Ich bin bei euch alle Tage!

Das Wichtigste kommt oft am Schluss. Am Ende eines Buches oder eines Briefes oder auch eines Gespräches steht oft das eigentlich Wichtigste. Es wird noch einmal zusammengefasst, worum es geht.

Und die letzten Worte, die Jesus am Ende des Matthäusevangeliums spricht, sie klingen wie eine Melodie, wie eine Melodie, die unser Herz anrührt und die wir vielleicht nie endgültig begreifen werden, die letzten Worte, die Jesus spricht, sie sind tröstlich und gewaltig:
„Siehe ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.“

„Siehe ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ Sie, wir alle, du und ich, wir sind und werden niemals ganz allein sein. Wir brauchen uns niemals verloren fühlen, ganz und gar hilflos, vom Schicksal verschluckt und allein gelassen. Gott ist durch Christus ist immer bei uns, immer, alle Tage, alle unsere Tage, von morgens bis abends, vom Aufwachen bis zum Einschlafen und auch des Nachts, alle Tage von heute bis zu unserem letzten, vielleicht unter großen Qualen hervorgebrachten Atemzug: Christus ist da, bis ans Ende der Welt.

Als Jesus seinen Jüngern dieses Versprechen gab, damals, auf dem Berg Sinai, als er ihnen noch einmal als der Auferstandene gegenüber trat da waren die, die es erlebten, überwältigt, mitgerissen, außer sich – sie „fielen vor ihm nieder“ heißt es im Bibeltext.

Und die Bibel bleibt realistisch. „Sie fielen nieder“ und ohne Komma geht der Satz weiter: „und einige aber zweifelten.“

Matthäus hätte diese Notiz vom Zweifel der Jünger auch wegfallen lassen können. Aber dann hätte etwas gefehlt, was entscheidend zu uns gehört.

Ich denke an eine Musikstudentin, die ich zu Beginn des Studiums kennen lernte. Es gibt so herrliche Momente, erzählte sie. Neulich kam ich aus der Orchesterprobe, ging allein nach Hause und schaute immer wieder in den Sternenhimmel. Ich war noch voll von Musik und alles war so atemberaubend schön. Ich fühlte das Glück in meinem Herzen pochend und wusste mich Gott so nah. Doch am nächsten Morgen brach der Streit mit meiner Vermieterin aus. Und dann rief Mutter an: Vater hatte gestern abend einen Herzinfarkt.

In schönen Augenblicken fühle ich mich so emporgehoben zu Gott. Aber immer dann, wenn es mir schlecht geht, wenn ich doch eigentlich auf Gottes Hilfe angewiesen wäre, dann verlier ich ihn aus den Augen, dann bin ich allein, ohne Hilfe.

Ich denke, wir alle kennen dieses Auf und Ab im Glauben. Es gibt Fragen, die sich immer wieder stellen, Zweifel, die ungefragt immer wieder kommen.

Der Zweifel lässt uns die Welt mit anderen Augen sehen: Wieso sollten wir heute einem Menschen vertrauen, der vor 2000 Jahren in irgendeiner römischen Provinz auf einem Esel durch die Gegend ritt und predigte.

Aber dieser eine hat behauptet: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Jesus Christus – das Zentrum der Welt.

Wie kann man daran glauben?

Und Zweifel können auch kommen, wenn wir den Zusammenhang, in dem Jesus sein Versprechen gab, berücksichtigen: Jesus sagt: Gehet hin in alle Welt … Das Reich Gottes sollte sich weiter ausbreiten, ausbreiten auf der ganzen Erde. Später bekam dieser letzte Abschnitt des Matthäusevangeliums von Theologen die Überschrift: Tauf- und Missionsbefehl.

Ich will nicht verschweigen, dass der Umgang mit diesen vorletzten und letzten Worten Jesu viel Unglück und Schmerzen mit sich gebracht hat.

Gehet hin in alle Welt, lehret sie halten, was ich euch befohlen habe, – dass taten unzählige Missionare, – und sie waren dabei wohl nicht nur von Liebe und Respekt vor dem nächsten getrieben.

Fremde Völker in Südafrika oder Lateinamerika und auf allen Teilen der Erde wurden als wilde, rohe Heidenkinder betrachtet. Sie sollte bekehrt und zivilisiert werden. Man stülpte ihnen den ausschließlich für wahr gehaltenen Glauben und damit zugleich die christlich-westlliche Kultur wie ein Korsett über. Die Vormacht der weißen Kolonialherren, die Ausbeutung der Bodenschätze und selbst die Sklaverei konnte man mit Bibelzitaten begründen.

Gehet hin in alle Welt, lehret sie halten, was ich euch befohlen habe, – taufet! Und man setzte unter Druck, folterte und quälte, um angeblich Seele zu retten: Willst du nicht getaufet sein, dann schlag ich dir den Schädel ein, so der Schlachtruf des Germanenmissionars Bonifatius.

