Hauptsache gesund

Liebe Gemeinde.

Zehn Aussätzige wurden gesund. Aber nur einer kam zu Jesus zurück. Die anderen neun ließen sich nicht mehr blicken. Vielleicht denken Sie: So war es nicht nur damals, so ist es auch heute noch. Das Sprichwort sagt: „Undank ist der Welt Lohn!“ Solche Redensarten geben in der Regel immer wiederkehrende Erfahrungen weiter. Nur einer von zehn zeigte seine Dankbarkeit. Waren die anderen neun etwa undankbar?

Versuchen wir einmal, uns in ihre Lage zu versetzen: Aussatz, also Lepra war damals die am meisten gefürchtete Krankheit, unheilbar und unheimlich ansteckend. Die Priester, sozusagen das Gesundheitsamt damals, wachten darüber, dass Aussatz früh erkannt und Aussätzige sofort isoliert wurden – nachzulesen im Gesetz des Mose (3. Mose 13). Schon bei den ersten Anzeichen dieser furchtbaren Krankheit hatten die Betroffenen sofort ihre Angehörigen und ihren Wohnort zu verlassen. Sie wurden „ausgesetzt“. Daher kommt unser Wort „Aussatz“. Sie hausten außerhalb der Dörfer in Ruinen, Erdhöhlen oder alten Friedhöfen. Was sie zum Leben brauchten, brachten die Angehörigen und legten es in angemessener Entfernung nieder. Kam jemand den Aussätzigen zu nahe, dann mussten sie laut rufen: „Unrein, unrein!“
So warteten die Aussätzigen ohne jede Hoffnung nur noch auf ihren Tod. Ein schreckliches Schicksal.

Offenbar hatten die zehn von Jesus gehört. Seine Heilungen sprachen sich herum. Als Jesus in der Nähe vorbei kam, da riefen sie in ihrer Not: „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!“ „Als Jesus sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern!“ Das Erstaunliche an der Geschichte ist, dass die zehn sich wirklich auf den Weg machten. Sie haben nichts in der Hand und verlassen sich allein auf das Wort Jesu.

Die ersten Schritte werden ihnen sicher schwer gefallen sein, weil alles gegen die Hoffnung auf Heilung sprach. Vielleicht redete ihnen ihre Vernunft ein:
„Du bist doch übergeschnappt, wenn du dem Wort Jesu mehr vertraust als der Wirklichkeit: Deine Glieder sind doch immer noch krank, sie werden weiter faulen. Was sollen denn die Priester an dir feststellen? Sie werden dich wieder in die Wüste schicken!“ Aber ihr Herz klammerte sich an das Wort Jesu: „Geh hin, zeig dich den Priestern“, damit sie deine Heilung feststellen können!

„Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie gesund, rein von ihrem Aussatz!“ So wurde ihr Glaubensschritt bestätigt. So können wir es auch erleben: Wenn wir dem Wort Jesu Vertrauen schenken auch gegen den Augenschein, dann wird es sich auch in unserem Leben als wahr und wirksam erweisen. Die zehn erlebten, was sie zuvor nicht mehr zu hoffen gewagt hatten: das Wunder ihrer Heilung. Und dann?

Wir können uns gut vorstellen, wie es für sie weiterging: Voller Freude liefen neun nach Hause zu ihren Angehörigen, um sie in die Arme zu schließen und wieder dabei zu sein. Noch einmal davon gekommen, dem Tod entronnen! Laut jubelnd, vielleicht mit Tränen in den Augen und mit einem Gefühl unendlicher Dankbarkeit, weil sie wieder gesund geworden waren. Ich denke, die neun verhielten sich gar nicht viel anders als wir in ähnlichen Situationen.

