Gottes Stadt – Gottes Volk

Bis heute beten gläubige Juden Tage für Tag darum, daß Gott seine Stadt Jerusalem wieder aufbaue und in ihr Wohnung nehme. Auch in diesem Text scheint es zunächst allein um Jerusalems Schicksal zu gehen. Wie wichtig ist das für Christen? Für uns ist die Zukunft von Jerusalem vielleicht eher ein politisches Thema, kein Glaubensthema. Doch Jerusalem ist mehr. Es ist ein Symbol, an das sich alle Hoffnungen und Versprechen knüpfen, die Gott seinem Volk Israel und die er der Christenheit gegeben hat.

In 4 Schritten möchte ich uns diese wichtigen Prophetenworte näherbringen:
1. Das Volk Gottes
2. Wache Gemeinde
3. Das aufgerichtete Zeichen
4. Wegbereiter für Jesus.

Zunächst geht es um das Volk Gottes. Das war Israel und das bleibt Israel. Israel ist ein lebendiger Gottesbeweis. Ein Jude sitzt neben einem fremden Herrn im Varieté. Ein Vortragskünstler tritt auf. Der Jude dreht sich seinem Nachbarn zu und flüstert: "Einer von unseren Leuten." Eine Sängerin tritt auf. "Auch eine von unseren Leuten" sagt der Jude. Eine Tänzerin betritt die Bühne. "Auch eine von unseren Leuten." Dem Fremden wird es zu viel. Genervt verdreht er die Augen und seufzt: "O Jesus!" Der Kommentar des Nachbarn: "Auch einer von unseren Leuten!" Die kleine Geschichte erinnert auf hintersinnige Weise daran, was wir Israel verdanken oder mit dem Neuen Testament von Israel bekennen: dass Gott Israel erwählt und liebt. Wir verdanken Israel das Wissen über den einzigen, wahren und lebendigen Gott. Wir verdanken Israel die 10 Gebote. Wir verdanken Israel Jesus Christus. Wir verdanken Israel als Gemeinde Jesu die Wurzeln unseres Glaubens.

Darüber hinaus enthält die Bibel an vielen Stellen Zukunftsaussagen für Israel, die noch unerfüllt sind. Wenn es hier heißt: Saget der Tochter Zion, siehe, dein Heil kommt. Dann sehen gläubige Christen diese Prophezeiung wohl erfüllt im Kommen Jesu. Aber damit ist sie nicht erledigt. Die Christenheit ist nicht die Nachfolgeorganisation von Israel. Im Bibeltreff haben wir gerade die Themenreihe Sekten angefangen. Manche der klassischen Sekten verstehen sich selbst quasi als Nachfolgeorganisation der Kirche. Die sei verweltlicht und versumpft ihrer Meinung nach, da gelte es auszutreten, die Kirche habe keine Zukunft mehr, Gottes neuer bzw. letzter Heilsplan verwirkliche sich durch die wahren Gläubigen eben der eigenen Gruppe, also durch die Heiligen der letzten Tage (Mormonen) oder durch die Zeugen Jehovas oder andere. Diese Gruppen ehren und benutzen die Bibel als heilige Schrift, aber sie sehen sich selbst als Nachfolgeorganisation, als Erben. Die meisten unter uns werden das als anmaßend und abwegig empfinden. Und damit bekommen wir wohl ein besseres Verständnis dafür, wie es vielen Juden gehen mag, die den Eindruck haben: Die Christen nehmen uns das Alte Testament weg und sehen sich als legitime Nachfolger. Israel hat seine Chance gehabt, Israel hat seine Aufgabe erfüllt in der biblischen Geschichte. Dann aber haben sie den Heiland abgelehnt und nicht als ihren Retter erkannt, jetzt verwirklicht Gott seinen Heilsplan durch Jesus und die an ihn glauben.

