Heimat

Es hat alles seine Zeit und es will alles seinen Platz finden in unserem Leben. Strahlende Freude und schmerzliche Trauer, frohgemutes Schaffen und nachdenkliches Innehalten, glückliche Verbundenheit in inniger Gemeinschaft und Alleinsein mit sich selbst – alles gehört zum Dasein in ganzer Fülle. Der November mit seinen oft trüben, nasskalten Tagen, mit düsteren Wolken, lässt den strahlenden, glänzenden Sonnenschein des Sommers vergessen, so dass man zuweilen kaum mehr ahnt, dass es ihn gibt. Nun ist sie wieder da, die Zeit, die in uns die schweren Gedanken und Gefühle anspricht, Fragen auftauchen lässt, die wir sonst gern mehr oder weniger erfolgreich verdrängen.

Es ist die Zeit, in der wir traditionell unserer Verstorbenen gedenken, öfter als sonst den Friedhof aufsuchen, die Gräber pflegen, Ewigkeitssonntag und Allerheiligen sind nicht mehr fern. Heute erst einmal ist Volkstrauertag. Ein Tag, an dem Menschen in allen Kirchen unseres Landes gemeinsam ihre Geschichte ins Bewusstsein rücken wollen. Die Älteren hier in der Gemeinde tragen wahrscheinlich die Erinnerung an die vergangenen Kriege nicht nur in ihren Gedanken, sondern ihre Herzen werden noch immer von deren Bildern bewegt. Diese Bilder zeigen liebe Menschen, vielleicht Ehemänner und Söhne, die aus diesen unheilvollen Kriegen nicht mehr zurückgekehrt sind, zeigen Flüchtlingsttrecks und verzweifelte Menschen mit ihrer dürftigen Habe, am Ende ihrer Kräfte, auf der Suche nach einem Stückchen Heimat und barmherzigen Menschen. Ganz persönliche, verschiedene Erinnerungen mögen als Bilder vor ihrem inneren Auge erscheinen, vielleicht an alte Wunden rühren. Für uns alle mischt sich die Vorstellung dieser Bilder inzwischen auch mit dem, was wir aus Nachrichten über Krieg, Terror, Flüchtlingselend und verletzte Menschenrechte über unsere Grenzen hinaus in Zeitungen und im Fernsehen wissen. Einmal mehr seufzen wir und sehnen uns danach, dass Frieden und Gerechtigkeit doch überall einziehen mögen. Auch uns ist nicht wohl in unserer Haut, solange es unseren Mitmenschen schlecht geht, und wir fragen uns an diesem besonderen Gedenktag: Was ist angesichts der eigenen und der fremden Not und des Todes zu bedenken? Was können wir tun? Und vor allem, was gibt Anlass zur Hoffnung? Gibt es eine Hoffnung, die in der Not trägt und dem Gedanken an den Tod wirklich standhält?