Die Älteren unter uns denken mit Grauen an die schreckliche Zeit des 2. Weltkrieges zurück, an die Bombennächte im Luftschutzkeller, an die mörderischen Kämpfe, an das Flüchtlingselend, an die Gefangenschaft.
Wie oft wurde damals gebetet: „Herr, erbarme dich über uns. Hilf uns doch!“ Wie oft sah es dann so aus, als gäbe es kein Entrinnen. Viele, die überleben und heimkehren durften, sagten: „Es war ein Wunder, dass ich da lebend herausgekommen bin. Ich bin dankbar, dass ich weiterleben darf.“ Oder denken wir an unsere Kranken daheim oder im Krankenhaus. Wie viele Gebete und Hilferufe werden da Tag für Tag und besonders in langen schlaflosen Nächten zum Himmel geschickt: „Herr, erbarme dich über mich! Hilf mir doch!“
Manche von uns haben vielleicht selbst das Wunder erlebt, dass sie nach einer schweren Krankheit wieder gesund geworden sind – durch ärztliche Hilfe oder auch ganz spontan, so dass sie bestätigen können: „Ja, mein Gebet oder die Fürbitte anderer ist erhört worden. Ich bin noch einmal davon gekommen. Wieder daheim, wieder im Beruf, das Leben hat mich wieder.“ Vielleicht haben wir dabei auch das Gefühl einer großen Dankbarkeit und Freude.

Wunder haben wir dann erlebt, wenn etwas geschah, was wir kaum mehr zu glauben und zu hoffen wagten. Wenn uns solche Wunder bewusst werden, dann haben wir das Gefühl großer Dankbarkeit. Die lateinische Sprache ist da etwas genauer als die deutsche. Sie unterscheidet zwei Arten von Dankbarkeit: 1. wörtlich übersetzt „Dank haben“ (gratiam habere), also das Gefühl der Dankbarkeit haben. In diesem Sinn gibt es sehr viele dankbare Menschen und sicher nur ganz wenig undankbare. 2. „den Dank zurückbringen“ (gratiam referre), und zwar zu dem, dem wir etwas verdanken. Genau das tat der Samariter in unserer Geschichte. Der Samariter, der Fremde, der Verachtete. „Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter.“

Wir sind nun gefragt, ob unser Dank nur ein Gefühl ist, das wir für uns behalten, oder ob er auch an die richtige Adresse kommt. Ob unser Dank zu den Menschen kommt, denen wir etwas verdanken, und zu Gott, dem wir alles verdanken. Die Frage ist, ob wir Gott die Ehre geben oder – um beim Beispiel von vorhin zu bleiben – ob wir sagen: „Da haben wir noch einmal Glück gehabt – damals im Krieg, damals im Krankenhaus – der Arzt war sehr gut, die Medikamente haben gewirkt, die Kur hat uns gut getan, mein Lebenswille hat sich durchgesetzt!“ Vielleicht sagen wir dabei sogar „Gott sei Dank!“ Aber dieses Gott sei Dank kann zu einer gedankenlosen Redensart werden. Wer gibt von uns, wenn er gesund geworden ist, Gott die Ehre? Mit lauter Stimme – wie der Samariter?

Der Wochenspruch erinnert uns an etwas, was wir so leicht vergessen: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Der Samariter damals tat noch mehr: „Er fiel nieder zu Jesu Füßen.“ Damit brachte er zum Ausdruck: „Ohne dich, Herr, wäre ich verloren gewesen. Du hast mich gerettet. Du hast mir das Leben neu geschenkt. Mein Leben gehört nun dir!“ „Und Jesus sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“ Der Samariter ist nicht nur gesund geworden. Er hat sich und sein Leben in Jesu Hände gelegt. Wer sich Jesus anvertraut, der wird heil; und das ist mehr als gesund werden.

Oft kann man (besonders bei hohen Geburtstagen) hören: „Hauptsache gesund!“ Und das ist ja auch wirklich wichtig. Vieles ist uns nur möglich, wenn wir gesund sind. Darum tun wir auch viel für unsere Gesundheit. Das Evangelium dieses Sonntags zeigt uns: Es gibt noch etwas besseres und wichtigeres als Gesundheit: „Hauptsache gerettet und heil durch Jesus!“ Erst dann ist uns wirklich geholfen, wenn wir uns Jesus Christus anvertrauen und ihn als Herrn in unserem Leben anerkennen. Das gilt auch dann noch, wenn unsere körperliche Krankheit nicht mehr geheilt werden kann. Manchen unheilbar Kranken kann man es abspüren, dass sie im Vertrauen auf Jesus Christus leben und von ihm Hilfe und Trost empfangen, oft auch noch für andere.
„Hauptsache heil durch Jesus!“

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