Grundsätzliches

Liebe Gemeinde,

die Bergpredigt Jesu, die uns der Evangelist Matthäus überlieferte, ist den meisten Menschen und auch Ihnen sicherlich bekannt. Auch die Diskussionen darüber und die Anfragen an die Bergpredigt, zu der etwa die berühmten Seligpreisungen Jesu, das Gebot der Feindesliebe oder auch das Vaterunser gehören.

Die Worte Jesu, die heute von den entsprechenden Kommissionen unserer Landeskirche vorgegeben und Grundlage der heutigen Predigt sind, hat uns der Evangelist Lukas überliefert im 6. Kapitel. Das was bei Matthäus Bergpredigt heißt, wird dort Feldrede genannt. Die Übereinstimmungen mit der Bergpredigt, liebe Gemeinde, sind dabei nicht zu übersehen.

Es geht um Grundsätzliches. Es geht Jesus in beiden Reden, um das Miteinander von Menschen, von Christinnen und Christen. Es geht ihm , vielleicht darf ich so sagen, um eine Grundverfassung menschlichen und christlichen Miteinanders.

Seid Barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, damit auch ihr nicht gerichtet werdet. Verdammt nicht, damit auch ihr nicht verdammt werdet. Vergebt, so wird auch euch vergeben.

Die Worte Jesu könnte man auch in diesen vier Geboten zusammenfassen. Danach gibt Jesus den Menschen, sie sich auf einem Feld um ihn herum versammelt haben, ein Beispiel, das uns zeigt wie wir diese Worte verstehen und beherzigen sollen.

Wenn du anfängst deine Augen vor deinen eigenen Fehlern zu verschließen, und auch noch anderen sagst, was sie tun und lassen sollen, dann bist du wie ein Blinder, der den anderen den Weg weist. So etwas muss einfach schief gehen.

Wenn du immer nur auf andere schaust, was sie richtig oder falsch machen, und dabei nicht zuerst dich selbst in den Blick nimmst, dann sieht das so aus, als ob du ein Brett vor dem Kopf und auch vor deinen Augen hättest, aber bei anderen den Splitter suchst, an dem du etwas auszusetzen hast.

Auch das kann nicht gut gehen.

Liebe Gemeinde, wir sind alles Menschen und das ist gut so, das kann gar nicht schlecht sein, wenn man bedenkt dass Gottes Sohn selbst Mensch geworden ist.

Wir sind alles Menschen, das heißt auch, wir haben unsere Fehler und dabei kommt es nicht darauf an, ob der eine mehr und der andere weniger Fehler hat.

Es kommt, aber sehr wohl darauf an, und so verstehe ich die Worte Jesu, dass unser menschliches Miteinander durch Barmherzigkeit geprägt sein soll.
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Der barmherzige Umgang, den Menschen miteinander haben sollen und haben dürfen, der ist gewissermaßen die dankbare Antwort darauf, dass Gott uns barmherzig ist.
Christen und Christinnen leben tagtäglich aus der Barmherzigkeit Gottes.

Wir sind alles Menschen, wie machen Fehler, wir sind oft genug auf falschem Wege, die Bibel benennt das mit dem alten Wort Sünde, aber Gott geht diese Wege mit uns straft uns nicht dafür. Er geht uns nach, er sucht uns und er vergibt uns.

Die Sünde, aber auch die Vergebung Gottes, liebe Gemeinde, haben so gesehen etwas sehr demokratisches. Darin sind wir alle gleich. Und darum gibt es für niemanden von uns auch nur einen Grund uns als jemand Besseres zu achten, als jemand Anderes.

Das ist, liebe Gemeinde, die Grundverfassung christlichen Miteinanders. Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist. Und das heißt genau und in unser alltägliches Leben übersetzt: Richtet einander nicht, Verdammt einander nicht, sondern vergebt einander.

Weil Christen und Christinnen also aus der Barmherzigkeit Gottes Leben, weil ihnen durch Gott vergeben ist, darum sind Christinnen und Christen aufgefordert und dringlich darauf hingewiesen, auch einander zu vergeben und barmherzig miteinander umzugehen.
Aber nun sehen wir auch, wo wir nun durch Jesus auf unser alltägliches Leben hingewiesen sind, wie schwierig, ja vielleicht auch hin und wieder unmöglich das ist.

