Ich bin wer – ich bin ich!

Es gibt ganz schön ärgerliche Texte in der Bibel. Einen davon haben wir eben gerade gehört. Gott, beschrieben als harter Mann, der einen seiner Knechte hart bestraft. Gott ein ungerechter Mann, einer, der dann letztlich doch nur auf das schaut, was wir tun? Oder tun wir Gott gerade Unrecht, weil wir wieder einmal vordergründig bei der Geschichte stehen bleiben und schnelle Urteile fällen?

Also wieder einmal: Zeit nehmen und biblische Gedanken wirken lassen. Ohne das geht es nicht. Gott verstehen, die Bibel verstehen, das braucht eben Zeit. Wobei man sicher sagen muss, beide wird man nie ganz verstehen. Es werden immer Fragen bleiben, aber das macht die Beschäftigung mit beiden immer wieder spannend. Jesus erzählt also von drei Menschen. Jeder von ihnen bekommt etwas anvertraut: der eine 5, der zweite 2 und der letzte ein Geldstück. Im griechischen heißt das Talanton und es klingt das uns bekannte Wort Talent an.

Das könnte für uns eine Einstiegsmöglichkeit sein, diesem Geschehen näher zu kommen. Da hat einer viel bekommen, ein Multitalent sozusagen. Und mögen diese Multitalente auch nicht so reich gesät sein, es gibt in unserer Umgebung immer solche, die vieles können, die einfach ganz viel Möglichkeiten sehen, sich im Leben zu behaupten und auch die entsprechende Anerkennung zu bekommen. Und wer so beschenkt ist, dem fällt das Leben leicht, der kann ohne Mühe daraus etwas machen, hat damit auch viel von seinem Leben. Er ist ein Gewinn für andere und hat Gewinn für sich selbst davon. Aus 5 Talenten werden 10 und hätte noch mehr Zeit gehabt, es wären sicher noch mehr daraus geworden.

Und dann ist da der zweite, der zwei Geldstücke bekommen hat. Nicht viel, aber doch ein Anfang aus dem man etwas machen kann. Durchschnitt eben, nicht zu viel an Gaben, aber auch zu wenig an Gaben. Angesehen ohne herausgehoben zu sein, so möchte ich diese zweite Person einmal beschreiben. Es ist ein Mensch mit Grenzen, aber nicht begrenzt, er hat Möglichkeiten das eigene Leben zu gestalten und daraus mehr zu machen. Auch er verdoppelt beim Einsatz der Gabe letztlich das zu Beginn erhaltene.

Und dann ist da der dritte. Ein Geldstück bekommt er – aus seinen Augen "mehr nicht". Mit dieser einen Gabe soll er nun leben. Was ist das schon? Nichts. Man schaue sich die anderen an, was die alles können, was die alles auf die Beine stellen, was die alles zurückbekommen. Und ich, was bin ich dagegen. Klein, mickerig, unbedeutend. Und dann ist da auch noch dieser Hausherr, der wiederkommt, der etwas sehen will. Grauselige Vorstellung, wenn der wiederkommt und nichts vorfindet. Und so nimmt er sein Geldstück und vergräbt es. Wegpacken, es nicht sichtbar werden lassen, dann kann es mir niemand nehmen, dann ist es nicht verlierbar, nicht angreifbar, dann kann ich es am Ende unversehrt herausholen und wieder vorweisen.

Und dann kommt dieser Herr, will Rechenschaft für das anvertraute Vermögen. Die eh viel haben, können auch viel vorweisen, aber der mit dem einen Geldstück, mit dem einen Talent? In einer lange Rede versucht er sich zu verteidigen, versucht er sich zu rechtfertigen, warum er nur dieses eine Talanton zurückgeben kann. Angst vor der Härte des Mannes, Angst vor der Härte Gottes, vor einem ungerechten Gott. Ihm wenigstens zurückgeben, was er anvertraut hat, das war das einzige Ziel dieses Mannes. Doch dafür wird er bestraft.

