"Heilsame Gnade" – Geschenk oder Zumutung?

Liebe Gemeinde!

Erziehung – gute Erziehung – das ist ein Thema, das Menschen schon seit Jahrhunderten immer wieder beschäftigt. Immer wieder wird beklagt, wie schlecht erzogen doch die junge Generation sei, schon 2000 Jahre alte Texte lamentieren darüber. Und gerade in letzter Zeit wurde ja lang und breit darüber diskutiert, ob denn an Schulen sogenannter „Benimm-Unterricht“ eingeführt werden sollte, weil die Schüler völlig regellos geworden seien.

Sie wundern sich womöglich darüber, warum ich das jetzt anspreche. Das hat ja nun nichts mit Weihnachten zu tun, oder etwa doch? Nun, es hat zumindest etwas mit dem Predigttext für heute zu tun. Er steht im Brief an Titus. Dieser Brief enthält sozusagen ein „Programm“ dafür, wie eine christliche Gemeinde aussehen sollte, welche Ämter es geben soll und wie diese ausgefüllt werden sollen, wie die Gemeinde leben soll. Daraus stammt der folgende Abschnitt:

[TEXT]

Das klingt nun wirklich nach „Lebensvorschrift“, nach „du musst, du sollst“ – und gar nicht nach Weihnachtsfreude. Zwar steht als allererstes darüber: „Gottes heilsame Gnade ist erschienen“ – aber: Zu welchen Bedingungen! Rauskommen sollen Zucht und Ordnung, Besonnenheit und Frömmigkeit, Abkehr von allem ungöttlichen ….nach Gnade und Geschenk klingt das alles eher nicht, eher nach selbst-was-leisten-müssen. Und das an Weihnachten?

Ursprünglich hat der Titusbrief mit Weihnachten auch gar nichts zu tun. Ostern war das wichtigste Fest für diese Gemeinde, sie haben gefeiert, dass Gott den Tod überwunden hat und in der Welt lebt. Dass Gott in der Welt lebt, kann aber aus der Sicht dieser Gemeinde nicht folgenlos bleiben: Es muss sich auch im Leben der Gemeinde zeigen, dass Gott erschienen ist. So, denk ich, kann es aber doch auch ein „Weihnachtstext“ sein. Wir feiern die Geburt Jesu heute – wir feiern, dass Gott selbst als kleines Kind zu uns gekommen ist. In ihm wird alle Liebe, die er für uns hat, sichtbar und fassbar; in ihm wird das Heil, das er uns schenken will, deutlich. Es ist ein Geschenk, das wir da bekommen – ein Geschenk, das sich nicht einwickeln und unter den Baum legen lässt, ein Geschenk, das man kaum begreifen kann. Es ist das Angebot Gottes, seine Liebe, sein Heil zu bekommen und damit weiter zu leben.

Ein Angebot zunächst mal. Es steht uns frei, dieses Angebot anzunehmen oder nicht. Aber wenn wir dieses Geschenk annehmen – dann müssen wir auch damit rechnen, dass sich bei uns was ändert. Das ist auch bei Geschenken unter uns so, mein ich – zumindest in unserer Stimmung ändert sich etwas. Wir sind zufrieden, weil wir genau das bekommen haben, was wir uns gewünscht haben. Wir sind überrascht, weil wir etwas bekommen haben, womit wir nicht gerechnet haben. Wir freuen uns, weil jemand genau das richtige getroffen hat – und wir vielleicht selber noch gar nicht gewusst haben, dass das genau das war, was wir gesucht haben. Oder wir ärgern uns, weil uns jemand mit einem Geschenk einen Denkzettel verpasst hat. Auf jeden Fall werden wir immer irgendwie auf so ein Geschenk reagieren, mit einem Gegengeschenk vielleicht – oder vielleicht auch mit einer Verhaltensänderung, wenn es eher so ein Denkzettel-Geschenk war.