Wer von uns hätte nicht schon schnell und allzu schnell über einen anderen Menschen ein Urteil gefällt? Wem von uns ist es nicht schon schwer gefallen oder unmöglich gewesen, einem anderen zu vergeben? Wem von uns fiele es eigentlich nicht schwer zuerst einmal eigene Schuld und Fehler ins Auge zu fassen, anstatt die Fehler und Schuld anderer Menschen.
Ich beziehe mich darin ausdrücklich ein.

Ich weiß, dass es mir hin und wieder an Barmherzigkeit und Sanftmut fehlt und bitte sie nach diesem ersten Jahr in Gedern, auch herzlich um Vergebung, wo ich es bei ihnen an Verständnis und Sanftmut haben fehlen lassen. Mir geht es da, wie anderen Menschen auch. Es gibt einen direkten Zusammenhang, zwischen meiner Liebe zu anderen und der Art und Weise, wie ich andere liebe. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, heißt es darum.

Es gibt einen direkten Zusammenhang und Jesus hat vor allen Psychologen darum gewusst, zwischen dem Maß, wie barmherzig ich mit mir selbst und meinem eigenen Leben und meiner eigenen Arbeit umgehe und der Barmherzigkeit, mit der ich anderen begegne.

Das kennt jeder von, denke ich. Wenn ich mit mir selbst unzufrieden bin, wenn ich eigenen Erwartungen an mich selbst nicht genüge, wenn ich mich selbst aburteile, dann ist der Weg nicht weit, dass ich diesen Druck an andere weitergebe.

Und wenn ich mich selbst bei allem Engagement nicht übermäßig unter Druck setze und mich und mein Leben etwas gelassener sehen kann, wenn ich barmherzig mit mir selbst umgehe, dann fällt es mich auch deutlich leichter, diese Zufriedenheit und diese Barmherzigkeit an andere weiterzugeben.

Wir sind keine fehlerlosen Heiligen, sie nicht und ich schon gar nicht. Und wahrscheinlich sollen wir es auch gar nicht sein. Wir müssten an uns verzweifeln, wollten wir uns selbst und unser Leben diesem Leistungsdruck, perfekt zu sein, perfekt im Haushalt, in der Familie, in der Kirche, in der Arbeit zu sein, aussetzen.
Damit richten wir uns letztlich nur selbst zu Grunde.

Und das sollen und brauchen wir nicht, wenn Gott uns schon nicht zu Grund richtet, sondern vergibt.
Das bedeutet, liebe Gemeinde nicht, dass wir unsere und anderer Fehler einfach auf die leichte Schulter nehmen, und sagen, so schlimm ist es nicht, so bin ich halt. Ganz im Gegenteil.

Aber es bedeutet. Richte dich nicht selbst jeden Tag zu Grunde und gehe barmherzig mit dir selbst um und nimm dich selbst nicht zu wichtig. Das schafft Freiräume der Gelassenheit. Es ging Jesus um Grundsätzliches, sagte ich.
Und tatsächlich scheint es ein Grundsatz des Glaubenslebens zu sein, dass wir uns öffnen für die Barmherzigkeit Gottes und aus dieser Barmherzigkeit versuchen zu leben.
Das ist nicht immer einfach, Und das misslingt auch immer wieder. Ein Versuch, jeden Tag neu, ist es allemal wert.

Ein jeder trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Dieser berühmte Satz aus dem Galaterbrief, soll uns als Wochenspruch die kommenden Tage begleiten. Ein jeder trage des anderen Last und suche danach, anderen nicht selbst zu einer Belastung zu werden.

Uns allen gilt das. Mir nicht zuletzt. Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Darum geht es in den Worten der Feldrede Jesu, der darum wusste, wie sehr wir Menschen mit uns selbst und unseren Menschen unbarmherzig sein können.

Dabei wissen wir alle, wie gut das tut, wenn einer einmal mal nicht, die Fehler vergangener Zeiten nachträgt.
So könnte es sein. So sollte es sein.
So darf es sein.

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