Gottes Zuspruch

Liebe Gemeinde,

das wäre großartig, wenn wir heute aus dem Gottesdienst heraus frohen Herzens nach Hause gehen könnten. Dem äthiopischen Finanzminister war das geschenkt. Verständlich wird es auf dem Hintergrund seiner kürzlich gemachten bitteren Erfahrungen.

Er hatte eine sehr beschwerliche Reise unternommen, um in Jerusalem zum jüdischen Glauben überzutreten. Er war ein gottesfürchtiger Mann. Ein entscheidender Makel machte es ihm unmöglich, Mitglied der jüdischen Gemeinde zu werden. Er war verschnitten, wie das AT sagt. Sein Geschlechtsorgan war verstümmelt. Er war kastriert. Er war ein Eunuch. Nach jüdischem Gesetz konnte ein Unbeschnittener oder Verschnittener nicht den jüdischen Glauben annehmen. (5.Mo 23,2)

Er ist damit ein offiziell zurückgewiesener Gottesfürchtiger. Aus welchen Gründen auch immer, war diesem hohen Staatsbeamten, durch den menschenverachtenden Eingriff in seine Sexualität der Weg vorgezeichnet. Vielleicht war es die Voraussetzung, um ein derart hohes Staatsamt zu bekleiden. Vielleicht haben das seine Eltern veranlasst, als er noch ein Kind war.

Das, was der hohe Staatsbeamte auf seinem Rückweg von Jerusalem durch die Wüste in einer griechischen Übersetzung aus dem Jesajabuch 53 liest, weist auf sein eigenes schweres Leben hin. Anders als die anderen zu sein bedeutet immer einen Weg des Leidens gehen zu müssen. Wer sich anders als die anderen erlebt, versucht das vor den anderen zu verbergen, um sich Schwierigkeiten zu ersparen. Zumeist ist das nicht möglich. Der gottesfürchtige Äthiopier war schwarz. Andere sind Sinti, Roma, Behinderte oder ebenso wie dieser Mann sexuelle Abweichler in den Augen derjenigen, die die Norm festsetzen wollen.

Der Finanzminister hat mit dem Leidenden im Jesajabuch eine Menge gemeinsam. Ihm muss das vorkommen, als sei von ihm darin die Rede.

Die genitale Verstümmelung hat auch zu Verletzungen in seiner Seele geführt. An ihm ist nach heutigen internationalen Maßstäben eine sehr schwere Menschenrechtsverletzung verübt worden. In einigen afrikanischen Staaten werden Mädchen genital verstümmelt und damit auch für immer in ihrer Persönlichkeit zerstört.

Die inneren Wunden und Narben bluten noch. Sie sind durch die Zurückweisung vom jüdischen Glauben gerade aufgrund dieser erlittenen Menschenrechtsverletzung wieder aufgebrochen.

In der Begegnung mit der Botschaft von Jesus Christus, der gelitten hat wie ein unschuldiges Lamm, der starb, der begraben wurde und von den Toten auferstand, erfährt er, dass er vorbehaltlos angenommen und bejaht ist. Vor Gott gelten keine Merkmale von Geschlecht und Herkunft, von Alter oder Schönheit, von Armut oder Reichtum, von sexueller Ausrichtung oder körperlicher Besonderheiten. Im Leiden Christi geht Gott den tiefen und beschwerlichen Weg der Not und des Leidens mit uns mit.

Die Wüste, in der sich hier der hohe und von verachtenden Menschenrechtsverletzungen gezeichnete Staatsbeamte Äthiopiens und der Christ Philippus begegnen, wird zu einem Sinnbild für die Gottverlassenheit und Gottesbegegnung zugleich.

Pfr. Rainer Kanzleiter schreibt dazu in seiner Predigt über diesen Text: "Die Wüste ist mehr als Ortsangabe. Versteckte Geschichte und Gotteserfahrung eines ganzen Volkes. 40 Jahre musste das Volk Israel durch die Wüste ziehen, bevor es in sein Land kam. Ohne die Wüste keine Gottesbegegnung am Sinai. Ohne die Wüste kein neugewordener Elia, ohne 40 Tage der Wüste keine Gewissheit der Gottessohnschaft bei Jesus. Und so vielleicht auch bei uns: ohne Wüstenerfahrungen keine Reifung, kein Erwachsenwerden, kein Vorwärtskommen … Die Wüste ist Ort der Einsamkeit, des Verlassenseins, der tiefsten Anfechtung und in der Bibel immer gleichzeitig Ort der Gotteserfahrung. Ort des Schweigens und Hörens und der Begegnung mit dem Engel. Wüste – ist Ortsangabe als verschlüsselte theologische Überschrift dessen, was kommen wird, und dessen, der kommen wird."

In Jesus Christus erfahren wir, auch wenn Menschen uns verschmähen weil wir so sind, wie wir sind, hat er uns angenommen um unserer selbst willen. Er liebt uns einfach deshalb, weil wir leben. Der Schwarze Mann steht hier für das Andere und Fremde am anderen Menschen, dass uns ängstigt, womit wir nicht umgehen können. Zu schnell flüchten wir uns in Vorurteile und Vermutungen, als mit dem Fremden vertraut zu werden. Philippus hat seine Furcht vor dem Schwarzen Mann überwunden. In der Stille der Wüste wird er zum Seelsorger und Begleiter zugleich.

Von beiden Personen, die uns hier begegnen haben wir etwas in unserem Leben. Wir leiden unter den äußeren Lebensbedingungen, unter den Menschen, denen wir nicht kraftvoll genug entgegentreten können, unter den Voraussetzungen, die wir für unser Leben mitgebracht haben ob körperlich oder auch seelisch. Wir leiden unter ungewollten Abschied und Zurückweisungen, die wir nicht nachvollziehen können. Wir bedürfen des Zuspruchs und der Gewissheit, dennoch angenommen und geliebt zu sein. Wir brauchen Wegbegleiter, die uns verstehen und uns mit tragfähigen Worten ewigen Lebens neuen Mut machen.

Wir erfahren uns aber ebenso auch als solche, die andere auf ihrem Weg begleiten und nicht nur selbst begleitet werden.

An dieser Geschichte können wir tröstlich feststellen, dass nicht wir unseren Worten Trost und Gewissheit verleihen müssen. Gottes Geist selbst ist es, der das Reden und Hören leitet, Mut und Trost gibt oder verweigert. Er macht sich wie im Bild an tiefsten Punkt der Wüste, wo das Wasser aus dem Boden quillt in unsere Tiefe hinein auf, um uns von dem frischen und lebendigen Wasser seines Wort und Lebens zu geben, damit wir gestärkt und zuversichtlich unseren Weg ziehen können.

Das erfährt nun der äthiopische gottesfürchtige Mensch: Die Taufe ist das entscheidende Zeichen der Zugehörigkeit zum Gottesvolk und nicht die Beschneidung oder irgend etwas anderes von dem, was ich oben mit angesprochen habe. Das mag für manchen Christen schwer sein anzunehmen, der andere Bedingungen stellt, als Jesus Christus sie uns gegeben hat.

Wenn wir also denn unsicher sind, ob wir aufgrund irgendwelchen Verhaltens oder irgendeiner vorgegeben Orientierung, einer Schuld und eines Versagens zur Kirche und zu Jesus Christus gehören, dann ist auf jeden Fall unsere Taufe das ausgewiesene und sichtbare Zeichen unserer Zugehörigkeit. Es möge uns fröhlich unseren Weg des Glaubens und der Liebe gehen lassen und möglichst viele Menschen dabei mitzunehmen.

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