Gottes Grundgesetz

Liebe Gemeinde,

die zehn Gebote sind den meisten Menschen bekannt, in der Grundschule und im Konfirmandenunterricht werden sie gelehrt und hoffentlich auch gelernt, und es gibt einen breiten Konsens darüber, dass die 10 Gebote eine wirklich gute Richtschnur unseres Verhaltens wären. Viele Menschen sagen, sie hielten die 10 Gebote und gleichzeitig bin ich mir nicht sicher, ob wir denn, so wie wir hier sind, ohne Schwierigkeiten, allein die 10 Gebote nur aufsagen könnten. Mir scheint es eher so zu sein, dass wir im Zuge unserer Selbstbestimmung, unsere individuellen Rechte und Ziele, den allgemeinen und für alle gültigen Geboten vorziehen.

Manchmal habe ich, liebe Gemeinde, den Eindruck, immer mehr Menschen machen sich in ihrer persönlichen und kleinen Welt, die im Zeitalter der Medien und Computer immer weniger auf Sozialkontakte angewiesen ist, zu Ihrem eigenen Gesetzgeber und Rechtsprecher. Wir nehmen uns Rechte. Aber geben wir sie auch anderen?

Zum anderen ist es ja gar nicht so einfach die 10 Gebote zu halten. Es sind nun einmal keine eindeutigen Anweisungen, wie sie scheinen. Ihre Auslegung im konkreten Handeln ist nicht selten unsicher.

Nehmen sie nur einmal das fünfte Gebot: "Du sollst nicht töten". Darüber sind wir uns wohl ziemlich einig. Aber wie, wenn wir nachfragen? Dann setzen die Probleme und Diskussionen ein. Gilt das nur für Menschen? Oder dürfen wir auch Tiere nicht töten? Gilt das prinzipiell und ausschließlich, oder gibt es zu diesem 5. Gebot auch Ausnahmen? Die Todesstrafe zum Beispiel. Wie oft höre ich etwa in der Diskussion um Kinderschänder das Wort: "Der hat das Leben nicht mehr verdient, der gehört auf den elektrischen Stuhl?" Oder, darf Präsident Bush den Terroristen Bin Laden nach alter Westernsitte: Dead or alive, verlangen, oder verstößt er damit gegen das 5. Gebot. Oder hat er sogar gegen das 3. Gebot verstoßen, als er die Luftangriffe auf Afghanistan ausgerechnet sonntags starten ließ? Oder nehmen sie einmal die nicht aufhörende Diskussion um den Schwangerschaftsabbruch? Warum ist er in den ersten drei Monaten erlaubt? Ist das nicht ein Verstoß gegen das 5. Gebot? Die einen sagen, das ist noch gar kein Leben, das man töten könnte, andere sehen das ganz anders. Oder, um ein anderes Problem in der Auslegung des 5. Gebotes zu nennen: Wer könnte es der Frau aus Bosnien verdenken, die einmal hier in Ranstadt im Heim für Asylsuchende war, dass sie das Kind ihres Vergewaltigers nicht austragen möchte, zu sehr fürchtet sie im Kind immer wieder ihren Schänder ansehen zu müssen.

Nein, einfach ist das alles nicht mit den 10 Geboten, nicht mal mit einem einzigen. Und das führt uns zunächst zur ersten Erkenntnis über die 10 Gebote, nämlich dass sie uns das Leben nicht in dem Sinne einfacher machen, indem sie uns klare Handlungsanweisungen geben würden, bei denen es kein "Wenn und aber gäbe". Sind die 10 Gebote, so wollen wir darum weiter fragen, also nichts weiter als eine akzeptable Diskussionsgrundlage?

Wir müssen uns schon selbst den Fragen und Problemen unserer Zeit durch Wissen und Gewissen stellen, müssen uns mit ihnen auseinandersetzen, das wird uns nicht genommen. Die 10 Gebote haben nun einmal nichts mit einer festgesetzten Dogmatik zu tun, mit Lehrsätzen, über die nicht diskutiert und sogar gestritten werden dürfte. Das sehen sie auch daran, dass Jesus selbst immer wieder betonte, kein Jota am Gesetz ändern zu wollen und sich dann gleichzeitig daran machte, am Sabbat zu heilen und nichts dagegen zu haben, wenn die Jünger am Feiertag Ähren rauften. Es hinderte ihn auch nicht daran, der sogenannten Ehebrecherin zur Seite zu stehen.