Das ist eine verkürzte Sicht. Israel bleibt das Volk Gottes. Die Christenheit ist über Jesus und sein Erlösungswerk in die Verheißungen einbezogen. Die gelten uns, aber dem Judentum nach wie vor. Am Israelsonntag beten viele Christen für das Volk Israel. Wir gedenken an das Leid dieses Volkes in Verbannung und Verfolgungen. Wir beten um Versöhnung im Blick auf Schuld aus unserer Geschichte, Versöhnung im Blick auf die Gruppen, die in Jerusalem zusammenleben, und wo gefährliche Radikale sich allen hoffnungsträchtigen Miteinander entgegenstellen. Wer immer da in Gesprächen beteiligt ist zwischen den rivalisierenden Parteien, müsste aus diesem Bibelkapitel Hoffnung schöpfen. Diese herrlichen Zusagen: "Alle Völker sehen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit." Sicher wird etliches davon in der Geschichte nicht verwirklicht werden, wir werden es erst sehen im himmlischen Jerusalem. Das ist keine Idee der Christen, sondern im Judentum geläufig, wo es die Vorstellung gibt vom jeruschalajim schel ma´alah, das ideale Jerusalem im Gegensatz zum irdischen, trostlosen jeruschalajim schel matah wie es etwa aussah, als es die Römer besetzt hielten 150 n.Chr. und auf der zerstörten Stadt eine heidnische Neugründung gebaut haben. Für Juden war die heilige Stadt damals Sperrgebiet. Seit 1900 sind viele Juden nach Jerusalem zurückgekehrt, und auch jetzt ist wieder eine starke Einwanderung, in der einst zerstörten Stadt wird viel gebaut. Die Prophetenworte erfüllen sich in unseren Tagen. Und doch ist es nicht so, wie Außenstehende leicht denken, dass alle Juden überzeugte Gläubige sind. So wie Afrikaner, die nach Europa kommen, oft denken, hier sind engagierte Christen, weil deren Urgroßväter unter Lebensgefahr in ihrem Dörfern Gemeinden gegründet haben. Und sie kommen her und wundern über die leeren Kirchen und den Materialismus. Es gilt eben für Israel genau wie für das sogenannte christliche Abendland: Nur wer Jesus in sein Leben aufnimmt, wird auch gerettet werden. Nicht weil man äußerlich zu Israel gehört und beschnitten ist oder weil jemand äußerlich zur Kirche gehört und getauft ist, wird man automatisch gerettet. Sondern diese wichtigen Bundeszeichen müssen im lebendigen Glauben gelebt werden. Deshalb gilt allen Völkern, auch dem Volk Israel, das Zeugnis von Jesus. Es gibt darüber in Deutschland einen Dissenz in der evangelischen Kirche. Die anderen Kirchenleitungen (Bremen hat ja keine im klassischen Sinn, da sind die Gemeinden in Lehrfragen frei) die anderen Kirchenleitungen lehnen mehrheitlich Judenmission ab. Ich finde das schade, allerdings ist das Wort "Judenmission" auch wirklich unglücklich. Einmal weil Israel das besondere, erwählte Volk ist. Zum anderen hat Gott uns Deutschen, wie ein bayrischer Bischof neulich mit Recht sagte, auf Grund unserer Vergangenheit die Vollmacht für diesen Dienst an Israel entzogen. Vielleicht nicht für immer, aber noch ist es so. Dafür gibt es viele palästinensische Christen, die für Jesus Zeugnis ablegen in Israel, und auch eine wachsende Zahl von Judenchristen. Die nennen sich selbst aber nicht Judenchristen, weil der Christenname dort belastet ist mit Verfolgungen, sie nennen sich messianische Juden. Juden, die in Jesus den gekommenen Messias erkannt haben.

