Gottvertrauen

Liebe Gemeinde,

vielleicht haben Sie ja in den letzten Tagen des heute Nacht vergangenen Jahres auch ein wenig mehr Zeit gehabt als sonst, Zeit, nachzudenken und auch Zeit, sich Dingen zu widmen, die Sie sonst übersehen hätten. Ich hatte beispielsweise Muße, in Nachrich-tenmagazinen zu blättern, die ich normalerweise nicht kaufe. Viel versprochen hatte ich mir ehrlich gesagt nicht davon, dass ich in einer großen Illustrierten einen gut aufge-machten Beitrag zum Thema "Die neuen zehn Gebote" vorfand. "Du sollst viel lachen und dich selber mögen", "Glaube woran du willst, aber füge keinem anderen Menschen Leid zu", Ethik extra light, die Aussagen Prominenter schienen meine Erwartungen zu treffen. Aber dann – ein Beitrag, der aufhorchen lässt: Der Filmemacher Wim Wenders verweist auf den Apostel Paulus, der "in seinen Briefen darauf hinweist, dass Gott kein strafender Gott ist, sondern einer, der jederzeit seine Hand ausstreckt." "Ich halte unse-re Erkenntnisfähigkeit für beeinträchtigter denn je"; räumt er ein. "Aber gerade deswe-gen gilt sein Versprechen umso mehr, jeden Tag aufs Neue. Wer die Welt sucht, findet auch nur die Welt. Wer Gott sucht, der wird ihn finden".

[TEXT]

"Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie es mir auch geht", der Satz des Paulus klingt, als stecke nicht mehr als diese Haltung dahinter, wenn man den Kontext nicht beachtet. Paulus als ein Mensch, der gelernt hat, sich in Nischen einzurichten, sich zu arrangieren? Ich denke an Leute, die mir 1990 erzählt haben, sie hätten eigentlich nie über Reisen nach Griechenland, nach Irland oder Paris nachgedacht, einfach, weil es ihnen unsinnig erschien, die Sehnsucht auf etwas zu richten, was unerreichbar sein würde, ihr ganzes Leben lang. Sich mit den Gegebenheiten arrangieren – Paulus als der prädestinierte DDR-Bürger? Oder einer, der sich schicksalsergeben abfindet mit dem was kommt nach dem Motto "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist"?. Weit gefehlt. Einem solchen Mann hätten nicht Menschen in der ganzen damals bekannten Welt die neue Botschaft, die Botschaft von Jesus Christus, dem Erlöser, abgenommen und sich oft unter Lebensgefahr zu dieser Lehre bekannt. Wie also ist der Text zu verstehen? Dazu ist es hilfreich, zu wissen, dass dieser Brief aus dem Gefängnis – wahrscheinlich in Ephesus – kommt. Paulus schreibt an seine allererste Gemeinde, die er bei seinen Missionsreisen nach Griechenland besucht hat. Paulus und sein Begleiter Timotheus können nicht absehen, ob sie das Gefängnis lebend verlassen werden. Eingesperrt sind sie, weil sie missionarisch tätig waren. Und unser heutiger Predigttext ist der Nachsatz, in dem Paulus auf ganz persönliche Dinge zu sprechen kommt. Die Gemeinde in Philippi hat ihn freiwillig unterstützt – ohne dass er es verlangt hat. Er bedankt sich nun dafür. Stellt man sich die Situation in einem Gefängnis vor 2000 Jahren vor, so haben Paulus und Timotheus gewiss die Hilfssendung der Philipper zum Überleben dringend gebrauchen können. Aber dem Apostel ist sehr daran gelegen, dass er seine Freiheit bewahren möchte, unabhängig sein vom "Tropf" der Missionsgemeinden. "Ich kann hungern und ich kann satt sein – doch ihr habt wohlgetan, dass Ihr euch meiner Bedrängnis angenommen habt." Großen Wert aber legt Paulus offensichtlich darauf, dass er die Geschenke nur angenommen hat, weil er die Motivation dafür kennt. Die Gemeinde in Philippi hat mit ihm "Gemeinschaft gehabt im Geben und im Nehmen" wie keine andere. Dieses Geben und Nehmen bezieht sich nicht in erster Linie auf materielle Dinge. "Denn ich habe alles und habe überflüssig", da wird der Geist deutlich, der aus dem ganzen Brief spricht. "Ein jeglicher sei gesinnt wie Christus gesinnt war", heißt da einer der Kernsätze. Diese Gesinnung ist es, die es selbstverständlich werden lässt, miteinander zu teilen, miteinder durch Höhen und Tiefen zu gehen. Der ganze Brief ist ein einziges Dokument der Dankbarkeit an den, der ihn und die Adressaten des Briefes in seine Nachfolge berufen hat, an Jesus Christus. Und auch eine Ermutigung dazu, seine Botschaft ins eigene Leben einzubeziehen. "Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus" – unter diesem Aspekt werden Sattsein oder Hungern relativiert. Und auch im Gefängnis hat Paulus eine einzigartige Freiheit, die ihm niemand auf dieser Welt nehmen kann.

