Gutes tun statt opfern

Gutes tun statt opfern. Das verkündet Jesaja. Ich könnte mir vorstellen: Diese Worte gehören am Buß- und Bettag zu den Lieblingstexten unserer regierenden Politiker in Hessen wie im Bund. Gutes tun statt rituelle Opferungen Gutes tun statt gottesdienstliche Feiern abhalten gutes tun statt die Hände zum gebet ausbreiten.

Die Verkündigung des Propheten Jesaja legitimiert auf dem ersten Blick die Abschaffung des Buß- und Bettages als gesetzlichen Feiertag. Und ich finde es lohnt sich zu erinnern, dass es mal einer war! Nun Endlich wird auch am Buß- und Bettag Gutes getan, gehandelt, sprich gearbeitet, und alles als Opfer für die Pflegeversicherung, damit es den pflegebedürftigen Menschen Gut gehen kann. Doch halt: Wie war das: Wir opfern einen Feiertag für die Pflegeversicherung. Wir tun Gutes indem wir opfern. Kein Brandopfer, kein Tier, sondern einen freien Tag. Wir tun Gutes indem wir opfern.

Unsere christliche Tradition hat uns gelehrt darin keinen Widerspruch zu sehen: Schließlich geht es ja auf der einen Seite um heidnische Tieropfer und auf der anderen Seite um das angeblich christliche Opfer, aus Liebe zum Nächsten.

Schauen wir selbstkritisch auf unsere christliche Geschichte, dann merken wir allerdings dass aus dem Liebesdienst allzu oft eine Opferideologie geworden ist und man von der Kanzel herab Verzicht und Opfer predigte denen, die nicht viel zum Verzichten hatten, die eher arm waren. Unter dem Deckmantel der Nächstenliebe wurde dann Unterdrückung gepredigt, wurde mit dafür gesorgt, dass die Reichen reich blieben und die Armen arm oder genauer gesagt, dass die Armen die Zeche zahlen mussten und immer ärmer wurden damit die Reichen reich bleiben konnte.

Zur Zeit des Propheten Jesaja war das nicht viel anders. Die Reichen brachten auch einen kleinen Obolus: Sie brachten das eine oder andere Tier zum Gottesdienst und zum Feiern mit, sie ließen es sich gut gehen. Ihr Verhalten war religiös gerechtfertigt, durch ihre Gebete und durch die Priester, die von den Opfern profitierten. Doch Recht für die die am Rande der Gesellschaft standen, den Unterdrückten, den Waisen und Witwen, schafften sie nicht.

Deshalb trat Jesaja auf mit dem Hinweis: Lernt Gutes tun! Tut Gutes anstatt zu opfern. Lernt denen Recht zu geben, die keine Lobby haben und sucht Gerechtigkeit zu schaffen.

Nun, würde ein Politiker hier auf der Kanzel stehen, würde er sagen: Genau deshalb wurde der heutige gesetzliche Feiertag geopfert.

Gutes tun durch Opfer. Unsere christliche Geschichte mit ihrer Opferideologie vor Augen, sollten wir hellhörig sein, wenn um des Guten willen Opfer gefordert werden. Vor allem wenn die Mächtigen und die Reichen die Opfer fordern. Wird durch das Opfern des Feiertags wirklich Gutes geschaffen? Wird denen die am Rande unserer Gesellschaft Recht verschafft, oder sollen wir nur opfern damit die Reichen ihr Leben weiter wie bisher führen können?

Wer die Diskussion über Feiertags- und Sonntagsarbeit verfolgt hat, wer mit Menschen im Einzelhandel redet, die auf der Zeil jetzt bis 20 Uhr arbeiten müssen, und deshalb ihre Mitgliedschaft im Chor, in ihrem Verein oder in einer sonstigen Gruppe aufkündigt haben, wer die Vermarktung des Pflegediensten mit Niedrigpreisen zu Niedrigleistungen verfolgt, wer sieht wie die Wirtschaft auf Kosten der Kranken saniert werden soll, und wie notwendige Leistungen für Kranke und Sozialhilfeempfänger einfach zu freiwilligen Leistungen erklärt werden, und gleichzeitig die Vermögenssteuer abgeschafft bleibt, der und die kann wahrlich zweifeln ob mit dem Opfer Gutes getan wurde und wird.

