Im Anfang war das Wort …

Liebe Gemeinde!

Es gibt viele Situationen, in denen man gerne wissen möchte, wie eigentlich alles angefangen hat. Bei einem Streit genau so wie bei einer Liebesbeziehung, bei einem Kriminalfall genau so wie bei einem Verkehrsunfall. Manchmal wird aus reiner Neugier gefragt: Wie fing das denn eigentlich an? Manchmal aber verspricht man sich aus der Information über solche Anfänge aber auch etwas. Hintergründe oder Absichten machen meistens deutlich, warum etwas so gekommen ist und nicht anders.

Solches Fragen nach den Anfängen ist nicht nur Neugier oder äußeres Interesse, manchmal ist es auch ein Stück Erinnerung. Wer kennt dies nicht, dass zwei zusammen kommen und sich gegenseitig fragen: Weißt du noch? Weißt du noch, wie alles damals angefangen hat? Und dann, im Gespräch, kommen Stück für Stück längst vergessene Einzelheiten aus der Vergangenheit empor, fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen, machen einem deutlich, wie das alles gekommen ist. Und das hat dann schließlich mit einem selbst zu tun, mit dem, was aus einem geworden ist, so und nicht anders.

Ich weiß nicht, woher ich komme, ich weiß nicht wohin ich gehe, mich wunderts, dass ich so fröhlich bin, so lautet ein Text aus dem Mittelalter. Martin Luther hat ihn später umgedichtet: ich weiß, woher ich komme, ich weiß, wohin ich gehe, mich wunderts, dass ich so traurig bin. Das unsichere Fragen nach den dunklen Anfängen und den unbekannten Zielen konnte Luther nicht beunruhigen. Für ihn war es klar: Am Anfang und am Ende steht Gott, am Anfang und Ende der Weltgeschichte wie am Anfang und Ende meines Lebens. Jesus Christus ist A und O, Anfang und Ende, so heißt es im Neuen Testament.

Und ebenfalls im Neuen Testament stehen die Worte, die wir eben in der Evangelienlesung gehört haben. Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Feierliche, bedeutende Worte sind es, die uns an den Anfang der Bibel zurückverweisen: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Der alte Dichter Goethe, der seine Bibel genau kannte, auch wenn er nicht alles glauben konnte, der hat im Faust dazu gesagt: Eigentlich dürfte es nicht heißen: Am Anfang war das Wort, sondern: Im Anfang war die Tat. Denn es geht ja von Anfang an um Schöpfung, Entstehung, Entwicklung des Lebens aus dem Nichts. Also eine Tat. Doch der Text aus dem Johannesevangelium geht gedanklich und glaubensmäßig noch eine Stufe weiter zurück: Bevor etwas getan werden kann, muss es doch gedacht, vorbereitet, geplant worden sein. Da muss doch etwas dahinter stecken, da muss doch jemand dahinter stecken. Und so entwickeln sich seine Worte: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.

Diese Worte sind etwa 100 Jahre nach der Geburt Jesu aufgeschrieben worden. Sie stammen aus einer inzwischen zahlreich gewordenen christlichen Gemeinden in Syrien oder Kleinasien, genau wissen wir es nicht. Der, der Evangelist Johannes genannt wird, ist einer der Leiter dieser Gemeinden. Der Abstand zur zeit Jesu ist inzwischen recht groß, da gab es niemanden mehr, den man fragen konnte: Wie hat das eigentlich damals angefangen? Wir wissen noch nicht einmal genau, ob Johannes und seine Gemeinde die anderen Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas kannten, wir wissen darum auch nicht, ob ihnen die beiden Weihnachtsgeschichte bekannt waren, die mit den Hirten auf dem Feld bei Bethlehem nach Lukas, und die von den Weisen aus dem Morgenland nach Matthäus. Johannes jedenfalls erwähnt sie nicht. Vermutlich wurde damals auch nicht die Geburt Jesu gefeiert, sondern die Auferstehung. Und zwar nicht nur zu Ostern, sondern jeden Sonntag. Überhaupt war in den Gemeinden um Johannes vieles anders als in den anderen Gemeinden und anders als bei uns heute. So wurde womöglich nicht das Abendmahl gefeiert, sondern die Fußwaschung als Erinnerung an die letzte Liebestat Jesu.

Und trotzdem wollten die Menschen damals genau so wie wir gerne wissen, wie das damals alles angefangen hatte. Und Johannes schreibt für sie auf, was er weiß und was er glaubt. Er fängt damit am Anfang der Welt an, mit der Erschaffung des Lichts, das es offenbar doch nicht zu Stande gebracht hat, dass alle Finsternis auf der Erde damit überwunden wäre.

