Innerlich gesund

Liebe Gemeinde,

eine Geschichte zum Thema Dankbarkeit. Eine lehrreiche Szene zum Thema Fremdenfeindlichkeit. Oder einfach eine Glaubensgeschichte, in die wir mit hinein passen mit unserem Glauben. Denn das ist es, was uns heute Morgen zusammenführt und eint bei allem, was uns sonst im Alltag unterscheidet: dass wir unseren persönlichen Glauben in der Gemeinschaft stärken wollen. Aber wo finden wir uns wieder in dieser Szene, in dieser Gemeinschaft: als Aussätzige, als Priester, die einen gesund schreiben, als Zeugen am Wegrand? Sind wir nicht die Jünger Jesu, die ihm nachfolgen und staunen, wie er das Unmögliche schafft? Sind wir nicht Auserwählte und gleichzeitig auch Versager? Und sind wir nicht auch ein bisschen aussätzig im übertragenen Sinne, ein bisschen undankbar, ein bisschen priesterlich, ein bisschen samaritanisch? Klar, eben Sünder und Gerechte, Verlorene und Gefundene zugleich.

Das Erstaunliche an der Geschichte ist, dass sie mal eben im Vorbeigehen, beim Durchmarsch Jesu in Samarien und Galiläa, die wohl wichtigste und glücklichste Stunde im Leben von zehn Menschen erzählt. „Mal eben so“ wird ein spektakuläres Ereignis berichtet. An keiner anderen Stelle rettet Jesus zehn Menschen vor einem sicheren und qualvollen Tod, aber die Zahl ist für Lukas nicht wesentlich. Es hätten auch fünf oder zwanzig sein können.

Liebe Gemeinde, was ist denn das Wesentliche? Die Männer haben ihre Not begriffen und rufen um Hilfe. Jesus erkennt ihre Lage und schickt sie zum Tempel. Er stellt ihr Vertrauen auf die Probe. Sie ergreifen diese einmalige Chance und ziehen sofort los. Sie werden gesund, werden gesund geschrieben und gehen ihrer Wege. Einer bedankt sich.

Als Glaubensgeschichte liest sich das so: Jemand erkennt irgendwann, dass er das Leben nicht aus eigener Kraft und mit guten Absichten bewältigen kann, und sucht im Glauben Hilfe und Orientierung. Und er bekommt zur Antwort: „Geh einfach los und vertraue auf Gottes Hilfe!“ Der Mensch vertraut tatsächlich, und ihm wird geholfen. Er bedankt sich bei Gott und wird auch künftig immer wieder das Vertrauen in ihn als Hilfe erfahren.

Ich selbst und viele von Ihnen haben eine ähnliche, wenn auch meist unauffälligere Glaubensgeschichte hinter uns. Irgendwann probiert man es aus, seinen Lebensweg Gott anzuvertrauen, und man erkennt, dass es klappt. Man lässt sich auf einen Weg schicken und erkennt später, dass es der richtige war.

Liebe Gemeinde, Sie alle kennen den Satz: „Der Weg ist das Ziel.“ Dafür ist dieses Wunder Jesu ein gutes Beispiel. Die Männer gehen als Kranke los und kommen als Gesunde an. Aber – das wissen sie vorher nicht! Ihr vordergründiges Ziel ist der Tempel. Dass dieser Weg bereits das Ziel beinhaltet, begreifen sie erst unterwegs.
Zunächst müssen sie einem Fremden blind vertrauen und tragen das Risiko; denn wenn sie durch die Stadt laufen und ihre ansteckende Krankheit bleibt, werden sie bestraft. Aber in dieser Situation ergreift man natürlich jeden Strohhalm. Und so vertrauen sie. Sie spüren, dass sich dieses Risiko lohnt, und werden nicht enttäuscht. Unterwegs erreicht sie ihr Ziel, noch bevor sie das Ziel erreichen. Der Weg zum Tempel wird zum Weg des Glaubens, weil er sie rettet.

Seltsam nur, dass die Reaktion der Gesunden so wenig vom Glauben widerspiegelt. Bei dem einen, der aus Dankbarkeit zurückkehrt, führt dieser Weg weiter. Die anderen neun kehren in ihren früheren Alltag zurück, versuchen zu leben, als sei nichts geschehen. Sie halten ihre Heilung im Nachhinein vielleicht doch für einen glücklichen Zufall oder fühlen sich zumindest niemandem zu Dank verpflichtet. Schließlich hat Jesus weder ausdrücklich gesagt: „Ich mache euch jetzt gesund“ noch hat er sie berührt oder behandelt. „Irgendwie“ haben sie halt Glück gehabt, so meinen sie. Äußerlich sind sie rein geworden, doch in ihrem Inneren hat sich keine Wandlung vollzogen.

