Haltet euch nicht selbst für klug …

Liebe Gemeinde,

ich finde es ja schon ein wenig seltsam, wie man diesen Predigttext „abgeschnitten“ hat: „Haltet euch nicht selbst für klug….“ ist der letzte Satz. Bei mir hat er sofort Erinnerungen geweckt an mein erstes Theologisches Examen: der freundliche Pfarrer aus dem Landeskirchenamt, der die Aufsicht über uns führte, hielt eine Andacht über genau diesen Text. Ich weiß nicht mehr viel davon, außer, dass eben dieser Satz „haltet euch nicht selbst für klug!“ fiel – und ich mir gedacht habe, dass das vielleicht nicht gerade sehr sensibel war. Schließlich hatten wir Prüflinge monatelang gebüffelt – und kriegten dann das zu hören. Jetzt, vier Jahre später, find ich diesen Text immer noch nicht sonderlich passend für eine Prüfungsandacht. Davon abgesehen kann ich ihm inzwischen aber doch einiges abgewinnen. Ich habe festgestellt, dass dieser Satz „Haltet euch nicht selbst für klug!“ zu Zeiten sehr sinnvoll ist. Es kann sehr heilsam sein, sich den gelegentlich mal selbst vorzusagen – so als kleine Bremse, wenn man gerade dabei ist, sich selbst für besser als andere zu halten und anderen zu sagen, was sie tun und lassen sollen.

Und ich will ihn auch sozusagen als „Filter“ sehen, durch den ich diesen Ausschnitt von Paulus’ Brief ansehe. „Haltet euch nicht selbst für klug!“ – das hat Paulus zunächst an die Mitglieder der christlichen Gemeinde in Rom geschrieben. Paulus hat die römische Gemeinde nicht gekannt; er hat aber einige Menschen gekannt, die mit der römischen Gemeinde etwas zu tun hatten. So hat er doch einiges gewusst über sie: Z.B., dass die Gemeinde überwiegend aus sogenannten „einfachen Leuten“ bestand, aber doch ein paar Menschen „besseren Standes“ dabei waren. Und auch, dass die Christen in Rom ein nicht ganz ungefährliches Leben führten. Sie galten als „fremdländische Sekte“, die ganz genau beobachtet wurde und wenige Jahre später dann ja auch mit aller Härte verfolgt wurde. Diesen Menschen beschreibt Paulus sein Idealbild von Gemeinde. „Ein Leib mit vielen Gliedern“ ist die Gemeinde für ihn, er benutzt den Vergleich häufiger, auch in Briefen an andere Gemeinden. Sie kennen ihn bestimmt. Jeder Teil des Leibes hat bestimmte Aufgaben, die nur er übernehmen kann – und die er auch übernehmen muss, sonst geht es dem ganzen Körper nicht gut. Und kein Teil des Körpers kann sagen, es sei besser als was anderes, denn alle werden gebraucht. „Der Kopf kann nicht ohne die Füße sein“, so beschreibt Paulus das an anderer Stelle. So stellt er sich Gemeinde vor: Jeder Mensch, der zur Gemeinde gehört, hat in der Gemeinde seinen Platz und seine Auf-Gabe. Jeder sorgt damit dafür, dass es der ganzen Gemeinde gut geht – genau so wie jeder Teil eines menschlichen Körpers mit dafür sorgt, dass es dem ganzen Körper gugut geht. Dies passiert auf ganz unterschiedliche Weise, durch verschiedene Ämter in der Gemeinde ebenso wie z.B. durch Hilfsbereitschaft untereinander. Jeder wird gebraucht, und keiner ist wichtiger oder weniger wichtig als der andere. Also: keiner kann sagen „ich bin klüger oder besser als der und der.“ Egal, was er macht.

So weit das Idealbild. In der Realität sieht es aber doch oft anders aus. Da sind natürlich Hierarchien entstanden. Die sind vielleicht auch durch Paulus Vorgabe gefördert worden. Immerhin spricht er ja auch zunächst mal von verschiedenen Ämtern in der Gemeinde, also z.B. Lehre, Seelsorge u.a.; und erst dann kommt er so auf das „allgemeine“ zu sprechen, was jeder kann. Wie auch immer sie entstanden sind, Hierarchien gibt es – auch wenn man sich bemüht, die zu vermeiden, wird es immer wieder passieren, dass ein „Dienst“ oder eine Aufgabe in der Gemeinde als besser oder wichtiger angesehen wird als ein anderer. Und damit auch die Personen, die sich darum kümmern. Ich finde das gar nicht so ungefährlich, denn auf ganz leisen Sohlen schleicht sich da doch oft eine Wertung ein. Auch eine andere Gefahr sehe ich im Bild vom Leib und den Glieder: Die „Glieder“ an unserem Körper, die ändern ihre Funktionen ja nicht. Eine Hand bleibt eine Hand, die kann auf Dauer kein Fuß sein. Und im übertragenen Sinne passiert das wohl auch immer wieder in der Gemeinde: Ein Gemeindebriefausträger ist ein Gemeindebriefausträger, ein Mitglied vom Besuchskreis bleibt es, usw. Funktionswechsel ist nicht vorgesehen. Und wer eine Aufgabe hat, soll die auch treu erfüllen, und bloß nicht aufhören damit. Die Option, sich mal nicht aktiv zu beteiligen, ist ebenfalls nicht vorgesehen. Wo käme man denn hin, wenn die Hände plötzlich nichts mehr tun wollten?

