Heilige Rücksichtslosigkeit

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde!

<b>P.:</b> Wenn wir Pastoren am Sonntag predigen, führen wir das weiter, was Jesus auch getan hat. Als Rabbi hat er in Synagogen oder unter freiem Himmel die Schrift neu und manchmal verschärft ausgelegt wie in der Bergpredigt. In den Evangelien finden wir aber auch Streitgespräche oder spannende Dialoge um das, worum es Jesus ging. Heute hören wir als Predigttext drei kurze Dialoge, offenbar flüchtige Begegnungen, von denen eine nachhaltige Wirkung ausgegangen ist.

Deshalb haben wir für diese Predigt eine besondere Form gewählt und sie als Dialog-Predigt gestaltet – wie hier schon häufig. Solche Predigt-Dialoge erleben wir schon bei der Vorbereitung hoch spannend und wir bekommen Rückmeldungen, dass auch das Zuhören mit mehr Aufmerksamkeit geschieht.

Hören wir noch einmal die Worte des Evangelisten Lukas:

„Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir nachfolgen, wohin du gehst.“ Da freuen wir uns doch: Ein Interessierter, einer, dem Religion etwas bedeutet, einer, der von Jesus lernen will. Und die Antwort Jesu:

<b>L.:</b> Erschreckend! Alle drei Antworten Jesu an die drei Männer schockieren mich. Was für ein arroganter Kerl, dieser Rabbi aus Nazareth. Ich höre darin nichts von Freundlichkeit, Offenheit oder Barmherzigkeit. Jesu Worte haben nichts Einladendes, beim ersten Hören nichts Erbauliches, womit wir heute morgen die Gottesdienstbesucher bewegen könnten, auch an den nächsten Sonntagen zum Gottesdienst zu kommen.

Im Gegenteil: Jesus scheint, wenn es um Nachfolge geht, keine Kompromisse zu kennen! Ich stelle mir vor, der Friedhofsmitarbeiter einer Kirchengemeinde hört Jesu Worte: „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ Der würde sich vielleicht an seinen Arbeitgeber wenden, um solche pietätlosen Sätze durch den Gemeindekirchenrat missbilligen zu lassen.

Jesus macht sich hier durch seine Forderung zur kompromisslosen Nachfolge Feinde. Warum holt er diejenigen, die sich ihm gegenüber zunächst sehr interessiert zeigen nicht da ab, wo sie oder wo wir sind: bei der eigenen Bereitschaft, bei unserem Engagement in der Kirche, unserer Suche nach mehr religiöser Tiefe oder in unserer Trauer …

<b>P.:</b> Als Seelsorger suche ich in einem Predigttext danach, worin seine Botschaft liegt, was unseren Glauben stärkt oder was diese Worte einem trauernden Menschen, einem sorgenvollen oder kranken Menschen sagen wollen. Ich stimme Dir zu, dies hier sind keine einladenden Worte. Diese Worte Jesu haben es in sich. Sie rütteln uns auf, weil wir uns ein Bild von Gott und Christus gemacht haben, das vielleicht gefälscht ist und zerstört werden muss. Vielleicht haben wir eine genauso falsche Vorstellung von Jesus, wie wir sie uns von einem Menschen machen, über den wir Gerüchte gehört haben? Auch für unsere Vorstellungen von Jesus gilt das Gebot: „Du sollst Dir kein Bild machen von Gott!“

<b>L.:</b> Wenn wir ehrlich sind: Vieles passt nicht in das Bild eines sanftmütigen Wanderpredigers: Ich denke an seine Vorbehalte gegenüber seiner Mutter und seinen Geschwistern: „Meine Mutter und meine Brüder sind die, die Gottes Wort hören und tun!“ (Luk. 8,21) Ich denke an Jesu Begegnung mit Maria und Martha, wo er die schweigende, meditierende Hingabe der Maria vorzieht gegenüber der dienenden Haltung der Martha.

Ich denke an Jesu strafenden Worte in seinen Gerichtsreden. Und ich denke vor allem an den Peitschen schwingenden Jesus, der sich doch damit Feinde macht, weil für ihn der Tempel einzig und allein ein Bethaus, ein heiliger Ort, ein sakraler Raum bleiben soll.

<b>P.:</b> Deshalb ist auch hier der Zusammenhang wichtig, in dem diese drei Begegnungen stehen. Jesus weiß, dass die Zeit drängt. Der Predigten und der Worte sind genug gewechselt! Jetzt heißt es: Taten statt Worte! Wenige Verse vor unserem Predigttext heißt es: „… als die Zeit erfüllt war, da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern.“ (Luk. 9,51).