„Heilsame Gnade“, das ist Gottes Geschenk-Angebot an uns. Heil sein oder heil werden – das ist wohl etwas, was wir alle uns wünschen. Umfassendes Heil – darunter versteht vermutlich jeder ein bisschen etwas anderes; aber es gehört sicherlich dazu: Gesundheit an Leib und Seele, gute Beziehungen zu anderen Menschen, ein Leben in Frieden. Wie kann das aber geschehen, dass wir so ein „heilsames“ Leben haben können – vor allem, wenn da noch so viele Bedingungen dran hängen? Vielleicht hilft es, wenn man den Text ein bisschen anders formuliert. Dann heißt es nicht mehr: „Die heilsame Gnade Gottes ist erschienen, damit wir dem ungöttlichen Wesen absagen“ – sondern: „Gottes heilsame Gnade ist erschienen – und deshalb werden wir dem ungöttlichen Wesen absagen.“
Weil Gottes heilsame Gnade uns zuerst geschenkt ist, kann sich damit auch etwas ändern. Wer Gottes Angebot ernst nimmt, kann alles vor Gott bringen, was ihm oder ihr das Leben „Un-Heil“ macht. Wenn wir z.B. mit dem, was uns ärgert, nicht sofort auf unseren Nachbarn losgehen, sondern uns erst mal kurz Zeit nehmen, den Ärger sozusagen „an der Krippe ablegen“ – dann wird die Begegnung mit unserem Nachbarn vielleicht weniger heftig. Und das ist ja genau diese Besonnenheit, die da kommen soll. Besonnenheit und Frömmigkeit sind keine Zwangsübungen, damit wir Gottes Heil erfahren können. Sondern gerade umgekehrt: Eben durch sie können wir heilsame Erfahrungen machen und Weihnachtsfreude erfahren.

Theoretisch ist das alles schwierig zu erklären und zu verstehen ist, das weiß ich. Deshalb mache ich damit nun auch gar nicht weiter. Statt dessen möchte ich ihnen zum Schluss noch eine kurze Geschichte erzählen, die meines Erachtens dies alles ausdrückt – viel besser, als ich das in der Theorie könnte.

Da erzählt jemand: Mit den Hirten betrat ich den Stall und schaute mich um. Ich sah die Tiere, Maria und Josef und die Krippe. Ich schaute das Kind an, und das Kind schaute mich an. Plötzlich erschrak ich, und Tränen traten in meine Augen. „Warum weinst du?“ fragte das Kind. „Weil ich dir nichts mitgebracht habe!“, antwortete ich. „Ich möchte aber gern etwas von dir“, sagte das Kind. Ich fiel ihm gleich ins Wort: „Meinen neuen Mantel, mein Fahrrad und mein spannendes Buch?“ „Nein“ erwiderte das Kind, „das brauche ich nicht. Dazu bin ich nicht auf die Erde gekommen. Ich möchte etwas ganz anderes von dir haben!“ Ich überlegte. „Was denn?“ frage ich erstaunt. „Schenk mir deinen letzten Aufsatz“, sagte das Kind leise, so dass es niemand anders hören konnte. Ich erschrak. „Jesus“, stotterte ich und kam ganz nah an die Krippe heran, „aber da hat doch der Lehrer ‚nicht genügend’ drunter geschrieben.“ „Eben deshalb möchte ich ihn haben“ sagte das Kind. „Aber warum denn?“, fragte ich. Das Kind antwortete: „Du kannst mir immer das bringen, wo nicht genügend drunter steht. Willst du das?“ „Ja, gern“, sagte ich etwas verwirrt. „Ich möchte aber noch ein zweites Geschenk von dir“, sagte das Kind. Hilflos schaute ich es an. „Deinen Trinkbecher“ fuhr das Kind fort. „Aber den habe ich heute früh zerbrochen“, erwiderte ich. Aber das Kind sprach: „Du kannst mir immer das bringen, was in deinem Leben zerbrochen ist. Ich will es wieder heil machen. Gibst du mir das?“ „ Das ist schwer“, zögerte ich, „aber ich will es versuchen.“ „Nun mein dritter Wunsch“, sagte das Kind. „Bring mir die Antwort, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie fragte, wie denn der Bescher kaputt gegangen sei.“ Da wurde ich ganz rot, legte voller Scham die Stirn auf die Kante der Krippe und weinte. „Ich, ich, ich….“, brachte ich heraus, „in Wirklichkeit habe ich den Becher nicht versehentlich umgestoßen, sondern ihn absichtlich auf den Boden geworfen, weil ich so wütend auf meine Mutter war.“ „Ja“, sagte das Kind, „du kannst mir immer deine Lügen, deinen Trotz, deinen Ärger, deine Enttäuschungen, deine Scham und das Böse, das du getan hast, bringen. Und ich werde es mir anhören und dich annehmen.“ Und ich schaute, hörte, staunte und betete an.

Solche Erfahrungen, die uns schauen, hören, staunen und beten lassen – die wünsche ich ihnen zur Weihnachtszeit. Denn in diesen Erfahrungen wird Gottes heilsame Gnade deutlich.

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