Gottes Söhne und Töchter

Liebe Weihnachtsgemeinde,

die heilige Nacht ist vorüber. Es ist Tag geworden. Aber etwas von ihrem Glanz und ihrem Zauber ist geblieben. Hier steht noch immer der Weihnachtsbaum und leuchtet. Das Licht ist nicht mehr so heimelig aber der Geruch nach Tannengrün ist heute morgen eher stärker als gestern Abend. Für mich ist heute morgen die Fortsetzung von gestern Abend. Gestern haben wir die Geburt des göttlichen Kindes gefeiert. Heute morgen frage ich: Wie geht es nach der Geburt weiter? Welche Folgen hat die Geburt des göttlichen Kindes für uns alle?

Auskunft darüber gibt uns unser heutiger Predigttext aus des Brief des Apostels Paulus an die Gemeinden in Galatien 4,4-7:

[TEXT]

Die Geburt Jesu war ein historisches Ereignis. Der Mann, der das Christentum gegründet hat, ist von Maria aus Nazareth geboren worden. Für uns Christinnen und Christen ist das aber nicht nur ein Ereignis in der äußeren Welt sondern vor allem auch ein Geschehen im inneren unserer Seele. Durch die Geburt Jesu Christi ändert sich etwas in uns. Es ändert sich etwas entscheidendes in unserem Verhältnis zu Gott und damit auch in unserem Verhältnis zu uns selbst. Und was das ist beschreibt Paulus im Galaterbrief. Wir sind nicht mehr Mägde und Knechte sondern Kinder. Unser Verhältnis zu Gott ist nicht mehr äußerlich. Wir dienen nicht mehr Gott, weil wir denken er ist mächtig und kann uns bestrafen, wenn wir ihm nicht dienen oder opfern. Wir halten uns an die Gesetze Gottes, nicht weil wir denken sie sind gut, und Gott hat unser Zusammenleben sinnvoll nach ihnen geordnet. Wir halten uns an die Gesetze, weil es uns ein inneres Bedürfnis ist. In uns ist Gottes Geist. Wir sind jetzt mit Gott verwandt. Wir sind Gottes Töchter und Söhne und die Erbinnen und Erben von Gottes Welt. Und das alles passiert mit der Geburt von Gottes Sohn unter uns Menschen. Durch diese Geburt werden wir die Geschwister Jesu, und gehören zu seiner Familie.

Wie können wir uns das vorstellen?

Bleiben wir in dem Familienbild, das Paulus für unser neues Leben nach Christi Geburt gebraucht. Durch unseren Glauben an Jesus Christus, weil ja Gottes Geist in unseren Herzen wirkt, gehören wir also zur Familie Gottes. Als Gottes Töchter und Söhne erfahren wir in dieser göttlichen Familie das, was hier bei uns eine irdische Familie, wenn es optimal läuft, für ihre Kinder ermöglicht.

Was ermöglicht also eine gute Familie ihren Kindern hier bei uns?

1. Sie bietet ihnen Sicherheit und Geborgenheit. Wenn das Baby schreit, dann nimmt jemand es hoch und guckt ob es Hunger hat oder die Windel gewechselt werden muss. Und wenn es dann Zähne bekommt, dann trägt es jemand herum und tröstet es über die Schmerzen hinweg. Eltern lieben ihre Kinder. Und die Kinder erleben, auf meine Bedürfnisse und Gefühle wird eingegangen. Ich werde geliebt. Als Töchter und Söhne Gottes erfahren wir genau das von Gott. Wir sind bei Gott sicher und geborgen. Gott tröstet uns in den Schmerzen unseres Lebens.

