Haus aus lebendigen Steinen

Liebe Gemeinde!

Ein langer Predigttext ist das heute, mögen einige vielleicht gedacht haben. Und doch ist es nur ein kleiner Ausschnitt aus einer alten Taufansprache, einer Predigt für Erwachsene, die zum Glauben an Jesus Christus gekommen und eben in die Gemeinde aufgenommen worden sind. Sie, die Neugetauften, werden im 1.Petr ermahnt, ihnen wird mit deutlichen Worten gesagt, was sich ziemt in einer christlichen Gemeinde und was nicht. “Wie die neugeborenen Kinder“ sollen sie nicht satt werden von der “vernünftigen und lauteren Milch“ des Evangeliums – “Quasimodogeniti“ heißt das auf Latein – und der klassische Taufsonntag der Alten Kirche, der Sonntag nach Ostern, hat von diesem Text aus 1.Petr. 2 seinen Namen. Alles ablegen, was vorher war an schlechten Eigenschaften und an schlechtem Verhalten, sich nicht mehr auf eigene Leistung und Stärke verlassen, sondern sich an Gott orientieren und an seinem Wort ausrichten – das ist das neue Leben, der neue Weg, der in der Taufe seinen Anfang nimmt. So sagt es der Verfasser des 1.Petr den Empfängern seines Briefes, den Neugetauften ebenso wie denen, deren Taufe schon ein wenig länger her ist.

Und so entspricht es auch der Botschaft und dem Willen Jesu. Johannes der Täufer hatte noch Umkehr und Buße gepredigt als Voraussetzungen für das reinigende Bad seiner Taufe. Jesus aber schickte seine Jüngerinnen und Jünger mit einem gerade umgekehrten Auftrag aus: “Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen! Deshalb tut Buße und glaubt an das Evangelium“ – oder, wie wir es vorhin im Taufbefehl gehört haben: “Geht hin, tauft alle Völker auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch gesagt habe“. Erst die Gnadenzusage der Taufe, dann aber auch die Konsequenzen, der Unterricht, das Hören auf Gottes Wort und das Handeln nach seinen Geboten.

Auf dieses Wort Jesu verlassen wir uns auch nachher, wenn wir Laura durch die Taufe in Gottes Familie aufnehmen wollen. “Wie ein neugeborenes Kindlein“ ist sie ja nicht mehr mit ihren beinahe vier Jahren. Einen eigenen Willen hat sie schon – den braucht sie auch, wenn sie als Jüngste im Geschwisterkreis bestehen will! Vielleicht ist sie auch nicht immer nur ganz lieb. Und doch ginge es überhaupt nicht an. ihr schon all das zuzumuten, was unser Predigttext den Neugetauften abverlangt. Wenn wir sie schon “mahnen“ sollen, dann lieber mit dem Verslein, das ihre Eltern ihr als Taufspruch mit auf den Weg geben wollen: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1.Joh 4,16). In den Worten des 1.Petrus klingt das (in Gott sein nämlich) dann so: Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk des Eigentums, berufen von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.

Nicht mehr und nicht weniger sind die, die auf den Namen Gottes getauft und in seiner Liebe gegründet sind. Nicht mehr und nicht weniger sind wir, die Gemeinde Jesu Christi hier in Ofterdingen: auserwählt und heilig, Gottes Volk und königliche Priesterschaft – so viele verschiedene Bilder sind da aneinandergereiht, Anspielungen an die Vorstellungswelt des Alten Testaments, eben jener Schrift, die die Alte Kirche studierte, die sie gelesen und begierig aufgesogen hat als Muttermilch des Glaubens, und in der der Verfasser unseres Predigttexts plündert wie – ja, um in seiner eigenen Bildsprache zu bleiben – wie in einem Steinbruch, aus dem er Zitat um Zitat hervorgräbt, neu aneinanderfügt, eine neue Bedeutung schafft, auch jenem Wort aus Ps 118, das er mit Jes 28 verknüpft und so neu liest, hin auf Christus: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden, kostbar und auserwählt für die, die an ihn glauben – wichtigstes Bauteil in jenem “Haus aus lebendigen Steinen“, das die Kirche ist – das jede Gemeinde sein soll, auch unsere.

Und so ist es eigentlich gar nicht verwunderlich, dass wir in der vergangenen Visitationswoche immer wieder über Steine gestolpert sind, manchmal eher zufällig, wie über die Ammoniten, die das Schneckenpflaster in der Steinlach formten, manchmal ganz konkret, wie hier in der Kirche, diesem Stein gewordenen Zeugnis des Glaubens und auch der Wehrhaftigkeit solchen Glaubens (etwa im Schräggang unseres Turms), und nicht zuletzt des Ofterdinger Sinnes fürs Praktische: Der Mauritiusstein drüben auf der Taufsteinseite war ja schließlich nicht immer nur Kirchenzierde, sondern diente einige Jahrhunderte als Bauteil unserer Zehntscheuer. Und die längst verworfenen steinernen Arkaden am alten Rathausbau, die sind Ihnen, liebe Frau Dekanin, beim Gang durch die Rathausgasse aufgefallen mit ihren verzierten Schlusssteinen, die die Bögen in Form bringen und zusammenhalten.

