In frischer Luft

Liebe Gemeinde.

Pfingsten ist ein fröhliches Fest. Festliches Grün und bunte Blumen schmücken den Altar. Es ist das Fest des vollen Frühlings, wenn alles grünt und blüht. Darum sind auch heute besonders viele Menschen unterwegs, heraus aus den engen Wohnungen und Straßen der Ballungszentren hinaus ins Grüne und in die frische Luft. Zeit zum Durchatmen. Ich denke, dies kann ein Bild sein für das, was Paulus mit seinem Wort vom belebenden Geist heute sagen will. Es geht darum, dass wir in Christus sind und Christus durch seinen Geist in uns wohnt.

Was heißt aber: "in Christus sein"? Stellen wir uns einen hohen Baum vor mit weit ausladender Baumkrone – z.Zt. dicht belaubt. Er ist tief eingewurzelt im Erdreich und seine Krone ragt weit hinauf bis an den Himmel. In den Ästen und Zweigen des Baumes nisten viele Vögel. Hier haben sie Schutz vor Raubtieren und Unwetter. Hier singen sie ihre munteren Lieder. Vergleichen wir den Baum mit Jesus Christus: Wir wären dann die Vögel, die in seinen Zweigen wohnen. Drinnen im Schutz des Blätterdaches, also in Christus, sind wir geborgen und dürfen in ihm fröhlich sein und in ihm unser Leben führen. In ihm haben wir das Leben. Das Bild vom Baum kann uns helfen, diese Wahrheit des Glaubens zu erfassen.

Nun heißt es aber auch, dass Christus in uns wohnen will. Wie ist das zu verstehen: Wir in Christus und Christus in uns? Das ist kein Gegensatz, sondern gehört vielmehr zusammen. Denken wir an die vielen Menschen, die über die Pfingstfeiertage hinaus ins Grüne fahren und dort in Wald und Flur hoffentlich gute Luft einatmen können. Wir brauchen das, dass uns immer wieder gute, frische Luft umgibt. In der frischen Luft können wir tief durchatmen, Sauerstoff tanken. Das wirkt belebend und erfrischend.

So ähnlich ist es auch mit Christus: Wenn wir im Lebens- und Herrschaftsbereich Jesu Christi sind, dann atmen wir seine gute Luft, seinen frischen Wind, seinen Lebensodem in uns ein.

Wie aber kommen wir „in Christus“ und „Christus in uns“ hinein? Wie kommt es zu dieser Verbindung zwischen Christus und uns? Das ist das Wunder von Pfingsten, das Wunder des Heiligen Geistes! Als der auferstandene Christus sich von seinen Jüngern verabschiedete, versprach er ihnen die Kraft des Hl. Geistes. An Pfingsten haben sie dann diese Erfahrung gemacht: Der Hl. Geist kam über sie mit den äußeren Zeichen von Sturmwind und Feuer und der inneren Erfahrung der Erneuerung, der Überwindung von Menschenfurcht und der Begabung zu mutigem Zeugnis für ihren Herrn. Der Hl. Geist bringt uns mit Jesus Christus, unserm Herrn, in Beziehung. Er versetzt uns in die Lage, uns Jesus Christus anzuvertrauen, er versetzt uns „in Christus“, in sein Kreuz und in seine Auferstehung, in sein Leben und in seine Liebe und in seine Gemeinde (Kirche), seinen Leib hinein. Durch den Hl. Geist ist Christus in uns und wir in ihm. Darum gilt: so wie wir die frische Luft zum Atmen brauchen, genauso brauchen wir die Erfüllung mit Gottes Geist.

Es ist der Geist, der Leben schafft: er belebt uns zu fröhlichem Christsein, er belebt die Gemeinde zu glaubwürdigem Zeugnis in Wort und Tat. Er ist der Geist des Lebens, das Gegenteil von Tod und Verderben. Wer im Lebensbereich Jesu Christi singt und betet: „Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein …“ – der steht im Lebensstrom, im Kraft- und Saftstrom, wie die lebendige Rebe am Weinstock.

Darum „gibt es keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (v 1). Denn in ihnen ist schon der Geist wirksam, der lebendig macht und der befreit vom „Gesetz des Todes und der Sünde“.