Der Apostel Paulus schrieb seiner Gemeinde in Korinth in einer schweren Zeit folgende Gedanken dazu auf, die wir in seinem 2. Brief an die Korinther im 5. Kapitel nachlesen können:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, dass wir uns in diesem Leben auf Erden nicht auf Dauer einrichten können, ist eine allgemeine Weisheit. Keine Gewissheit gilt so unverrückbar, wie die, dass wir einmal sterben müssen. Aber nicht jetzt und nicht bald, so denken wir normalerweise, und schieben solche unliebsamen Gedanken schnell beiseite. So Vieles macht unser Leben schön und liebenswert. Auf meinem Dorf ist Hausbauen der große Trend. Was für schöne Häuser entstehen da, unter Einsatz größter Mühe und mit viel Fleiß wird am eigenen Heim gebaut, vom Dach bis zur Haustür, vom Mobiliar bis zum blühenden Garten, alles soll solide, ansehnlich und dauerhaft werden, geeignet, nötige Sicherheit zu geben. Junge Menschen planen ihre Zukunft, vom Beruf bis zum Familienzuwachs, und sie freuen sich auf das, was das Leben für sie bereithält. Pläne machen wir wohl alle, nicht nur für uns persönlich, sondern auch für unsere Lieben. Wir wünschen, dass unser Leben gelingt, dass sich darin viel von unseren Träumen verwirklichen lässt. Ältere Menschen hegen die Hoffnung, dass von ihrem Lebenswerk und von der Liebe, die sie verschenkt haben, etwas bleiben möge, das auch ihren Tod überdauert. Wir richten uns ein in diesem Erdenleben und versuchen es zu meistern, so gut es geht. Aber es gibt wohl niemanden, der dabei nicht auch an Grenzen stößt. Grenzen, wo unser Vermögen, unsere guten Wünsche, unsere Kraft einfach nicht ausreichen, um sie zu überwinden. Nicht selten werden unsere Pläne nicht allein von äußeren Umständen durchkreuzt, sondern wir müssen Grenzen am eigenen Leib verspüren und akzeptieren lernen. Plötzlich und unerwartet haben wir uns zum Beispiel mit schwerer Krankheit auseinander zu setzen. Häufig habe ich in letzter Zeit bei Besuchen im Krankenhaus und auch im eigenen Bekanntenkreis hören müssen, dass jemand an Krebs erkrankt ist. Für die Betroffenen stellen sich damit alle Weichen neu. Die einfachsten Dinge, wie Essen, Trinken, Schlafen gelingen nicht mehr selbstverständlich. Die leibliche Bedürftigkeit muss hautnah erlebt werden. Angesichts einer lebensbedrohlichen Krankheit erkennen Menschen neu, was für sie wirklich wichtig ist, und richten jeden einzelnen Tag ihres Lebens daran aus. Aber selbst in dieser Situation ist der Gedanke an den Tod oft zu schmerzlich und wird ängstlich vermieden. Es ist eine große mitmenschliche Herausforderung, über diese letzte Grenze miteinander zu sprechen. Wenn es gelingt, wabert die Angst davor nicht mehr dunkel im Hintergrund, sondern es tut sich ein neuer Horizont auf. Dann wird es möglich, rechtzeitig Abschied zu nehmen und Frieden zu schließen, auch mit Gott, dem Schöpfer und Verwalter des Lebens.

Liebe Gemeinde, solche Erfahrungen, aber auch andere Bedrohungen unseres Lebens, wie die allgegenwärtige Möglichkeit von Terror, Krieg oder Naturkatastrophen, lassen uns wahrscheinlich der Formulierung des Apostel Paulus zustimmen: Unser Leib und unser ganzes irdisches Leben gleicht in gewisser Hinsicht einem Zelt, einer vorläufigen Unterkunft. Es ist verletzbar und gefährdet, und wir tun gut daran, uns das auch gelegentlich bewusst zu machen. Schließlich kennen wir alle die große Sehnsucht danach, heil zu werden. Und diese Sehnsucht umfasst nicht nur körperliche Gebrechen, sondern unsere Empfindungen, unsere Psyche, unsere mitmenschlichen Beziehungen und sicher auch unsere Gottesbeziehung. Wir sind uns dessen bewusst, dass Heil im persönlichen Leben und in der Welt nur bruchstückhaft zur Entfaltung kommen kann. Unserer menschlichen Beschaffenheit fehlt ein Stück zur Vollkommenheit. Wir sind Geschöpfe Gottes, wir haben ein ewiges, nicht von Händen gemachtes Haus bei ihm. Deshalb ist uns die Sehnsucht nach Geborgenheit, Heil und Erfüllung schon in die Wiege gelegt. Wir werden immer nach Antworten suchen, die unseren menschlichen Horizont übersteigen. Aufgrund unserer irdischen „Zelterfahrung“ hoffen wir darauf, dass uns von Gott das Stück zuteil werden wird, das uns vollkommen heil macht.

In seiner Rede beschreibt Paulus dieses mit dem Bild von einem Kleid, das uns angelegt wird.

