Gottgeschenkte Einheit

Soweit die Worte der Heiligen Schrift, die diesen Sonntag auszulegen sind. Da ist ein Professor für Praktische Theologie, an dessen einen Aufsatz musste ich beim ersten Lesen des Predigtwortes denken: er meint, es täte den Pfarrer und Pfarrerinnen, die neu in eine Gemeinde kommen gut, für ein halbes Jahr zu schweigen, will heißen, nicht zu predigen. Sondern sie sollten hinhören auf das, was die Gemeinde bewegt und umtreibt. Der Schreiber dieses Epheserbriefes hatte hingehört, kannte seine Gemeinde gut, wenn er ihr diesen Aufruf zur Einheit zukommen lässt. Mir steht hier heute beides nicht zur Verfügung – zum einen die Möglichkeit, erst einmal länger hinzuhören und hineinzusehen in diese für mich neue und große Gemeinde. Aber auch das andere nicht: einfach die Mahnung zu wiederholen: seid eines in Christus, denn so allgemein gesprochen ist es zwar nicht falsch, aber bleibt kontur- und farblos. Denn worin zeigt sich die Einheit? Wir alle kennen ja Einheitsmodelle aus unserem privaten und beruflichen Leben. Z.B. bei mir als Lehrer: einheit-lich soll es in bestimmten Dingen in der Klasse zugehen: Regeln und Modelle, Anforderungen und Leistungsmerkmale werden vom Lehrer ausgegeben, auf dass Einheit herrsche. Ist das ein christliches Modell? Ähnliches gibt es ja auch in Gemeinden: der Pfarrer, die Pfarrerin oder auch Menschen aus dem Kirchenvorstand oder aus anderen Gruppen in der Gemeinde haben offen oder versteckt das Sagen: "So und nicht anders wird´s gemacht!" – aber auch das ist kein christliches Modell von Einheit! Noch schwieriger und noch versteckter wird es, wenn man die Worte der Heiligen Schrift umkehrt, besser noch: sie verkehrt und benutzt als Machtinstrument, um in Auseinandersetzungen als der bessere dazustehen: ich hoffe, das begegnet Ihnen nicht allzu häufig, dieser Typus lächelnder Christenmensch, der Ihnen seine eigene Position aufdrängen will, indem er versucht, seine Sicht der Dinge aus der Bibel begründet als einzig mögliche darzustellen. Ich sage Ihnen, liebe Gemeinde: dieser zerstört die Einheit der Gemeinde, anstatt sie zu fördern.

Sehen wir in unser Predigtwort: was wahrt die Einheit der Christen? Es ist das Band des Friedens, so der Epheser-Brief. Aber wird da nicht einfach ein hehres Wort durch das andere ersetzt? Frieden! Was ist heutzutage alles im Namen des Frieden möglich: Sie wissen es selber, wenn Sie wachen Auges durch die Welt laufen: Krieg wird mit Frieden begründet; Tod wird durch Frieden legitimiert; Hass und Nationalstolz wird ausgegeben als etwas Gutes, was dazu beiträgt, den Frieden zu fördern! Das aber ist eine schimpfliche Verdrehung dessen, was Frieden bedeuten soll. Diese Art von Frieden kennt die Bibel nicht, ja sie bekämpft sie sogar, indem sie vom wahren, vom göttlichen Frieden redet. Und dieser Friede ist nicht selbstgebastelt mit billigem Kleber, der die Gebäude von Abschreckung, Präventivschlag und Be-Friedung mehr schlecht als recht zusammenhält – Nein, dieser Friede, den die Bibel verheißt, ist von Gott geschenkt, in ihm ist das Trennende der Gegensätze verschwunden. Dort gibt es das schöne Bild bei Jesaja: Wolf und Schaf werden beieinander wohnen, ohne, dass der eine den anderen bedroht. Sie merken: der Friede wird nicht hergestellt dadurch, dass die Wölfe endlich alle Schafe gefressen haben oder andersrum: das die Schafe in Abwehr möglicher, drohender Gefahren alle Wölfe in die Luft gesprengt haben – wie sie meinen: mit gutem Recht – sondern der Friede ist hergestellt durch die Macht Gottes, die beide bestehen lässt: die Schafe und die Wölfe, um im Bild zu bleiben: die Macht Gottes hat ihnen das Trennende genommen.

Das ist der erste und der entscheidende Punkt, wenn es um Einheit geht: diese Einheit wurde uns bereitet, sie wurde uns geschenkt. Und geschenkt heißt eben: wir haben sie uns nicht verdient – wir haben sie uns nicht erarbeitet – wir haben sie nicht erst mit vielen Kompromissen ausgehandelt: gibst du mir das, geb ich dir jenes. Nein: diese Einheit ist von Gott geschenkt und garantiert. Es verhält sich mit ihr, wie mit den anderen Begriffen von denen unser Predigtwort handelt: wir sind ein Leib – den haben wir uns nicht etwa selber ausgedacht, frei nach dem Motto: was willst du heute sein: Kopf oder Knie, Bauch oder Fuß? Dieser Leib besteht und wir sind daran Glieder. Oder der Geist: was wir wohl können, ist Geister zu rufen oder zu säen: den Geist der Eifersucht etwa können wir in Beziehungen streuen; den Neider-Geist können wir anstacheln; wir können auch ein guter Geist (des Hauses etwa) sein: eine positive Austrahlung vermitteln, ein Gefühl der Ruhe und Angenommenheit. Aber den einen, heiligen Geist, dem sind wir einfach unterworfen: er spricht in uns und durch uns, wenn er es mag. Er ergreift uns an Orten und Zeiten, die wir uns nicht ausgesucht haben. Er tröstet uns und fordert uns heraus, wenn wir es nicht vermuten. Auch für ihn gilt: er ist uns von Gott gesandt und geschenkt. Eines noch gehört hierher: der Glaube! Auch er: Geschenk! Kein Leistungsglaube, kein in uns schlummerndes Vermögen, was nur duch genügend Anstrengung geweckt werden könnte. Einfach nur Geschenk Gottes.

