Ihr sollt ein Segen sein!

Liebe Gemeinde!

In diesem Augenblick nehmen viele Menschen Abschied: Abschied von einem Bekannten, Abschied vom Besuch am Wochenende. Heute verabschieden sich 200.000 Christen vom ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin, Abschied von Beziehungen, die in diesen fünf Tagen unter dem Leitwort „Ihr sollt ein Segen sein!“ gewachsen sind.

In diesem Augenblick nehmen Menschen Abschied: Ich sehe sie am Bahnsteig, sie winken, sie umarmen sich, mit einem zarten Kuss ein letztes „Lebe wohl!“ oder ein Liebesbekenntnis, ich höre sie an der Zugtür sagen: „Mach´s gut!“ oder: „Halt die Ohren steif!“ Worte, aus denen Verlegenheit oder Unsicherheit sprechen, weil dem Abschied die Zeit der Trennung, des Alleinseins und der Veränderung folgt. Ich höre mutige, tröstende, reife Worte des Abschieds, die jene sterbende, junge Frau zu ihrem Mann sagt: „Du wirst wieder jemanden kennen lernen …!“

Abschied hat viele Gesichter, wir kennen sie. Wir sind verlegen oder traurig. Wir sehen Tränen oder schwelgen in Erinnerungen. Jeder Abschied weckt Gefühle, oft starke Gefühle von Trauer oder tiefer Liebe. Und auch das gehört zum Abschied: ein Zeichen, dass etwas da bleibt, ein tröstendes Wort oder die Erwartung, dass die Freundschaft oder die Liebe bleibt, dass sie tragen wird – bis wir uns wiedersehen.

Wenn religiöse oder gläubige Menschen sich verabschieden, geben sie sich ein Zeichen des Segens mit auf den Weg, ein stilles Gebet oder eine sichtbare Geste, einen Gruß. Manchmal hören wir die merkwürdige Redensart „Hals und Beinbruch!“ Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Doch diese Redensart geht auf jiddische Wurzeln zurück, jiddisch, die Alltagssprache der mittel- und osteuropäischen Juden in Deutschland: „hazlacha u berucha!“ Das bedeutet wörtlich: „Erfolg und Segen!“

Ähnlich widersprüchlich hören sich Jesu Worte aus dem heutigen Predigttext an, die er im Johannesevangelium seinen Vertrauten in der letzten, gemeinsamen Nacht vor der Kreuzigung sagt. Einerseits verspricht er ihnen zum Abschied einen Beistand, einen Tröster, andererseits soll es für sie noch schrecklicher kommen als „Hals und Beinbruch!“ Jesus sagt: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt sogar die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit.“

Der Ausdruck „Ausstoßen aus der Synagoge“ kommt in der ganzen Bibel nur im Johannes-Evangelium vor. Er erinnert daran, dass die Anhänger Jesu von den Juden abgeschoben und ausgeschlossen wurden, weil sie in Jesus den Messias, den Christus erkannt hatten. Später wurden die Christen sogar – wie es Jesus ankündigt – durch römischen Befehl getötet. Das ist Geschichte. Wo sind Menschen heutzutage davon betroffen? Werden wir irgendwo abgeschoben oder ausgeschlossen?

In diesem Augenblick, liebe Gemeinde, werden Menschen abgeschoben oder ausgestoßen: Asylbewerber werden aus der Welt des Wohlstands in ihr armes Heimatland abgeschoben, in dem manche vielleicht verfolgt werden; Arbeitslose werden aus der Welt der Arbeit ausgestoßen, die u. a. Sinn und Selbstwert vermittelt; Kinder werden vom Vater abgeschoben, der sich damit vor der Verantwortung drückt – Kinder werden sogar abgetrieben, getötet; abgeschoben werden Mutter oder Vater durch ein erwachsenes Kind, abgeschoben, weil die Pflege zuhause zu viel Zeit kostet. Ausstoßen oder abschieben weckt immer Trauer und Schmerz. Da wird Christus selbst abgeschoben, ausgestoßen, getötet wie damals am Kreuz: Ein Unschuldiger nimmt die Schuld, den Zorn, den Hass von Tätern auf sich.

