Höre, Israel, höre Christenheit!

Liebe Gemeinde!

Was für uns das Vaterunser, das ist für die Juden das "Höre Israel", das Sch’ma Jisrael, wie es auf Hebräisch heißt und mit dem unser Predigttext beginnt. Fromme Juden sprechen bis heute diese beiden Sätze morgens, wenn der Tag beginnt, oft auch abends, wenn der Tag endet. Sie ziehen buchstäblich diese Worte an. Sie haben lederne Gebetsriemen. Kleine Lederkapseln hängen an den Streifen. In jeder Kapsel steckt ein Pergamentkügelchen. Darauf steht das "Höre Israel". Diese Gebetsriemen binden sich fromme Juden über die Hände und vor die Stirn. Denn so steht es ja in unserem Text: "Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein…" (V.8) Und natürlich hängen sie auch an die Türpfosten der jüdischen Häuser. Und natürlich werden sie den jüdischen Kindern eingeschärft.

Es ist das Bekenntnis der Juden schlechthin. Es gab Hilfe und Trost, als mit deutscher Gründlichkeit in wenigen Jahren sechs Millionen Juden umgebracht wurden. Oft wird berichtet mit welcher Inbrunst das "Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein…" gebetet wurde.

Bei der Beschäftigung mit diesem Bekenntnis wurde mir klar, dass ich mich so ohne weiteres nicht einschleichen kann in diese Verse, dass ich in ihnen so einfach nicht wohnen kann wie in einem für mich gebauten Haus. Denn ich bin Christ und kein Jude. Ich gehöre nicht zum Volk Israel, sondern zum Volk der Christen, das oft, viel zu oft, mit dazu beigetragen hat, dass den Juden Unrecht, Leiden und Tod zugefügt wurden. Warum? Ich vermute, weil wir die Verwurzelung des Christentums im Judentum nicht wahrhaben wollten; weil es uns oft unangenehm war, dass Jesus aus diesem Volk kam, dass auch er ein Jude war, der natürlich in diesem Haus des "Höre Israel" wohnte.

Im Markus – Evangelium wird die Begegnung Jesus mit einem Schriftgelehrten festegehalten (Mk 12,28-34):

28 Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? 29 Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften" (5. Mose 6,4-5). 31 Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

An dieser Begegnung Jesu mit einem Schriftgelehrten ist mir wichtig, wenn Jesus das "Höre Israel" als höchstes Gebot zitiert, dann gilt es auch für uns. Durch Jesus gehören wir dazu und durch ihn bleiben wir mit den Juden, mit ihrem einen Gott untrennbar verbunden. Jesus nimmt uns also in diesen Raum des Hörens hinein. Denn der Glaube kommt aus dem Hören, sagt Paulus. Und Luther schreibt: "Das Wunder des Hörens sind viel größer als die des Sehens." Wer nur den Augen traut, hat es sicher schwer, an einen unsichtbaren Gott zu glauben. Selbst im Fernsehen brauchen wir Worte; denn die Bilder wollen gedeutet werden. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Was?

Dass Gott einer ist. Das klingt nach dem ersten Gebot und ist wohl auch so gemeint: "Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." (Ex.20,2-3)

Dieses "nur ein Gott" war den Juden so wichtig, dass sie unter dem König Josia die Opferstätten überall im Lande abschafften und nur noch den Tempel in Jerusalem als zentrale Kultstätte zuließen. Dieses "nur ein Gott" war Luther so wichtig, dass er im Großen Katechismus bei der Auslegung des ersten Gebotes darüber nachdachte, was es denn überhaupt heißt, einen Gott zu haben. Und er fand die verblüffend einfache Erklärung: Ein Gott ist das, an das man sein Herz hängt, was einem unbedingt wichtig ist.

Wir brauchen Gott, um uns nicht zu verlieren, indem wir uns Stimmungen, Zeitströmungen einfach hingeben. Wir brauchen Gott, um unsere Bestimmung zu finden, als Juden genauso wie als Christen. Darum gilt uns beiden: Höre Israel, höre Christenheit.

Und was es zu hören gibt, ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit: Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und Jesus fügt dem noch hinzu: "Das andre ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst".

Zu dieser Liebe meint mehr als das so häufig romantisch verklärte Verliebtsein. Zu dieser Liebe gehören klare Worte, die aus dem genauen Hören auf Gottes Wort entspringen Bei einem Hausbesuch in der vergangenen Woche wurde ich auf Paul Schneider angesprochen. Er war Pfarrer in Dickenschied, nachdem er wegen mehrfachem Predigtverbot dorthin versetzt wurde. Bei einer Beerdigung eines jungen Menschen sagte der NS- Kreisleiters, der junge Mann sei nun in den Sturmhimmel des Paul Wessel gekommen, Da trat Pfarrer Paul Schneider nochmals an das Grab und antwortete sinngemäß: er wisse nicht ob es einen Paul Wessel Himmel gäbe, aber er sei gewiss, das es einen Himmel Gottes gebe, in dem Jesus zu Rechten Gottes sitze.

Das war erneut Anlass genug um ihn in Haft zu nehmen, ihn zu verhören. Später kam er auf Befehl Hitlers in das KZ Buchenwald. Dort verweigerte er wie schon in all den Jahren zuvor den Hitlergruß. Deshalb kam er in den Bunker. Ein Augenzeuge berichtete: "Mehrfach wurde Schneiders Stimme, wenn Tausende zum Appell angetreten waren, laut und deutlich aus dem Arrestgebäude gehört: ‚Kameraden hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben.’" Schneider wurde zum "Prediger von Buchenwald".

Am Vortag seines 41. Geburtstages hielt Schneider aus dem Zellenfenster eine Predigt zu den auf dem Gefängnishof versammelten, in der er Gott als alleinigen Herrscher der Welt darstellte und zu furchtlosem Bekenntnis aufrief. Schneider wurde für diese Predigt auf den Prügel gelegt, bis er bewusstlos war. Von den Folgen erholte er sich nicht mehr, eine medizinische "Behandlung" – vermutlich mit Mitteln zur Schwächung seines Herzens – führte zum Tod.

Pfarrer Paul Schneider hat sich von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all seiner Kraft für den Gott des Lebens und der Wahrheit eingesetzt. Er hat aus dem Hören auf Gottes Wort reden müssen, um Menschen in Orientierungslosigkeit Hilfe und in Not Trost zu geben.

Es wäre schön, wenn wir das Wort Gottes uns zu Herzen nähmen, bevor wir denken und reden, tun oder lassen. Es wäre gut für unser Leben und gut für das Leben unserer Welt. So wie der Apostel im Kolosserbrief schreibt: "Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn." (Kol.3,17)

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