Gratis leben

Vielleicht haben Sie es ja gerade gestern abend selbst erlebt, vielleicht hat ja in Ihrer Familie ein kleiner Junge seine erste elektrische Eisenbahn bekommen. Und plötzlich lagen auch Vater und Großvater auf dem Bauch, um mit dem Ding zu spielen. Oder das Puppentheater für die Enkelin entzückt die Großmutter so sehr, dass sie selbst hinter den Kulissen verschwindet und ein Märchenstück aufführt. Weihnachtsbraten, eigene Geschenke, Verwandtenbesuche, alles kann unwichtig werden, wenn Erwachsene in die eigenen Kinderträume zurückversinken. Weihnachten "erlauben" wir uns das. Weihnachten wandern die Gedanken zurück in die eigene Kindheit. Meist suchen wir uns dabei das Weihnachtsfest aus, das für uns selbst das allerschönste war, das, an dem die Familie vielleicht wirklich einig unter dem Christbaum saß, an dem wir uns – zumindest in der Erinnerung – so richtig geborgen fühlten. In jedem einzelnen werden da andere Bilder hochkommen. Vielleicht ist es bei dem einen oder anderen auch so, dass er seinem Kind genau die Wünsche erfüllt, die ihm selbst verwehrt blieben. Ich denke, gerade deshalb, weil es mit Kindsein zu tun hat, ist das Christfest in der Beliebtheitsskala weit höher angesiedelt als Ostern, das eigentlich bedeutendste Fest der Christenheit, das Fest, an dem aus der Verheißung erst eigentlich die Erfüllung wird. Ein einziges Mal wieder Kind sein wollen, daraus spricht die Sehnsucht nach einer Welt, die uns deshalb heil scheint, weil wir sie mit anderen Augen, mit Kinderaugen eben, betrachten. Und umgekehrt sind gerade Weihnachten diejenige besonders traurig, deren Blick zurück wenig glückliche Bilder produziert, die vielleicht früh zerprügelt wurden und Wunden zurückbehalten haben, die nie ganz geheilt sind. Auch sie erlauben sich den Ausflug in die Kindheit oft nur an diesem emotionsgeladenen Fest und sind froh, wenn der Alltag wieder anbricht und damit das "normale" Erwachsenenleben.

Im Predigttext für das Fest der Geburt unseres Herrn, den heutigen ersten Weihnachtstag, ist allerdings von einem Kindsein die Rede, das dieses Erwachsenenleben entscheidend bestimmt. Ich lese aus dem Galaterbrief, Kapitel 4, die Verse 4 bis 7:

[TEXT]

"Der wird nie erwachsen", sagte neulich eine Frau, als sie ihren Mann dabei beobachtete, wie er auf einem Spielplatz begeistert die Rutschbahn benutzte. Es klang fast so, als schäme sie sich des "Kindes im Manne." Er allerdings strahlte eine Art von Freiheit aus, die beneidenswert wirkte. Ich selbst sehe zuweilen das Befremden in den Augen von Bekannten, wenn ich erzähle, wie leidenschaftlich gerne ich Janoschs Geschichten um den kleinen Tiger lese und in den Ferien Kinderkanal gucke. "Sag das doch nicht so laut", warnte mich schon ein Kollege. Warum eigentlich schämen wir uns oft so, wenn kindliche Züge in uns frei werden? Vielleicht, weil wir die Begriffe "kindisch" und "kindlich" miteinander verwechseln. Weil wir uns so sehr "unter das Gesetz getan" fühlen, dass wir glauben, ständig ernst, gewissenhaft und "erwachsen" handeln zu müssen. Unser Predigttext spricht schließlich auch davon, dass Gott seinen Sohn, den er als winziges Kind unter die Menschen schickt, ihn Mensch werden lässt auf die ganz natürliche und völlig unspektakuläre Weise, "unter das Gesetz getan" hat – allerdings "damit wir die Kindschaft empfingen". In den wenigen einfachen Zeilen aus dem Galaterbrief gelingt es Paulus auf faszinierende Weise, das ganze Evangelium, die ganze "frohe Botschaft" zusammenzufassen – auch mit all‘ der Bitterkeit, die sie enthält in der Leidensgeschichte des Erwachsenen, dessen Geburt wir heute feiern. "Als aber die Zeit erfüllt war," – dahinter stecken mehrere tausend Jahre menschlicher Hoffnung und Sehnsucht -, sandte Gott seinen Sohn (wieviele Propheten hatten den Messias verheißen), geboren von einer Frau (die "Weihnachtsgeschichte"), und unter das Gesetz getan ("gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tag …"), und das alles, damit wir Kinder sein dürfen im besten Sinne des Wortes. Was für ein schlichtes Glaubensbekenntnis. Ist das nicht ein bisschen zu einfach? Ich glaube, in dieser Frage liegt unser Problem.