Soll so das Leben aussehen, dass am Ende der Herr kommt und in dieser Weise Rechenschaft fordert? Ist das die Situation vor Gott? Ja und Nein. Jesus erzählt Gleichnisse, nicht damit er etwas festschreibt, oder damit er Menschen Angst macht. Das ist nie Sinn und Ziel seiner Erzählungen. Sondern er will Menschen dahin führen, das eigene Leben neu zu sehen, es zu verändern, es in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Zielpunkt dieses Gleichnisses ist ja der, der sein Geldstück vergraben hat. Die anderen beiden stehen für das Lebensumfeld desjenigen, der dieses eine Geldstück erhalten hat. Was ist das für ein Mensch?

Ich denke jemand, der in uns auch immer wieder steckt. Es ist die Seite in uns, die sich selber klein macht und die anderen größer. Und das gibt es ja immer wieder, dass wir uns selber als besser ansehen: das fängt ja schon im Kindergarten an, die anderen können vieles wie von selbst, sind besser in dem und in dem. Und in der Schule: die anderen haben mehr, die Eltern geben mehr, sie haben einfach mehr Möglichkeiten. Und dann als Jugendliche, wie kritisch sehen wir uns selber: ich bin nicht schön genug. Die anderen sind viel schöner. Aussehen, Besitz, Anerkennung durch anderen, so sein wie die anderen, im Vergleich stehen mit den anderen, nirgendwo sonst als im Jugendlichenalter ist das wichtig. Und das geht weiter bis in den Beruf, wo es immer wieder Menschen gibt, die alles besser können, die einfach besser sind, die mehr haben und die darum angesehener. So sein wie die anderen, das wäre es, aber so bin ich nicht. Ich kann nicht so viel, ich bin nicht so viel, ich bin eigentlich nichts. Also verstecke in mich, verberge mich, mache am Rand mit, aber mehr dann bitte auch nicht. Das Geldstück vergraben, dann geht es nicht verloren, aber ja nicht das Risiko eingehen, es einzusetzen. Was da alles passieren kann! Nein danke. Ich nicht. Und wenn man dies so hört, dann wird deutlich, dass hier ein Mensch redet, der sich selber aufgibt, der gerade noch sich selber rettet, aber dann ist auch schon Schluss. Das eine Talanton über die Runden bringen, das soll es sein, aber mehr nicht. Jesus will mit seinem Gleichnis den Menschen helfen da raus zukommen. ES klingt recht hart, ja fast brutal, aber nur so scheint er diesen Menschen aufrütteln zu können. Du bist ein harter Mann, so hat dieser Mensch gesagt, du bist ein harter Mann und ich hatte Angst. Ja und genau diese Angst hat dann dazu geführt, dass dieser Mann sein Talent vergraben hat. Er konnte es zurückgeben, keine Frage, aber er hat eben damit sich selber vergraben, vergraben in dem ewigen: ich bin zu wenig, ich habe zu wenig und das Schicksal ist ungerecht. Und so kann man sein Leben lang vor sich hin klagen, um am Ende dann buchstäblich nichts in den Händen zu halten als ein vertanes, leer gebliebenes, lebendig vergrabenes Leben.

