Heilige Orte

Heilige Orte haben wieder Konjunktur. Der Jakobsweg erfreut sich großer Wertschätzung, Lourdes, Marpingen, Rom sind Ziele von Pilgerreisen genauso wie Taizé. Solche Pilgerfahrten sind Ausdruck einer Suche. Der Suche nach Begegnung mit Gott, nach Erfahrung von Gott. Manchmal kommen Menschen ganz erfüllt von einer Pilgerreise zurück. Manchmal auch ganz leer und enttäuscht. Was sie gefunden haben waren Kioske und Rummel, aber keine Gottesbegegnung. Manchmal kommen umgekehrt Leute, die auf einer normalen Urlaubsreise waren ganz erfüllt. Sie haben neue Dimensionen entdeckt. In einer Bergkapelle oder einer Innenstadtkirche, manchmal nur, weil sie sich dort hinsetzen wollten und ausruhen – und plötzlich hat der Ort sie angesprochen. Ihnen in ihrer Situation weitergeholfen. Man kann das als Wunder wahrnehmen – aber man muss es nicht.

Unser heutiger Bibeltext aus dem Alten Testament erzählt von einem Betrüger und Erbschleicher, der fliehen muss und in der Wüste an unheiligem Ort Gott findet. Jakob der Sohn von Isaak und Enkel von Sara und Abraham:

[TEXT]

Auf der Flucht vor Esau, den er um den väterlichen Segen betrogen hat, kommt Jakob in die Wüste, dem Ort der Heimat seiner Ahnen. Seinen Wurzeln und seinem Gott unbewusst ganz nahe, hat er einen Traum – eine Erscheinung. An diesem Ort, an den er geflohen ist vor den Folgen seiner Untat, seines Betruges, seiner Erbschleicherei kommt ihm Gott ganz nahe, bildet er eine Verbindung zu Jakob – zu Israel, wie er später genannt wird. Ich kann mir vorstellen, wie diese Geschichte immer wieder wichtig war in der Geschichte Israels. Wie sie erzählt wurde in Zeiten der Gottesferne, als die Menschen wussten, wie sie sich gegen Gottes willen vergangen hatten, wie sie ihre Brüder und Schwestern betrogen hatten um ihre Rechte und Ansprüche, da erinnerten sie sich, wie sich Gott dem flüchtigen Betrüger gezeigt hatte. Die Erinnerung gilt oft als Weg zur Erlösung. Die Erinnerung an historischen Orten. Darum entsteht auch hier ein Heiligtum: Bethel: Haus Gottes – mitten in der Wüste. In späteren Zeiten ein ganz wichtiges Heiligtum. Vielleicht auch weil die Menschen wussten. Gott ist hier nicht einem Heiligen begegnet, sondern einem Menschen auf der Flucht, einem Menschen, der Schuld auf sich geladen hatte, schwere Schuld. Er hatte den Segen Gottes, den sein Vater seinem Bruder Esau erteilen wollte gestohlen. Das eigentlich Unverfügbare, hatte er sich heimtückisch erschlichen, seinen Bruder, seinen Vater und Gott betrogen. Nach allen Maßstäben zwischenmenschlichen Rechts war er eigentlich verloren.

In der Wüste ist er allen ganz ferne – auch Gott? Nein- Gott kommt zu ihm. Er baut eine neue Verbindung auf, er kommt dem Menschen entgegen, auch dem Menschen, der Fehler gemacht hat und auf der Flucht vor den Folgen dieser Fehler. Diese Leiter, die Jakob im Traum sieht, das ist eine Verbindung, auf der Gottes Boten auf und abgehen können. Die Bibel nennt diese Boten Engel und gerade im Alte Testament begegnen uns die Engel als Männer, die nicht auf den ersten Blick als Engel zu erkennen sind. Sie stellen Verbindung zu Gott und seinem Willen her. Sie kommen auch mir entgegen, in jedem Menschen, der mir begegnet kann ein Engel stecken.

Die Geschichte bleibt auch ein bisschen ärgerlich. Dieser durchtriebene Jakob ist ein Betrüger und ihm erscheint Gott. Und erneuert die Verheißung – ohne Bedingungen zu stellen. Das ist die Liebe des nachgehenden Gottes, die begeistert und erschreckt zugleich.

"Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht!" Dieser Satz provoziert mich: Wie oft komme ich gerade in den Wüsten meines Lebens an die Stätte Gottes – und merke es nicht? à gibt’s der Herr den Seinen vielleicht ja wirklich im Schlaf?

Heiliger Ort ist der Ort, wo ich Gott nahe bin, wo ich Gottes Zuspruch und Anspruch spüre.

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