In Gottes Angesicht lesen

Liebe Gemeinde!

In der Reihe der Predigttexte, wie sie EKD-weit Sonntag für Sonntag festgelegt sind, da gibt es Texte, bei denen denke ich mir: Soll ich darüber wirklich predigen? Spricht dieser biblische Text nicht aus sich heraus voll und ganz für sich? Wäre es nicht besser, ihn einfach vorzulesen, wieder und wieder vorzutragen, und sich alle erläuternden und auslegenden Worte zu sparen? Der Predigttext für heute ist so ein Fall. Es ist der sogenannte aaronitische Segen, den Sie alle kennen, weil er am Ende fast jedes evangelischen Gottesdienstes gesprochen wird: Der Herr segne euch und behüte euch… Ein Text, der vielen Menschen viel bedeutet, auch mir. Groß ist die Gefahr, das zu zerreden. Andererseits ist mir noch gut in Erinnerung, wie erstaunt ich war, als ich als Theologiestudent eines Tages erfuhr, dass diese aus dem Gottesdienst so vertrauten Worte nicht – wie so viele feste Stücke im Gottesdienst – das Werk sprachkräftiger Liturgiker ist, die irgendwann einmal in den letzten 2000 Jahren diesen Segen entworfen hätten. Sondern dass diese Worte tatsächlich in der Bibel stehen, im Buch Numeri, dem 4. Buch Mose, mitten im sogenannten Priestergesetz, in dem sich zehn Kapitel lang sehr merkwürdige Gebote und Vorschriften aneinanderreihen. Ja, da mittendrin, da steht dieser Segen. Ich nehme an, der Wortlaut ist Ihnen so im Ohr, dass es nicht verwirrt, sondern Gewinn bringt, wenn ich diesen Text einmal in einer anderen Übersetzung lese: Mit den Worten der jüdischen Bibelübersetzer Martin Buber und Franz Rosenzweig – eine Übersetzung, die sich besonders eng an den hebräischen Wortlaut und Satzbau anschmiegt:

"ER redete zu Mosche, sprechend: Rede zu Aharon und seinen Söhnen, sprechend: So sollt ihr die Söhne Israels segnen: Sprecht zu ihnen: Segne dich ER und bewahre dich, lichte ER sein Antlitz dir zu und sei dir günstig, hebe ER sein Antlitz dir zu und setze dir Frieden. Sie sollen meinen Namen auf die Söhne Israels setzen, ich aber werde sie segnen."

Dieser Segen, den wir heute in fast jedem Gottesdienst hören, geht also auf einen Auftrag Gottes an Mose zurück: Richte dem Aaron und seinen Söhnen aus, wie sie den Israeliten meinen Segen zusprechen sollen! Uns ist dieser Segen so vertraut, dass wir kaum mehr merken, dass er aus einer durch und durch fremden Situation stammt: Der Auftrag, so zu segnen, ergeht an Aaron und seine Nachkommen, das sind traditionell die Priester in Israel – weshalb dieser Segen auch Priestersegen heißt. Und wer ist hier als Empfänger des Segens gedacht? Das Volk Israel! Nicht die ganze Welt, nicht wir Gojim, Angehörige fremder Völker, sondern einzig und allein das von Gott erwählte Volk Israel. Es versteht sich also gar nicht so von selbst, dass wir Pfarrer einer christlichen Kirche mit diesen Worten segnen, eine christliche Gemeinde segnen. Es verlangt nach einer Erklärung, wenn wir uns nicht den Vorwurf zuziehen wollen, das Judentum von seiner Überlieferung in gewisser Weise zu enteignen, uns in die besondere Erwählung des Volkes Israel einschleichen zu wollen, indem wir diesen Segen des Aaron zu unserem eigenen machen. Zumal wir Christen fast alles von dem, was vor und nach diesem Segenstext im 4. Buch Mose steht, nicht praktizieren, ja, die vielen Anweisungen an die Priester, die dort stehen, sogar höchst befremdlich finden. Nur diese sechs Verse sind es, die ein solches Gewicht für uns haben. Picken wir da Rosinen, und picken wir sie dem Judentum weg, indem wir einen Segen spenden und empfangen, der gar nicht für uns gedacht ist? Ich will diese drängende Frage Schritt für Schritt beantworten. Zunächst will ich darauf hinweisen, dass die Bedeutung, die der aaronitische Segen für unseren Gottesdienst hat, nicht immer schon im Christentum da war. Vielleicht waren Sie schon einmal in einer katholischen Messe und haben dort am Schluss eine andere Segensformel gehört. Das war kein Zufall. Denn – das wird Sie vielleicht überraschen – der Gebrauch des aaronitischen Segens am Schluss des Gottesdienstes geht erst auf Martin Luther zurück. Schwer vorzustellen, aber 1500 Jahre lang war die Liturgie der Kirche ohne jene Worte ausgekommen!