Und auf dem gleichen Gedanken baut er seine Weihnachtsgeschichte auf: Er war in der Welt – aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum – und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Das Wort ward Fleisch – es blieb also nicht bei einem Gedankenspiel Gottes, bei einem undurchschaubaren Plan, sondern Gottes Wort bekam Hand und Fuß – und nun geht es anders weiter: Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Wer diese Worte hört, sieht dann vielleicht die klassischen Weihnachtsbilder vor sich, vom Kind in der Krippe, vom überirdischen Glanz, er vom Himmel kommt. Dabei wissen wir aber gar nicht, ob die Gemeinde um Johannes solche Bilder kannte, und ob sie ihnen wichtig waren. Wichtig war nur dies: Die Botschaft weiterzugeben, dass ihr Glaube einen Anfang hatte, einen guten Grund, ein festes Fundament, und dieses liegt in Jesus, dem Fleisch gewordenen Wort Gottes. Seine Botschaft an uns in Menschengestalt. Ob nun als Kind in der Krippe wie bei Lukas, ob als Prediger auf dem Berg der Seligpreisungen, wie bei Matthäus, oder ob als Lehrer, der seinen Jüngern sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das leben, wie es im Johannesevangelium heißt, ist dabei gar nicht entscheidend. Entscheidend ist nur, das Christen wissen: Diese Botschaft, diese Lehre haben wir uns nicht selbst ausgedacht, sie ist auch nicht vom Himmel gefallen, wie es vom Koran im Islam gesagt wird, sie ist auch keine Eingebung im Traum, wie sie Buddha gehabt haben soll, sondern diese Botschaft ist gewachsen, mitten unter uns, sie ist gewachsen so wie der Mensch Jesus aus Nazareth gewachsen ist, und sie ist unter den Menschen gewachsen, die zugehört haben, sich gewundert haben, gestaunt haben, ungläubig den Kopf geschüttelt haben, sich geärgert haben, ihn abgelehnt oder auch ihm geglaubt haben. In die Widersprüchlichkeit dieser Welt ist Jesus hineingekommen, in die Glaubens- und Meinungsvielfalt seiner Zeit hat Gott durch Jesus sein Wort gesagt, unüberhörbar, aber doch so, dass jeder Mensch sich entscheiden kann und muss, ob er dem Gesagten nun Glauben schenken will oder nicht.

Den Gemeinden, zu denen Johannes gehörte, ging es freilich nicht um eine beliebige Entscheidung, so als könne man dieses oder jenes für den eigenen Glauben übernehmen und das andere nicht, nein, es ging um Bestärkung des Glaubens – und zwar in eine Zeit der zunehmenden Gefährdung und Bedrohung und Verfolgung. Das merkt man, wenn man das ganze Johannesevangelium durchliest. Immer wieder erscheint Jesus als das Fleisch gewordene Wort Gottes. Immer wieder heißt es: ich bin… Und das bedeutet: ich bin für euch da – so wie es das Volk Israel immer schon von Gott gehört hatte. Ich bin das Licht der Welt, ich bin das Brot des Lebens, ich bin die Tür, ich bin die Auferstehung und das Leben. Lauter Worte und Sätze, die deutlich machen wollen: So hat es angefangen. Das war schon vor uns da. Und das alles, was hier gesagt wird und geschehen ist, ist für uns da. Wir können uns ganz fest darauf verlassen.

Den Christen aller Zeiten hat das Kraft und Mut gegeben, das, was sie jeweils brauchten. Das Weihnachtsfest, das für viele Menschen heutzutage die schönste und vielleicht auch glaubwürdigste Erscheinungsform des christlichen Glaubens ist, das gab es damals noch gar nicht. Wenn wir heute danach fragen, wie alles angefangen hat, und dabei vielleicht die Entdeckung machen, dass das Weihnachtsfest, so wie wir es kennen und lieben, erst später dazu gekommen ist, wir brauchen deswegen nicht darauf zu verzichten. Nur sollten wir auf das achten, was vor Weihnachten und nach Weihnachten von Jesus und über Jesus gesagt wird. Damit wir zu Weihnachten nicht nur schöne Bilder und Erinnerungen vor Augen haben, sondern auch nach Weihnachten etwas haben, was uns weiterführt und Orientierung gibt.

Doch die alte Frage bleibt: Wie also hatte es damals alles angefangen? Bei einer Liebesbeziehung weiß man, dass am Anfang ein Wort stand, ein ganz kurzer Satz vielleicht: „Ich liebe dich". Nicht anders ist es am Anfang der Geschichte Gottes mit uns Menschen gewesen, bei der Erschaffung der Welt wie bei der Weihnachtsgeschichte. Über manchen Krippendarstellungen ist ein Spruchband abgebildet mit der Botschaft: „Ehre sei Gott in der Höhe". Unsichtbar steht dahinter oder darüber aber ein anderes Spruchband, ein anderes Wort: „Ich liebe dich, ich liebe euch", sagt Gott zu uns. So fing es damals an. Und dies ist – Gott sei Dank – nicht nur der Anfang der Geschichte – sondern so ist es weitergegangen. Das ganze Leben Jesu war ein Leben aus der Liebe Gottes heraus, und diese Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen hat bis heute nicht aufgehört. Deswegen feiern wir jedes Jahr Weihnachten, und deswegen können wir getrost in das neue Jahr hineingehen, weil Gott uns liebt. Mehr wissen wir nicht von den Anfängen, mehr wissen wir nicht vom neuen Jahr, mehr brauchen wir auch nicht zu wissen. Was am Anfang war, Gottes Wort zu uns, das geht weiter und hält und trägt uns. Nicht nur alle Jahre wieder, sondern alle Tage wieder.

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