Heil für die ganze Welt

Jesus versucht uns in fast allen Texten der guten Nachricht ein Gottesbild zu vermitteln, dessen Grundzüge Toleranz, Vergebung, Verständnis, Hilfsbereitschaft, Geduld, Güte — und vieles mehr erkennen lasen.

Wenn ich an das Gleichnis des verlorenen Sohns denke, oder an das von der Sünderin Maria aus Magdala, oder vom guten Hirten, der das verlorene Schaf sucht, oder von den vielen Krankenheilungen und ebenso an die Totenerweckungen, dann stelle ich fest, dass unser heutige Predigttext äußerst ernüchternd ist.

Wie Jesus hier mit der heidnischen Frau umgeht, das muss bei einer jeden und jedem von uns, so denke ich, eine gewisse Befremdung hervorrufen, denn Jesu Verhalten steht ganz und gar im Gegensatz zu den sonst biblischen Aussagen.

Da ist keine Spur von Verständnis bei Jesus. Statt seiner viel gerühmten Güte, von der wir immer sprechen, erfahren wir hier eine fast eiskalte Härte.

Obwohl die Frau in größter Not ist, kann ich keine Hilfsbereitschaft von Jesu feststellen, statt dessen aber störrisches Abweisen. Und die Jünger unterstützen noch Jesus Verhalten, in dem sie ihn aufmuntern die Frau einfach weg zu schicken.

Aber die Frau lässt sich nicht so einfach wegschicken oder gar abwimmeln. Sie lässt es auf eine handfeste Auseinandersetzung mit Jesus ankommen.

Um nun sein Verhalten zu rechtfertigen, konstruiert Jesus ein Beispiel:

— Nehmen wir mal an eine Familie sitz zu Tisch. Der Vater, die Mutter, die Kinder und auch der Haushund hat es sich bequem gemacht, alle sind versammelt. Um den Hund zu füttern, reißt der Vater seinen Kindern das Brot aus der Hand. Ein solches Verhalten ist doch nicht normal, könnte Jesus gesagt haben.

Doch diese Erklärung Jesu hindert die Frau nicht daran sofort zu reagieren, denn als Hausfrau weiß sie genau, wo das Beispiel seine Schwäche hat.

— Wenn der Vater sich so verhalten hat, wie du das eben geschildert hast, Jesus, so ist das zu verurteilen. Ein Vater darf nicht so handeln. Einen Vater, der seinen Kindern das Brot aus der Hand reißt um den Hund unter dem Tisch damit zu füttern, den kenne ich nicht.

Und wenn eine Familie gemeinsam zu Tisch sitzt, dann ist immer reichlich vorhanden, dass auch ein Hund seinen Teil erhält und satt wird. Die Hunde machen die Kinder nicht arm.

Die kanaanäische Frau hat gewonnen, sie hat Jesus im wahrsten Sinne des Wortes besiegt. Jesus wurde durch den Glauben dieser Frau gewissermaßen überführt. Und Jesu Reaktion? Keine Verärgerung, ganz im Gegenteil, wir spüren, wie er sich über das Verhalten der Frau freut.

Liebe Gemeinde, wer von ihnen meint, dass Jesus nicht mühselig und beladen gewesen sei und dass seine Glaube etwa nicht geprüft worden wäre, der irrt sich.

Welche Anstrengungen hat Jesus auf sich nehmen müssen um seinem Volk Buße zu predigen und sein Heiland zu werden. Wie verzweifelt muss Jesus im Glauben gewesen sein, dass seine Landsleute ihn nicht anerkannten, sondern ihn verfolgten und er ins Ausland flüchten musste.

In dieser Situation tröstet der Vater selbst seinen Sohn durch die Begegnung mit der heidnischen Frau. Aber Jesus merkt dies nicht sofort und ist ihr abweisend gegenüber, er will mit der Frau nichts zu tun haben. Und das gibt ihr Jesus mit aller Deutlichkeit zu verstehen: »Ich bin nur zum Volk Israel, dieser Herde von verlorenen Schafen, gesandt worden«.

Die Frau weiß, dass Jesus mit seiner Haltung ihr gegenüber eigentlich Recht hat; denn sie, als Nicht-Israelitin, hat keinerlei Anspruch auf Hilfe.

Und noch ahnt Jesus nicht, dass er mit seiner Weigerung den Trost seines Vaters abweist. Erst an der Art und Weise, wie die kanaanäische Frau seine ablehnenden Worte verwendet, erkennt Jesus nicht nur die Größe ihres Glaubens und dass sein Vater ihr diesen Glauben ins Herz gegeben hat, sondern auch, dass er seinem Auftrag an seinen Landsleuten nicht untreu wird, wenn er dieser Frau hilft.

Ja, liebe Gemeinde, aus dem Munde dieser Heidin lässt Gott nun seinen Sohn erfahren, dass seine Sendung über den Rahmen seines Volkes hinausgeht. Und zugleich bestätigt Gott ihm, dass er wirklich der Sohn Davids, der seinem Volk zugedachte Messias ist.

So richtet Gott der Vater durch den Mund einer heidnischen Frau seinen Sohn, der auf der Flucht ist, wieder auf und bestätigt ihm zugleich, dass er auf dem richtigen Wege ist. Gott der Vater offenbart seinem Sohn, dass die Heilung der Tochter der kanaanäischen Frau sein Wille ist. So ist Gott.

Welch ein Trost für Jesus. Seinen Weg nach Tyrus und Sidon und die Begegnung mit dieser Frau und ihrer ganz persönlichen Not, den hat Gott sein Vater eingeplant. Auch im Ausland wirkt sein Vater und Jesus darf es ebenso.

Ja, die persönliche Not der Frau mit ihrer Tochter macht Gott der Vater zum Trost für seinen Sohn Jesus Christus und zur weiteren Weisung für seinen Weg und ebenso zu einer entscheidenden Wendung in der Heilsgeschichte für die ganze Welt.

Sein Handeln ist nun nicht mehr nur auf das Volk Israel beschränkt, nein, sondern wie er es auch später verkündigt hat, gilt dies über alle Grenzen hinweg in aller Welt.

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