Ausgestoßen – Heute – Jetzt: Am ersten ökumenischen Kirchentag werden katholische Christen vom evangelischen Abendmahl durch eine Enzyklika des Papstes ausgeschlossen, abgeschoben von der ökumenischen Gemeinschaft mit Brot und Wein, ausgestoßen vom Leib Christi: Und wieder bekommen Unschuldige schmerzvoll die Macht einer religiösen Institution zu spüren. Wieder leidet Christus. Und richtig ist, was eine Katholikin in einem Leserbrief zu diesem Thema im Juni-Gemeindeboten unserer Kirchengemeinde schreibt: „Unsere kirchlichen Oberhirten … vergessen: An der Einheit der Christen hängt die Glaubwürdigkeit Gottes und Jesus Christus.“

Gewiss, dass es einen ökumenischen Kirchentag überhaupt gibt, ist ein Meilenstein. Doch das Papstwort vom diesjährigen Gründonnerstag offenbart die Mauer, die unser Christenvolk von einander trennt. Wie gut tut es da, das heutige Evangelium zu hören: „Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir.“ Aber welchen Tröster, welchen Geist der Wahrheit meint Jesus?

Das Wort „Geist“ ist mehrdeutig und missverständlich. Ich möchte statt dessen sagen: „Kraftfeld“, „Kraftfeld der Wahrheit“. Jesus verspricht uns ein wirksames Kraftfeld, in dem seine Worte bezeugt, also bestätigt werden, ein starkes Kraftfeld, in dem sich die Wahrheit trotz Rückschlägen und Schmerzen durchsetzen wird, sein persönliches Kraftfeld, das der Wahrheit und der Liebe zum Sieg verhelfen wird.

Das Kraftfeld der Wahrheit, den Beistand, den Tröster, den Jesus hier verheißt, erinnert mich an die Erfahrungen von Menschen, die ihr Leben als wahre Zeugen für Christus hingegeben haben. Ich denke an die Studenten der „Weißen Rose“, die vor 60 Jahren hingerichtet wurden, an das letzte Trostwort der Mutter von Hans und Sophie Scholl zum Abschied: „Gelt, Sophie: Jesus!“ – Und Sophies ernste Antwort: „Ja, aber du auch!“ Sophie Scholl wäre am 9. Mai diesen Jahres 82 Jahre alt geworden! Ihr Mut und ihre Kraft haben Wellen geschlagen!

Das Kraftfeld der Wahrheit, der verheißene Beistand erinnert mich an die Erkenntnis eines Mannes, der seinen Vater nie kennen gelernt hat. Er trug einen Schmerz in sich, abgeschoben zu sein. Durch ein „Kraftfeld“, durch Familienaufstellungen, die der ehemalige Priester Bert Hellinger entwickelt hat, hat dieser Mann die einzigartige Erfahrung gemacht, sich mit seinem Vater versöhnen zu können. Er erzählt: „Als jener Mann, der in der Aufstellung stellvertretend meinen Vater verkörperte, seine Hände auf meinen Kopf legte, spürte ich plötzlich Kraft, Versöhnung, Segen. Ich hatte plötzlich das Gefühl von Vaterliebe, ein Gefühl ähnlich dem im Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn, aber das Gefühl des Sohnes zum verlorenen Vater: Siehe, mein Vater, der verloren war, ist gefunden.“ Dieser Mann hat als Sohn den Segen der Versöhnung erfahren. Er hat erfahren, dass Gott durch das finstere Tal hindurch Wege der Versöhnung findet, heilsame Wege. Die Wahrheit der Liebe wird sich am Ende immer durchsetzen!

Das Kraftfeld der Wahrheit, den Beistand, den Tröster, den Jesus hier verheißt, kann uns ermutigen, für die Wahrheit und die Kraft der Liebe einzustehen. Am Sonntag des ökumenischen Kirchentages und der Woche vor dem Pfingstfest, an dem einst der Heilige Geist gesandt wurde, möchte ich uns Christen ermutigen, am ökumenischen Abendmahl – nicht nur in Berlin – teilzunehmen und im Namen der Einheit Christi zu rufen: „Wir sind das Volk!“ Denn immer mehr Katholiken und Protestanten wehren sich gegen diese innerkirchliche Grenze, protestieren gegen diese von Dogmen gesicherte Mauer, die Katholiken an der Flucht in die Freiheit und in die Einheit der Kirche hindern soll.

„Wir sind das Volk!“ Dieser Ruf und die ihn begleitenden Gebete haben schon einmal eine Mauer zerstört. „Wir sind das Volk!“ Dieses Bewusstsein muss uns Protestanten und Katholiken erfüllen, weil an der Einheit der Christen wahrhaftig die Glaubwürdigkeit Gottes und Jesu Christi hängt, und damit auch unsere eigene Glaubwürdigkeit als Christen. Ein Brot und ein Leib! Wer Segen empfangen hat, kann Segen weitergeben. Dann wird auch die Losung des ersten ökumenischen Kirchentages wahr werden: „Ihr sollt ein Segen sein!“

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