So kann man sich diesen Eckstein ja auch vorstellen: Der Stein, der alles verbindet, stützt und hält wie der Schlussstein eines Bogens oder einer Kuppel. An dem würden sich dann vielleicht nur die besonders langen Leute stoßen können, die, die sich über andere erheben, sie überragen wollen und ihre Grenzen nicht mehr sehen. Dagegen wird der Eckstein, der aus dem Fundament ragt und es trägt, zur Stolperfalle für die, die ihrem Weg nicht genügend Aufmerksamkeit schenken, für die, die gedankenlos und unachtsam unterwegs sind und viel zu spät bemerken, wo sie sind oder dass sie sich verlaufen haben.

Was aber ist mit den lebendigen Steinen, die “zum geistlichen Hause“ und “zur heiligen Priesterschaft“ werden sollen? Auch das ist übrigens eine Anspielung auf alttestamentliche Bildersprache: Sie erinnert uns an die Sehnsucht des Judentums, den zerstörten Tempel wieder aufzubauen und den Opferbetrieb wieder aufzunehmen, um sich der Vergebung Gottes versichern zu können. Der 1.Petr sagt dagegen deutlich: Ihr ChristInnen habt das nicht mehr nötig: Was Menschen ohnehin nicht möglich ist, hat Christi Opfertod ein für alle Mal bewirkt – und euch damit allen direkten Zugang zum Allerheiligsten eröffnet: Ihr braucht weder die Vermittlung von auserwählten Personen noch die Erfüllung alter Rituale – ihr selbst könnt Gott nahe kommen durch Gebete und Lieder und ein Leben nach seinen Geboten. Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk des Eigentums, berufen von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.

Noch einmal: Was ist mit uns, den lebendigen Steinen im geistlichen Haus der Gemeinde Ofterdingen, die da in der vergangenen Woche visitiert wurde? – Wir wollten es genauer wissen, am Mittwoch Nachmittag im Konfirmandenunterricht, und haben einmal ganz konkret “Gemeinde gebaut“: Da waren die Bausteine, große Schachteln, auf denen wir mit farbigen Zetteln Gruppen und Kreise, auch einzelne Personen notiert hatten, und da war die Aufgabe, ein Haus zu bauen – ein “Gemeinde-Haus“, eine “Kirche“. Und es war spannend, zu sehen und zu vergleichen, wie unterschiedlich das Ergebnis in den verschiedenen Gruppen ausgefallen ist:

Die einen haben wirklich eine sehr stabile und fest gegründete Kirche gebaut mit dicken Mauern, die Schutz bieten vor allen Gefahren und einem hohen Turm, an dem man schon von weitem sehen kann, was die Stunde geschlagen hat. – Die anderen haben ein großzügiges Gemeindehaus konstruiert, mit vielen Fenstern, die Luft und Licht ins Innere ließen, und einer breiten Tür ohne hohe Schwelle, einladend und doch schützend unter dem großen Dach. Und aus der Nähe konnte man erkennen, wie viele Probleme im Detail zu lösen waren: Welche Steine sollten die Konstruktion stützen oder zur tragenden Wand werden, welche hatten lediglich ein paar Lücken zu füllen oder waren nur schmückendes Beiwerk? Da gab es beispielsweise eine Wand, die gründete ganz auf dem Unterricht – Kinderkirche, Jungschar, Reli und Konfis – und an einem anderen Bauwerk wurden die Ecken durch die Hauptamtlichen gestützt, allen voran Pfarrerin und Diakon. Das war der Bauaufsicht dann aber doch nicht ganz geheuer. Hat nicht gerade Ofterdingen in der Vakanz ganz hervorragend bewiesen, dass auch ohne Pfarrer ein gutes und fruchtbares Gemeindeleben möglich ist? Und ist es nicht manchmal sogar so, dass sich die neue Pfarrerin in Dinge einmischt, die ohne sie auch und vielleicht viel rascher und besser gelaufen sind? Gerade im Vorfeld der Visitation, als Berichte zu schreiben waren und die Bücher in Ordnung gebracht wurden, da haben manche engagierte Gemeindeglieder schwer geseufzt ob der zunehmenden Bürokratisierung, und ich bin froh, dass sie sich nicht davon haben entmutigen lassen und sich fröhlich weiter einbringen in unser Gemeindeleben. Denn eins ist sicher: Verwaltung ist eine viel zu hohle Wand, als dass sie die Kirche tragen könnte (auch wenn böse Zungen immer wieder behaupten, wenn die Württembergische Landeskirche heute aufhören würde zu existieren, bräuchte es immer noch 50 Jahre, bis der Oberkirchenrat sich selbst aufgelöst hätte).