2. Eine gute Familie gibt ihren Kindern Raum, in dem sie sich entfalten können und ermutigt werden. Der erste Schritt ist ein Ereignis. Und danach hinfallen gehört dazu. Und dann nimmt die Oma die Hand und das Kind kann sich erneut an ihr hochziehen. Genauso ist beim Bei meinen noch tastenden Versuchen die ersten Schritte im Glauben zu gehen. Ich muss halt üben, damit ich laufen lerne. Gott gibt uns einen Raum, in dem wir unsere Fähigkeiten entfalten können. Gott ist keine Instanz, die sagt: Immer machst du alles falsch, du hast dich nicht an dieses Gebot gehalten und gegen jenes hast du auch verstoßen. Vielmehr traut Gott uns zu unser Leben zu bewältigen und das Gute zu tun. Gott ist bei uns und unterstützt uns, wenn wir etwas neues lernen. Und wenn es schief geht? Nur wer nichts tut und nichts neues ausprobiert, macht keine Fehler. Gott ist auch in unserem Scheitern noch da und nimmt uns tröstend in den Arm, wenn etwas falsch gelaufen ist und sagt zu uns: Komm, noch einmal, gib nicht auf. Du kannst es lernen.

3. Eine gute Familie lässt ihre Kinder liebesfähig und erwachsen werden und schickt sie nach draußen in die Welt, damit sie sich dort bewähren und wieder eine Familie gründen können.

Das kann aber doch für die Familie in der Gott und wir Menschen verbunden sind nicht zutreffen oder? Doch auch für die trifft es zu. Nicht umsonst steht in unserem Predigttext am Schluss: „Wenn aber Kind, dann auch Erbe.“ Wir werden Erbinnen und Erben des Reiches Gottes sein. Wir sollen in unserem Glauben nicht in den Kinderschuhen stecken bleiben sondern erwachsene Töchter und Söhne Gottes werden, die sich in der Welt bewähren und die auch selbst zum Reich Gottes etwas beitragen. Überstrapazieren wir da das Bild von der Familie Gottes nicht etwas? Gott ist so groß und mächtig und überlegen. Es ist für uns Menschen so unfassbar, was Gott tut. Wir sind doch nur kleine Ameisen auf einem verlorenen Planeten am Ende des riesigen Universums, und wir sollen etwas zu Gottes Reich beitragen können? Das ist unglaublich. Überschätzen wir das nicht unsere Möglichkeiten und unsere Bedeutung? Nein, das tun wir nicht. Wir sind Gottes Töchter und Söhne. Das steht in der Bibel. Und es steht nicht nur in der Bibel. Wir erfahren es auch, wenn wir uns in die Geschichte Jesu hineinbegeben. Wir erfahren es, wenn wir beten. Gott kommt uns als liebender Vater und als liebende Mutter entgegen. Wir müssten den ganzen Tag hier in der Kirche verbringen, wenn ich ihnen all die Geschichten weitererzählen würde, die mir Leute in Messel erzählt haben, davon wie Gott ihnen geholfen hat, wie Gott sie vor etwas Schlimmem bewahrt hat und wie sie im Vertrauen auf Gott durch schwere Zeiten hindurchgetragen worden sind. Offensichtlich ist jede einzelne Person auf dieser Erde für Gott so wichtig, dass Gott sich für sie interessiert und etwas von ihr erwartet und erhofft. Jede wirkliche Liebesbeziehung ist gegenseitig. Wir lieben unsere Söhne und Töchter bedingungslos. Ja, aber wir erwarten auch etwas von ihnen. Ich erwarte von meinen Töchtern, dass sie selbständig und erwachsen werden, dass sie selbst im altersangemessenen Rahmen immer mehr Verantwortung übernehmen. Ich würde sie nicht richtig lieben, wenn ich versuchte sie fest zu halten und ihre Abhängigkeit von mir zu verlängern. Gott legt keinen Wert darauf, dass wir von Gott abhängig bleiben. Wir sollen Erbinnen und Erben sein. Wir können auf das vertrauen, was Gott uns schenkt, aber wir dürfen das selbst erweitern und ausbauen und aufbauen. Und das können wir auch, weil wir als Mitglieder der Familie Gottes soviel Liebe und Ermutigung erfahren und erfahren haben, dass wir auch etwas davon zurückgeben und an andere Menschen weitergeben können. Gehen wir in die Weihnachtstage mit der Gewissheit:

Wir sind stark genug, um ein gutes Leben im Sinne Gottes zu führen. Und wenn wir es einmal nicht so schaffen, macht das auch nichts. Denn Gott stärkt uns den Rücken und hilft uns auch mit unseren Fehlern und unserm Scheitern fertig zu werden.

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