Himmelfahrt: Das vergessene Fest

Liebe Gemeinde!

Heute ist Himmelfahrt. Viele freuen sich auf einen freien Tag. Die Väter fahren ins Blaue, Vereine laden zu ihren Festen ein. Manche Kirchengemeinde halten darum ihre Gottesdienste im Grünen ab. Sie ziehen sozusagen den Menschen nach. Wenn sie schon nicht mehr zur Kirche kommen, dann müssen wir zu ihnen gehen. Und wer an diesem Tag zur Kirche kommt, dem sage ich einfach danke. Danke für seine Treue, sei es aus alter Gewohnheit, sei es, weil der/diejenige ein wenig Ruhe sucht, die Musik hören will, den Wunsch hat, zu sich zukommen, einfach Gottesdienst mitfeiern will – egal wie klein die Zahl auch sei.

Einen Grund für die Entkirchlichung dieses Festes sehe ich darin, dass schon seit langer Zeit, der Sinn abhanden gekommen ist. Wir belächeln das Weltbild der Antike, das die Erde sich wie eine Scheibe vorstellte, über der sich der Himmel wölbt, unter der sich der Urgrund, das Chaos lauert. Wir belächeln die naiven Vorstellungen, wie Jesus vom Berg gen Himmel fuhr, senkrecht wie eine Rakete. Denn wir haben alles erforscht. Wir wissen das die Erde eine Kugel ist inmmitten einer großen Milchstraße. Es gibt die nette Anektode über Gagarin, dem ersten Weltraumfahrer, der nach seiner geglückten Erdumkreisung im Kreml mit allen Ehren empfangen wurde. Der Patriarch von Moskau soll ihn vor der Feier zur Seite genommen und gefragt haben: "Genosse Gagarin, haben Sie dort oben Gott gesehen!" "Nein!" "Oh, weh, soll es keinen Gott gegen?" Lächelnd antwortete der Kosmonaut: "Die Partei hat das schon immer gesagt." Sollte das Fest wieder einen Sinn erhalten, genügt es nicht nur darüber zu wehklagen, sondern sich zu erinnern, was Himmelfahrt meint.

Zunächst ist Himmelfahrt die Geschichte eines Abschieds, schmerzlich wie jeder Abschied auch bei uns, denn es heißt losslassen, einen Menschen ziehen lassen, einen Menschen hergeben. Vor den Augen der Jünger wird der auferstandene Christus durch eine Wolke verborgen und aufgehoben. Was meint das? Der Glaube sieht nicht. Er kann nichts beweisen. Zweifler und Spötter – in uns selbst und um uns herrum – scheinen immer wieder recht zu behalten: "Wo ist denn nun dein Gott?" Ja, das ist das Schmerzliche: Christus ist nicht der Aufweisbare, der Mächtige, Allgegenwärtige.

Zum anderen ist Himmelfahrt der Anfang einer Glaubensgewissheit. Mitten in die Traurigkeit sagt Jesus : "Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (Matth.28,20) Da bricht in den Abschiedsschmerz das "Dennoch" des Glaubens herein. Glaube ist nämlich kein Fürwahrhalten von Dogmen und Lehren, Glaube ist ein Gewisswerden, wie Luther einmal gesagt hat, ein Gewisswerden gegen allen Augenschein. Das ist keine harmlose Beruhigung, es wird alles nicht so schlimm werden! Sondern der Glaubt erkennt: Ist Christus gleich verborgen hinter allen Wolken des Himmels und der Erde, ich will ihm dennoch trauen und mich seiner Macht und Nähe trösten! Dieser Glaubensgewissheit hat Giovanni Giacomo Gastoldi 1591eine Melodie und Cyriakus Schneegaß 1598 Worte gegeben:

In dir ist Freude
in allem Leide,
o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben
himmlische Gaben,
du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden,
rettest von Banden.
Wer dir vertrauet,
hat wohl gebauet,
wird ewig bleiben.
Halleluja.
Zu deiner Güte
steht unser G’müte,
an dir wir kleben
im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden.
Halleluja.

Zum dritten ist Himmelfahrt das Fest, das uns daran erinnern will, dass es über unserem kleinen Leben den weiten Horizont Gottes gibt. "ICH" titulierte der Spiegel im letzten Jahr eine Ausgabe des letzten Jahres über eine Portraitaufnahme von Boris Becker. Ich – nur dieses eine Wort – steht in weißen großen Buchstaben auf dem schwarzen Untergrund. ICH –als ironisch kritische Überschrift über dem Konterfei des Tennisspieleers, der für die deutsche Öffentlichkeit längst mehr ist als ein Spitzensportler. Ein Kassenfüller, der eine Öffentlichkeit anspricht, die Selbstinszenierung und Seifenopern liebt. So illustriert dieses Titelbild: In dem ICH des Tennisspielers spiegelen sich unsere Wünsche nach Selbstdarstellung wieder. Angereichert mit seinem Ehedrama und seinen Flirts zeigt uns dieses ICH das es nichts Unterhaltenderes gibt, als unser fehlerhaft menschliches Leben. Doch diesem in sich gekrümmten, narzistischen Menschen setzt Gott mit der Himmelfahrt die herrliche Weite des Glaubens gegenüber, wie der Epheserbrief sie beschreibt:

[TEXT]

Vielleicht sollten wir wieder bei den Vätern und Müttern des Glaubens in die Schule gehen,um darüber wieder staunen zu lernen und dann auch davon zu reden beginnen. In großen alten Kirchen können wir immer wieder in den Kuppeln über der Vierung, wo die Kreuze sich schneiden, Christus betrachten: Er ist als Pankrator gemalt oder in Mosaik gelegt. Sie wollten sinnfällig ausdrücken, was das Lied beschreibt:

Jesus Christus herrscht als König,
alles wird ihm untertänig,
alles legt ihm Gott zu Fuß.
Aller Zunge soll bekennen,
Jesus sei der Herr zu nennen,
dem man Ehre geben muss.

Das Besondere an der Herrschaft Christi: Sie knechtet nicht. Sie öffnet uns durch sein Wort zu neuer Freiheit: Dem ICH steht das DU gegenüber, das Gott durch Christus zu uns Menschen spricht. Dieses Du eröffnet Segens- und Lebensräume, die Sünden vergeben und Leben auf eine heilsame Grundlage stellt. Du – sagt Gott und weist uns zurück auf unser alltägliches, irdisches Leben. Hier sind wir hineingestellt in die Gemeinschaft derer, die getauft sind und sdeinem Wort Glauben schenken. Auf sein Wort hin wie Petrus einst gegen alle Erfahrung seine Fischernetze am helllichten Tag auswirft und überrascht wird von dem großen Fang, den er kaum ans Land zu ziehen vermag.

Darum ist Himmelfahrt so wichtig, dass wir uns im Glauben vergewissern können. Mit Martin Luther darf ich spechen: "Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade. Und diese Zuversicht macht fröhlich, trotzig und begierig gegenüber Gott und allen Kreaturen, das bewirkt der Heilige Geist im Glauben."

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