Nun, hat Luther damit dem Judentum seinen Segen wegnehmen, das Volk Israel enteignen wollen? Nein, so viel es auch über den beschämenden Antijudaismus Luthers zu sagen gibt, den er mit der Theologie seiner Zeit teilt – hier liegt es nicht an Luther, sondern an Paulus. Luther kannte sehr gut jenen Brief, den der Jude Paulus an die Gemeinden in Galatien geschrieben hatte. Paulus setzt sich dort genau mit dieser Frage auseinander: Abraham hat als Stammvater des Volkes Israel von Gott den Segen empfangen, von dem der aaronitische Segen ein Widerhall ist: Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. – Gilt dieser Segen nicht doch auch für Menschen außerhalb des Volkes Israel? Paulus antwortet: Ja, dieser Segen gilt für diejenigen Nichtjuden, die an Jesus Christus glauben. Denn wer glaubt, dass Gott ihn durch Sterben und Auferstehung Jesu Christi erlöst hat, der vertraut in seinem Leben so sehr auf Gott wie Abraham auf Gott vertraut hat. Er oder sie glaubt an die bedingungslose Nähe Gottes und lebt in Beziehung mit Gott. Wenn das so ist, dann können wir uns so segnen lassen wie das Volk Israel. Denn dann lassen wir uns mitsegnen mit Israel. Und nur wenn wir uns so einreihen in die Verheißung Gottes an Abraham und sein Volk, dann können wir als Nichtjuden, als Christen den aaronitischen Segen spenden und empfangen, ohne die Juden ihres Segens zu berauben. Ohne es irgendwie besser wissen zu wollen als die Juden, entdecken wir als Christen in diesem Segen dann auch Gott in seiner Dreigestaltigkeit: Es segnet uns Gott der Vater, der uns geschaffen hat und uns erhält; es segnet uns Gott der Sohn, der uns durch sein Leiden und Sterben aus der Ferne von Gott gerettet und damit unsere Beziehung zu Gott im Segen erst eröffnet hat; und es segnet uns Gott der Geist, durch den wir Gottes Gegenwart in dieser Welt immer wieder neu erfahren.