Der Samariter dagegen, der sich persönlich bei seinem Retter bedankt, baut dadurch eine Beziehung zu ihm auf. Und Jesus antwortet auf den Dank nicht, wie wir vielleicht erwarten würden: „Toll, dass du noch an mich gedacht hast“, oder: „Komm, du kannst mein Jünger werden“, oder: „Jetzt, wo du gesund bist, ändere dein Leben“. Nein, Jesus macht zunächst den Fehler, den wir Pfarrer in der Predigt auch immer machen: Er schimpft und beschwert sich bei dem einzigen, der ihm treu geblieben ist, über die undankbaren anderen. Aber dann schickt er ihn neu ins Leben, so wie wir nach diesem Gottesdienst neu ins Leben gesandt werden. Er sagt: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“ Anders gesagt: „Sei ein freier Mensch, mach deinen Weg und denk dran: Dein Glaube hat dich frei gemacht! Er wird dich immer ans Ziel führen.“

Liebe Gemeinde, der eine Rückkehrer, das sind genau zehn Prozent. Zehn Prozent, die nicht nur bitte, sondern auch danke sagen können. Zehn Prozent, die Gott nicht nur als Notnagel benutzen, sondern auch wissen: Glaube funktioniert nur von beiden Seiten. Zehn Prozent, die begreifen, dass es auch ein Christsein über Taufe, Konfirmation und Heiligabend hinaus gibt. Jesus zeigt sich deutlich enttäuscht über die neunzig Prozent Undankbarkeit, aber ich muss leider sagen: Ich wäre heute froh, wenn zehn Prozent unserer Gemeinde zum Gottesdienst kämen, wenn zehn Prozent Jugendliche nach der Konfirmation regelmäßig am Gemeindeleben teilnähmen. In unserer Stadt sind wir andere Zahlen gewohnt. Ich wäre froh, wenn wenigstens zehn Prozent jeden Tag das befolgten, wozu unser Wochenspruch aus Psalm 103 aufruft: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, der dir deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.“
Wie dem auch sei, heute Morgen sind wir eine Gemeinde von Samaritern, von Rückkehrern, von Dankbaren. Wir haben Gutes erfahren auf unserem Lebensweg und haben uns auf den Weg gemacht, um dem zu danken, dem wir es zu verdanken haben. Damit gehören wir zu einer Minderheit in der Stadt, in der wir leben. Aber ich lasse meiner Fantasie freien Lauf und stelle mir vor, wie es weitergeht mit den zehn Prozent in der Geschichte. Der Samariter kehrt ebenfalls wieder in seinen Alltag zurück, aber wie das in einer Kleinstadt so ist – man trifft sich natürlich wieder. Schließlich sind die Geheilten durch die Krankheit und die Zeit als Ausgestoßene zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden.

Ich stelle mir auch vor, dass der Samariter bei diesen Wiedersehenstreffen das Gespräch auf ihren gemeinsamen Retter lenkt. „Wisst ihr noch…?“ Er erinnert die anderen, erinnert an den Weg, der zum Ziel wurde, erinnert an den, der sie auf diesen Weg geschickt hat. Und er macht klar, dass dieser Weg keineswegs beendet ist. Auf seine Weise und mit seinen bescheidenen Möglichkeiten und Kontakten könnte er aus seiner Dankbarkeit heraus doch zu einem Jünger Jesu geworden sein, der zwar nicht in die Geschichte eingegangen ist wie Petrus oder Johannes, aber ohne den die Geschichte der Christenheit ärmer wäre.
Genau daran möchte ich uns erinnern: „Wisst ihr noch…?“ Ich erinnere an unsere persönlichen Lebenswege und Schicksale, die unterwegs und unerwartet zum Ziel wurden. Ich erinnere an den, der uns auf diesen Weg geschickt hat. „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Und ebenso wenig sind diese Wege für uns beendet. Auf unsere Weise und mit unseren bescheidenen Möglichkeiten und Kontakten können auch wir aus Dankbarkeit zu Jüngern Jesu werden, die zwar kaum in die Geschichte eingehen, aber ohne die die Geschichte der Christenheit ärmer wäre.

Ich hoffe, dass diese Stunde heute morgen auch solch ein Weg zum Tempel ist, der, indem wir ihn gehen, zum Ziel wird, bevor wir durch die Tür wieder den Alltag betreten – äußerlich wohl mit Gebrechen, die bleiben, aber innerlich gesund.

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