Hoffnung im Leid

Liebe Gemeinde!

„Wir wollen Jesus sehen!“ Das sagen einige extra nach Jerusalem gereiste Griechen zu den Jüngern Jesu in dem Predigttext aus dem Johannesevangelium, den wir eben gehört haben.

„Wir wollen Jesus sehen!“ Was haben die sich davon erhofft damals? Was haben sie erwartet, was sie zu sehen kriegen würden? Einen großen Wunderheiler? Einen begnadeten Prediger? Einen kämpferischen Revolutionär? Einen verständnisvollen Seelsorger? Eine besondere Lichtgestalt? Einen Menschen, der Kontakt zu Gott hat und der einem solchen Kontakt vermitteln kann?
Wir wissen es nicht, was sie erwartet haben. Sicherlich hatten sie schon viel von Jesus gehört. Und nun wollten sie ihn eben auch mal sehen. Aber sie kriegen ihn nicht zu sehen! Die Jünger lassen sie nicht zu Jesus. Es geht ihnen so wie uns, denn wir können Jesus auch nicht sehen.

Wir hätten ihn sicher auch gern mal gesehen, um uns ein eigenes Bild von ihm zu machen. Wahrscheinlich hätte uns eine solche Begegnung auch restlos überzeugt von der Wahrheit seiner Botschaft. Oder wir hätten uns vielleicht verwundert von ihm abgewandt, was das für ein Spinner ist. Und seine Mission war ja nun auch zunächst nicht unbedingt von Erfolg gekrönt, sondern er wurde abgelehnt und hingerichtet. Und genau das ist das, was auch wir heute in erster Linie von ihm vor Augen haben: sein Kreuz. Fast allgegenwärtig symbolisiert es für uns den Kern des christlichen Glaubens, obwohl es eigentlich ein Zeichen das Scheiterns und der Schwäche ist. Martin Luther hat das auch einmal so schön in Worte gefasst: Was wir von Gott sehen können, das ist seine Rückseite, sein Scheitern, sein Kreuz.

Wir würden doch aber auch gerne mal seine Vorderseite sehen, seinen Glanz, seine Überzeugungskraft, seine Wahrheit, seine lebensschaffende Kraft, seine liebende, aufbauende und mutmachende Art, seine gute Seite. Aber die ist uns verborgen, sie erschließt sich uns nur im Glauben, im Vertrauen auf Jesu Worte und Taten, dass sie auch für uns gelten sollen und auch uns helfen sollen. Da ergeht es uns nicht anders als den Griechen damals in Jerusalem, die zu den Jüngern Jesu kamen und zu ihnen sagten: „Wir wollen Jesus sehen!“

Aber Jesus lässt ihnen und uns ein Gleichnis zukommen, dass uns über das Nichtsehen hinweghelfen soll, dass aus Nichtsehenden Hoffende machen kann. Und gerade jetzt im Frühling macht dieses Gleichnis durchaus Sinn und wir sehen tagtäglich seine tiefe Wahrheit und große Kraft um uns herum: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Das sollte ja wohl eine Anspielung auf seinen eigenen Tod sein. Und damit wollte er ja wahrscheinlich zum Ausdruck bringen, dass es uns (und den Griechen damals) gar nichts nützt, den großen Wunderheiler persönlich zu sehen, weil auch er sterben muss und dann nicht mehr da ist. Aber aus seinem Sterben wächst etwas Neues hervor, aus seinem Tod lässt Gott eine ganz neue Art von Leben hervorgehen. Und die kann man eben noch nicht sehen, die kann man nur glaubend erfahren. Die Menschen damals müssen jedenfalls eine unglaublich ansteckende Hoffnung und Freude ausgestrahlt haben nach Jesu Tod und Auferstehung, sonst hätte sich das Christentum mit Sicherheit nicht so sehr verbreitet und hätte nicht über 2000 Jahre unsere Kultur so prägen können.
Und trotzdem fällt es uns oft schwer, diese Hoffnung und diese Freude in uns zu spüren und aufrechtzuerhalten. Denn was wir sehen um uns herum ist Scheitern und Tod, viel Leid und Elend. Was wir immer wieder sehen und erleben müssen ist das Scheitern unserer Lebenserwartungen unserer Wünsche und Hoffnungen. Ich komme ja nun zu vielen Leuten, und es erstaunt mich immer wieder, was die schon alles erlebt haben. Ich treffe kaum jemand, der nicht schon großes Leid in seinem Leben erlebt hat: das viel zu frühe Sterben des Partners, den Verlust der Tochter, eine schwere Krankheit, einen bösen Streit mit den Nachbarn, eine große Enttäuschung, die einem jemand aus der Familie verursacht hat, der gefallene Bruder, die Vertreibung aus der Heimat in frühster Jugend usw. Wir wollen das gerne alles festhalten: unsere Vorstellungen und Träume von einem sinnvollen und gelingendem Leben. Wir wollen uns liebgewordene Menschen nicht hergeben, wir wollen unseren Arbeitsplatz behalten, wir wollen unseren Reichtum nicht einschränken, wir wollen das Bild, was wir von unserem Partner hatten, nicht ändern müssen, wir wollen die Hoffnungen, die wir in unsere Kinder gesetzt hatten, nicht frühzeitig aufgeben. Wir wollen das alles nicht loslassen und hergeben. Aber wir können es nicht festhalten. Was wir sehen und erleben, ist das Scheitern unserer Friedensbemühungen, dass unsere Gebete für den Frieden nicht erhört wurden, dass wir viele liebgewordene Vorstellungen aufgeben müssen, dass wir an unseren guten Vorsätzen scheitern. Und da soll man dann nicht verzweifeln! Viele von uns versuchen das Leid und die Enttäuschungen zu verdrängen und ihnen keine weitere Beachtung zukommen zu lassen. Irgendwie wird es schon weitergehen. Ich darf bloß nicht aufgeben. Aber auch das ist eine nur etwas andere Art von verzweifeltem festhalten wollen.