Wir schaffen es ja oft schon kaum, unsere Kinder richtig Kind sein zu lassen. Ich denke da an das allgemeine Entsetzen über die "Pisa-Studie", das in den letzten Wochen durch die Medien ging: Die deutschen Schulen versagen, die Kinder halten dem internationalen Level nicht stand. Folge sind auch solche Wünsche, die durchaus laut gesagt wurden: Schon im Kindergarten müssten sie mehr lernen, um mithalten und früher erwachsen sein zu können, anders ausgedrückt, um Erwartungshaltungen einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft zu erfüllen. Eltern, die sich entschließen, ihre Kinder erst mit sieben Jahren einschulen zu lassen oder nach der fünften Klasse aufs Gymnasium zu schicken, damit sie spielen und Freiräume genießen können, müssen sich den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit gefallen lassen. Wie soll man sich unter solchem Druck gar so weit fallenlassen, als Erwachsener zum Kind zu werden und vertrauensvoll zu Gott "Abba, (soviel wie Papa) lieber Vater sagen"?

Ich denke, wir ziehen es dann meist doch vor, Knechte zu sein von allerlei "Herren", die da heißen Karriere, Wohlstand, "Sachzwänge" als den Mut zur Gotteskindschaft aufzubringen. Das hieße aber, vorbeigehen am Wesentlichen: "Wenn aber Kind, dann Erbe durch Gott." Ich möchte Ihnen gerne einen Text vorlesen, den ich für das heutige Datum in einem Kalender fand.

Das Geheimnis des Kindes

Ein Kind kann man nicht
für seine Tüchtigkeit und seine Leistung
lieben,
es kann ja noch gar nicht,
es tut noch nichts Nützliches.

Ein Kind kann man nicht
dafür lieben,
dass es etwas Besonderes besäße oder
vorzuzeigen hätte,
– es hat im Gegegenteil noch nichts zu eigen;
man muss es schon,
wenn man es lieben will,
um seiner selbst willen lieben.

Das Geheimnis des Kindes,
dass es uns durch sein bloßes Dasein
nötigt,
es zu lieben,
und dass es davon lebt,
für nichts geliebt zu werden.

Darin,
dass wir so von uns selber denken würden
läge unsere Erlösung,
dass wir einmal den Mut hätten,
gratis zu leben,
und uns mal getrauen würden,
uns einfach schon durch unser Dasein
als berechtigt zu empfinden.

(Eugen Drewermann)

"Uns einfach schon durch unser Dasein als berechtigt empfinden", das heißt, sich einlassen auf die "grundlose" Liebe und Barmherzigkeit eines Vaters, der uns nicht zerprügelt oder unseren Körper oder unsere Seele missbraucht. Gerade auch, wer solche Vater-Erfahrungen leider machen musste, wird sich als Erwachsener nach einem anderen Vater sehnen. Unser Predigttext sagt uns: Es gibt ihn, einen Vater, zu dem wir immer kommen dürfen und können – mit unseren Sorgen und Nöten, mit allem, was wir auf dem Herzen haben, mit unseren Dummheiten, mit unserem Weinen, unseren Sehnsüchten, aber auch mit unserem Lachen und unserem Dank. Sich auf einen solchen Vater bedingungslos einzulassen, dazu gehört Mut, Offenheit und vor allem sehr viel Vertrauen.

Dass wir dieses Vertrauen wagen, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles Menschlich Denkbare in Christus Jesus, dem Heiland und Bruder, dessen Geburt wir heute feiern.

drucken