Von himmlischen Dingen zu sprechen, die sich unserer Vorstellungskraft entziehen, ist wohl nur in Bildern und Vergleichen möglich. Die knüpfen an etwas an, das wir schon kennen. Mit Kleidern kennen wir uns aus. Ein Kleid schützt und wärmt. Und – Kleider machen Leute – ein Kleid verleiht uns Würde. Es bedeckt, was vor fremden Blicken verborgen bleiben soll. Unsere Verletzlichkeit, Unvollkommenheit, Schutzbedürftigkeit, das nach menschlichem Ermessen Schöne oder auch das Hässliche, es wird bedeckt. Mir fällt dazu auch ein Spruch ein, der mich sehr beeindruckt. Er lautet: Wenn Du eine Kritik hast, so halte sie Deinem Mitmenschen wie einen schützenden Mantel hin. Das betrifft dann auch die Erfahrung von Schuld und Sünde, die zu unserm Menschsein gehört. Mit diesem Kleid angetan, finden wir uns nicht bloßgestellt. Niemand weidet sich an unserer Nacktheit. Das ist eine Geste, die von der Barmherzigkeit, Geduld und milden Güte Gottes erzählt. Danach sehnen wir uns wirklich. So bekleidet zu werden, das haben wir nötig, nicht nur am Ende unserer Tage, sondern jeden Tag in unserem Leben. Wir brauchen dieses Kleid, damit wir hoffen können und nicht an unseren Grenzen verzweifeln müssen.

Einen Vorgeschmack darauf, wie es Gott mit uns meint, haben wir schon bekommen, sagt Paulus. Wie könnten wir uns auch nach etwas sehnen, wovon wir keine Ahnung haben? Gott hat uns eine Anzahlung des Geistes gegeben, sagt er. In der Taufe haben wir selbst, oder unsere Eltern und Paten unser Leben Jesus Christus anvertraut. Damit haben wir dem Heiligen Geist Gottes Einlass gewährt – in alles, was unser Leben ausmacht, bis in den Körper hinein. Sicher kennen Sie noch den alten Brauch des Taufkleides, das dem Täufling nach der Taufe angezogen wird. Damit soll angezeigt werden: Dieser Täufling ist jetzt gekleidet mit der Gerechtigkeit Jesu Christi und mit der Gnade Gottes.

Haben Sie die Wirkung des Heiligen Geistes in Ihrem Leben schon gespürt, liebe Gemeinde?

Sie ist ja nichts Greifbares, Nachweisbares. Der Heilige Geist ist ein Raunen Gottes, das uns immer wieder – mit leiser Stimme oft, aber vielleicht auch einmal mit überwältigender Überzeugungskraft anhand eindrücklicher Erlebnisse – in seine Nähe ruft. Manchmal bringen ihn uns Menschen nahe, die ehrlichen Herzens ihren Glauben bezeugen und uns mit ihrer Begeisterung anstecken. Der Heilige Geist erschließt uns das Wort Gottes in der Bibel, so dass wir es persönlich hören und annehmen können. Seine wunderbare Wirkung erfahren wir, wenn wir eine tiefe Bereitschaft haben, uns auf Jesus Christus einzulassen. Vielleicht wurde Ihnen schon einmal das Glück zuteil, bei einem Gebet sehr stark seine Nähe, Trost und Frieden zu finden. Das sind Sternstunden unseres Glaubens, die uns einen Vorgeschmack der himmlischen Herrlichkeit geben. Leider halten sie nicht ein ganzes Leben lang vor und wir sind genötigt, uns immer wieder durch Zweifel und Anfechtungen zu kämpfen. Dass wir zu Gott gehören, ist uns nicht bei jedem Atemzug bewusst. Aber gerade da, wo unser Leben beschwerlich und gefährdet ist, wo wir seufzen unter Lasten, wird unsere Sehnsucht nach Gott genährt. Gottes Geist vertieft unsere Wahrnehmung sogar, sodass wir erst recht unsere eigene Kälte und Mitleidlosigkeit erkennen und das Elend der ganzen Welt, das Unrecht und die Not uns betroffen machen. Wer einmal angerührt ist vom Heiligen Geist, wird lebendiger, wahrer leben, und zugleich immer mehr nach dem trachten, was näher zu Gott führt. Das Raunen des Geistes ist der Anfang unserer Geschichte mit Gott.

Zum Ziel gelangen wir erst, wenn unser irdisches Leben vorbei ist und wir vor dem Thron Jesu Christi stehen. Der Apostel Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass unser irdisches Dasein darauf hinausläuft: Denn wir alle müssen offenbar werden vor dem Thronsitz des Christus, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er zu Lebzeiten getan hat.