Und für kleine Streitereien hat er jetzt keine Zeit mehr, etwa den Konflikt der Samariter mit den Juden. Deshalb verlässt er umgehend ein samaritanisches Dorf (Luk. 9,55).
Und da meldet sich wieder der Seelsorger. Das kenne ich von Menschen, denen keine Zeit mehr bleibt, weil eine Krankheit sie fest im Griff hat und der Tod vor Augen steht. Keine Kompromisse, Klarheit und Wahrheit sind gefragt! Ich erinnere mich an die junge Frau, die sich mit mir gegen die katholischen Ordensschwestern im Vareler Krankenhaus verbünden wollte. Die junge, krebskranke Frau wünschte, dass das Holz-Kreuz mit dem gekreuzigten Christus von der Wand abgenommen werden sollte: „Ich leide hier leibhaftig und in mir leidet Christus! Dazu brauche ich dort an der Wand kein Bildnis. Ich brauche seelische Kraft, aufbauende Worte, geistlichen Austausch und spirituelle Nähe.“ Übrigens wurde das Holzkreuz abgenommen.

<b>L.:</b> Mir fallen als Beispiel zu dieser Art Kompromisslosigkeit Jesu die Kinder ein: „Papa, wann machen wir endlich …!“ Kinder, die einen klaren Wunsch haben, vergessen manchmal alles andere. Sie werden ungeduldig, rücksichtslos, sie wollen endlich ihr Ziel erreichen, die Zeit drängt auf Erfüllung! Das scheint auch Jesu Motiv für seine radikale Kompromisslosigkeit zu sein. Und so wie wir als Eltern hin und wieder vor den Konsequenzen mancher Wünsche unserer Kinder warnen müssen, – denke daran, ein Haustier musst Du regelmäßig versorgen und den Käfig reinigen usw. -, genauso warnt Jesus hier seine Gesprächspartner vor den ernsten Folgen einer halbherzigen Nachfolge. Entweder ganz oder gar nicht!
Und jedem der drei gibt Jesus sehr persönliche Antworten mit auf den Weg. Es bleibt hier offen, ob sie ihn nun begleiten oder ob sie sich „angefasst“ zurückziehen. Die Antwort Jesu mag unwirsch sein, doch die Entscheidung zur Nachfolge nimmt Jesus Dir oder uns nicht ab. Es gibt auch keine festen Regeln für die Nachfolge. Deshalb passt die Nachfolge Jesu in kein Schema, nein, hier wird ganz deutlich, dass Nachfolge Jesu Begleitung Christi ist und mit dem Dialog beginnt, mit dem offenen und ehrlichen Gespräch mit Christus.

<b>P.:</b> Wir leben fast 2000 Jahre später und können Jesus nicht so leibhaftig sprechen wie damals, um diese heilige Rücksichtslosigkeit Jesu zu verstehen. Aber wir können ihn in der Stille suchen. Das Gebet ist der Weg zum Dialog mit Jesus. Oder uns steht die Möglichkeit offen, Christus in der Gemeinschaft unserer Kirche, unserer Gemeinde zu entdecken. Ich vertraue seiner stillen Gegenwart hier heute morgen in der Kirche. Ich höre ihn zu uns allen heute morgen sagen: „Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der taugt nicht für das Reich Gottes!“

Ich sehe Christinnen und Christen in unserer Kirche vor mir. Ich sehe uns alle in einem entscheidenden Augenblick, in dem Augenblick, in dem jede und jeder Einzelne die Hand an den Pflug legt und das Ganze in den Blick nimmt, den ganzen Acker, nicht nur die Konfirmanden, nicht nur den kleinen Gemeindekreis, nicht nur diejenigen, die hier und jetzt im Gottesdienst mitfeiern,
den ganzen Acker anschauen, d.h.: das ganze Reich Gottes, das auf der Erde wachsen soll, den ganzen Weg Jesu einschließlich seines Leidens und Todes, einschließlich seiner Auferstehung, den ganzen Acker anschauen, also auch unsere eigenen Umbrüche und Veränderungen,
den ganzen Acker, auch die katholischen Mitchristen, auch die chaldäischen Christen im Irak, auch die Getauften, die der Kirche den Rücken gekehrt haben.

Wir legen die Hand an den Pflug, schauen nicht zurück, tragen niemandem etwas nach, sondern vergeben, und schauen wie Christus in dieselbe Richtung, schauen nach vorne, auf den Umbruch im Acker, der tief gehen wird, aber auch neues Leben und Frucht und Segen bringen soll, gepflügt mit heiliger Rücksichtslosigkeit.

<b>L.:</b> Unser Schlusswort stammt von Albert Schweitzer, der als Arzt in Afrika für den Herrn geackert und seine Spuren hinterlassen hat. Er sagt in einer Predigt von 1904: „Und wenn auch mehrere im Feld pflügen, geht jeder allein hinter seinem Pfluge, und sie sprechen sich nicht, sondern sehen sich nur und fühlen sich nahe und verbunden. Hoffen, schweigen, allein wirken, das müssen wir lernen, wenn wir wirklich im wahren Geist Arbeit tun wollen. Aber worin besteht denn das Pflügen? – Der Pflüger zieht nicht den Pflug, er schiebt ihn auch nicht, sondern er gibt ihm nur die Richtung. So bewegen sich auch die Ereignisse unseres Lebens; und wir können nichts tun, als die gerade Richtung halten, die Richtung auf unseren Herrn Jesus Christ, dass wir in allem, was wir erleben und tun, ihm zustreben. Ihm zustreben, dann zieht sich die Furche von selbst.“

drucken