Das alles, liebe Gemeinde, macht die Einheit aus. Sie besteht bereits. Sie besteht selbst dann, wenn wir es nicht sehen, nicht erfassen, nicht begreifen können. Sie besteht unter uns Christen, ob evangelisch oder katholisch, ob orthodox oder freikirchlich; und mehr noch, liebe Gemeinde: sie besteht unter uns Menschen, ob schwarz ob weiß, ob hier oder dort lebend, ob so oder anders lebend; und noch mehr liebe Gemeinde: sie besteht zwischen Mensch und Natur, zwischen allen Geschöpfen und allem Geschaffenen. Es ist ein Gott, der dies alles eingerichtet hat – eine Hand, die alles geformt und geschaffen hat, ein Wille, der die Welt regiert und ein Ziel, auf das alles laufen wird.

Für mich ist es beruhigend, sich das immer wieder sagen zu lassen, diese von Gott geschenkte Einheit, denn im Leben wie ich es erlebe, sehe ich oft nur die Unterschiede: Unterschiede zwischen Meinungen, Hoffnungen, Äußerlichkeiten – Unterschiede zwischen Vermögen. So aber kann ich bestehen als Christ, als Christin mit diesem Wissen um die göttliche Einheit: es lässt mich ruhig werden und es reißt mir den Spiegel weg, in dem ich mich immer nur wieder selbst angucken will. Es öffnet mir den Blick auf den anderen, auf seine Meinung, auf seine Lebensweise, auf sein Verstehen, seine Fähigkeiten, auf sein Leben. Sehen wir in unser Predigtwort: "lebt in Demut, Sanftheit und Geduld!" Diese Dreiheit findet sich immer wieder in der Schrift, schon der Prophet Micha fasst sie so zusammen: demütig sein, Gutes tun und Gott ehren! Dass diese drei immer zusammengehören, ist für uns schwierig: wollen wir nicht oder besser: müssen wir nicht den anderen etwa von seiner falschen Meinung abbringen? Müssen wir nicht versuchen, ihn zu bekehren? Ihm das richtige und echte Gotteswort zutragen? Heißt das nicht gleichzeitig, sich nach außen abzugrenzen, die Feinde zu bekämpfen, die falsche Meinung offenzulegen? Unser Predigtwort antwortet mit Ja und mit Nein: du sollst als Christ Rechenschaft ablegen von der Hoffnung, die in dir ist – geh und erzähle von dem Wunder, das dir widerfahren ist. Du sollst dich als Christin einmischen in dieses Land, in diese Politik (für heute etwa: geht zur Wahl!), du sollst Stellung beziehen, hinweisen auf das, was faul ist und im Argen liegt. Du sollst dich engagieren, deine Tatkraft, dein Wissen, dein Geld einsetzen, um anderen, die in Not sind zu helfen. Überall ein Ja zu diesen Dingen. Gleichzeitig aber das Nein: du sollst nicht vergessen, dass die Einheit, die Gott gesetzt hat, immer größer ist, als dein eigenes Erleben. Du sollst nicht vergessen, dass es neben und mit dir noch viele andere, ungezählte Einsichten und Zugänge zu Gott gibt, die du noch nicht gesehen hast, die du noch nicht begriffen hast, die dir Gott noch nicht gezeigt hat. Der Evangelist Johannes formuliert es in einem Bild: "Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden." Schließlich das letzte Nein: du sollst deinen Einsatz nicht als Maßstab setzen für andere: denn was vermagst du schon zu sehen? Jesus erzählt vom Scherflein der Witwe, welches mehr gilt als die Gabe des Reichen. Gott allein aber sieht in die Herzen der Geber!

Darin also, liebe Gemeinde, zeigt sich die Einheit, die uns Gott geschenkt hat. Ein letztes noch, denn wir alle liegen vor Gott wie ein offenes Buch: lebt damit in Geduld. In Geduld, wenn es wieder mal nicht schnell genug gehen kann, in Geduld, wenn der andere, der Nächste immer noch nicht begreifen will, was euch schon längst ergriffen hat. In Geduld aber auch, wenn ihr selbst nicht mehr sehen könnte, was euch einst geschenkt wurde. Wenn die Fragen "Warum ich?" und "Warum so?" euch wieder einmal übermannen wollen. Dann lebt in Geduld und lest unser Predigtwort von heute nach: es ist Gott, der Herr über Leben und Tod, der Schöpfer dieser Welt, der euch seine Einheit geschenkt hat: er wird euch führen zu dem Ziel, was er der Welt gesetzt hat und erfüllen die Hoffnung, die er in euch gesenkt hat!

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