Bis hierhin habe ich versucht, dem Gebrauch des aaronitischen Segens in unserem christlichen Gottesdienst ein wenig von seiner fraglosen, gedankenlosen Selbstverständlichkeit zu nehmen. Ich bin mir dessen bewußt, dass ich damit wahrscheinlich dem noch nicht besonders nahe gekommen bin, was diese Segensworte für Sie und für mich bedeuten. Erstaunlich ist ja, dass auch Menschen, die kaum einen Bezug ihres Lebens zu Gott erkennen können, die sich schwer tun zu beten, die nicht wissen, wozu sie einen Gottesdienst besuchen sollen, die wenig vertraut sind mit der Sprache der Kirche und der Theologie, – dass auch diese Menschen dem Segen ganz unmittelbar etwas abgewinnen können. So wie in einer Begebenheit, die der Theologe und Psychoanalytiker Joachim Scharfenberg wie folgt berichtet: "Frau B. erscheint nach einem Gottesdienst in der Sakristei, um mir in bewegten Worten für diesen Gottesdienst zu danken. Sie habe seit vielen Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen, aber heute habe ihr die Verzweiflung bis zum Hals gestanden, sie habe ständig mit Selbstmordgedanken kämpfen müssen, und da sei sie einfach den Glocken gefolgt und habe die Kirche aufgesucht. Sie müsse ehrlich gestehen, daß sie sich zunächst gar nicht wohl gefühlt habe, alles sei ihr so fremd und ungewohnt gewesen. Auch von der Predigt habe sie leider wenig verstanden, sie sei wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Schon habe sich ihrer ein tiefes Enttäuschungsgefühl bemächtigt, aber da ganz am Schluß, da habe sie mich mit erhobenen Händen am Altar stehen sehen, und da habe ich etwas gesagt, was sie wie ein Lichtblitz plötzlich getroffen habe, und auf einmal sei ein ganz tiefer Friede in ihr eingekehrt, das Gefühl, daß ihr ja eigentlich doch nichts passieren könne. Es sei ein Gefühl gewesen, wie sie es seit ihrer Kindheit nicht mehr erlebt habe, und sie möchte doch gerne, daß ich ihr das aufschreibe, was ich da gesagt habe, es sei etwas mit einem leuchtenden Angesicht gewesen und vom Frieden, und sie habe an den Erzengel Michael denken müssen, als sie mich da so habe stehen sehen." (J. Scharfenberg: Einführung in die Pastoralpsychologie, S.61) "Da ist auf einmal ein ganz tiefer Friede eingekehrt, und das Gefühl, dass einem ja doch nichts passieren kann", so berichtet Frau B. von ihrer Erfahrung mit dem aaronitischen Segen. So kann ich das gut nachvollziehen. In den ersten Worten des Segens klingt davon schon etwas an, wie im 121. Psalm, wo es heißt: Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit! Segnen und behüten, ja, das klingt schon gut. Ich glaube allerdings, die tiefe Wirkung, die der aaronitische Segen bei Frau B. und bei mir und vielleicht auch bei Ihnen hinterlässt, die kommt noch von woanders her. Gleich zweimal begegnen wir in diesem Segen Gottes Angesicht. Das Gesicht, das ist das, woran wir einen anderen Menschen am besten erkennen. Es ist auch der Ort, wo wir am besten die Emotionen des anderen ablesen können. Ein Ort, in dem viel von der Geschichte eines Menschen eingeschrieben ist. Kurz: In Gesichtern kann man lesen. Und nun also: Gottes Angesicht. Das Gesicht Gottes kommt uns in diesem Segen vor Augen. Was lesen wir darin?

