Hosianna – hilf doch!

Hosianna, liebe Gemeinde! –

Hosianna ist hebräisch heißt übersetzt soviel wie: "Hilf doch!" – Ein Bittruf in äußerster Not. Wie kann das sein? Ist es etwa ein trauriger Anlass, wenn Jesus in die Stadt Jerusalem einzieht? Unser Predigtwort spricht da doch wohl eine andere Sprache: die Leute jubilieren: gelobt sei, der da kommt. Sie breiten ihre Kleider aus und legen Palmzweige auf den Boden, damit der Herr der Herrlichkeit einziehen möge in ihre Stadt. Freilich weiß nur einer, welchen Weg er da beginnt, sobald er Jerusalem betritt. Der glanzvolle Einzug endet für Jesus mit dem Tod am Kreuz, leidend und ebenfalls wieder in einem Bittruf endend: "Mein Gott, mein Gott: warum hast du mich verlassen?" Die Menschen aber, die ihn umgeben, die auf ihn hoffen, konnten das nicht absehen, denn diese Menschen lebten – genau so wie wir heutigen Menschen es auch tun – im Augenblick. Nur ganz selten in unserem Leben bekommen wir eine Ahnung wie ein Geschenk, eine Ahnung, in der wir das Ganze sehen dürfen, eine Ahnung, in der wir die Zusammenhänge, die unser Leben durchziehen wie Blutgefäße unseren Körper, in der wir diese Zusammenhänge begreifen und einen Einblick bekommen in den Sinn und die Aufgabe unseres Lebens. Ansonsten leben wir – auch als Christen – wie diese Menschen damals in der Zeit, gebunden an Äußerliches, unsere kleinen Sorgen und Ängste, unsere Unmöglichkeiten und vermeintlichen Notwendigkeiten, die wir so mitschleppen. Und diese Menschen damals, freuen sich, als Jesus bei ihnen einzieht und sie loben Jesus, ja ich stelle mir vor, dass sie singen und tanzen vor den Tor, durch das Jesus einzieht: da kommt einer, von dem sie schon viel gehört haben, einer der erstaunliche Dinge tun kann: Menschen heilen, Leute zur Umkehr bewegen und so reden, dass es einem ans Herz geht. Und wir Heutigen freuen uns mit diesen – wir stehen am Anfang eines neuen Kirchenjahres – das Dunkle und der Schmerz des letzten Sonntags sind vorbei: wir loben Gott, denn wir wissen – in der Adventszeit bereiten wir uns vor, das Ereignis zu feiern, das schließlich zur Befreiung der Menschen geführt hat, nämlich die Geburt Jesu Christi und damit Gottes Möglichkeit, uns Menschen so nahe wie noch nie zu kommen. Wir sehen es bereits auch schon auf unseren Straßen und in unseren Fenstern, auch in unserer Kirche hier: die Adventszeit hat begonnen, die Menschen stellen sich auch äußerlich darauf ein und sind ganz im Augenblick in der Vorfreude aufgegangen, ganz wie die Menschen damals. Und, liebe Gemeinde, sie loben Gott eben mit diesem alten Bittruf: "Hosianna". Vielleicht ging es ihnen damals schon so, wie uns heute auch, dass sie eigentlich nicht mehr wussten, was sie da sagten, nämlich: "Hilf doch" und es nur noch als Freude und Jubel auffassten. Aber mit der Aufnahme der alten Formel haben sie sich – möglicherweise unbewusst – etwas aufbewahrt von dem tieferen Sinn, der in Jesu Einzug in Jerusalem steckt. Die Freude macht nämlich nur Sinn, wenn Jesu Weg auch zu Ende gegangen wird, wenn er tatsächlich am Kreuz stirbt und wieder aufersteht. "Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist auch unsere Predigt vergeblich, so ist auch unser Glaube vergeblich." – so sagt es zumindest der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief. Ähnlich drückt es unser Kirchenjahr aus, durch das wir Sonntag für Sonntag geleitet werden – wissen Sie eigentlich noch, liebe Gemeinde, dass unsere Adventszeit auch eine Buß- und Fastenzeit ist? Sie werden es merken, wenn wir ab nächstem Sonntag nicht mehr das Glorialied singen! Auch hier wird etwas aufbewahrt von dem alten Wissen, dass der innerste Grund zur Freude, die Befreiung von einem großen und echten Leid ist und dass zur dieser Befreiung noch einmal – ein letztes Mal – ein einziger leiden und sterben muss, damit alle gerettet werden. Wer da leidet, ist klar: es ist Gott selbst, der für uns eintritt. Gott selbst, der uns die Brücke zu ihm hin baut, weil wir selber es nicht schaffen können. Dieser Gott kommt zu den Menschen, er zieht bei ihnen ein – er kommt zu ihnen in einer denkbar merkwürdigen Aufmachung: auf einem Esel, auf einem Tier also, das nach dem alten Gesetz des Mose eigentlich ein unreines Tier für die Juden war. Und Gott der König kommt in der Gestalt eines Menschen. Eines Menschen, wie wir auch welche sind. Begrenzt in unserem Körper, angefochten durch unseren Geist. Bis auf die Tatsache, dass dieser Mensch ohne Sünde war, hat er doch die gleichen Bedingungen im Leben erfahren, wie wir alle auch. Und in diesem Menschen, auf einem unreinen Tier, den Weg des Leides wissentlich beginnend, kommt Gott dennoch als König, als Sieger über den Tod, über das Leiden über die Sünde. Dass Gott König ist sehen wir auch hier in unserer Kirche mit unserem Adventskranz, der die Krone des Königs nachempfindet.