Gehet hin in alle Welt, – Waffen wurden gesegnet, Eroberungsfeldzüge und Kriege wurden im Namen Jesu oder im Namen Gottes geführt bis auf den heutigen Tag. George Bush stellt sein Christentum offen zur Schau. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen bleibt die amerikanische Kriegspolitik fraglich.

Auch das ist ein Teil der Geschichte des Christentums, – leider, für nicht wenige eine nicht versiegende Quelle von Zweifeln und begründeten Vorbehalten.

Wir alle wissen, dass die Sache Jesu immer wieder bewusst missverstanden und geradezu auf den Kopf gestellt wurde. Aber die menschlich allzumenschliche Geschichte der christlichen Kirchen wäre schon längst Bankrott gegangen, wenn nicht immer wieder und wieder und wieder und wieder einzelne herausragende Persönlichkeiten und unzählige Gläubige zu Jesus Christus selbst zurückgefunden hätten.

Jesus selbst hat niemals Dogmen oder moralisch erzieherische Normen aufgestellt.
Jesus ist vor allem einzelnen Menschen persönlich begegnet, hat sich ihr Leben hineinmeditiert, hat gespürt, was ihnen gut tut, hat ihr Herz für die Liebe geöffnet.

Und er hat mit seinen letzten Worten versprochen, als der Auferstandene bei uns zu sein.

Vielleicht entfalten Jesu Worte erst in ausweglosen Situationen ihre volle Kraft: Siehe, ich bin bei euch. – Was kann damit gemeint sein.

Dietrich Bonhoeffer starb am 9. April 1945 im KZ-Flossenburg den Tod am Galgen. 6 Monate war er zuvor Gefangener im Gestapo-Keller in der Prinz-Albrecht-Straße.

Er nahm in diesen Gefängnismonaten Abschied, litt mit seinen Freunden und seiner Familie und seiner Verlobten.

Das Wichtigste, Bedeutendste, kommt oft am Schluss. Mit seinen letzten auf Papier festgehaltenen Worten, die er kurz vor der Jahreswende aufschrieb, beschloss Bonhoeffer, was er je zu sagen gehabt hatte. Viele von uns sind mit diesen schlichten wie tiefsinnigen Worten vertraut.

Seine ganz einfachen Worte sind getragen von unpathetischer Glaubensgewissheit auch in bösen Tagen und getroster Annahme des ganzen Lebens.

Wenn ich Bonhoeffer Worte höre, spüre, dass Jesus sein Versprechen hält, bei uns zu sein, alle Tage, bis ans Ende der Welt.

Bonhoeffer schreibt:Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Daran können wir glauben, dass lasst uns fest halten. Aber fragen wir noch weiter: Was genau meint Bonhoeffer mit „guten Mächten“?

In seinem letzten Brief an seine Braut Maria von Wedemayer, kurz vor Weihnachten 1944 geschrieben, beschreibt Bonhoeffer seine „guten Mächte“.

„Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und meine Studenten an der Front, sie alle sind für mich stets gegenwärtig. Deine Gebete, gute Gedanken, Worte aus der Bibel, längst vergangene Gespräche, Musikstücke und Bücher – all das gewinnt Leben und Realität wie nie zuvor. Es ist eine große unsichtbare Welt, in der man lebt. An ihrer Realität gibt es keine Zweifel. Wenn es in dem alten Kirchenlied von den Engeln heißt: zwei, um mich zu decken; zwei, um mich zu wecken – so ist die Bewahrung durch gute unsichtbare Mächte am Morgen und in der Nacht etwas, das Erwachsene in diesen Tagen genau so brauchen wie Kinder. Darum solltest du nicht denken, ich wäre unglücklich. Was ist Glück und Unglück? Es hängst so wenig von den Umständen ab. Es hängt eigentlich nur von dem ab, was im Menschen vorgeht. Täglich bin ich dankbar, dass ich dich habe. Dass macht mich glücklich.“

Die guten Mächte sind spürbar und wirksam, wenn wir uns der vielfältigen Art und Weise der Liebe versichern, die uns mit Gott und den uns liebgewordenen Menschen versichern. Gott ist Liebe, heißt es im ersten Johannesbrief. Er hat uns durch Jesus versprochen bei uns zu sein, alle Tage.

Was Glück, was Unglück ist, das hängt laut Bonhoeffer von dem ab, was in mir vorgeht.

Ein Mitgefangener, der ebenfalls zum Tode verurteilt war, bat Bonhoeffer, für ihn persönlich ein Gebet aufzuschreiben. Bonhoeffer vertraute darauf, dass Gott durch Jesus bei uns ist. Mit einem Auszug aus diesem Gebet beschließe ich die Predigt:

Herr Jesus Christus,

Du warst arm
Und elend, gefangen und verlassen wie ich.
Du kennst alle Not der Menschen,
Du bleibst bei mir,
wenn kein Mensch mir beisteht.
Du vergisst mich nicht und suchst mich.
Du willst, dass ich dich erkenne und mich
Zu dir kehre.
Herr, ich höre deinen Ruf und folge,
hilf mir!

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