen.

Vielmehr ist der christliche Glaube so politisch, wie er persönlich ist. Er betrifft die äußeren Lebensverhältnisse, wie er das Innere der Menschen verwandelt. Er hat es mit dem Frieden der Staaten ebenso zu tun wie mit dem Frieden der Herzen. Denn er betrifft den ganzen Menschen. Wer ihn zu einem abgesonderten Lebensbezirk macht, verurteilt ihn zur Bedeutungslosigkeit. Zu Recht wird ein solcher Glaube den Menschen gleichgültig; er fehlt ihnen nicht einmal mehr. Sie vermissen nichts, wenn er ihnen abhanden kommt." (Wolfgang Huber, Protestantismus und Protest, Reinbek 1986, S. 15)

Liebe Gemeinde, das wäre in der Tat schrecklich, wenn wir als Kirche überhaupt nicht mehr vermisst würden, weil wir uns so sehr auf diesen Staat eingelassen haben, dass wir an vielen Stellen kaum noch von ihm zu unterscheiden sind. Vielleicht rüttelt uns als Kirche da die in diesen Monaten angebrochene und wohl noch lange nicht abgeschlossene Reformdiskussion neu wach. Vielleicht auch deshalb, weil wir in dieser Umgestaltungen viel verlieren werden.

Unser Land verändert sich und manchmal komme ich kaum mehr mit. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber habe Mühe, Schritt zu halten. Heute Rentendiskussion, morgen Steuervorschläge, dann Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe, schließlich Gesundheitsreform. Und spätestens eine Woche später geht alles wieder von vorne los. Wer kann da den Überblick behalten? Mir gelingt es jedenfalls nicht. Ich habe das Gefühl, ständig rechts überholt zu werden. Da bin ich dann dankbar für klare Worte. So sagte der katholische Theologe Friedhelm Hengsbach vor einigen Wochen bei Sabine Christiansen: "Den Eindruck habe ich, dass auf der einen Seite unheimlich Zauberworte herumgereicht werden, einfaches Steuersystem oder die Antwort auf die demografische Entwicklung, und auch das Wort Reform. Das ist ja im großen und ganzen ein Etikettenschwindel bei allen Parteien. Reform heißt Reformspektakel. Es werden große Dinge angekündigt, Jahrhundertreform. Und was kommt raus? Kleine Reparaturen in einer Werkstatt im Hinterhof.

Die sogenannten Reformen bestehen in einer Aufkündigung, in einer Demontage oder Deformation von Solidarität. Es werden gesellschaftliche Risiken, für die einzelne gar verantwortlich sind, privatisiert, sie werden einzelnen aufgeladen, und das ist glaube ich, die Entsolidarisierung, und das machen die Leute nicht mit.
Die Grundlagen der alten Solidarität sind brüchig geworden. Erstens, die Vollbeschäftigung, die Erwerbsbiographie von 45 Arbeitsjahren ununterbrochen, und die sogenannte sexistische Arbeitsteilung, d.h., dass eine nicht erwerbstätige Frau für die Kinder sorgt, während der erwerbstätige Mann ihren Lebensunterhalt praktisch mit garantiert.

Wir müssen die Solidarität auf andere Säulen stellen, aber das geschieht nicht." (Friedhelm Hengsbach, bei Sabine Christiansen, 28.9. zu finden unter: <a href="http://www.sabine-christiansen.de" target="_blank">http://www.sabine-christiansen.de</a>)

Das sind harte Worte. Zauberworte, Reformspektakel, Etikettenschwindel. Sie zerren den Schleier weg, den viele schöne Worte vor unsere Augen schieben. Und Hengsbach nennt ein Wort, welches in der momentanen Diskussion wenig genannt wird: Solidarität.

