Ich liebe dich wie Salz

Liebe Gemeinde,

ein Märchen habe ich mir als Kind immer wieder gerne vorlesen lassen. Ich habe es in keinem Märchenbuch mehr finden können, aber es ging ungefähr so: Ein König hat drei Töchter, er will herausfinden, welche ihn am meisten liebt. "Ich liebe dich so sehr wie mein Hündchen", sagt eine, die andere hat einen anderen Vergleich, die dritte aber sagt: "Ich liebe dich wie Salz". Wegen dieser dummen Antwort wird sie verstoßen. Erst, als am Königshof alle Speisen ohne Salz aufgetragen werden, merkt der König, dass diese Tochter ihn am meisten liebt, und es gibt ein gutes Ende.

Ohne Salz, das wissen wir alle, kann kein Mensch leben. Gerade in den letzten Wochen, als es heißer und heißer wurde, wiesen Ärzte immer wieder darauf hin, dass der Organismus zum Überleben unbedingt Salz braucht. Dennoch kommt dieser Satz aus dem Evangelium uns eigenartig vor: Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten Wie kann Salz seine Wirkung verlieren? Eigentlich ist das nicht möglich, es ist eine ziemlich stabile chemische Verbindung. Oder?

Eine zweite Geschichte zum Thema: Eine kleine Puppe aus Salzteig reist tausende von Meilen über Land, bis sie ans Meer kommt. "Wer bist du?" fragt sie die Wassermasse, die ganz anders ist, als alles, was sie bisher gesehen hatte. "Komm herein und sieh selbst." Sie watet hinein und löst sich langsam auf, und während sie sich verströmt, sagt sie erstaunt glücklich: “Endlich weiß ich, wer ich bin”.

Salz, für sich selbst genommen, trocken im Salzstreuer aufbewahrt, ist zu nichts nütze. Es entfaltet seine Wirkung erst, indem es Verbindungen eingeht, sich auflöst und dabei seine typischen Eigenschaften entfaltet. “Ihr seid das Salz der Erde”, wenn Jesus gegenüber seinen Jüngern diesen Vergleich gebraucht, so ist das ein Aufruf dazu, sich nach außen zu öffnen, nicht unter sich zu bleiben. “Seid nicht verbittert, wenn die Leute nicht kommen”, so ähnlich sagte kürzlich ein Pfarrer in einem typischen Gottesdienst vor leeren Bänken. “Wenn sie nicht wollen, dann bleiben sie eben draußen, sie werden schon sehen, was sie davon haben.” Möglicherweise hat er damit etwas ausgesprochen, was auch manche von Ihnen denken. Und möglicherweise ist das auch die Haltung, die es für jemanden, der neu in eine Gemeinde kommt, manchmal zur Mutprobe und zum Spießrutenlaufen werden lässt, zum ersten und zum zweiten Mal in den Gottesdienst zu gehen.

Ich selbst war vor einiger Zeit einmal zufällig in einem Dorf unterwegs, das zum Pfarrbezirk eines guten Bekannten gehört. Es war Samstagabend, und ich hatte eigentlich vor, bei ihm zu klingeln, da fiel mir ein, dass er ja um diese Zeit Gottesdienst hält, und ich ging in den Gemeinderaum. Die kleine Gemeinde war ziemlich komplett versammelt – keiner kannte mich, und alle drehten sich um, starrten mich mit einem Blick an, der mir ziemlich wenig aufnahmefreudig vorkam. So etwa „Was will die denn hier?“ Ich glaube, jemand ganz Fremdes wäre wieder gegangen – ich kannte ja zumindest den Pfarrer. Dennoch, das Ganze hatte etwas Eisiges – und da hätte ich mir schon etwas Salz gewünscht, das bekanntlich auch auftauend wirkt.

Und ich denke, genau so hat es Jesus gemeint. Er fordert auf, sich zu öffnen. Kirche als narzistische geschlossene Gesellschaft, das wäre wie Salz im Salzstreuer, witzlos Oder wie eine versalzene Suppe – ungenießbar. Im richtigen Maß hingegen an ein Essen gegeben, ist es sozusagen “genau das, was gefehlt hat”. Wir Christen können und sollen also dazu beitragen, dass wir alles noch schmackhafter und würziger machen, wovon die Menschen leben. Zuviel Salz wirkt ätzend. Und “ätzend” kann in der Tat auch Kirche wirken, wenn sie überheblich und selbstgerecht auftritt, wenn sie versucht, ohne Rücksicht auf gewachsene Kulturen Menschen das überzustülpen, was sie unter dem “rechten Glauben” versteht oder wenn sie eine Sprache spricht, die an den Menschen total vorbeigeht.

