Haben wir eine Wahl?

Liebe Gemeinde hier in Fintel!

Es sind schon einige Jährchen vergangen seit der Zeit, als ich häufiger in dieser Kirche mit Ihnen Gottesdienst feiern und von dieser Kanzel aus das Wort Gottes ausrichten durfte. Der Eine oder Andere mag sich vielleicht daran erinnern. Es war zu Pastor Feltkamps für mich unvergessliche Zeiten. Heute sind wir nun beide Pastoren i.R., und das heißt für mich weniger "im Ruhestand" als eher "in Reichweite", jedenfalls so weit es die Gesundheit zulässt. Ich freue mich, dass wir heute gemeinsam singen, beten, also auf vielfältige Weise Gottes Wort hören dürfen. Möge Gott unsere Sinne schärfen und unserem Verstand helfen, dass wir nicht nur hören, sondern auch begreifen und als Hilfe ergreifen, was Gott uns sagen möchte.

Wir haben heute am 22. September 2002 die Wahl. Haben wir eine Wahl? Ich habe lange überlegt, ob ich zur Wahl gehen soll. Meine Frau bedrängt mich hart, das Wahllokal aufzusuchen und dort meine beiden Kreuzchen zu machen. Sie meint, ich könne es mir in so einer überschaubaren Gemeinde wie Lauenbrück nicht leisten, einfach zu Hause zu bleiben. Nicht dass mich Politik nicht interessieren würde. Im Gegenteil: Vielleicht erwarte ich zu viel von der Politik und verlange von Politikerinnen und Politikern zu viel. Vielleicht weiß ich es auch zu wenig zu schätzen, dass wir im vereinten Deutschland überhaupt wählen dürfen, also in einer Demokratie leben dürfen, wo doch in vielen Ländern der Erde die Menschen nicht einmal dieses Recht auf Mitbestimmung haben. Und dennoch: Die Politikverdrossenheit hat auch mich seit einiger Zeit zunehmend unwillig und auch ärgerlich gemacht. Da ist zu Vieles, das meines Erachtens längst in Angriff hätte genommen werden müssen und das im Gerangel der Parteien untereinander vor der Wahl , in den jeweiligen Koalitionsverhandlungen nach der Wahl, unter dem Druck der Lobby aus Wirtschaft und Industrie im Alltag zwischen den Wahlen untergeht. Und dann die vielen Absichtserklärungen und Versprechungen, die nicht eingehalten werden, vielleicht auch nicht eingehalten werden können. Ich frage nach Inhalten und Programmen und mir begegnen Personen – auf den Plakaten an den Straßenrändern und in Fernsehduellen.

Ich frage nach den Grundwerten, von denen wir Wähler ausgehen könnten, dass sie auch noch nach der Wahl gültig wären. Ich frage nach der Glaubwürdigkeit und nach der Vertrauenswürdigkeit des einzelnen Politikers / der einzelnen Politikerin, dem bzw. der ich durch mein Kreuzchen Vollmacht geben soll, die nächsten Jahre maß-gebend im wörtlichen Sinne zu prägen. Wen kann ich, wenn nicht mir selbst, dann doch zumindest jungen Menschen wie etwa unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden als Vorbild eines ehrlichen und gesetzestreuen Menschen vor Augen stellen? Ja, es mag sein, dass ich die Messlatte zu hoch lege. Vielleicht sogar so hoch, dass ich sie nicht einmal selbst immer meistern kann. Ja, es mag sein, dass ich zu viel von den Politikern erwarte, da sie doch auch nur Menschen sind und bestenfalls das sagen, das tun, das in Bewegung bringen können, was gerade im Augenblick unter den obwaltenden Umständen möglich ist. Ich bin dankbar, dass auf mir diese Last, als Politiker Verantwortung tragen zu müssen, nicht lastet. Und deshalb sollte ich mit meinen Äußerungen, mit meinen Beurteilungen sanft und vorsichtig, eher nachsichtig und verständnisvoll umgehen. Das alles weiß ich. Und dennoch: Eine gewisse Verdrossenheit, eine gewisse Enttäuschung, das Gefühl, als Wähler vor der Wahl umschmeichelt und nach der Wahl schnell vergessen zu werden – all das hat schon auch Raum in meinem Herzen. Und wie ich weiß, nicht nur in meinem Herzen. Von Wahl zu Wahl wächst die Partei der Nichtwähler. Das sollte zu denken geben.