Ein hartes Wort. Wer kann vor Gott bestehen? Da ist es hilfreich, sich an das Wort vom göttlichen Kleid zu erinnern.. Soviel haben wir doch schon herausgefunden: Gott lässt uns nicht nackt und bloß dastehen, sondern bedeckt uns mit einem Gewand, gewoben aus der Gerechtigkeit Jesu Christi und seiner Gnade. Was für wunderbare Aussichten! Dann brauchen wir also die Begegnung mit dem Herrn über Leben und Tod nicht zu fürchten! Es geht beim letzten Gericht nicht um unsere endgültige Verdammung. Zwar werden uns die Augen geöffnet und wir werden schmerzlich erkennen, was wir im Leben an Gutem unterlassen und an Schlechtem getan haben. Wir sind für unser Leben verantwortlich. Die Begegnung mit Gott bedeutet also sicher keine Auflösung unserer Existenz in eine himmlische Seligkeit hinein. Gott wird uns auf unser Menschsein ansprechen. Soviel erfahren wir aus den Worten des Paulus. Aber er sagt auch, dass wir hoffen dürfen: Wie wir zu Lebzeiten auf Jesus Christus vertraut haben, wird er für uns einstehen. Bei Gott ist unsere Heimat. Nichts kann uns aus dieser vertreiben. Diese Hoffnung will uns den Abschied aus dem Erdenleben leichter machen. Der Tod wird die letzte Anfechtung sein, die es im Glauben zu bestehen gilt. Daran dürfen wir festhalten im Leben und im Sterben, dass wir bei Gott Heimat haben.

Heimat, das ist doch ein tröstliches Wort. Manche von Ihnen, hier in der Gemeinde, haben vielleicht in diesem Leben schon einmal ihre Heimat verlassen müssen – sei es infolge der Kriegswirren und Vertreibungen nach dem zweiten Weltkrieg, oder sei es auch aus beruflichen oder familiären Gründen. Kennen Sie das leise wehe Sehnen, dass aus dem Wörtchen Heimat entspringt? Vorbeiziehende Gerüche rufen Erinnerungen an den Ort der Kinderzeit wach. Sprache und Dialekt von Menschen aus der heimatlichen Gegend klingen wie wohlvertraute Musik. Nirgends sonst in der Welt rauscht der Wind so in den Wipfeln der Bäume, wie in der Heimat. Es kann vorkommen, dass uns Heimat zu einem Inbegriff der Sehnsucht nach Geborgenheit gerät. Aber Vorsicht vor Klischees, in Wahrheit wissen wir, dass wir nirgends auf der Welt ganz geborgen und heil sein können. Es gehört zum Leben, sich immer ein bisschen auf Durchreise zu fühlen und von einer leisen Sehnsucht bewegt zu werden. Die will uns nämlich dazu treiben, uns nie allzu selbstverständlich einzurichten und unser eigenes Wohl und Wehe nicht zum Maßstab aller Dinge zu machen. Wenn wir nicht davon ausgehen müssen, dass dieses eine Leben hier alles ist, was wir zu hoffen haben, befreit das doch sehr. Es relativiert unsere Angst und Sorge um uns selbst. Wir können den Blick heben und Menschen neben uns auch als Suchende und Bedürftige wahrnehmen. Versöhnung und Bereitschaft zum Frieden haben hier ihre Wurzeln und wollen durch uns in der Welt ein Stück verwirklicht werden. Wir können es uns leisten, Liebe und Zeit zu verschenken, denn wir haben in unserer himmlischen Heimat reichlich davon. Es wird uns leichter fallen, Gutes zu tun, wenn wir uns nicht mehr verbissen an unser Leben klammern. Unsere Prioritäten fallen anders aus vor dem Horizont, dass wir schon hier, und in der Ewigkeit erst recht und vollkommen, unter dem Kleid der göttlichen Gnade leben werden. So wollen wir Christen getrost, gerade auch in den dunklen Tagen, unserer himmlischen Heimat entgegenleben.

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