Ihr dürft hoffen!

Wir haben heute den 2. Advent. Viele von uns sehen darin sicher eine ganz einfache Zählung. Es gibt 4 Sonntage vor Weihnachten und so wird einfach durchgezählt: eins, zwei, drei, vier. So könnte es sein. Aber gerade beim 2. Sonntag dürfen wir es auch anders sehen.

Am 1. Advent steht das erste Kommen Jesu im Mittelpunkt. Der Einzug in Jerusalem, sein Kommen in die Heilige Stadt, in den Mittelpunkt des religiösen Lebens wird in den Raum gestellt und bedacht.

Am 2. Advent soll nun das zweite Kommen Jesu bedacht werden. Für die meisten von uns wird das sicher ein ungewohnter Gedanke sein. Was meint das 2. Kommen Jesu. Nun für die ersten Christenheit war der Gedanke der Wiederkunft Christi ein sehr lebendiger. Nach der Himmelfahrt Jesu spürten sie, dass die Welt sich doch nicht so verändert hat, wie es in den Worten Jesu klang. Es hat sich viel verändert, aber noch nicht alles. Da man aber mit einer völligen Veränderung der Welt rechnete, ging man davon aus, dass Jesus wiederkommen müsste, um sein Werk zu vollenden, um endgültig Gottes Reich aufzubauen. Und dieses Ereignis wird sich auch in kosmischer Dimension ankündigen, Himmel und Erde werden umgekrempelt, so glaubten die Menschen in der ersten Zeit nach Christus.

Und so entwickelten sich entsprechenden Gedanken, die dann auch in den Erzählungen der Evangelien ihren Niederschlag fanden. Und nun hören wir diese alten Gedanken. Zu dieser Zeit werden Zeichen an Sonne, Mond und Sternen Unheil verkünden. Angst und schreckliche Ratlosigkeit beherrschen die Menschen, weil Sturmfluten und Katastrophen über sie hereinbrechen. Ungewissheit und Furcht treiben sie zur Verzweiflung. Sogar der Lauf der Gestirne wird in Unordnung geraten.

Ein Schreckensszenario wird hier an die Wand oder besser den Himmel gemalt. Unser ersten Gedanken dazu werden sicher in eine ganz andere Richtung gehen. Sturmflut und Katastrophen, die haben wir ja in diesem Sommer wirklich erlebt, wenn auch bei uns nur im Fernsehen. Aber sie waren für viele eine ungeheuer bedrückende Erfahrung. Für viele ist die Welt wirklich zusammengebrochen, für manche die Lebenswelt im wahrsten Sinne des Wortes zusammengebrochen, wenn wir an die zusammengefallenen Häuser an Elbe und Mulde und den anderen Flüssen denken. Ungewissheit und Furcht treiben sie in Verzweiflung. Ja, so war es und für manch einen ist das vielleicht immer noch so.

Im Gegensatz zu den biblischen Worten möchte ich darin jedoch nicht Anzeichen des 2. Kommens Jesu in die Welt sehen. Ich denke, wir sind alle zu anders geprägt, als das wir diese Gedanken für uns so sehen könnten. In Zeiten, wo gerade auch Wetterereignisse nicht verstehbar waren, mögen solche Gedanken ihre Bedeutung haben. Wir sehen dies anders.

Dennoch möchte ich auch die biblischen Gedanken nicht einfach beiseiteschieben, weil ich weiß, dass inmitten dieser alten Bilder Wahrheiten verborgen sind, die über die Bilder hinaus tragen und hilfreich sind. Insofern möchte ich diese Gedanken Jesu aus dem Lukasevangelium noch einmal anders sehen.

Was in diesem Text angedeutet wird, ist ja die Veränderung der äußeren Lebenswelt. Wenn ich noch mal an die Flutopfer denke, so haben diese Menschen das sehr drastisch erlebt. Ihnen wurde durch das Wasser ihre Lebensgrundlage genommen, bzw. diese Lebensgrundlage in Frage gestellt. Viele standen vor dem Nichts. Ich behaupte, es gibt im Leben immer wieder Ereignisse, die uns treffen, die das ganze Leben, so wie es vorher war, in Frage stellen lässt. Dabei sind die negativen Ereignisse vor allem diejenigen, die diese Fragen hinterlassen. Ich denke da z.B. an Abschiedssituationen: z.B. bei Trennungen, oder im Todesfall. Oder an Krankheiten, die den bisherigen Weg nicht mehr möglich machen. Endstation – und alles bricht über einem zusammen, was vorher so viele Halt und Sicherheit gegeben hat.