Wo ist nun in diesen Prophetenworten von dir und mir die Rede? Ich denke hier: "O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen." Hier geht es doch wohl ums Gebet. Um anhaltendes Gebet. Bei vielen Christen bis hinein in die Kerngemeinde erschöpft sich das Reden mit Gott in einem Hilferuf am Tagesbeginn, unter Umständen mit dem abgelesenen Gebetsvers unter der Tageslosung im Losungskalender und abends ein kurzes Gutenachtgebet. Das ist ja alles ganz schön. Aber wenn die Wächter, von denen hier die Rede ist, frühmorgens einen schläfrigen Blick über die Mauer werfen, dann wieder bei den Mahlzeiten und kurz vor dem Schlafengehen, werden sie zum Schutz ihrer Stadt nicht viel beitragen! Was wir brauchen ist, dass Gottes Geist uns wieder anweht, belebt und motiviert, so dass wir einen Drang zum Beten bekommen, so wie wir es vorigen Sonntag gesungen haben mit dem von diesen Motiven hier geprägten Liedvers: "Wach auf, du Geist der ersten Zeugen die auf der Mauer als treue Wächter stehn. Die Tag und Nächte nimmer schweigen …" Es geht darum, daß wir dem Gebet etwas zutrauen, also Jesus etwas zutrauen, dem Vater im Himmel etwas zutrauen, dem Heiligen Geist etwas zutrauen. Der Inhalt des Gebets ist hier ein politischer. Es ist Gebet um Frieden, Gebet für eine Stadt, dass sie aufgebaut wird. Das traut der Prophet der Kraft Gotte zu, und damit der Macht des Gebetes. Das wollen wir auch tun. Wache Gemeinde ist betende Gemeinde. Wenn wir beten, wollen wir uns nicht nur an unseren Erfahrungen orientieren. Obwohl das auch ein guter Grund wäre, also meine Gebetserfahrungen sind ausgesprochen reichhaltig, und das allein wäre ein Grund viel intensiver Jesus anzurufen. Aber es gibt auch Enttäuschungen, unverständliches, und so ist es den Juden ja auch gegangen, an die sich der Prophet richtet. Viele haben es immer noch nicht verwunden, dass ihre Angehörigen getötet oder vertrieben wurden, die Häuser zerstört. Dort wo jetzt in der Heiligen Stadt regiert wird und entschieden wird, bestimmen fremde Statthalter, die von der Bibel nichts wissen. Gott hat scheinbar geschwiegen. Wenn der Prophet hier zum Beten mutmacht, wirbt er nicht erfahrungsorientiert, sondern verheißungsorierentiert. "Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen." Woran erinnern? An die Verheißungen, an die Zusagen für Israel. Er denkt wohl an Zusagen wie die an David "Der Herr verkündigt dir, daß der Herr dir ein Haus bauen will. Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern schlafen legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leib kommen wird, dem will ich sein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich." Jerusalem gilt als Davids Stadt, die hat David eingenommen und zur Hauptstadt ausgebaut. an diese und ähnliche Verheißungen müsst ihr den Herrn erinnern, sagt der Prophet. So möchte ich auch dir Mut machen, verheißungsorientiert zu bitten. Das du nicht sagst, ich habs versucht und es hat nichts geholfen. Das beste Gebet ist erfahrungs- und verheißungsorientiert. Wir danken für erlebtes Wirken der Hilfe Jesu. Aber wir verlassen uns nicht darauf, dass es immer gut ausgeht. Wir verlassen uns auf die Zusagen in der heiligen Schrift.

Und da haben wir z.B. so eine Zusage, von der ich weiß, sie gilt Israel, sie gilt Jerusalem, sie bleibt für Israel gültig. Ich nehme sie den Juden nicht weg. Ich wende sie aber an auf mein Leben, auf unsere Gemeinde. Und dann sage ich: Herr, du hast versprochen, ich will dir Nachkommen erwecken. Du hast Abraham versprochen, dein Same wird zahlreich sein wie die Sterne, wie der Sand, den niemand zählen kann. Herr, du siehst die leeren Bänke in unserer Kirche. Herr, du siehst die Häuser in unserem Stadtteil, in denen kein Gebet gesprochen wird. Herr, du siehst unsere Schulen, unsere Universität, in deren Unterrichtsstunden und Seminaren in Biologie oder Geschichte dein Schöpferwerk, dein Geschichtshandeln verschwiegen wird. Herr, erbarme dich. Herr, ändere du. Du hast die Macht, und wir wollen es erleben, wir wollen uns nicht abfinden mit den traurigen Gegebenheiten.