Wir haben also die Wahl. Haben wir sie wirklich? Dann müssen wir nach dem Programm, nach Grundwerten, nach der Basis fragen, von der aus Menschen handeln, handeln sollen, zu handeln versprechen.

Das gilt nicht nur für die Politik etwa in der Frage: Wie, was, wer wird in unseren Schulen unterrichten und unterrichtet – also die Frage nach der Ausrichtung, nach den Zielen einer Bildungspolitik. Wir fragen nicht nur nach Arbeitsplätzen und warum sie verschwunden sind und woher neue kommen sollen. Wir fragen auch nach dem Stellenwert von "Arbeit" im Wertespiegel unserer Gesellschaft. Wir fragen nicht nur danach, ob und wie man Diktatoren wie den Iraker Saddam Hussein an die Leine der Regeln der Humanität legen kann – wir fragen danach, welchen Stellenwert der Mensch überhaupt hat in der heutigen Zeit und Gesellschaft. Wir reden von "westlicher zivilisierter Welt" und möchten wissen, was die, die so reden, darunter für sich selbst verstehen. Diese Fragen sind berechtigt und müssen beantwortet werden, weil von der Beantwortung Vieles abhängt, nicht nur im Umgang der Menschen miteinander, sondern eben auch in Wissenschaft, in Technik, in der Medizin, in der Ethik. Welches Menschenbild bewegt uns, wenn Entscheidungen z.B. in der Gen-Technologie zu treffen sind?

Wir fragen. Aber wen können wir fragen? Wo gibt es Antworten? Heute, liebe Gemeinde, haben wir nicht nur die Wahl. Heute erhalten wir auch Antworten auf unsere Fragen.

Luther übersetzt den griech. Text aus Eph. 4, 1-6, über den wir heute nachdenken sollen, so:

[TEXT]

Eine modernere Übersetzung, die "Gute Nachricht", formuliert das so, dass wir es vielleicht schon beim ersten Hinhören begreifen, was das für unser tägliches Leben heißen soll: "Nun bitte ich euch als einer, der für den Herrn im Gefängnis ist: Lebt so, wie es für Menschen gehört, die Gott zu seinem Volk berufen hat. Erhebt euch nicht über die anderen, sondern seid immer freundlich und geduldig. Sucht in Liebe miteinander auszukommen. Bemüht euch darum, die Einheit zu bewahren, die der Geist Gottes euch geschenkt hat. Der Frieden, der von Gott kommt, soll euch alle verbinden!"

Wir fragen nach den Grundwerten menschlichen Lebens. Und wir bekommen heute Antworten aus der Hl. Schrift. Von "Sanftmut", "Demut" und "Geduld" ist da die Rede in Luthers Übersetzung. Das sind Begriffe, die wir heute zwar als wichtig und richtig anerkennen mögen, die aber so verstaubt und altmodisch klingen, dass wir sie in unsere heutige Sprache übersetzen müssen, damit sie wieder an Wert und Gültigkeit für unsere heutige Gesellschaft gewinnen. Die "Gute Nachricht" versucht es, indem sie von "Freundlichkeit" spricht, und davon, dass wir nicht "überheblich auf andere" herabsehen sollen. Und vor allem, dass wir "das Band des Friedens", der von Gott kommt, nicht überdehnen, so dass es reißen könnte. Und alles in allem, so hören wir, gibt es da eine Einheit, die uns alle umfasst, weil sie nicht Menschenwerk ist, sondern von Gott gestiftet, in die Herzen der Menschen eingesenkt worden ist durch Christus, der unser aller Herr und Bruder ist.