Wenn das Leben in solche Situationen gerät, dann wird es auf tiefste in Frage gestellt. Und dann wird man haltlos, und irgendwie ist davon die ganze persönliche Lebenswelt betroffen. Es betrifft nicht nur den einen Bereich, der nun im Mittelpunkt steht, sondern das strahlt aus auf alles, was wir tun. Es bekommt gleichsam eine kosmische Dimension, weil sich der Blick auf unsere Welt verändert. Es scheint so, als ob nichts mehr so ist wie vorher. Dazu heißt es dann in unserem Bibeltext: 27 Doch dann werden alle Völker den Menschensohn in den Wolken des Himmels mit göttlicher Macht und Herrlichkeit wiederkommen sehen. 28 Deshalb: Wenn sich diese Dinge ereignen, dann dürft ihr hoffen. Eure Befreiung steht vor der Tür."

Ich habe es schon gesagt, diese große Weltveränderung sehe ich nicht mehr. Aber in diesen Gedanken steckt für mich etwas anderes. Ich sehe darin so etwas, wie ein neues auf mich zukommen der göttlichen Wahrheit. Wir erleben ja unsere Welt als Menschen, die irgendwie im Glauben stehen. Wir kennen die Sache mit Jesus, glauben auch irgendwie an Gott. Das ist schon einmal bei uns angekommen. Und doch ist es gleichzeitig auch durch das alltägliche Leben immer wieder weiter weg. Und gerade in den Katastrophen des Lebens rückt es immer weiter in den Hintergrund, ja wird oft genug in unseren Fragen und Klagen bezweifelt, bis dahin, dass wir kein Vertrauen zu Gott und Christus entwickeln können.

Und nun sagt die Bibel: Wenn sich diese Dinge ereignen, dürft ihr hoffen. Eure Befreiung steht vor der Tür. Uns wird hier mitten in den dramatischsten Ereignissen des Lebens zugesagt: Ihr dürft hoffen. Wo eigentlich alle Hoffnung geschwunden ist, da dürfen wir hoffen.

Was für eine Aussage, was für ein Zuspruch, der uns da entgegenkommt. Ihr dürft hoffen. Aber es ist doch gerade alles kaputtgegangen, das Leben ist in Frage gestellt. Wie kann da jemand vollmundig sagen: ihr dürft hoffen!? Warum können wir hoffen? Katastrophen, seien es nun solche Äußerlichen, wie in den Flutgebieten, oder seien es solche, die sich in unserem Innern, in unserer Seele abspielen, zerstören das bisherige Lebensbild. Ich habe bestimmte Gedanken zum eigenen Leben, habe mein Bild von der Welt und wie alles so sein muss. Und in dieser Welt lebe ich. Und nun kommt etwas, das dies alles in Frage stellt oder eben auch sehr dramatische oder drastische Weise zerstört. Dann ist nichts wie vorher und alles bisherige Denken wird zunichte gemacht. Ich bin ganz auf mich geworfen oder – was die Erfahrung dieser Zeit wohl eher entspricht – ich bin einfach so in diese Welt geworfen ohne Halt und Sicherheiten. Weder die äußere Welt noch die innere Welt vermag hier etwas zu geben. Mit leeren Händen stehen wir da, ohne irgendetwas.