Das Sprichwort sagt: „Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um!“ Die Sünde ist vergleichbar mit der schlechten Luft, die auf Dauer eingeatmet zum Tod führt. Die Sünde hat ihr eigenes Gesetz: wer ihrer Bahn folgt, wer sich von ihr bestimmen lässt, der geht an ihr zugrunde. Paulus spricht vom Gesetz des Fleisches und den Werken des Fleisches, der Selbstsucht. Im Galaterbrief hat Paulus aufgezählt, was er mit Werken des Fleisches, der Selbstsucht meint: „Ausschweifung, Unzucht, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht … Saufen und Fressen, Zorn, Spaltungen, Zwietracht …“ Selbstsüchtige Werke, das sind Werke, die nicht aufbauen, sondern zerstören, die in Abhängigkeit bringen, nicht frei machen, die nicht erfüllt, sondern einen leer und ausgebrannt zurücklässt: Das ist die Herrschaft der Sünde und des Todes. Wenn wir ehrlich sind, dann sind das lauter Möglichkeiten, die auch in uns stecken. Es ist die Sünde, die uns verdammt. Doch für die, die in Christus sind, gibt es keine Verdammnis. Denn Jesus Christus hat das Verdammungsurteil über unsere Sünde, unsere Selbstsucht und Auflehnung gegen Gott, auf sich genommen. Am Kreuz von Golgatha hat Gott selbst die versklavende Macht der Sünde und des Todes durchbrochen. Weil aber diese Macht uns alle bindet, darum brauchen wir alle die Erlösung durch Jesus Christus und seinen Tod am Kreuz.

Wie es mit dem Gesetz steht, kann man am Gesetz der Schwerkraft anschaulich machen. Wenn man einen Stein aus der Hand loslässt, dann zieht ihn die Schwerkraft der Erde an: Er fällt zu Boden. So ist es mit der Schwerkraft der Sünde: Sie zieht uns hinunter, sie zerstört und tötet.

Durch das Sterben und Auferstehen hat Jesus diesem Gesetz ein höheres Gesetz entgegengesetzt: Das Gesetz der Lebenskraft Gottes, des Geistes. Die Kraft des Geistes hebt die Kraft der Sünde auf. Und jeder, der in Jesus Christus hineingetauft ist und im Glauben mit ihm verbunden ist, der erfährt diese Lebenskraft.

Der Geist Gottes, der Jesus Christus vom Tode erweckt hat, derselbe Schöpfergeist will in uns wohnen! Das ist die Botschaft von Pfingsten. Gottes Geist will in uns wohnen, wenn wir ihn darum bitten, wenn wir uns ihm öffnen. Wenn er bei uns einzieht, wird er damit anfangen, auszuräumen, was nicht zu ihm passt; alles was uns verdammt und ängstigt und bindet. Denn er ist der Geist, der in die Freiheit führt, ins Leben. Wer wollte das nicht haben?

Erinnern wir uns noch einmal an das Bild vom Baum und den Vögeln in seinen Ästen: Sollte nicht auch uns die Freude und Dankbarkeit erfassen, im Lebensbaum Jesus Christus wohnen zu dürfen und von seinem Geist durchweht zu sein? Er ist die Kraft, die uns über das Gesetz der Sünde und des Todes triumphieren lässt. Seine Kraft macht uns zu Überwindern. Oder denken wir noch einmal an den Luftwechsel: Manchem, der unter der schlechten Luft in der Stadt leidet, hilft das Reizklima an der Nordsee zu besserer Gesundheit, zu mehr Widerstandskraft. So ist es auch, wenn wir in Christus sind und sein Geist in uns wohnt. Das ist auch ein „Reizklima“, das uns reizt, den Willen Gottes zu tun, das uns hilft Gutes zu tun und anderen zu ihrem Heil und zur Heilung ihres Lebens zu helfen.

Wo der Geist des Herrn weht, da spürt man es: da werden harte Herzen weich; denn Gottes Geist ist ein Geist der Liebe. Da werden ängstliche Menschen (wie Petrus und die Jünger) mutig und tatkräftig. Da werden Gebundene befreit, denn der Hl. Geist ist ein Geist der Freiheit, der in die Freiheit führt. Da werden gestörte Beziehungen geheilt. Denn der Geist, der in uns wohnen will, ist der Geist der Vergebung. Und „wo Vergebung ist, da ist Leben und Seligkeit“, sagt Luther.

So kann uns das heutige Pfingstfest Mut machen, das zu erbitten, was Gott seinerzeit über die Jünger und die erste Gemeinde ausgegossen hat und immer wieder ausgießt auf die, die sich ihm öffnen. Dann gibt es Hoffnung für unser Leben, für unsere Beziehungen (Ehe, Kinder, Mitarbeiter), für unsere Gemeinde und die Kirchen, für die ganze Welt. Hoffnung auch über die Grenze des Todes hinaus auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Dann wird auch unsere Begrenztheit, unsere Schwachheit aufhören, unser Seufzen und Leiden. Dann wird der lebenschaffende Geist, „der Christus von den Toten auferweckt hat, auch unsere sterblichen Leber lebendig machen“, uns zu neuem Leben erwecken. Er wird es tun, so wie er jetzt schon unser Leben erneuert, wenn er in uns wohnt. Darum dürfen wir bitten:

Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe. Mach uns neu für diese Zeit und für alle Ewigkeit.

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