Hauptrolle

Liebe Gemeinde,

wir haben eben die Weihnachtsgeschichte gesehen, gespielt von Kindern. Der Inhalt ist jedem von Ihnen wahrscheinlich aus der eigenen Kinderzeit bekannt. Lassen Sie mich dennoch ein Stück des Textes, wie er uns bei Lukas in der Bibel überliefert ist, vorlesen.

[TEXT]

Kürzlich habe ich mich mit einem Bekannten unterhalten. Er sagte, Heiligabend werde er wohl auch in diesem Jahr wieder zur Kirche gehen, "weil es einfach dazu gehört." Obwohl er, "da bin ich ehrlich", damit eigentlich "nichts am Hut" habe. "Ich habe nicht direkt was dagegen, aber auch nicht viel dafür übrig. Dabei habe ich sogar als Kind beim Krippenspiel mitgemacht." "Ist ja interessant. Was hast du denn gespielt?" wollte ich wissen und verkniff mir gerade noch ein lockeres "wahrscheinlich den Esel".

"Ach, beide Male nur den dritten Hirten", sagte der Mittvierziger, "danach habe ich nicht mehr mitgemacht." – und aus seiner Stimme klang so etwas wie Verbitterung. Ich horchte auf, denn in diesem Ton und diesem Satz steckte mehr drin als die Sache mir anfangs wert schien. Plötzlich fiel mir ein, wie gerne ich selbst als Kind mal die Maria oder der Engel gewesen wäre, aber ich durfte, weil ich so leise sprach und so ängstlich war, immer nur jemand sein, der entweder gar nichts oder bloß einen Satz zu sagen hatte. Ein Kind oder eben auch der dritte oder vierte Hirte. Vielleicht hat dieser Bekannte, genau wie ich, heimlich davon geträumt, ein einziges Mal Hauptdarsteller zu sein, vor großem Publikum. Und vielleicht träumt er ja diesen Traum immer noch. Nicht beim Krippenspiel, sondern irgendwo anders auf der Bühne des Lebens. Vielleicht ist ihm das nicht einmal bewusst, aber es bleibt so ein Grundgefühl, nicht wichtig und ernst genug genommen zu sein und nicht den Platz bekommen zu haben, an den er gehört. Vielleicht geht es uns allen ja oft ähnlich. Alle erfüllten Weihnachtswünsche würden wohl nicht ausreichen, diese heimliche Sehnsucht zu stillen.

Betrachten wir aber die Geschichte, die wir gesehen und gehört haben, genauer: Sind die Hirten nicht die wichtigsten Figuren in diesem fast unglaublichen Geschehen? Wie hätte die Welt ohne sie erfahren, was da im Stall von Bethlehem passiert ist? Gott selbst hat sie ausgesucht als erste Zeugen dafür, dass er in Menschengestalt auf die Erde kommt. Und wenn sie nur für diese eine Stunde gelebt hätten, dann wären sie an ihrem Platz richtig und wichtig gewesen.

Nicht jeder Hirte wird so etwas Bahnbrechendes erleben. Dennoch hat mich das Gespräch mit einem Mann aus diesem Beruf nachdenklich gemacht: Wenn er heute noch einmal zu entscheiden hätte, er würde wieder Schäfer werden, sagte mir neulich einer, der hier im Mansfelder Land 60 Jahre lang Herden bewachte. "Und da oben", der Schäfer Kurt zeigte himmelwärts, "wenn ich da jemals hinkomme, werde ich wohl auch Schafe hüten." Diese tiefe Zufriedenheit und auch die Zuversicht fand ich bemerkenswert. Sind nur Hirten so? Der Beruf jedenfalls kommt in der Bibel ziemlich oft vor: Hirten haben Geschichte gemacht, von Abraham begonnen. Und "Pastor" bedeutet schließlich auch nichts anderes als "Hirte". Auch Jesus bedient sich gern der Hirtensprache. Als er Abschied von seinen Jüngern nimmt, sagt er zu Petrus: Weide meine Lämmer und wiederholt Weide meine Schafe! Damit übergibt er ihm Verantwortung für seine Gemeinde, eine Verantwortung, wie sie Hirten, auch die, die hier in Bethlehem nachts bei ihrer Herde waren, zu tragen gewohnt sind. Die paar Männer, denen da nachts der Engel erscheint, waren durchaus verantwortlich für die Schafe, die sie nun stehen lassen, um dahin zu gehen, wohin der Engel sie schickt. Aber das Ereignis, was sich vor ihren Augen tut, dieses ungeheure Licht, das ihnen aufgeht, macht ihnen klar, dass es noch etwas Wichtigeres gibt als ihre tägliche Arbeit, dass sie in diesem Augenblick für etwas ganz Besonderes gebraucht werden. Furcht ergreift sie zwar – kein Wunder. Aber dennoch machen sie sich auf, um etwas ganz Neues zu erleben. Etwas von dieser Aufbruchstimmung, von dieser Offenheit – bei allem Verantwortungsgefühl – können auch wir brauchen – damit wir überdenken können, wie weit sich unsere Wünsche und Sehnsüchte und unser wirklicher Platz im Leben entgegenkommen. Möglicherweise laufen wir aus lauter Enttäuschung über verpasste Chancen an der wirklichen Rolle unseres Lebens, in der nur wir der Hauptdarsteller, eben der "dritte Hirte" sein können, vorbei. Die "Bühne" dafür kann vielleicht ganz klein sein und dort liegen, wo wir sie gar nicht vermutet haben. Im Kinderzimmer der Enkel vielleicht oder bei einem Nachbarn, der uns genau jetzt braucht, überall da, wo wir jemanden in Liebe offen begegnen, ja, sei es, dass nur ein Fremder nach dem Weg fragt und wir ihn wissen.

Wenn Ihnen nun die Hirten aus dem Krippenspiel eine brennende Kerze mit auf den Heimweg geben, soll dieser kleine Schimmer des Sterns von Bethlehem ihr Herz und Ihren Weg erleuchten. Bitte fangen Sie gleich hier bei Ihrem Nachbarn an, das Licht weiterzugeben und entzünden Sie seine Kerze. Möge es hell und warm werde in uns und um uns in dem Wissen, dass wir bei Gott immer die Hauptrolle spielen. Dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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