Gottes Liebe gilt allen Menschen

Von dem Predigttext, der für heute vorgeschlagen ist, kennen wahrscheinlich die meisten von ihnen den ersten Vers. Es ist ein beliebter Tauf- und Konfirmationsspruch. Ich habe den Eindruck, dass er in letzter Zeit immer öfter gewählt wird. Der Text steht im 43. Kapitel des Profeten Jesaja.

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„Fürchte dich nicht!“ Neulich sagte mir jemand, dieser Satz stünde 365x in der Bibel. Einmal für jeden Tag. Ich habe nachgezählt, ganz so oft ist es nicht. aber hören mag ich diesen Satz trotzdem jeden Tag. „Fürchte dich nicht – ich habe dich erlöst!“ Das tut gut. Ganz selbstverständlich beziehen die Jungen und Mädchen, die sich den Spruch zur Konfirmation auswählen, diese Zusage auf sich. Ihnen und mir geht es da nicht anders. Das ist richtig und gut. Der Satz stammt aus dem Tempel in Jerusalem. Dort wurde er den Betenden vom Priester zugesprochen.

Dennoch, Jesaja hat mit diesem Satz das ganze Volk Israel angesprochen. Genauer müsste ich sagen, der zweite Profet Jesaja. Das lange Profetenbuch wurde nämlich von drei verschiedenen Profeten geschrieben. Das lässt sich an dem historischen Hintergrund erkennen, den sie schon voraussetzen. Spätestens mit dem 43. Kapitel beginnt der zweite Profet Jesaja. Er lebt in der Zeit als der persische König Kyrus das assyrische und das babylonische Reich erobert. Das war etwa 530 Jahre vor Christus. Kyrus war ein für damalige (und heutige) Verhältnisse sehr geschickter und toleranter König. Er glaubte zwar nicht an unseren Gott, aber er verordnete, dass jedes Volk seinen eigenen Gott anbeten dürfe. Wenn euer Gott so stark ist, wie ihr sagt, so sagte er den Israeliten dann bittet bei ihm für mich. Jesaja schildert die Taten des Kyrus als Erlösung. Der fremde König sei ein Werkzeug Gottes. Nach der Strafe durch Eroberung und Wegführung ins Exil, könne man nun wieder Gottes Gnade erfahren. Und zwar durch einen Fremden.

Noch etwas anderes ist charakteristisch für die Zeit: Das Exil hat bereits 60-70 Jahre gedauert. Die Menschen haben sich eingerichtet. Die Generation der Flüchtlinge ist entweder schon sehr alt oder bereits verstorben. Ihre Kinder und Enkel wissen nur aus Erzählungen von der alten Heimat. Sie fühlen sich wohl im reichen Euphratland. Sie haben eigene Häuser und Arbeit. Das Land ist fruchtbar, das Klima mild. Die Rückkehr in die judäische Wüste reizt sie daher kaum. Diejenigen von Ihnen, die selber vor fast 60 Jahren ihre Heimat verlassen haben können sich das vielleicht vorstellen. Jetzt noch einmal zurück und in Schlesien oder Ostpreußen wieder von vorne anfangen? Häuser und Wirtschaft aufbauen? Das ist nicht besonders reizvoll. Noch weniger für Kinder und Enkelkinder. Und wir müssten heute nicht mit Handwagen durch die Wüste reisen. Und damit sind wir mitten beim Thema des Profeten: Er möchte zur Rückkehr ermutigen.

In den ersten vier Versen schildert er die Liebe Gottes zu seinem Volk. Warm und herzlich klingen diese Worte: Fürchte dich nicht ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein! Ich habe dich erlöst – die Erlösung ist schon geschehen. Dabei liegt sie ja eigentlich noch vor dem Volk. Aber Gott macht eben keine Versprechen in eine unbestimmte Zukunft, sondern er sagt zu, was schon da ist. Damals für Israel und erst recht für uns, die wir auf die Erlösung durch Jesus zurückblicken können. Die Erlösung ist schon geschehen, auch wenn wir sie manchmal nicht erkennen können.

Ich habe dich erlöst – dieses Wort stammt aus dem orientalischen Wirtschaftsrecht. Wenn jemand zu viele Schulden hatte, musste er sich und seine Kinder als Sklaven verkaufen. Diese Sklaverei konnte aber jederzeit wieder aufgehoben werden. Es galt als Ehrenschuld der Großfamilie, ihre Schuldsklaven wieder freizukaufen. Dafür wurde das hebräische Wort (Ga-al) für erlösen zuerst gebraucht. Gott übernimmt die Ehrenschuld für Israel. Dass er dabei gleich ganze Völker hingibt (gemeint ist in die Macht des Kyrus) wird im Neuen Testament zum Bild für die Hingabe seines Sohnes Jesus. Es kommt uns grausam vor, ist aber ein Bild der unendlichen Liebe Gottes zu seinem Volk bzw. zu jeder und jedem von uns, die mit seinem Namen genannt werden.

Im zweiten Teil des Textes wird die Heilszusage dann geschickt mit der Aufforderung zur Rückkehr verbunden. Fürchte dich nicht. Ich will von Osten und Westen deine Kinder bringen. Das richtet sich an die zerstreuten Menschen, die sich in der neuen Heimat eingerichtet haben. Euer Platz ist am Tempel in Jerusalem. Nicht die materielle Sicherheit, sondern die Nähe Gottes geben euch Leben und Halt. Fürchte dich nicht, ich bin bei dir – das ist keine allgemeine Heilszusage, sondern die Zusage des Weggeleits für jene, die sich nach Jerusalem aufmachen.

Begleitet wird die Zusage durch ein Machtwort Gottes: Niemand soll sich den Heimkehrenden in den Weg stellen. Norden, Süden, Osten und Westen werden genannt. Das zerstreute Gottesvolk soll aus der ganzen Welt wieder zusammengeführt werden. In der Heilszusage an Israel wird schon die noch umfassendere durch Christus vorbereitet. Nach der Befreiung des kleinen Volkes aus Ägypten, wird nun das Volk aus allen Ländern wieder zurückgebracht und schließlich fordert Jesus die Jünger auf, in die ganze Welt zu gehen. Geht hin und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Eine Linie wird erkennbar. Gott führt die Menschen in seiner Kirche zusammen. Nationen werden da unwichtig. Konfessionsgrenzen werden uns nicht mehr trennen. Vielleicht steckt in dieser Verheißung sogar die Perspektive, dass Gott die drei großen Buchreligionen Judentum, Islam und Christentum in seiner Liebe wieder zusammenführen wird.

Jesus ist ja auf alle Menschen seiner Zeit zugegangen. Gottes Liebe gilt nicht nur Israel, so hat er gezeigt, sie gilt allen Menschen. Du bist erlöst – mit der Taufe sind wir in diesen Segen mit aufgenommen. So wie der Segen dem Volk auf dem Weg durch die Wüste galt, so gilt er jetzt uns auf dem Weg durch das Leben.

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