Ich sagte zu dem Engel …

<i>[Vielen Dank an Marianne Sedivy für die Geschichte!]</i>

Ich sagte zu dem Engel,
der an der Pforte des neuen Jahres stand:
Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann!

Aber er antwortete:
Gehe nur in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg!

Liebe Gemeinde, "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" beginnt unser Predigttext und mancher mag ergänzen "Amen". Feierlich formelhaft kommt uns dieses Wort an. Auf unserem Programm steht Jesus, unveränderlich wie immer, heißt das. An der Wende der Zeiten lassen wir uns das gerne zusprechen. "Was wird das neue Jahr uns bringen?" ist eine Frage, die wir nicht endgültig beantworten können. Wechsel schaffen Unsicherheiten, Ängste. Mit lauten Böllerschüssen und Feuerwerk versucht man in der Nacht gegen die bösen Geister vorzugehen, die in unsere Welt einzudringen drohen. Wie oft werden Menschen laut, wenn sie sich unsicher fühlen. Und kurzzeitig hilft das. Wir halten uns gerne am Vertrauten fest. Rituale helfen dabei besonders an den Festtagen. Deshalb wohl hat an Sylvester ein Sketch schon fast Kultcharakter gewonnen. Jedes Jahr wieder erleben wir Miss Sophies Geburtstag, jedes Jahr feiert sie ihn nach dem selben Ritual, "the same procedure as every year". Wir lachen über die Lächerlichkeit eines Menschen, der versucht für einen anderen das Leben in gewohnten Bahnen zu halten, obwohl die Welt sich verändert hat. Selbst Alter und Tod der Gefährten haben dem Lebensrythmus der alten Dame nichts anhaben können, trotz sichbarer Mühen hält der Butler an seinem Liebesdienst fest. Oft sind wir auch nicht anders, wir ziehen gerne mal die Decke über den Kopf, halten am althergebrachten fest, untermauern unsere Argumente mit "das war schon immer so", das ist uns klar, es ist befreiend darüber auch mal lachen zu können.

"Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" dieser Satz steht für die Kontinuität in unserem Christen-Leben, Ewigkeit angesichts der Zeit. Doch was heißt Ewigkeit des uns menschlich zugewandten Gottes angesichts der Zeit. Berührt uns dieser Ausblick? Kann uns das in Zeiten der Verunsicherung tragen? Kann es unser Herz fest -das meint sicher- werden lassen, wie es weiter im Hebräerbrief heißt? Vielleicht mag uns eine kleine Geschichte weiterhelfen:

<i>[Marianne Sedivy: <a href="http://www.kanzelgruss.de/gleichnisse/geschichten/Ewigkeit.html" target="_self">"Wie ewig ist die Ewigkeit"</a>]</i>

Ganz umgeben sind wir von Gott, wohl in einer anderen Dimension als in der kindlichen Vorstellung, doch gar nicht so weit davon, wie wir denken. Gott ist Ansprechpartner der Menschen über die Jahrhunderte, über unsere Zeitrechnung hinweg. Er ist mitten in unserer Zeit und gleichzeitig umfasst er ihren Anfang und ihr Ende. Er lebt mit uns, freut sich mit uns, leidet mit uns, kennt unsere Endlichkeit und hat sie vielfach durchlebt. Das wahrzunehmen und es zu glauben, ja, darin sicher zu werden ist Gnade, ein besonderes Geschenk. "Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade" heißt es im Hebräerbrief.

Wie befreiend ist es sich an Gott zuwenden und mit ihn all seine Ängste zu teilen – im Gebet. Wie befreiend ist es sich von der Seele zu reden, was belastet. Wie befreiend ist es abzugeben, was man selbst nicht weiter vollenden kann.

"Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen."

Schreibt Jochen Klepper im Rückblick auf das Jahr 1938. Auch unser Jahr 2001 hat Altlasten, die wir in Gottes Hand geben wollen, damit er sie in Segen wandle: Vieles haben wir persönlich begonnen: Wir haben Kinder geboren und getauft, wir haben eine Ausbildung angefangen, geheiratet, wir sind krank geworden, haben uns nahestende gepflegt oder auch verloren. Wir haben Häuser gebaut und Zukunftspläne geschmiedet. Nicht alles davon war Last, doch wir wollen es gerne in Segen wandeln lassen, zurückblicken und das weitere in Gottes Hände legen. Nicht nur in Jochen Kleppers Zeit gab es Krieg und Not. 20.000 Kinder sterben täglich an Hunger, Millionen an Toten kosten die Kämpfe um Territorien und Macht jedes Jahr. Dieses Jahr hat sich unser Augenmerk besonders auf die Flugzeuganschläge auf New York und Washington gerichtet. Sie haben die Selbstsicherheit der westlichen Gesellschaft erschüttert und die Frage nach einem gerechten Krieg hervorgerufen. Wer gegen Gewalt ist hat mit Schrecken sehen müssen, dass beide Seiten diese für legitim halten, wenn es drum geht den Feind der Gesellschaft zu vernichten. Wer für religiösen Dialog ist hat von allen Seiten fundamentalistische Äußerungen hören können, die den Hass zwischen den Menschen nur schüren wollten. Gottseidank gab es auch interreligiöse Gespräche und Gebete gegen Hass und Krieg über Grenzen und Konfessionen hinweg. Die Frage "kann unser einer und einziger Gott tatsächlich auch der Gott der Juden und Muslime sein" wurde so kontrovers wie nie zuvor diskutiert. Wir entscheiden über Gott und über Gott hinweg, wie es die Zeit erfordert, oft kurzsichtig. Mit Jochen Kleppers Worten:

Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
nur du allein wirst bleiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.

Wo treiben wir hin? Viele von uns sehen ihren Halt verloren, wenn Deutschland sich in Europa einbindet, sich öffnet. Der Euro steht als Symbol für diese Veränderung. Angst vor Rezessionen macht sich breit, vor weiterer Arbeitslosigkeit im Konkurrenzkampf mit den günstigeren Nachbarn, Angst vor Identitätsverlust. Die D-Mark als Symbol für Wirtschaftswachstum und Konsolidierung nach dem Krieg wird abgelöst – was wird kommen? Die einen stehen schon in aller Hergottsfrühe am Bankschalter um sich mit dem neuen vertraut zu machen, endlich in Händen zu halten was schon so lange angepriesen wurde, die anderen halten sich vornehm zurück, suchen die schönsten Geldstücke aus ihrem Gelsbeutel um sie zu sammeln und einmal den Kindern oder Enkeln zu zeigen, und damit ihre Zeit wieder aufleben zu lassen. Heute an Sylvester wollen wir innehalten und ganz bewusst den Schritt nach vorne in das neue Jahr gehen. Wir lassen uns zusprechen, dass wir in allem Wandel sicher und geborgen sein können in Gott, der sich uns in Jesus zuwendet: "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade." Wir wollen zu Gott beten und unsere Zeit in seine Hände geben. Mit den Worten Jochen Kleppers:

Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
im Fluge unsrer Zeiten:
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.

Oder mit den Worten von Peter Strauch:

"Meine Zeit steht in deinen Händen.
Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir.
Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden.
Gib mir ein festes Herz mach es fest in dir."

drucken