Das sind alles keine neuen Formulierungen, liebe Gemeinde, die wir da etwa zum ersten Male hören würden. Nein, das wissen wir alles eigentlich längst schon. Und es gehört zu den Anfechtungen und Zweifeln, mit denen ein jeder Christ sich abplagen muss, warum dieses Programm Gottes, das er für unser Heil und für das Heil der ganzen Schöpfung aufgestellt hat, so wenig gilt, so wenig beachtet wird, sich so wenig durchsetzt im Alltag menschlichen Zusammenlebens. Ja, doch. Es gibt schon Momente, da leuchtet dieses Programm wie ein Blitz am Himmel auf und erfasst die Menschen. Ich denke z.B. in jüngster Vergangenheit an die Hochwasserkatastrophe, als sich über einige Wochen eine Einheit in unserem Volk abgezeichnet hat. Das war schon beeindruckend, wie viele Geld- und Sachspenden da zusammen gekommen sind. Und auch in der Politik, selbst in Wahlkampfzeiten, konnte man da ein Band erkennen, das über Differenzen hinweg miteinander verbunden hat. Oder ich denke an die Zeit der Wende, als unser Volk Mauern nieder gerissen hat und selbst die Kirchen voll waren, um Gott für dieses Zeichen des Friedens, das er damit setzen wollte, zu danken. Und so gibt es sicher noch mehr, das dem großen Publikum verborgen bleibt, weil es sich nicht fürs Fernsehen eignet, oder weil es im Privaten bleiben möchte, wenn Menschen zueinander finden und miteinander neue Wege der Freundlichkeit, des gegenseitigen Verstehens, ja sogar der Liebe zu gehen bereit sind. In Familien. Zwischen den Generationen. Im Zusammenleben der Völker.

Also: Es gibt sie schon, diese Grundwerte, die Gott sucht, in unseren Herzen zu verwurzeln. Wir müssen als Christen uns nur immer wieder selbst und andere daran erinnern und darauf hinweisen. Und selbst danach handeln.

Das ist unsere Aufgabe auch als Bürger dieser Welt. Christen leben nicht abseits der Welt. Christen haben den Auftrag, in dieser Welt mitzumischen. Sich einzumischen. In diesem Sinne politisch zu handeln. Als "Berufene" , sagt unser Bibeltext. Als Mitarbeiter Gottes also.

Und dann lesen und hören wir noch etwas sehr Wichtiges heute im Epheserbrief: "Ihr alle seid ein Leib, in euch allen lebt ein Geist, ihr alle habt eine Hoffnung, die euch Gott gegeben hat, als er euch in seine Gemeinde berufen hat. Es gibt für euch nur einen Herrn, nur einen Glauben und nur eine Taufe. Und ihr kennt nur den einen Gott, den Vater von allem, was lebt. Er steht über allen. Er wirkt durch alle und in allen."

Auch das hören wir nicht zum ersten Mal, liebe Gemeinde. Aber man könnte meinen, wir hätten es noch nie gehört, wenn man unser Handeln, unseren Umgang miteinander als Christen näher betrachtet. Ganz konkret heute an diesem Wahltag denke ich dabei z.B. an Plakate, auf denen ich die drei Buchstaben "PBC" lese. Diese Buchstaben stehen für "Partei Bibeltreuer Christen". Ja, ich kann es gut verstehen, dass es Christen gibt, denen das Programm Gottes zu wenig in anderen Parteiprogrammen und vor allem im täglichen Leben Beachtung findet. Ich hoffe auch, dass sich immer mehr Christen in ihren jeweiligen Parteien zu Wort melden. Andererseits habe ich die Sorge, dass durch eine Extra-Partei "Bibeltreuer Christen" die Menschen, die in anderen Parteien tätig sind, sich möglicherweise als Nicht-Christen hingestellt sehen. Das wäre nicht richtig, denn ich allein kenne schon eine Menge Menschen – und jeder von Ihnen sicher auch -, die sich in anderen Parteien engagieren und sich dort als "treue" Christen einbringen. Auf diesem Hintergrund erscheint es mir auch bedenklich, ob damit nicht eben genau das zerschnitten wird, was Gott geknüpft hat durch Tod und Auferstehung Jesu Christi: Das Band des Friedens, das allen, die an ihn glauben, gilt.

