Hirtenandacht

Liebe Gemeinde,

kürzlich besuchte ich dienstlich das Hirtenmuseum in Hersbruck. Ich nahm die unterschiedlichen Räume genau unter die Lupe, betrachtete die ausgestellten Hirtenkleider und Tierschellen und beobachtete eine Frau, die tief versunken vor einem Ölbild stand. „Das muss ein traumhaftes Leben gewesen sein“, meinte die Besucherin. Verträumt blickte sie auf das Bild eines Wandergesellen, der mit seinen Tieren über Felder und Wiesen streift. „Den ganzen Tag in der Natur, freie Zeiteinteilung und von niemandem abhängig – man kann sich keine schönere Arbeit vorstellen“, fügte sie hinzu. Doch wer sich näher mit dem umherziehenden Volk von einst beschäftigt, erkennt, dass Legende und Dichtung über die Jahre hinweg ein eher sentimentales und wirklichkeitsfremdes Bild von den Hirten gezeichnet haben. Wechselndes Wetter und wilde Tiere bedrohten ihr karges Dasein. Für ihren Unterhalt mussten sie sich meist eine lukrative Nebenbeschäftigung suchen.

„Die Einstellung gegenüber Hirten war zwiespältig“, erklärte mir die dortige Museumsleiterin Barbara Hörmann. Auf der einen Seite galten sie als unehrlich und unzuverlässig. So wurde behauptet, dass sie Felle unterschlagen, ihre Herden auf fremden Grundstücken weiden und mit gestohlenem Gut handeln. Vor Gericht war ihr Zeugnis unwirksam. Auf der anderen Seite vertraute man ihnen das für die damaligen Menschen wichtigste Gut an. „Das Vieh war das Kapital der Leute. Es sicherte ihre Existenz“, verdeutlichte die Museums-Chefin.

Durch ihre Kenntnisse in Sachen Kräuterkunde und Astrologie hat man die Hirten oft in Schubladen wie Magie oder Hexerei eingeordnet. Von den einsamen Wesen auf den Weiden wurden geheimnisvolle Geschichten erzählt. Dies lag sicher an ihrer Lebensweisheit und Poesie, an ihrem Gespür für Naturvorgänge und Weissagungen. In dieser Hinsicht war es tatsächlich ein traumhaftes Leben, das die Hirten führten: Sie besaßen einen wachen Sinn für Wunder. Sie waren offen für Visionen und Träume, in denen sich eine zukünftige Wirklichkeit andeutete.

Kein Wunder, dass die Hirten auch in der Weihnachtsgeschichte eine wichtige Rolle spielen. Wir haben den Text im Lukas-Evangelium vorhin gehört: „Da waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ Obwohl das Zeichen, das ihnen gegeben wurde, nicht unbedingt außergewöhnlich war (alle Kinder wurden in der Regel in Windeln gewickelt), machten sich die Hirten auf den Weg. Angetrieben von ihren Träumen und der Zusage des Engels: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Liebe Gemeinde, die Heilige Nacht war für die Hirten kein Ereignis, das sie so schnell wieder vergessen konnten. Der sehnliche Wunsch nach Frieden, gerade für sie als Stellvertreter der Ausgestoßenen und Missachteten, ließ sie ungewöhnliche Wege gehen. Sie vertrauten der Botschaft und brachen auf. Ein Schritt, der auch uns heute in Frage stellt: Hören wir noch auf Gottes Wort? Lassen wir uns von der Weihnachtsbotschaft in Bewegung bringen – nicht nur in den feierlichen Gottesdiensten, sondern auch in unserem Alltag? Weihnachten wird es doch nur dann, wenn der Friede auf Erden Gestalt annimmt. Wenn Eltern sich Zeit für ihre Kinder und deren Sorgen nehmen. Wenn Kirchen sich für sozial Benachteiligte einsetzen. Wenn politische Auseinandersetzungen nicht immer gleich mit Gewalt und Kriegen gelöst werden. Die Weihnachtsbotschaft macht uns jedes Jahr bewusst: So ist es in unserer Welt, aber es könnte ganz anders sein.

Der ungewöhnliche Weg der Hirten führte aber noch weiter: Angesprochen und berührt von der göttlichen Botschaft kehrten sie zurück in den Alltag, um das Erlebte weiter zu erzählen. Diejenigen, deren Zeugenwort vor Gericht nichts galt, bezeugten es vor aller Welt: Gott wird im Kleinen und Unscheinbaren erkennbar. Ein Schritt, der auch uns heute in Frage stellt: Ist Religion nur eine Sache für das stille Kämmerlein? Die Botschaft Christi ruft doch zur Auseinandersetzung, zum Gespräch, zu einem gelebten Glauben, der sich anderen mitteilt. Vielleicht können wir von den Hirten lernen, dass wir etwas weitergeben von dem, was uns bewegt und berührt. Das müssen nicht nur gute Botschaften sein, zum Christsein gehören auch die Zweifel und die Klagen.

Liebe Gemeinde, neue Hirten braucht das Land – so lautet der weihnachtliche Wunsch, dessen Erfüllung noch aussteht. Neue Hirten? Ja, wir brauchen Menschen, die einen wachen Sinn für Visionen besitzen – Träumende. Menschen, die zu neuen Aufbrüchen bereit sind, selbst wenn diese ein Risiko darstellen. Menschen, die von der Botschaft weitererzählen und sie in ihrem Alltag wirksam werden lassen. Dass Gott gerade die Hirten ausgewählt hat, um sein Kommen in diese Welt zu bezeugen, hat natürlich seinen Grund: Die gering Geschätzten, die Armen liegen ihm am Herzen. Ich denke an die Kinder in der Welt, die Hunger leiden. Und ich denke an das Elend vor der eigenen Haustür. Im „Club 60“ haben wir neulich über einen Artikel diskutiert, in dem davon berichtet wird, dass vielen Menschen im Nürnberger und Fürther Raum der Stromanschluss gesperrt wird, weil sie sich diese Form der Energie nicht mehr leisten können. Sie müssen ihre ganze Energie ins Überleben der Familie stecken. Hier kommt die weihnachtliche Botschaft zum Tragen: So ist es in unserer Welt, aber es könnte ganz anders sein.

Liebe Gemeinde, neue Hirten braucht das Land – der Kirchenvater Augustin gab einst eine hilfreiche Anweisung für Hirten, die ebenso für all die modernen „Hirten“ oder Verantwortungsträger in Staat, Kirche und Gesellschaft gilt: „Ein Hirte soll Kleinmütige trösten, sich der Schwachen annehmen, Träge wachrütteln, Streitsüchtige zurückhalten, Armen helfen, Gute ermutigen und Unterdrückte befreien.“ Auf diese Weise entstünde tatsächlich eine Welt, in der der Ruf des Engels nicht ungehört verschallt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“ – das wäre wahrlich ein traumhaftes Leben.

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