Wenn wir genau hinschauen, dann ist das in diesem Segen kein face-to-face, wie wenn wir einem Menschen gegenüber treten, mit dem wir gleich sprechen und unsere Gedanken und Gefühle austauschen werden. Nein, es ist ein schräger Blick, der noch viel tiefer geht. Dieses Angesicht Gottes, es leuchtet über mir, oder, wie Buber noch genauer übersetzt, Gott lichtet sein Antlitz mir zu, er hebt sein Antlitz mir zu. Das ist etwas Ungeheures. In diesem hellen Blick Gottes, der sich mir da zuwendet, erfahre ich seine bedingungslose Nähe. Gott ist bei mir; er will bei mir sein und bleiben. Er sieht mich gnädig an, prüft nicht, ob ich seinen wohlwollenden Blick verdient habe. Er ist einfach da, kennt mich und weiß um mich, und wendet sich dennoch mir zu. Das Gefühl, das sich dabei einstellt, beschreibt Frau B. mit den Worten tiefer Friede. Genau darin hat der Segen sein Ziel: der Shalom – der umfassende Friede Gottes, der etwas anderes ist als ein Waffenstill-stand oder die Ruhe vor dem Sturm. Shalom, tiefer Friede, in dem ich mich als ganz erlebe, in dem ich mein Leben als sinnvoll erfahre. Und in dem in mir die Sehnsucht nach einer Welt wach wird, in der überall dieser tiefe Friede herrscht. Ein Friede, in dem ich die Kraft verliehen bekomme, mich für diesen Frieden einzusetzen, um so die Verheißung zu erfüllen: Ein Segen sollst du sein. Diese Wirkung des aaronitischen Segens, wie ich sie gerade versucht habe zu erschließen, die stellt sich freilich nicht von selber ein. Wir haben vor ein paar Wochen in einer Gruppe von Vikaren im Predigerseminar das Segnen regelrecht geübt: Wie stellt man sich da hin vor die Gemeinde am Ende des Gottesdienstes, wie spricht man diese Worte? Ich weiß nicht, wieviel Dutzend Male jene Worte und Gesten dabei wiederholt wurden, aber ich weiß, dass je länger wir da übten, umso weniger von dem "passiert" ist, was ich Ihnen gerade eröffnet hatte. So wie ein Konfirmand ganz ungerührt beschreibt: Naja, da steht halt der Pfarrer vorne mit erhobenen Händen, sagt vier Sätze und Amen, und dann nimmt er die Hände wieder runter, und der Gottesdienst ist aus. Tja, das war’s dann halt. Daran lernen wir: Der Segen Gottes ist kein objektive Gewalttat, die von oben auf uns herabfährt wie ein Blitz. Nein, Segen ist ein Beziehungsgeschehen. Zu einer Beziehung gehören mindestens zwei. Das ist übrigens der tiefe Sinn, warum der aaronitische Segen nicht im Indikativ steht: "Der Herr segnet dich und behütet dich…" Nein! Es heißt "er segne dich, er behüte dich, er lasse leuchten …" Damit ist nicht gemeint, dass wir uns den Segen bloß wünschen könnten, so nach dem Motto: Wenn Gott gerade Lust hat, dann soll er dich mal segnen und behüten. Nein, Gott ist immer bereit, uns sein Angesicht gnädig zuzuwenden. Die Frage ist: Sind wir bereit ? Sind wir bereit, uns so Gott anzuvertrauen, wie das der Segen voraussetzt? Sind wir also bereit, die Zuwendung Gottes zu empfangen, etwas geschenkt zu bekommen, das wir uns selbst nicht geben können? Die regelmäßigen Gottesdienstbesucher unter Ihnen erinnern sich sicher an die Karin, die, wie wir sagen, geistig behinderte Frau, die bis vor kurzem ihren Stammplatz im Gottesdienst hier drüben in der zweiten Reihe hatte und jetzt nach München umgezogen ist, so dass sie nicht mehr sonntags hier sein kann. Die Karin, die kam meistens gleich nach dem Schlusssegen, manchmal auch etwas später, vor der ganzen Gemeinde zielstrebig auf uns Pfarrer zugesteuert, um sich ihren Segen abzuholen. Ohne das Segenswort und die dabei aufgelegten Hände wollte die Karin nie und nimmer nach Hause gehen. So muss man wohl sagen, dass, was das Sich-Segnen-Lassen betrifft, wir die Behinderten sind, und nicht die Karin. Denken Sie nochmal an Frau B. – nicht von ungefähr sagt sie, dieses Gefühl tiefen Friedens habe sie zuletzt in ihrer Kindheit erlebt. Ja, als Kinder fällt uns das leichter, dieses Empfangen. Als Erwachsene müssen wir erst wieder lernen, uns segnen zu lassen und so die Nähe Gottes und seinen Frieden zu empfangen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie aus diesem Gottesdienst und anderen Gottesdiensten gesegnet hinausgehen. Dass Sie den Frieden Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes mitnehmen und in ihrem Leben spüren.

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