Das Gleichnis Jesu spricht von etwas anderem, was wir eben jetzt oft noch nicht sehen können, was aber trotzdem passieren wird, was auch schon in uns und unserer Welt trotz allen Leids angelegt ist. Wir begraben unsere Hoffnungen und Träume, aber es soll trotzdem etwas Neues daraus hervorwachsen, etwas noch schöneres und besseres und haltbareres und etwas mit mehr Wirkung (Frucht/Früchten). Wir können dem Leid nicht aus dem Weg gehen, es trifft uns, ob wir wollen oder nicht, mit und ohne Glauben, mit und ohne Jesus. Und wir sind auch nicht die, die unser eigenes Leben geschaffen haben, es erhalten können. Wir sind nicht die, die neues Leben schaffen können. Aber: es soll trotzdem entstehen, es wächst von allein, es ist schon in diesem Leben alles angelegt, es soll schon jetzt anfangen zu wachsen, und was daraus werden soll, ist mehr oder weniger schon festgelegt: eine im Vergleich zu ihrem kleinen unscheinbaren Samenkorn große, schöne, fruchtbringende Pflanze.
Leiden und Sterben ist nicht das, was Gott will! Wir suchen das Leiden und Sterben nicht, aber wir kommen auch nicht daran vorbei, wir kommen nur durch es hindurch zu einem anderen und neuen Leben – jetzt und dann – hier und dort. Das ist die Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu, die er selbst in diesem Gleichnis so schön zusammenfasst und auf den Punkt bringt. Das neue und andere Leben jenseits von Leiden und Tod ist schon in uns angelegt und soll auch schon jetzt in uns zur Entfaltung kommen, wenn wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir das alles selbst machen und erledigen können, wenn wir lernen loszulassen. Deshalb ist das Kreuz für uns ein Zeichen der Hoffnung, weil wir Gott zutrauen, dass er aus Leiden und Tod neues Leben entstehen lassen kann. Und das erlebe ich auch bei meinen vielen Besuchen, dass wir im Leid nicht allein gelassen sind, sondern gerade da, oft Gottes Nähe spüren, die uns neue Hoffnung gibt. Diese Hoffnung ist das wertvollste in unserem Leben und wir müssen alles tun, um sie zu neuem Leben zu erwecken und zu erhalten – nicht unbedingt für uns selbst, das ist oft sehr schwierig, sondern für andere. Nur zusammen können wir uns gegenseitig diese Hoffnung erhalten.

Wir sollen nicht uns selber oder anderen unnötige Leiden zufügen, um womöglich das Wachstum des neuen und besseren Lebens zu beschleunigen. Das möchte ich noch mal ganz ausdrücklich betonen – gerade angesichts dieses schrecklichen Kriegs im Irak. Wenn dabei irgendwas positives bei rauskommt, was ich jetzt auch noch überhaupt nicht sehen kann, dann viel eher trotz des verdammten Kriegs und nicht wegen. So ein Krieg ist zunächst kein Samenkorn aus dem neues Leben entstehen kann, sondern verbreitet ausschließlich Leid und Tod, nicht viel besser als Saddam Hussein und Osama bin Laden das bisher gemacht haben. Und ich glaube, dass man in Zukunft nur ohne solche Kriege zu mehr Sicherheit und Gerechtigkeit kommen kann. Das wird die Zeit nach dem Krieg dann ja zeigen.

Wir sind nicht dazu beauftragt, das Leiden zu fördern, um dadurch neues und anderes Leben zu ermöglichen! Wir sind dazu beauftragt, gegen das Leid zu kämpfen und es vor allem für andere in Grenzen zu halten, auch wenn wir wissen, dass es sich nicht ganz verhindern lassen wird und wir wissen, dass wir nicht die sind, die ein besseres und haltbareres Leben garantieren können. Jesus selbst fügt deshalb seinem Gleichnis folgende Worte hinzu und sagt das so:
„Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“
Ich denke, wenn wir Jesus nachfolgen wollen, sollten wir lernen, von uns selbst abzusehen und mehr für andere dazusein. Um noch ein mal Martin Luther zu zitieren, der einmal gesagt hat: „Wir sollen unseren Nächsten zu Christussen werden.“ Das heißt wir können uns daran beteiligen, das Leiden zu vermindern und den Boden zu bereiten, dass neue Hoffnung entstehen kann. Wir können mit dazu helfen, dass keiner in seinem Leid allein gelassen ist und dass er neue Zuversicht durch uns zu spüren bekommen kann. Denn nicht nur aus meinem kleinen Samenkorn von Leben soll eine schöne fruchtbringende Pflanze hervorwachsen, sondern diese Hoffnung soll eben auch für meinen Nächsten gelten. Diese Hoffnung verbinde uns neu untereinander als Christen, die wir Vertrauen haben, dass Gott aus dem Tod neues Leben entstehen lassen kann.

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