Und nun sagt Jesus: Gott wird am Ende der Tage alles verstehen, aber nicht diese ewige Angst! Denn mit ihr tust du dir selber Unrecht; und du tust Gott Unrecht! Und das hat er nicht verdient. Heulen und Zähneklappern wird das Ende bestimmen, weil darin dann sichtbar wird, wie das eigene Leben vertan wurde, wie es einfach zugeschüttet wurde mit Gedanken, die bestimmt waren von Urteilen der anderen, von der Meinung, man müsse so sein wie die anderen. Aber es wird deutlich: es geht nicht um die anderen, es geht um dich. Die anderen haben 5 oder 2 Talente erhalten, gut. Aber das sind die anderen. Du hast 1 Talent erhalten. Was machst du damit? Frage nicht danach, was die anderen haben und tun, das ist nicht dein Leben. Du hast dein Talent, deine Gabe von Gott erhalten und nun setze sie ein. Lass dein Leben nicht bestimmen von den anderen, sondern von dem, der dir dieses Leben so geschenkt hat, wie es ist, der es dir anvertraut, mit den Gaben, die er für dich bereit hat. Diese möchte er eingesetzt wissen, möchte daraus etwas gemacht haben. Aber nicht das was die anderen erhalten haben oder mit den Talenten erwirtschaften können, sondern das was dir eigen ist, was zu deinem Leben dazugehört, was du bist und was dich ausmacht. Der sein Talent vergräbt, der vergräbt ein Geschenk Gottes. Wer die anderen groß macht und sich dadurch klein, der macht nicht Gott, sondern nur Resignation und Angst groß, dessen Leben ist eines, das dann, wenn man es erkennt bestimmt sein wird von Finsternis und Heulen und Zähneklappern, denn man wird erkennen, dass man das eigene Leben, das wirklich je eigene, zu mir als Mensch zugehörige Leben vergräbt, unsichtbar macht und so den Reichtum des Lebens verhindert. Wer sich nur nach dem Maßstab der anderen bemisst und das dann womöglich auch noch Gott vorwirft, der wird ungerecht, der wird weder dem eigenen Leben, noch den anderen Menschen noch Gott letztlich gerecht, er wird eben ungerecht.

Jesus hat dieses Gleichnis erzählt, um Menschen wirklich zu sich selbst zu führen. Er will ihn wegführen von dem Urteil: wie stehst du da, wenn du dich mit diesem und jenem vergleichst, wenn du falschen Erwartungen hinterher läufst? Nein, es geht um das Urteil Gottes, das von all diesen Maßstäben und Erwartungen unabhängig ist. Es geht letztlich darum, sich selbst zu entdecken, sich selbst als wichtig anzuerkennen, mit dem, was Gott uns mitgegeben hat. Das mag weniger sein als andere haben, aber es ist nicht weniger vor Gott. Es ist das, was er für uns und von uns will. Martin Buber erzählt in einer kleinen Geschichte folgendes: Rabbi Sussja sagt: Wenn es darauf ankommt, wird Gott mich nicht fragen, warum bist du nicht Abraham oder Mose gewesen, sonder er wird mich fragen: Warum bist du nicht Rabbi Sussja gewesen? Warum bin ich nicht ich gewesen? Es ist sicher schwer herauszufinden, wer wir wirklich sind. Wir fragen es uns ja oft selber und in verschiedensten Lebensphasen wird diese Frage immer sehr bedrängend und dann stehen wir manchmal ohne klar Antwort da. Das ist sicher nicht falsch und auch nicht verwerflich. Aber falsch ist sicher, wenn wir uns selber fragen: warum bist du nicht so wie die anderen? Das will Gott nicht. Wir sollen nicht sein, wie die anderen, wir sollen wir selber sein, so wie wir sind, so wie Gott uns geschaffen und gewollt hat. Mit diesem Pfund sollen wir wuchern, dieses Talent sollen wir einsetzen für uns und ihn. Und vielleicht hilft uns auch noch eine andere Geschichte, dies für uns umzusetzen:

Am Hofe gab es starke Leute und gescheite Leute, der König war ein König, die Frauen waren schön und die Männer mutig, der Pfarrer war fromm und die Küchenmagd fleißig – nur Columbin war nichts. Wenn jemand sagte: Komm, Columbin, kämpf mit mir, sagte er: Ich bin schwächer als du. Wenn jemand sagte: Wie viel gibt zwei mal sieben? sagte Columbin: ich bin dümmer als du. Wenn jemand sagte: Getraust du dich über den Bach zu springen? sagte Columbin: Nein, ich traue mich nicht. Und wenn der König fragte: Columbin, was will du werden? antwortete Columbin: ich will nichts werden, ich bin schon etwas: ich bin Columbin.

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