Und was ist mit uns, liebe Gemeinde, die wir diesen Weg Jesu Jahr für Jahr nachfeiern? Wir leben in einer Art Zwischenzeit und in einer Art Zwischenstand. Wir sind nicht mehr, wie die Menschen damals unwissend, was den Weg, den Jesus gehen muss, anbetrifft. Aber wir sind auch noch nicht geworden wie dieser König, der dort einzieht. Wir sind etwas dazwischen: wir sind Gottes Kinder geworden durch Jesu Tat am Kreuz, damit sind wir Königskinder geworden, die schon von dem Glanz, der von Gottes Thron ausgeht, wissen und ihn ab und zu auch sehen können, aber noch stehen wir nicht in seinem Heiligtum und noch sitzen wir nicht mit ihm an einem Tische. Wir können uns also – so denke ich – mitreißen lassen von der Freude, von eben jener Freude, wie sie die Menschen damals in Jerusalem erfahren haben, wir können singen und tanzen, lachen und essen und so tun, wie jeder tut, der ein Fest besucht. Das heißt: wir dürfen ganz und gar auch in diesem Augenblick leben. Aber eines wird mit dabei sein: die Freude wird tiefer sein und einen Grund haben, der über den Augenblick hinausgeht: diese Freude wird ihren Anker haben in dem Wissen um die Not, der wir immer noch ausgesetzt sind, obwohl sie schon grundsätzlich beseitigt wurde. Diese Freunde wird also den Augenblick übersteigen, denn sie bezieht ihre Kraft auch aus der Zukunft, der wir Christen entgegen gehen. Der Zukunft, der wir hier in unserem Leben entgegengehen, mit unseren beschränkten Möglichkeiten, mit unserem Leiden, mit dem, worin wir versagt haben und woran wir gescheitert sind. Und damit, liebe Gemeinde, hat unsere Freude zu Advent einen weiteren Bogen und eine größere Tragkraft: diese Freude verpufft nicht, wenn das Fest vorbei ist und man sich am nächsten Tag vergeblich zu erinnern sucht, weshalb man eigentlich noch mal gefeiert hat. Und diese Freude ist eine Freude, die Bestand haben kann, auch, wenn sie Trauriges bedenkt. Eine Freude, die auch fähig ist, sich zu beschränken: denken Sie nur – die Christenheit bringt es fertig, eine Freunden- und eine Fastenzeit zugleich zu denken und zu leben. Diese Freudenzeit, liebe Gemeinde wird auch noch anhalten und Sie in Ihrem Leben bewahren, wenn die Nikoläuse und Weihnachtsmänner schon längst wieder Staniol-entkleidet neu umfasst werden mit den Osterhasen-Aufdrücken oder – wenn noch früher – kaum Weihnachten vorbei, die letzten Beschwörungen dieses Festes der Liebe aus den Auslagen verschwinden, weil sie Waffen und Raketen für die Kalenderjahreswende Platz machen müssen.

So können wir getrost singen – wissend um all diese Begebenheiten: "Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!"

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