Das wollen wir aus dieser Visitation mitnehmen, dass sie auch eine Bauschau war in unserem geistlichen Gemeinde-Haus. Wir haben einander noch besser wahrnehmen können mit all den lebendigen Steinen, die es da gibt. Und es ist beglückend, wie vielfältig und großzügig unsere Gemeinde lebt, angefangen bei den Gottesdiensten über die verschiedensten Gruppen und Kreise bis hin zu tätiger Nächstenliebe in Diakonie und Seelsorge. Alle Altersgruppen werden angesprochen, vielfältig ist unser Gemeindeleben verwoben mit den Aktivitäten im Dorf, mit Vereinen und Initiativen. Stellvertretend will ich die vier Chöre nennen: Da ist ja nicht nur die Kantorei, die sich schon selbst vorgestellt hat mit dem, was ihr Anliegen ist: “Cantate Domino“, Lobet den Herrn mit euren Stimmen. Da ist auch der Posaunenchor, heute beim Missionsfest in Bad Sebastiansweiler, wie er das ganze Jahr einen musikalischen Dienst der Verkündigung tut. Da ist der Gospelchor, die “Friends“ – und der bringt uns eine ganz wichtige Öffnung nach innen, zu der “Lückengeneration“, die doch so wichtig ist für die Kirche. Und da sind schließlich die Spatzen, Amseln und Nachtigallen des Kinderchors, die nicht nur von den Dächern der Burg Eulenstein herabpfeifen, sondern ganz spielerisch und mit viel Vergnügen herangeführt werden an das Leben der Gemeinde. Lauras Geschwister, Lucia und Nikolai, sind schon mit von der Partie, und wir sind gespannt, wann und wie Laura selbst mitmischt in diesem Haus aus Lebendigen Steinen, in das wir sie heute aufnehmen. – Vier große, kostbare Steine der Kirchenmusik: Sie schmücken, weithin sichtbar, unsere Fassade. Und manch anderer wichtiger Stein mag sich ganz klein und schäbig fühlen neben ihnen, auch das ist uns aufgefallen. Es gibt sicher andere Ecken an unserem Haus, da tut ein wenig Farbe gut oder sonst eine Renovierungsmaßnahme. Und vielleicht sollte man da und dort ein Fenster öffnen und ein wenig durchlüften.

Und dann brauchen wir immer viel von dem Mörtel, den die KonfirmandInnen ausgebracht haben: kleine Verbindungsstücke nur, aber ungeheuer wichtig: Vertrauen war eines davon; es steckte zwischen den Steinen “Kirchengemeinderat“ und “Pfarrerin“ (das haben die Jugendlichen wirklich gut beobachtet), Geduld (das fand sich besonders beim Unterricht), oder auch “helfen“ und “trösten“ als Kennzeichen der Diakonie. Gebet stand da und war ganz in der Nähe der Kreise, die durch ihre Fürbitte die aktive Arbeit mittragen helfen (zB die Gottesdienstgemeinde des Cassettendienstes) und schließlich Liebe. Lauras Taufspruch sagt ja, dass sie uns mit Gott verbindet, aber – wo sollte dieser Stein nun hin, der Stein, auf dem “Gott“ stand – ein Symbol dabei, das uns daran erinnert, wer er ist, nämlich Schöpfer, Erlöser und Beistand zugleich. Wohin damit?

In beiden Gruppen gab es eine lebhafte Diskussion: Ganz unten, als Fundament, sagten die einen, weil er es doch ist, der alles trägt, weil er die Basis ist, von der die Kirche lebt, eben der Grundstein. – Ganz oben, als krönender Abschluss, sagten die anderen, weil es nichts gibt, was über ihm stehen könnte, weil er alles und alle zusammenhält, egal wie verschiedenen sie sind, eben der Schlussstein. Wo ist Gottes Platz in unserem Haus aus Lebendigen Steinen? – Ich denke, wenn es überhaupt ein Kriterium gibt, an dem sich verschiedene Gemeinden und Kirchen sinnvoll messen und vergleichen lassen, so sind es nicht Statistiken und Rechnungsabschlüsse, sondern so ist es die Antwort auf diese Frage, nämlich der Platz, den dieser kostbarste Stein in ihren Häusern hat, und so ist es der geheime und unsichtbare Bauplan, der ihnen zugrunde liegt. – Wir haben das Problem schließlich so gelöst, dass wir einfach einen zweiten Zettel geschrieben haben. Und so konnte Gott überall da sein, wo er gebraucht wurde: unten als Grundstein unseres Hauses, oben als Schlussstein über dem Dach. Und als das Haus fertig war, da geschah etwas unerwartet wunderbares: Alle Baumeisterinnen gingen hinein in ihr Gemeinde-Haus, alle gleichzeitig. Und als es ihnen zu eng wurde, zu bedrückend, zu wenig Raum bietend für die eigene Entfaltung, da haben sie es gesprengt und sind hinausgetreten in den weiten Raum, den Gott schenkt – um von vorne zu beginnen, neues zu planen und zu bauen, mit den Steinen, die sie selbst durch ihre Taufe geworden sind. Besser kann es auch der 1.Petrusbrief nicht sagen als so: Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk des Eigentums, berufen von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.

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