Gottes Vielfalt als Weg zum Frieden

Liebe Gemeinde!

In diesen Tagen und Wochen gibt es heftigen Streit zwischen Herrn Möllemann aus der FDP und Herrn Friedmann, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden. Wahrscheinlich haben sie verfolgt, mit welcher Härte da aufeinander losgegangen wird. Einer wirft dem anderen vor, Antisemitismus zu schüren. Ein Gespräch miteinander lehnen beide ab. Für mich ist dieser öffentliche Streit beschämend. Da wird vorgeführt, wie aus Gegnern Feinde werden und keiner bereit ist, auch nur einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Unser Predigttext ist ein Beispiel dafür, wie man es besser machen kann. Der Apostel Paulus hatte sich auch heftig gestritten. Mit der Gemeinde in Korinth. Das waren Männer und Frauen, die aufgrund der Predigt des Paulus zusammengekommen waren und eine Gemeinde in Korinth gegründet hatten. Wie das oft ist, so war es auch damals: es gab Streitigkeiten. Viele aus der Gemeinde in Korinth sagten auf einmal: der Paulus ist überhaupt kein Apostel. Er kann nicht gut predigen. Er redet langweilig und schlecht. Paulus ist nicht mehr unser Lehrer und Apostel. Wir finden bessere Prediger.

Das nun bringt Paulus auf die Palme. Er kocht vor Wut. In einem wütenden Brief beklagt er sich bei seinen Korinthern: Habe nicht ich eure Gemeinde gegründet. Glaubt ihr denn, dass Gottes Wort nur durch gewaltige Redner zu euch kommt. Meint ihr, eine tolle Show bringt euch Gott näher. Nein, bei Gott ist es anders. Er kommt gerade durch die Schwachen zu uns. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. So schreibt sich Paulus seine Wut von der Seele. Und dann, am Ende seines Briefes schlägt er ganz andere Töne an. Da heißt es: (11)Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.

(13)Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Was für ein Wandel ist das. Paulus schlägt versöhnliche Töne an. Er streckt die Hand aus, er erinnert an den Gott, dessen Gnade, Liebe und Gemeinschaft sie alle zusammenbringt.

?Habt einerlei Sinn!? Das ist eine Mahnung, die ich auch so manchem Streithahn unserer Tage gerne zurufen möchte. Einerlei Sinn zu haben, das ist etwas ganz anderes, als einer Meinung zu sein. Wenn da zwei Menschen oder Gruppen im Streit miteinander sind, dann ist es gut und sogar wichtig, dass ihre unterschiedlichen Meinungen ausgesprochen werden. Konflikte können aber nur gelöst werden, wenn beide Seiten auch einen Streit beilegen möchten. Zumindest darin müssen sie einerlei Sinn haben. Sonst scheitert jeder Versuch, Konflikte zu lösen. Wenn einer schon nicht einmal mit dem anderen reden will, dann ist jeder Versuch, Streit zu schlichten ausweglos.

An diesen wenigen Worten des Predigttextes können wir in kurzer Form ablesen, was Christinnen und Christen von anderen Menschen, auch von Menschen anderer Religionen unterscheidet. Im Gespräch mit anderen Religionen gerade mit Moslems und Juden taucht immer wieder die Frage danach auf, welches Bild wir Christen von Gott haben. Im Verständnis unseres Gottes unterscheiden wir uns stark gerade vom Islam. Dort wird immer wieder auf den einen Gott hingewiesen, der einzig und allein mächtig ist. Im Christentum ergibt sich da ein anderes Bild. Für uns ist das Bild Gottes geprägt durch Jesus Christus und die Gemeinschaft im Heiligen Geist.

Darum gibt es ja überhaupt so etwas wie diesen Sonntag Trinitatis. Damit fangen natürlich allerhand Schwierigkeiten an. Sind das nicht vielleicht doch drei Götter, die wir anbeten, Vater, Sohn und Heiliger Geist? Nein, es ist eben dieser eine Gott, zu dem wir in Jesus Christus geführt werden. Und es ist eben der Heilige Geist, der uns erkennen lässt, was Gott von uns will und uns Gemeinschaft mit ihm erleben lässt. Das hört sich alles etwas trocken und theoretisch an.

