Gottvertrauen

"Über was musst Du denn predigen?" fragt mich mein Sohn und ich antworte: "Über den Heiligen Geist." "Aha, über ein Gespenst sollst Du etwas erzählen! Das finde ich spannend. Steckt es auch unter einem Bettlaken und macht Huuh?" Dabei springt er hin und her. "Nein, über den heiligen Geist habe ich zu predigen. Jetzt stör mich nicht weiter. Spiel doch eine Runde draußen. Es ist so schönes Wetter." Doch mein Sohn lässt nicht locker: "Was bedeutet eigentlich Heiliger Geist?" "Hm"; sage ich, "eine schwierige Frage. Früher sagte man, Weihnachten kommt das Christkind und bringt die guten Gaben. Ostern kommt der Osterhase und versteckt die bunten Eier. Doch Pfingsten, da gibt’s nichts, da kommt bloß der Heilige Geist." "Ja, und wenn der kein Gespenst ist, wie sieht er aus?" bohrt mein Sohn weiter. "Wir Christen glauben, dass Pfingsten der Geist Gottes zu den Menschen kam. Aber wie man sich das vorstellen soll, das kann man nur in Bildern sagen. Das ist wie Wind. Man kann ihn nicht sehen, aber spüren, wenn er durch die Bäume weht und die Blätter und Zweige sich bewegen Der Heilige Geist fliegt wie eine Taube. Du kennst doch die Geschichte von Noah." "Klar, die brachte beim zweiten Mal einen Ölzweig mit. Da wussten die Menschen in der Arche, jetzt ist die Sintflut zu Ende." "Ja, so war es. Und an Pfingsten sagt das Bild der Taube, was Gott denkt. Er hat Gedanken des Friedens und nicht des Leides, Er gibt Zukunft und Hoffnung." (vgl. Jeremia 29,11) "Was sind denn Gedanken des Friedens?" fragt mein Sohn weiter. "Also, ich versuche es mal ganz anders. Du hast mir doch schon mehrmals von deinem Klassenkameraden erzählt. Was der so alles anstellt. Das er immer stört. Und das er jeden anstiftet mit zu machen, wenn er Unsinn macht. Da kann ihn die Lehrerin hinsetzen, wo sie will. Er findet immer den Dreh, den Unterricht zu stören. Und alle machen mit. Er ist richtig ansteckend. Siehst du, sein Geist beeinflusst alle andern, ob sie wollen oder nicht. Stimmt’s?" Mein Sohn nickt. Dabei macht er ein nachdenkliches Gesicht. Als wenn er ein paar Geschichten überlegt, die in der Klasse passiert sind. Dann hellt es sich auf und er sagt: "Aha, und beim heiligen Geist ist es auch so: Der will auch alle anstecken und beeinflussen. Hab ich das richtig verstanden?" "Klar, so ist das!" sage ich gedankenverloren und merke nicht, dass er den Raum verlässt, denn inzwischen lesen meine Augen bereits den vorgeschriebenen Predigttext aus dem Römerbrief:

[TEXT]

Von wem lasse ich mich anstecken? Von Gottes gutem Geist oder von unserem eigenen "Fleisch", also von unseren eigenen Stimmungen und den Strömungen unser Zeit. Für Paulus heißt "Leben nach dem Fleisch": ein Mensch lebt aus eigener Kraft, in eigenem Interesse, ohne Gott und immer weiter von Gott weg, ja letztlich an seiner Stelle. Das "Leben nach dem Fleisch" hat ein Prediger mal so illustriert:

"Es ist absurd, dass wir unsere eigene Umwelt zerstören, ohne die wir und unsere Kinder doch nicht leben können. Es ist absurd, dass wir unsere Zivilisation auf das Wegnehmen, Unterwerfen, auf das Besetzen und Besitzen bauen und im Leben anderer, im eigenen Land und in der ganzen Welt Konflikt über Konflikt erzeugen. Es ist absurd, dass wir ständig Liebe und Hass verwechseln, dass wir meinen, wir müssten Menschen, die wir lieben, besitzen mit Haut und Haaren, obwohl besessene Menschen nicht mehr menschlich sind. Es ist absurd, dass wir unsere Kinder, die wir doch lieb haben, allen Freiheitsdurst austreiben und sie wie Computer mit Programmen, mit moralischen und intellektuellen Programmen füttern, bis sie reibungslos funktionieren, wie Rädchen, wie tote Dinge. Es ist vieles an unserer Lebensweise absurd, so absurd, dass man ohne Annahme, wir wären gebannt vom Tod, wir glauben mehr an den Tod als an das Leben, nur schwer auskommt." (Ernst Lange)

Gebannt vom Tod sind wir auch heute noch in der kleinen wie in der großen Welt. Der Wahnsinnstod geht weiter und hat stets neue Namen: 11. September, Osama bin Laden, Dscherjin, Erfurt. Doch wer dieses System des Wahnsinns durchschaut, wer anprangert, wer protestiert, ist noch längst nicht aus dem Schneider. Es bedarf eines Neuanfanges, eines Lebens aus Gottes Geist! Der Geist des Lebens, der in Jesus Christus ist, ist der Geist des Glaubens – und der Geist des Glaubens ist der Geist des Gebetes. Wer betet, weiß um die Erkenntnis, unsere Leben kommt von Gott, es geht zu Gott und darum leben wir heute für Gott. Hier vor Ort erweist sich, von wem wir uns beeinflussen lassen. Sehr nüchtern und klar hat Luther in seinem großen Katechismus festgehalten: " Geist ist alles, was der Heilige Geist in uns wirkt. Fleisch aber heißt alles, was wir ohne Gott nach dem Fleisch für uns selbst tun. Daher sind alle Werke der Christen, wie sein Eheweib zu lieben, Kinder zu zeugen, sein Haus zu regieren, seine Eltern zu ehren, der Obrigkeit gehorsam zu sein und dergleichen ….. Früchte des Geistes."

Luthers Aufzählung macht sehr schön deutlich, was Pfingsten meint: nämlich dass das Selbstverständliche selbstverständlich wird, auch wenn unsere überzogene Ichsucht es immer wieder notorisch verhindert. Leben nach dem Geist heißt für mich, sich von ihm führen lassen. In ihren Lebenserinnerungen hält Marie Luise Kaschnitz u.a. eine kleine Episode fest: "Ich kannte eine lahme Frau, die ist zu Fuß nicht weit gekommen. Sie hat das angenommen und lernte sitzen und hören. Im Zuhören konnte sie sehr weit gehen." Leben nach dem Geist heißt für mich, ihm Raum zu geben, wie Paulus es am Ende von Kapitel 8 tut: "Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." (Römer 8,38+39)

Aus diesem Grundvertrauen heraus leben zu lernen, heißt pfingstlich zu leben. "Papa, hast Du den heiligen Geist endlich den Leuten erklärt?" "Ich habe es ein wenig versucht." " Dann lass mal deinen Geist ruhen. Komm, spiel mit mir Fußball. Du darfst auch entscheiden, wer ins Tor geht." Wer könnte schon die Bitte seines Kindes abschlagen?

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