Ich denke da gerade daran, wie wir Christen hier auf kirchenfremde junge Leute zugehen können: Nicht mit erhobenen Gebots- und Verbotstafeln und indem wir alles verdammen, was ihre Eltern in einem anderen, säkularen Gesellschaftssystem gelernt und an sie weitergegeben haben. Es bedarf einer behutsamen Dosierung, einer liebevollen, einfühlsamen Vermittlung, einer großen Offenheit, um die Menschen da abzuholen, wo sie stehen, um ihnen zu zeigen, was sich in ihrem Leben verändern kann, wenn sie sich auf die Botschaft Jesu Christi einlassen.

Und eine weitere Eigenschaft des Salzes spielt eine Rolle: Es ist eines der ältesten Konservierungsmittel, es bewahrt vor dem Verfaulen und Verderben. Wenn wir darüber nachdenken, warum die Jünger – und in der Nachfolge auch wir alle – das “Salz der Erde” sind, so stellen wir fest: Wir sind es nicht um unserer selbst willen, weil wir so großartig und einmalig sind. Wir sind verändert durch unser Empfinden, dass wir gehalten und getragen werden von dem Glauben an die Liebe Gottes. Das ist es, was uns selbst vor dem Verfaulen und Verderben bewahrt. Dieser Glaube an die Liebe Gottes ist das, was uns trägt, was uns stark macht und was uns hilft, auch unsere eigenen Schwächen, unsere ganze anfällige Existenz, einzusetzen, um die Botschaft Jesu Christi glaubhaft zu vermitteln. Gerade im Wissen darum, wie wir selbst sind, wie gefährdet, wie mangelhaft und wie weit von irgendeiner Vortrefflichkeit entfernt, mutet der letzte Satz des Predigttextes sehr gewagt an:
“ So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.”

Was soll das nun? Das klingt wie ein schlechter Witz, ist es doch der gleiche Jesus, der sagt: “Lasst die Linke nicht sehen, was die Rechte tut.” Damit verglichen wirkt diese Aufforderung vordergründig irgendwie überheblich. Denn ich kann nicht finden, dass es besonders viel gibt, was wir zur Schau zu stellen hätten, wir, die wir immer weniger werden in den Gemeinden und oft alles andere als mitreißend wirken. „Stellt euer Licht nicht unter den Scheffel, damit meint aber Jesus nicht, dass die Jünger sich selbst in den Vordergrund spielen sollen, sondern nicht hinter dem Berg damit zu halten brauchen, wer oder was sie motiviert.

Ihr Licht ist ja nicht aus eigener Kraft zum Leuchten gekommen, es hat sich entzündet an der begeisternden Botschaft, dass Gott die Liebe ist, dass er die Menschen so sehr liebt, dass er ihnen ganz nah gekommen ist. Als Jesus seine umwälzende Lehre von Frieden, Feindesliebe, von Vergebung und Gnade zu verkünden begann, hatte er ja recht bald eine Menge Menschen gegen sich: Zum einen die geschlossene Gruppe der Schriftgelehrten, die befunden hatten, er könne unmöglich der erwartete Messias sein, zum anderen die Zeloten, die sich eine politische Umwälzung von seinem Auftreten versprachen und hofften, er werde die römische Besatzungsmacht aus dem Land jagen – und auch die Besatzer selbst, die wussten, dass er zumindest Unruhe ins Land bringt. Unter diesen Umständen werden die Jünger ihn gewiss manchmal angehalten haben, doch ein wenig vorsichtiger zu sein, etwas weniger direkt und etwas weniger scharf. Aber er war der Meinung, es mache wenig Sinn, die erlösende Botschaft irgendwo heimlich, in geschlossenen Räumen zu verkünden, schließlich war er für alle gekommen.