Worte haben viel Macht. Und manche Worte entwickeln ihre Wirkung, indem sie immer wieder genannt werden. Vielleicht ist das Wort "Reform" derzeit so ein Wort. Im September war ich bei einer Tagung in Thüringen, wo Herr Stierle, ein Vordenker aus dem Bundespräsidialamt als Referent eingeladen worden war, ein Wirtschaftswissenschaftler und Theologe. Der hielt einen Vortrag genau über dieses Problem. Und er sagte knallhart: "Glauben Sie doch nicht einfach alles, was Ihnen da so präsentiert wird. Hinterfragen Sie die Worte, die Politiker so in den Mund nehmen. Vielleicht steckt was ganz anderes dahinter." Ich fand diesen Mann sehr überzeugend und beeindruckend. Wie gut, dass unser Land solche Menschen hat und auch noch bezahlt!
Vom Gleichnis vom Weltgericht her wären also unsere sogenannten "Reformen" daraufhin zu befragen, ob sie den Schwächsten in unserem Land dienen. Und da habe ich so meine Zweifel. Ich sage das jetzt mal sehr plakativ: denen, die wenig haben, wird noch genommen. Und denen, die genug haben, bleibt noch mehr in der Tasche. Das sind die Konsequenzen aus den Beschlüssen zur Verschiebung der Rentenerhöhung, der Veränderungen bei Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe und der Absenkung der Steuertarife. Von letzteren profitieren die Reichen am meisten. Das ist weder gerecht noch solidarisch. Reformen braucht unser Land ganz sicher, das glaube ich auch. Und ich bin auch kein Politiker. Ich weiß auch aus Gesprächen mit Politikern, dass es dort viele gibt, die ernsthaft um Lösungen ringen und wie schwierig dies ist. Aber meine Aufgabe als Prediger und unsere Aufgabe als Gemeinde besteht nicht darin, das politische Geschäft zu erledigen, sondern unsere Stimme für die zu erheben, die dabei Gefahr laufen, unter die Räder zu kommen. Diese Gefahr ist momentan allgegenwärtig. Bewährte Projekte werden derzeit bewusst zerschlagen oder es wird zumindest in Kauf genommen, dass sie ihre Arbeit aufgeben müssen. Das gilt z. B. für den Verein für Berufshilfe, der Ende des Jahres seine erfolgreiche Arbeit an, für und mit schwer vermittelbaren Langzeitarbeitslosen aufgeben muss, weil die staatlichen Stellen nicht mehr mitspielen.

Liebe Gemeinde, ich möchte heute dabei stehen bleiben. Ich möchte keine Vorschläge machen, was wir als Kirche tun können, ganz praktisch. Ich bin sonst fast immer dafür, nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln. Aber ich glaube, in der derzeitigen Diskussion kommt es vor allem darauf an, genau hinzuhören und hinzuschauen, oder besser hinter die Worte zu schauen oder darauf zu achten, worüber nicht gesprochen wird und darauf aufmerksam zu machen. Und dies auch laut sagen: hier wird benachteiligt, hier kommen Menschen unter die Räder! Dabei brauchen wir uns nicht Vorwurf anzuziehen, ihr redet ja nur, macht es euch leicht und habt keine besseren Lösungen! Der kommt schnell momentan, aber der zieht nicht. Denn: es ist doch nichts Außergewöhnliches, wenn die Forderung erhoben wird, dass in unserem nach wie vor steinreichem Land niemand unter die Räder kommen soll! Es ist eine Selbstverständlichkeit, wenn man so will, sogar durchs Grundgesetz geschützt.

Jesus weist Menschen in seiner Nachfolge und damit die Kirche und ihre Gemeinden an die schwächsten Mitglieder in der Gesellschaft. Was dies konkret bedeuten kann, hat Wolfgang Huber schon vor fast zwanzig Jahren mit den Begriffen Interpretation, Interpellation und Interzession beschrieben: "Interpretation bedeutet, dass die Kirche die Lage derer öffentlich darstellt, die nicht für sich selber sprechen können. Interpellation bedeutet, dass die Kirche sich gegenüber politischen Instanzen oder gesellschaftlichen Kräften zum Anwalt derer macht, die in ihren elementaren Rechten bedroht und verletzt sind, dass sie also deren Lage nicht nur interpretiert, sondern für deren begründete Lebensinteressen eintritt, indem sie Staat und Gesellschaft ihre Verantwortung einschärft und damit nicht aufhört. Zuletzt die Interzession, das praktische Eintreten für die anderen. Deren Grundform ist die Fürbitte. Doch aus ihr ergeben sich vielfältige Formen diakonischen und politischen Handelns." (Wolfgang Huber, Folgen christlicher Freiheit, Neukirchen 1983, S. 244f.)

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