Hat Paulus das so gemeint? Wollte er, dass sich im Gefüge der Gemeinde nichts ändert? Wohl eher nicht. Ihm ging es eher um etwas anderes: Er zählt auf, was es für Aufgaben gibt, die für das Leben – und überleben – einer Gemeinde wichtig sind. Da gibt es nicht nur eine einzige wichtige Aufgabe, sondern eine Menge verschiedener. Wer nun eine solche Aufgabe erfüllen kann, der soll sorgfältig damit umgehen und seine Gaben und Befähigungen zum Wohl der Gemeinde einsetzen, gleich um was es sich handelt. Gastfreundschaft ist so eine Aufgabe, Mitgefühl mit anderen Menschen, das Bekenntnis, dass man zur christlichen Gemeinde gehört; Seelsorge im weitesten Sinne, Lehre – all das gehört dazu, aber eins ohne das andere geht auf Dauer nicht. Bei einem Blick in unsere Gemeinde sehe ich eine ganze Menge Ehrenämter, die eben diese Aufgaben – und noch einige andere dazu – übernehmen. Ich hab versucht, zu zählen, wie viele verschiedene es gibt, ich bin auf über zwanzig gekommen und habe bestimmt noch einiges vergessen dabei. Ein paar Beispiele nur: Viele Menschen tragen den Gemeindebrief aus und machen so bekannt, was bei uns alles passiert. Menschen gehen ins Krankenhaus, um Kranke zu besuchen. Der Unser-aller-Welt-Laden lebt von Menschen, die freiwillig mithelfen und so auch Mitchristen anderswo unterstützen. Die Kantorei sorgt mit ihrem Singen für fröhliche Gemüter. Gottesdienst-Mitarbeiter machen sich Gedanken, wie wir Kindern die Botschaft Gottes weitergeben können. Und viele tragen einfach durch ihr Da-sein dazu bei, dass die Gemeinde lebendig ist. Durch alle diese Tätigkeiten und alle anderen dazu, die ich jetzt nicht mehr aufzählen kann, ist der Gemeinde gedient. Wir sind aktiv und unterstützen uns gegenseitig, damit die Botschaft Christi weitergetragen werden kann. Und das in aller Regel freiwillig – hoffe ich jedenfalls!

Wenn ich nun noch mal in meine Luther-Bibel reinschaue, dann lese ich allerdings lauter Aufforderungen und Mahnungen: Seid nicht träge, Übt Gastfreundschaft, hasst das Böse und hängt dem Guten an….. Ich bin damit nicht sehr glücklich, es klingt so sehr nach Anweisung: Du musst dieses und jenes tun, damit die Gemeinde lebt – und vielleicht auch, damit Goitt zufriedengestellt ist. Wir kennen dieses Prinzip ja, so läuft es bei uns in der Regel: Ich tu was für dich, damit du was für mich tust. Und man könnte nun bei diesen ganzen Anweisungen auf die Idee kommen, dass das auch in der Gemeinde so laufen soll, und auch zwischen Menschen und Gott. In etwa so: Übt Gastfreundschaft – damit Gott euch auch mal freundlich aufnimmt. Merkwürdigerweise fehlt aber dieses „damit“ in Paulus’ Text. Ja, gibt es denn keine göttliche Gegenleistung für das, was wir tun?

Nein, die gibt es nicht. Es braucht aber auch keine nachträgliche Gegenleistung. Denn wir haben nämlich schon etwas ganz anderes bekommen, gewissermaßen eine Vorausleistung. Wir haben Gottes Liebe geschenkt bekommen. Jesus Christus ist in unsere Welt gekommen und hat uns Gottes Liebe gezeigt. Daraufhin haben sich die christlichen Gemeinden gegründet – weil uns Menschen Gottes Liebe nahegebracht wurde. Diese Liebe müssen wir nur annehmen. Wir können aus ihr schöpfen und sie sozusagen weiter verteilen, indem wir das, was wir können, anderen zur Verfügung stellen. Und da gibt es nichts, was wichtig oder unwichtig ist, jedes bisschen ist wichtig.

Der Kreis zum Anfang schließt sich mit einer letzten Bemerkung: „Haltet euch nicht für klug“, diesen Satz wollte ich als „Filter“ nehmen für die Predigt. Anders formuliert, heißt das: „Halte dich nicht für besser oder schlauer oder unverzichtbarer als andere“. Denn jeder von uns ist unverzichtbar im Leib Christi. Was wir tun kommt erst an zweiter Stelle – solange wir es dazu tun, Gottes Liebe innerhalb und außerhalb der Gemeinde weiter zu tragen. Und das ist doch ein sehr beruhigender Gedanke – dass man ein unverzichtbarer Teil am Leib Christi ist, den man nicht einfach so loswerden kann. Finden sie nicht auch?

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