Aber nehmen wir einmal das Beispiel eines Streits zwischen Menschen. Da haben sich welche in eine Sackgasse gebracht, weil sie sich nur noch gegenseitig beschimpfen können und einander verachten. Das passiert überall im alltäglichen Leben. In der Schule, wo der gegenseitige Hass sich manchmal mit Gewalt Luft verschafft, im Berufsleben, in der Politik, in den Familien. Wo Menschen so vom Hass gefangen sind, der Streit an ihnen nagt und sie im Griff hat, da öffnet Christus neue Wege. Da hilft nicht allein der Blick auf ?den da oben?, wie es manchmal von Gott heißt. Um die Kraft zur Versöhnung zu finden, hilft nur der Blick auf Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt hat. Denn in Christus öffnen sich tatsächlich neue Wege. Wer in der Lage ist, sich auf Christus einzulassen, bekommt durch ihn eine neue Sicht der Dinge geschenkt. Jesus war jemand, der Mauern überwinden konnte. Wenn er kranke Menschen geheilt hat, dann hat er ihnen nicht nur Gesundheit geschenkt, sondern er hat sie durch seine Heilung wieder in die Gemeinschaft mit anderen Menschen geholt. Die Geschichte von der Ehebrecherin zeigt uns, wie Jesus mit dem Hass umgegangen ist. Er hielt denen, die diese Frau steinigen wollten, einen Spiegel vor und sagte: wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Jesus hat sich Konflikten gestellt. Er war bereit, für seine Überzeugung einzustehen, sogar mit dem Leben. Er hat sich etwas nehmen lassen. Er hat den Kürzeren gezogen und hat – von außen betrachtet – verloren.. Doch in allem war seine Kraft die Kraft der unbedingten Liebe. Er konnte auf Menschen zugehen und sie so sehen, wie Gott sie sah. In Jesus haben Menschen erkannt, wie Gott ist und wer Gott ist. Nicht ein ferner und unbegreiflicher Gott, auch kein alter Mann mit Rauschebart, auch kein unbestechlicher Richter, sondern einer mit einem Gesicht und einer Stimme – eben so wie Jesus war. Durch ihn haben Menschen erfahren, was Gnade ist: geschenktes Leben, geschenkte Zeit, unverdientes Leben. Durch ihn erkennen es Menschen bis heute, wie gnädig Gott ist. Er schenkt uns das Leben und schenkt uns Zeichen seiner Nähe. Nicht alle Menschen erkennen diese Nähe Gottes. Für manche ist es schlichtweg Glück, wenn sie bei einem Unfall überleben oder eine Krankheit überstehen. Andere entdecken gerade darin Gottes Liebe, Freundlichkeit und Güte.

In Jesus Christus aber führt uns der Weg direkt zu Gottes Gnade und das eben bedeutet, zu seinem Geschenk, das jedes Leben bestimmt. Darum wünscht Paulus seiner Gemeinde die Gnade Jesu Christi.

Schließlich bleibt der Heilige Geist als die Kraft, die uns zusammenruft und zusammenhält. Als Christinnen und Christen brauchen wie diese Gemeinschaft. Allein im stillen Kämmerlein kann ich nicht als Christ leben. So wichtig die stillen Gebete für mich sind, so wichtig es ist, mit meinem Gott allein zu sein, so entscheidend ist es doch, dass ich mit anderen zusammen Gott lobe, auch gemeinsam mit anderen singe, dass ich von Gott angesprochen werde und in der Gemeinschaft des Abendmahls Vergebung der Sünden zugesprochen bekomme. Der Heilige Geist ist die Kraft, durch die ich Gott zu spüren bekomme. Im ganz alltäglichen Leben passiert das: Manchmal ist der Heilige Geist bei mir, wenn ich spüre: was ich jetzt tue oder entscheide, das ist genau das Richtige, auch wenn andere dagegen sind. Ein Moment, in dem ich ganz klar vor mir sehe, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Manchmal kann sich der Heilige Geist auch einen Menschen als Werkzeug aussuchen, der ein Wort sagt, das gerade in diesem Moment jemanden in Herz trifft und ihn verändert. Durch solch ein Wort ist schon manches Wunder geschehen. Gottes Geist kommt zu uns und öffnet uns für Gott. Er führt uns zusammen mit ihm und lässt uns in Christus sein gnädiges Gesicht erblicken.

Gott ist einer und zeigt sich eben doch mit verschiedenen Gesichtern. Gott ist vielfältig, auch wenn er nur einer ist. Dass wir ihn anbeten als Vater, Sohn und Heiliger Geist, zeigt seine Menschenfreundlichkeit und Güte. Er ist nicht der ferne Himmelsgott. Er ist so nah bei uns und unter uns, dass er das Leben mit uns teilt. Er teilt das Leiden und er teilt sogar den Tod.

Mein Gott, unser Gott, der sprengt Mauern, wo wir welche aufbauen und der schüttet Gräben zu, wo wir welche graben. Gott geht sogar so weit, dass er den Weg zu sich baut, dass er den Weg zu uns kommt und dass er uns Wege schenkt, die zu ihm und auch aufeinander zu führen.

Dieser dreieinige Gott gibt uns die Chance , Gottes Reich in dieser Welt zu bauen. Er gibt uns die Möglichkeit zum Frieden. Und er gibt uns die Gewissheit, dass wir nicht allein sind.

Paulus sagt seiner Gemeinde: Freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Den Gott der Liebe und des Friedens brauchen wir nötig auch für unser Leben. Denn allzu oft gelingt es aus eigener Kraft nicht, den Weg des Friedens zu gehen, gelingt es nicht, die Hand zur Versöhnung zu reichen, gelingt es nicht, dieses Leben dankbar zu gestalten. Was uns da helfen kann, ist die Besinnung und die Einkehr. Wo wir damit anfangen, zur Ruhe zu kommen, da wird sich auch Gottes Geist einstellen und sich Raum verschaffen in uns.

Gott wird es schaffen, auch in uns Raum zu finden für seine Gnade, Liebe und Gemeinschaft. Und die brauchen wir, um unser Leben so zu gestalten, dass es erfülltes Leben ist. Erfülltes Leben braucht sich nicht vor anderen zu profilieren und erfülltes Leben kann es auch und gerade dann geben, wenn ich auch mit meinen Gegnern im Gespräch bleibe. Der Gott des Lebens, der immer ein Gott für seine Menschen ist, gebe uns die Kraft, immer wieder auf ihn zu hören. So sei die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes mit euch allen!

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