Parteiübergreifend also gilt, für die ganze Christenheit gilt: "Es gibt für euch nur einen Herrn, nur einen Glauben und nur eine Taufe." Das ist das Programm Gottes, mit dem in der Tasche er uns in diese Welt schickt und als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berufen hat. Das sind die Grundwerte, nach denen wir auch in der Tagespolitik fragen, ob sie die Entscheidungen unserer Volksvertreter, gleichgültig in welcher Partei sie sich engagieren, bestimmen.

Und das sind die Grundwerte, die auch das Miteinander der Christen bestimmen sollten. Leider – wie in der Tagespolitik – kann auch hier die Realität mit den Zielvorstellungen nicht Schritt halten. Ich brauche dabei gar nicht mit dem Finger auf die großen, alle Christen beschämenden Konfliktfelder wie Nord-Irland zu weisen. Es reicht schon ein Blick in die nähere Umgebung. "Freundlichkeit", "Demut", "Sanftmut", "Geduld", ja sogar "Liebe" – sind das die Merkmale und Kennzeichen für den Umgang der Gruppen und Gemeinschaften allein im Bereich der Ev. Kirche?

Ich will ja gar nicht von den Gräben, die die Konfessionen immer noch voneinander trennen, reden. Ja, ich möchte sogar so weit gehen, Ihnen, liebe Gemeinde zumindest auf den Nachhauseweg mit zu bedenken geben, was das alles noch heißen könnte: "Ihr kennt nur den einen Gott, den Vater von allem, was lebt. Er steht über allen. Er wirkt durch alle und in allen." Fragen ergeben sich da. Zumindest für mich. "Gott als der Vater von allem, was lebt" – auch in Indien, auch in Afrika, auch in Nord- und in Südamerika, in Australien, am Süd- und am Nordpol? Auch in der Atmosphäre, die an Schadstoffen überquillt? Und: "Er steht über allen. Er wirkt durch alle und in allem." Ja, dass unser Gott über allen anderen Göttern steht, das hören wir und glauben wir gern. Aber das andere auch? "Er wirkt durch alle und in allem" – auch durch Moslems oder Juden oder Hindus oder Buddhisten oder durch die Kulturen der Naturreligionen?

Ja, ich weiß. Da wird es uns etwas heiß unter dem Hemdenkragen. Geht eine solche Bibelauslegung nicht zu weit? Ist hier nicht ganz eindeutig nur von dem Gott die Rede, der der eine Gott der Christen ist und damit "Ende der Durchsage"? Ja, für die Verse 1 – 5 mag das gelten. Aber was will der Epheserbrief hier im 4. Kap. mit dem 6. Vers uns sagen?

So haben Sie heute zweierlei zu tun, liebe Gemeinde. Machen Sie, wenn Sie es nicht schon getan haben, auf dem Heimweg im Wahllokal Ihre Kreuze dorthin, wo Sie es glauben, verantworten zu können, und nehmen Sie Ihren Auftrag als Beauftragte, als "Berufene" Gottes in dieser Welt wahr. Und denken Sie darüber nach, was dieser letzte Vers unseres heutigen Bibeltextes bedeuten könnte für unser Aktionsprogramm als Christen, vor allem, wenn wir den Anspruch erheben möchten, bibeltreue Christen sein zu wollen.

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