Heilsame Gerechtigkeit

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext heute verheißt uns eine geheimnisvolle Figur, die uns helfen wird und die uns heilen wird, die uns guttun wird und uns den Duft einer anderen Welt riechen lässt und seine Gnade schmecken lässt. Die uns das gibt, wonach wir uns schon lange sehnen und die uns spüren lässt: du bist angenommen und du bist geliebt. Diese geheimnisvolle Figur ist der Knecht Gottes. Wir können sie als den Minister verstehen, der Gottes Werk tut. Und wir Christinnen und Christen haben es ja immer wieder erfahren: in Jesus Christus handelt Gott so an uns. Jesus Christus ist dieser geheimnisvolle Knecht Gottes. Jesus Christus ist der Minister Gottes; der, den Gott beauftragt hat, sein Werk zu tun. Und zugleich können wir Christinnen und Christen im Auftrag Jesu so handeln. Ein wenig sollen wir selbst so sein wie dieser geheimnisvolle Gottesknecht. Es gibt beim Propheten Jesaja 4 Gottesknechtslieder, die diesen geheimnisvollen Knecht Gottes umschreiben. Das erste von diesen vier Liedern ist unser Predigttext für heute und darin wird der Knecht Gottes beauftragt. Der Minister wird von Gott in sein Amt eingeführt.

[TEXT]

In aller Öffentlichkeit wird der Minister Gottes beauftragt. Er bekommt Macht, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Gerechtigkeit heißt: er hilft denen, die Hilfe brauchen. Gefangene werden befreit und Blinde bekommen die Augen geöffnet. Wer bedrängt und unglücklich ist wie ein geknicktes Rohr, der wird nicht zerbrochen. Wer kaum noch Hoffnung hat wie ein glimmender Docht, der wird nicht ausgelöscht. Die Gerechtigkeit, die von diesem Minister Gottes ausgeht, ist eine heilende und helfende und aufbauende Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit der harten Hand und des Durchgreifens. Woher aber kommt dann die Macht des Ministers? Sie ist gefährdet, deshalb bekommt er zugesagt, dass er nicht verlöschen und zerbrechen soll, ehe er seinen Auftrag ausgeführt hat. Der Minister, der nicht hart durchgreift, sondern helfend unter die Arme greift, der ist selbst gefährdet. Zumal dieser Minister nicht gut in Öffentlichkeitsarbeit zu sein scheint. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Wie kann er da gehört werden? Kann seine leise Stimme, die Stimme der Vernunft und des Erbarmens sich Gehör verschaffen in dieser lauten Welt? Wird der Minister so nicht selbst zum glimmenden Docht und zum geknickten Rohr?

Er kann seine Aufgabe nur erfüllen, weil die göttliche Autorität hinter ihm steht: So spricht die Gottheit, die die Himmel schafft und ausbreitet, die die Erde macht und ihr Gewächs, die dem Volk auf ihr den Atem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen. Gott, der alles geschaffen hat und immer noch ständig neu erschafft, der will, dass es seinen Geschöpfen gut geht und deshalb hat er diese geheimnisvolle Figur des Gottesknechts beauftragt. Unser Atem, den wir mit jedem Atemzug einatmen, ist Gottes Geschenk an uns. Unser Geist, unsere seelische und geistige Energie und dass wir eine Person sind mit einer unsterblichen Seele und einem Namen, der vor Gott genannt ist, all das ist Ausdruck davon, dass Gott uns liebt. Der Minister Gottes setzt also nur fort, was der Schöpfer in jedem Augenblick neu tut: er sieht seine Geschöpfe gnädig an und tut ihnen Gutes. Nun ist das leider nicht alles und auch das spüren wir leider immer wieder. Gott muss seine Autorität gegenüber Götzen wahren. Falsche Götter bringen die gut geordnete Welt durcheinander. Der gute Kreislauf des Einatmens und Ausatmens wird gestört, Menschen verlieren ihre seelische Kraft und ihre Geisteskraft und dann gibt es Blindheit, Gefängnis und Verzweiflung, so dass manche kurz vor dem Verlöschen und Zerbrechen sind.

Diese dunkle Seite der Welt, von der wir nicht wissen, woher sie kommt, die bringt sogar den Gottesknecht in Gefahr. Auch er, den Gott auserwählt hat und an dem Gottes Seele Wohlgefallen hat, auch er wird verlöschen und zerbrechen – aber sein Auftrag wird davon nicht behindert werden. Woher diese dunkle Seite der Welt kommt – wir wissen es nicht. Aber das Erstaunliche, liebe Gemeinde, ist, dass in der dunkelsten Zeit Israels die schönsten Hoffnungstexte entstanden – wie auch unser Predigttext in der Zeit der Krise entstand, als das Volk fast vollständig zerbrochen und verloschen war. Und das Erstaunliche ist, dass der Gottesknecht Jesus Christus gerade dann am Wirksamsten seinen Auftrag erfüllen konnte, heilende und erbarmende Gerechtigkeit in die Welt zu bringen, gerade dann, als er gekreuzigt und gestorben und damit scheinbar zerbrochen und verloschen war. Gerade dann erst wurde er zum Licht der Völker, durch den Tod hindurch, weil Gott seinem Auserwählten versprochen hat: Ich, dein GOTT, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Völker. Und was Gott versprochen hat, das hält er. Er steht zu seinem Auserwählten, er lässt in nicht im Tod, er sorgt dafür, dass sein Auftrag weitergeht: heilsame und erbarmende Gerechtigkeit bis hin zu den Inseln, bis hin zu den entfernten Gegenden.

Liebe Gemeinde, das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. D.h. für uns, dass wir uns gerade dann, wenn die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung am größten sind und gerade mit den Bereichen unseres Lebens, die besonders schwierig sind, zu Jesus Christus kommen dürfen, um diese heilsame und erbarmende Gerechtigkeit am eigenen Leib und in der eigenen Seele zu spüren. Das wünsche ich uns, dass wir dafür immer wieder offen sein können. Aber dabei sollten wir nicht stehen bleiben: wir selbst als Christinnen und Christen können ein Stück weit dieser Knecht Gottes sein, der im Auftrag Gottes diese heilsame und erbarmende Gerechtigkeit verbreiten.

Von uns kann etwas vom Geist Jesu Christi ausgehen, wenn wir in unserer Umgebung der Verzweiflung entgegenwirken, der Hoffnungslosigkeit begegnen mit einer Hoffnung, die nicht aufgibt, nur weil sie geknickt ist und nur noch glimmt. Von uns kann ein Licht ausgeht, das Augen öffnet, wenn z.B. Menschen nach einem Gespräch sehen, der andere, über den ich mich so geärgert habe, könnte diese verständlichen Gründe gehabt haben. Von uns kann Befreiung aus dem Gefängnis ausgehen, wenn Menschen sich etwas neues zutrauen, alte Zuschreibungen überwinden und schlechte Gewohnheiten durchbrechen. Also, diese geheimnisvolle und schillernde Figur des Gottesknechts: das ist für uns Jesus Christus, der uns versteht und der uns heilt, der uns umarmt und uns Gutes tut. Aber auch wir können im Geist Jesu ein wenig dieser Gottesknecht sein: damit das in unserer Welt möglichst oft geschehe: das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

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