Ich denke an die acht Helfer, davon vier Deutsche, die vor wenigen Wochen aus dem Gefängnis in Afghanistan freikamen. Angeklagt waren sie der Missionstätigkeit, realiter hatten sie humanitäre Hilfe geleistet, motiviert freilich durch ihre christlliche Grundhaltung. Selbst in Kreisen der Amtskirchen waren die Leute von "Shelter Now" zum Teil kritisch betrachtet worden, schlicht, weil man doch gewusst habe, wie gefährlich es sei, Bibeln und christliches Material mit in das damals von Fundamentalisten beherrschte Land zu bringen. Nun mag man zu Freikirchen geteilter Meinung sein. Ich habe auch überzeugte Christen davon reden hören, wie undiplomatisch und "verantwortungslos" es gewesen sei, Bibeln mit in eine solche Region zu nehmen. Aber ich denke, wer aus christlicher Motivation humanitäre Hilfe in einem Land leistet, wo es den Menschen extrem schlecht geht, der wird die Grundlagen seines Glaubens immer im Reisegepäck haben, entweder als Druckwerk oder in Kopf und Herz. Aus dem "In Christus-Sein" entspringt das Tun. Und wie diplomatisch man auch immer es formulieren mochte, um das Leben der "Shelter Now"-Leute zu retten, insofern war es schon eine missionarische Sendung, der sie nachkamen. Wer mit seinen Taten das Zeugnis von Liebe und Frieden gegen Bosheit und Verzweiflung setzt, anstatt in Resignation zu verharren, erfüllt darin das Gesetz Christi.

"Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Jesus Christus", schreibt Paulus aus dem Gefängnis. Ich denke, diese Zusage und diese Gewissheit hat die Helfer die Monate der Gefangenschaft und die große Ungewissheit, ob sie überhaupt lebendig wieder freikämen, ertragen lassen. Damit sich Furcht und Existenzangst in Grenzen hält, kann es in vielen Situtionen, auch solchen, die nicht annähernd so gefährlich sind, hilfreich sein, das eigene Leben unter dem Aspekt seiner zeitlichen Begrenztheit zu betrachten. "Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Ihr sollt sagen: Wenn der Herr will, so werden wir leben und dies oder das tun", dieser Satz aus dem Jakobusbrief, den wir vorhin in der Epistellesung ebenfalls gehört haben, weist darauf hin, dass wir die Zeit nicht in den Händen haben.

"Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie es mir geht", bedeutet eben auch, andere Prioritäten zu setzen als Wohlstand und möglichst ewige Jugend und Gesundheit.

"Ja, Gott ist meine Rettung, niemals will ich verzagen", heißt die Losung für das Jahr, das heute nacht begonnen hat. Die Überzeugung, die den Propheten Jesaja durch seine schwierige Mission geleitet hat, kann gerade in einer Zeit, in der Zukunftsangst die Hoffnung zu ersticken droht, Wegweiser für die Zukunft sein. Das gilt nicht nur für diejenigen, die aus christlicher Überzeugung in Krisengebieten helfen, sondern gerade für uns hier, die wir so erschreckend leicht verzagen.

Was ist wirklich wichtig, was ist nachgeordnet? Diese Frage beantwortet Paulus in seinem Brief an die Philipper: Wichtig ist, dass wir, altmodisch ausgedrückt "Frucht bringen", also sichtbar machen, dass unsere Hoffnung einen Grund hat und dass man uns irgendwo auch anmerkt "wes Geistes Kinder" wir sind. Lassen Sie mich zurückkommen auf den eingangs zitierten Filmemacher: Allem postmodernen Geschwafel der übrigens Befragten und auch des Beitrags-Autors setzt er in einer Illustrierten mit Millionenauflage ein kluges und klares Glaubensbekenntnis und ein tiefes Gottvertrauen entgegen – ich denke, so lässt es sich in ein neues Jahr gehen. Dass wir unsere Hoffnung weitertragen und teilen können auch in dieses Jahr, durch Höhen und durch Tiefen hindurch, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles Menschlich denkbare in Christus Jesus.

drucken