„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel“, die Redewendung ist zum geflügelten Wort geworden. Allerdings ist denken die, die das sagen, weniger daran, wie das Jesus gemeint haben könnte „Ihr seid das Licht der Welt“, das ist nicht das, was wir schon sind, sondern das, was wir sein könnten. Dann nämlich, wenn jeder von uns das Licht, das er vom Gegenüber, von Jesus, empfangen hat, leuchten ließe. Zusammen könnten wir schon etwas ausstrahlen, was die Welt nicht mehr so stockfinster sein lässt. Etwas von dem, was in uns brennt, etwas von Gottes bedingungsloser Liebe.

Licht anzünden, das ist für uns heute kein Akt mehr: Schalter an – und das Haus ist hell. Aber vielleicht hat jemand von Ihnen schon einmal versucht, ohne Streichholz und ohne Feuerzeug ein Licht anzuzünden – Pfadfinder lernen so etwas noch, das ist eine Menge Arbeit – und so ein Licht muss gepflegt werden. Es unter einen Krug zu stellen und zu riskieren, dass es erstickt, wäre die reine Verschwendung. Wohlgemerkt, nicht wir selbst sollen uns auf den Leuchter stellen: „So gut, so edel, so hilfsbereit bin ich“, wir sollen einfach wie selbstverständlich das tun, was Jesus uns vorgelebt hat. Das können wir nicht aus uns selbst heraus, er ist das Licht und wir der Schein, wie es in einem bekannten Kirchenlied heißt.

Wir dürfen ruhig den Mut haben, das an Wahrheit zu leben, was wir in uns tragen, das ist es, was Jesus uns sagen will, wenn er dazu Mut macht: „Stellt euer Licht nicht unter den Scheffel“. Ich glaube, es sind oft ganz kleine Situationen im Alltag, in denen wir ein bißchen mehr durchblicken lassen könnten, dass wir Christen sind. Dann, wenn wir eben mal nicht den Obercleveren spielen, wenn es darum geht, irgendwo noch möglichst viel „herauszuschlagen“, auch, wenn es den anderen in arge Nöte bringt. Ich denke da zum Beispiel an die unzähligen Kleinigkeiten zwischen Nachbarn, die vor Gerichte geschleppt werden. Manchmal wäre einem selbst doch eher nach Nachgeben zumute, aber man meint, so sein zu müssen wie diese Welt es verlangt: Hart im Austeilen. Es bricht doch keinem einen Zacken aus der Krone, wenn er nachgibt und einfach menschlich ist. „Lasst eure guten Werke sehen“, das meint keine „Tatfrömmigkeit“ nach einer Gebrauchsanweisung, die uns vielleicht im Elternhaus, vielleicht auch im Konfirmandenunterricht anerzogen worden ist. „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Getöse, es ist mitten in euch selbst“, hat Jesus gesagt, und davon können wir doch ruhig öfter mal etwas sehen lassen. Es ist doch wirklich zu schade, es zu verbergen, nur, weil wir vielleicht denken, wir könnten doch unmöglich dazu geeignet sein, Christentum glaubhaft zu machen. Wer wagt es heute schon, wirkliches Mit-Leiden umzusetzen in eine Umarmung, in eine Berührung, in einen liebevollen Blick? Wer wagt es, einem Einsamen ein Gespräch anzubieten, das ihm zeigt: „Du bist nicht wirklich allein und verlassen, es gibt da etwas und jemanden, der dich liebt und der dich trägt. „Aber das kann ich doch gar nicht", werden Sie vielleicht denken. Einem Durstigen ist es aber doch egal, ob er aus einer angeschlagenen Tasse oder aus einem silbernen Kelch trinkt und einer, der im Dunkeln gewandert ist, der wird nicht daran interessiert sein, ob das ersehnte Licht von einer geweihten Kerze, einer Designer-Leuchte oder von einer alten Taschenlampe kommt.

„Ihr seid das Salz der Erde, Ihr seid das Licht der Welt“, damit macht uns Jesus Mut, mitzubauen an einer Bücke aus der restlosen Verlassenheit, Verzweiflung und Heillosigkeit über diese Zeit hinweg in die Ewigkeit. Jeder von uns ist auf ganz eigene Art begabt dazu, es weiterzugeben: Es ist möglich, Gott zu schauen – in Herzen der Menschen, mitten in dieser Welt.

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