Aber genau das ist die Chance, sein Leben neu zu empfangen. Weil ich leer bin, kann ich mich ganz auf Gott einlassen. Weil ich mein Leben nicht mehr selber in der Hand habe, muss ich mich aus der Hand geben, Und das heißt, ich kann mich ganz in Gottes Hand begeben. Und das bedeutet, mein Leben stellt sich plötzlich nicht mehr auf die Füße dessen, was ich machen und leisten kann oder was andere tun und machen können, sondern es gewinnt einen Standpunkt, der nicht in der Welt, sondern bei Gott liegt. Die Welt wird ja gerade in der Katastrophe als brüchig erlebt, wir erkennen darin, wie wenig wirklichen Halt wir darin haben. Darum ist dieses sich aus der Hand Geben müssen ein Weg der Hoffnung. Denn in dem aus der Hand geben liegt der erste Schritt, das Leben neu zu gewinnen, es auf einer ganz anderen Grundlage zu begreifen. Was ist wirklich wichtig im Leben? Worin menschliches Leben wirklich liegt, das wird oft erst sichtbar, wenn das, worauf man bisher sein Leben gegründet hat, zerbricht. Das können materielle Dinge sein, das können aber auch Lebensgedanken, Lebensphilosophien oder auch Glaubensgedanken sein. Wenn dies in Frage gestellt ist, dann erkennen wir oft erst, auf welch brüchigem Untergrund wir gelebt haben. Aber genau dies eröffnet eben auch den Weg, dass in uns eine Hoffnung entsteht, die tiefer und fester ist, als alles andere. Ihr dürft hoffen. Inmitten der Katastrophe liegt das Heil, liegt die Erlösung. Denn nun endlich zerbricht, was im Wege war. Nun kann Jesus wirklich bei uns ankommen, können wir von ihm unser Leben erneuern lassen. Und das ist die große Hoffnung, die uns am zweiten Advent mit auf den Weg gegeben wird.

In dem Gleichnis, das Jesus noch erzählt, um seine Worte zu verdeutlichen sagt er: Ich will es euch an einem Beispiel verdeutlichen: Seht euch den Feigenbaum an oder die anderen Bäume. Wenn sie anfangen zu blühen, weiß jeder, dass es bald Sommer wird. So könnt ihr wissen, dass Gottes Reich nahe ist, wenn sich all das ereignet. Denn das steht fest: Dieses Volk wird nicht untergehen, bevor sich nicht alles erfüllt hat. Und wenn auch Himmel und Erde vergehen, meine Worte vergehen nicht." Der Feigenbaum, so habe ich gelesen, sieht, wenn er seine Blüten abgeworfen hat, wirklich tot aus. Man meint, er wird nicht wieder blühen und Früchte bringen. Doch an den kleinsten Zeichen der Blüten wird deutlich: die Zeit des Winters ist vorbei, der Sommer kehrt wieder. Inmitten der Katastrophen des Lebens gibt es auch Blüten, die zeigen, dass das eigene Erleben dieser Katastrophen zwar düster ist, aber dass es außerhalb unserer selbst doch noch vieles andere gibt, was unsere Befindlichkeit dann doch anders aussehen lassen kann. Vor allem aber sind es die Gedanken, die eben nicht zerstört werden können. Und wenn auch Himmel und Erde vergehen, meine Worte vergehen nicht.

Und das ist dann eben genau das, wohin wir uns loslassen müssen. Nicht unsere Gedanken und Worte bleiben ewig, nein, sie vergehen, wie alles auf dieser Welt. Aber es gibt Worte, die nicht vergehen, die damit auch der Ansatzpunkt für Hoffnung, Gewissheit und Halt in einem brüchigen Leben sind. Und als das wichtigste empfinde ich dabei das, was über unserer Taufe ausgesprochen wird: Jesus Christus Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Nicht die anderen Mächte und Gewalten, denen wir in dieser Welt ausgesetzt sind, haben letztlich das Sagen über mein Leben, sondern dieser mir zugewandte Christus, der inmitten von Leid, Tod und Trauer die Macht hat, Leben zu schaffen und zu erneuern.

Erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht. Ihr dürft hoffen. Das stellt uns die Bibel vor Augen und zeigt damit, dass es eben doch so etwas wie eine Wiederkunft Christi gibt. Ich sehe sie in der immer wiederkehrenden Erneuerung des Glaubens, in der persönlichen Öffnung auf Christus hin, wenn ich mich selber und meine Gedanken aus der Hand gebe. Gott füllt diese Hände, er füllt unser Herz mit Vertrauen ins Leben, mit Hoffnung auf Erneuerung. Und wenn auch Himmel und Erde vergehen, diese Zusage Gottes wird nicht vergehen, sie bleibt stark und fest, und sie ermutigt uns, auch in den größten Enttäuschungen des Lebens die Hoffnung auf Getragensein nicht beiseite zu legen. Ihr dürft hoffen. Das ist die Botschaft des zweiten Advent. Möge Jesus als dieser Hoffnungsträger immer wieder neu unser Lebensvertrauen wecken und so stets neu bei uns ankommen.

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