Eigentlich wissen das alle, eigentlich wissen wir in der Kirche auch, das wir Anwalt der Schwachen sein sollten… und dennoch tun wir uns damit schwer.

Wir verstecken uns all zu oft hinter einem sowohl als auch und tun uns schwer ein deutliches Wort zur sozialen Lage öffentlich zu sagen. Natürlich haben wir in der Kirche auch keine Patentrezepte, keine einfachen Lösungen, aber wir haben ein ausgeprägtes Gespür für soziale Gerechtigkeit und einen prophetischen Auftrag, der in Anlehnung an den Propheten Jesaja lautet: Lernt Gutes tun.

Ein Auftrag, der mit der Kritik am Opferkult, der Kritik an der Selbstinszenierung der Mächtigen anfängt.

Ein Auftrag, den unsere Kirche nur äußerst zaghaft nachkommt, weil sie Angst hat um ihre finanzielle Basis. Und dabei kaum bemerkt, dass sie damit die Basis bei den Menschen verliert, bei den Christinnen und Christen, die ein deutliches Wort zur rechten Zeit schätzen. Dabei sind wir in der evangelischen Kirche schon Opfer des modernen Opferkults – mit der Streichung des Buß- und Bettages. Vielleicht auch ganz zu recht: Denn wann sind wir in den letzten Jahren schon dem Anliegen des Buß- und Bettages nachgekommen und haben versucht über unsere gesellschaftlich notwendige Umkehr laut nachzudenken?

Lernt Gutes tun. Jesajas Aufforderung bleibt nicht bei der Kritik stehen. Und wir in der Kirche und in der Diakonie tun auch so manches Gutes. Ganz konkret. In der Erziehung kleiner Kinder und in der Hilfe Pflegebedürftiger. Docht dieses Tun des Guten kommt nicht ohne Kritik aus: Wo wir so tun als ob uns die politischen Rahmenbedingungen nichts angehen, oder darauf hoffen, dass uns die Mächtigen für unser Schweigen belohnen werden, da werden wir noch unser blaues Wunder erleben. In der Arbeit der ambulanten Krankenpflege sehen wir das erschreckende Ausmaß, Qualität wird gefordert, von Qualität wird geredet, aber Qualität wird nicht bezahlt. Das Hauptinteresse gilt der Ausgabenkürzung, nicht dem Tun des Guten, nicht der Investition in eine würdige Pflege der Alten, nicht der Investition in eine angemessene Erziehung und Bildung der Jungen. Und wenn von Bildung, von Lernen die Rede ist, dann bleibt das Lernen des Guten, von Herzensbildung oder neudeutsch von sozialer Kompetenz, eher auf der Strecke.

Würde mit all dem, es einfach nur der Kirche als Institution schlechter gehen, dann wäre es vielleicht gar nicht so schlimm. Doch es geht um mehr. Um den Auftrag, den wir als Kirche und Christenmenschen haben und um die Menschen, denen wir dann nicht mehr helfen können werden. Wer sich umschaut in anderen Ländern, die manchem als Vorbild unserer gesellschaftlichen Umgestaltung dienen, in den USA oder GB z.B., kann sehen wohin der Weg geht. (Mir eindrücklich klar gemacht hat das schon vor einigen Jahren ein Gespräch mit einem jungen gutverdienenden Rechtsanwalt, der wieder in die Kirche eintreten wollte …..) Gutes tun statt opfern. Sicher das ist leichter gesagt als getan. Und sicher wird das tun des Guten nicht ohne Verzicht passieren. Doch gerade damit die Gerechtigkeit beim Umbau unseres Sozialstaates nicht auf der Strecke bleibt, eines Sozialstaates der dem christlichen Geist entsprungen ist, gerade deshalb sind wir Christinnen und Christen nicht nur als einzelne sondern auch als Kirche gefragt, mit konstruktiven Vorschlägen wie mit lauter Kritik dort wo Grenzen überschritten werden, dort eben wo z.B. wo auf Kosten der Kranken die Wirtschaft saniert werden soll.

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