Weiter heißt es beim Propheten: "Machet Bahn, Machet Bahn, räumt die Steine hinweg. Richtet ein Zeichen auf für die Völker." Auch hier geht es im ursprünglichen Sinn um Städtebaumaßnahmen. Wie wir das gerade bei uns erleben, wenn die Erdbeerbrücke erweitert und die Straße verbreitert wird bis vor die Kirchtür. Wofür geschieht das? Für den Moloch Verkehr. Und wenn man bald über diese schöne breite Straße bis hin zur Autobahn und fährt die A1 Richtung Osnabrück, dann sieht man schon von weiten, Kilometer entfernt ein aufgerichtetes Zeichen. Sehr geschickt platziert, kommt man näher, verdecken die Bäume die Sicht, aber von weitem ist es Tag und Nacht gut sichtbar. Das Logo eines schwedischen Möbelhauses. Und so ist es an vielen Ausfahrten, wo keiner im Unklaren gelassen wird, ob ein Fastfoodrestaurant in der Nähe ist, das gelbrote M kündet es auf hohen Stahltürmen, höher als unsere Kirche. Aufgerichtete Zeichen. Symbole von Firmen und Weltmarken. In diesem heutigen Umfeld ist es an der Zeit, dass wir das Zeichen des Heils, das Kreuzzeichen, den Namen Jesu, aufrichten für jedermann sichtbar. Die Großveranstaltungen Pro Christ oder die Jesus Märsche in Berlin und andernorts geschehen in dieser Absicht. Obwohl die effektivste Weitergabe des Glaubens mit Sicherheit im Rahmen persönlicher Beziehungen geschieht, viel wirksamer als mit einem Werbespot oder anderen teuren Aktionen. Es ist auch nötig, dass Jesus immer wieder einmal zum Stadtgespräch wird, und das geht in unserer Zeit nur auf diesem Aufmerksamkeitslevel, wo ein Zelt auf der Bürgerweide keinen groß aufregt, aber eine an 7 Abenden gefüllte Stadthalle mit europaweiter Satellitenübertragung schon. Das bleiben aber, so wichtig sie sind, Einzelaktionen. Wenn Jesaja uns aufruft, Tag und Nacht als Wächter tätig zu sein, geht es wieder in den persönlichen Bereich, in die Begegnungen, die jeder von uns täglich hat.

Da darfst du Wegbereiter sein für Jesus, auch wenn das im einzelnen oft ungeplant geschieht und du gar nicht den Eindruck hast, so tätig gewesen zu sein. Es gibt wohl viele, die sich bei mir bedanken nach einem Hausbesuch oder nach einer Predigt bei eine Amtshandlung. Aber inwieweit ich durch ein Gespräch oder eine Unterrichtseinheit oder eine Andacht einem einzelnen wirklich zur Lebenswende, zu einer Begegnung mit dem Herrn geholfen habe, das wird erst in der Ewigkeit offenbar werden. Und da wird sich bestätigen, dass viele Laien mehr bewegt haben als die bezahlten Gottesboten, so wichtig unser Dienst ist. Der Prophet sagt: Was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Ich deute diese Weissagung auf Christus, auf eine ganz wichtige Begebenheit in der Stadtchronik von Jerusalem. Auf die Einzugsgeschichte, wo der Zug der Jünger vor Jesus hergeht und ihm den Weg bahnt und schmückt, und er folgt und reitet auf dem Esel in die Stadt ein. So möchte ich Wegbereiter sein für Jesus, möchte es den Menschen, die ich treffe, nach Möglichkeit erleichtern, dass Jesus in ihre Welt hineinkommt und Aufnahme findet. Ich denke an einen Patienten, der viele Wochen dieses Sommers im Krankenhaus gelegen hat und an die 30 andere haben in den Nachbarbetten gelegen nach und nach. Ein feiner Christ, mit dem ich herzlich verbunden bin. Er sah die Mitpatienten kommen und gehen. Die einen sind verlegt, einige wieder zu Hause, einige sind gestorben. Was wird geblieben sein von dem, worüber gesprochen wurde, was sie mitbekommen haben im persönlichen Gespräch, oder indirekt aus mitgehörten Telefonaten, mitgelesenen Zeitschriftenartikeln? Gott weiß es. Ich denke, diese anstrengende Zeit der Behandlungen und Untersuchungen war, ich darf das mal von außen so deuten, auch eine Zeit der Chancen, Bahn zu machen, Steine wegzuräumen, das Zeichen unseres Herrn aufzurichten in aller Schwachheit und Unvollkommenheit.

So dürfen wir dankbar sein für das, was Gott getan hat in der Geschichte seines Volkes und in deiner und meiner Lebensgeschichte. Wir dürfen gespannt verfolgen, wie er am irdischen Jerusalem baut und werden staunen, wie herrlich erst das himmlische aussehen wird. Bis dahin lasst uns Wächter sein, nicht schweigen und schlafen, sondern mit den Taten unseres Gottes rechnen, von dem wir mit dem Propheten bekennen: "Siehe, da ist dein Gott. Er kommt gewaltig. Sein Arm regiert. Und was er sich erwarb, geht vor ihm her."

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