Nach dem Willen Gottes zu fragen bedeutet sicher nicht lieblos zu werden und dogmatisch zu werden. Ganz im Gegenteil. Es ist die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Mitmenschen, die diesen Geboten erst die Fülle und Kraft geben. Wo die Gebote nur Buchstaben bleiben, so sind sie zu nichts nütze, auf den Geist der Gebote, ein besseres Wort finde ich im Moment nicht, kommt es an, den diese Gebote uns vermitteln wollen. Und dies ist zu allererst einmal ein Geist der Freiheit feiert, ein Geist der Menschen eben nicht beherrschen und bevormunden will, sondern der ihnen ein Leben in Freiheit erst ermöglicht.

Wir erinnern uns daran, dass die 10 Gebote dem Volk Israel nach der Sklaverei und bevor sie sich als Volk im gelobten Land niederließen, gegeben wurden. Dies wird deutlich, wenn wir das erste Gebot hören. Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus dem Sklavenhaus, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

In der Haggada, einem Volksbüchlein, das die Israeliten bis auf den heutigen Tag zum Passahfest, der Fest der Erinnerung des Auszugs aus Ägypten lesen, heißt es: "In jeder Generation betrachte sich der Mensch, als sei er selbst aus Ägyptenland ausgezogen." Die zehn Gebote richten sich an befreite Menschen, die um ihre Freiheit wissen und die nicht mehr in Knechtschaft und Sklaverei verfallen möchten. Es sind Lebenshilfen für Menschen, die miteinander leben wollen, die miteinander in Freiheit leben wollen und sollen. Gerade darum brauchen wir die 10 Gebote nach wie vor, liebe Gemeinde, damit wir miteinander und in Freiheit leben können, und wir lernen, dass Freiheit nicht Gesetzlosigkeit ist, es ist nicht einmal Bindungslosigkeit. Freies Leben geschieht, das sagen uns die 10 Gebote, in der Bindung an Gott, und in der Bindung an andere Menschen. Die 10 Gebote sind also eben nicht allgemeingültig, wie oft und nicht selten von Pfarrern behauptet wird, sondern sie sind bestimmt für Menschen, die ihr Leben in der Bindung an Gott und in der Verbindung mit anderen Menschen leben möchten, die das gerade als ihre Bestimmung erachten, ihr Leben in Beziehung zu Gott und in Beziehung zu ihren Mitmenschen zu leben. Die 10 Gebote sind also Richtlinien, verbindliche Orientierungshilfen für Menschen, die von Gott zur Freiheit berufen sind und die nun nicht mehr in die Sklavereien verfallen wollen, die uns immer wieder gefangennehmen wollen.

Nicht wahr, liebe Gemeinde, und Gefangene unseres eigenen Selbst, unserer eigenen Angst, unserer Sorgen, auch Gefangene der öffentlichen Meinung, der Leistungsanforderungen und vieles mehr, das drohen wir immer wieder zu werden. Ich bin dein Gott, der dich aus Ägyptenland befreit hat, aus dem Sklavenhaus. Damit fängt alles an, dass er mein Gott ist, und dass er so mein Gott ist, dass ich in Freiheit mit ihm Leben kann. Ach wenn wir das nur einmal annehmen könnten, in unser Leben aufnehmen könnten, dass hinter unserem Leben der Wille und die Liebe Gottes steht, der uns befreit hat und auf jeden Tag neu befreien möchte, zu einem liebevollen Leben, das in Gott sein Ursprung und Ziel hat und das im friedlichen und liebevollen Miteinander seinen Frucht trägt.

Das eine kann nicht ohne das andere. Die 10 Gebote allein auf eine humanistische Regel zu verkürzen, würde trotzdem nichts anderes sein, als Gottlosigkeit, es würde allem Handeln das Fundament nehmen; die 10 Gebote aber ohne konkreten Lebensvollzug als nur theoretische Grundlage zu erachten, würde sie sinnlos machen. Sie sind keine Dogmatik, sie sind Hilfen zur Lebensführung für Menschen, die um ihre Befreiung durch Gott wissen, und die um Gottes Willen, das menschliche Miteinander liebevoller und friedlicher gestalten möchten. Sie sind Gottes Grundgesetz für den Frieden in der Welt. Und nichts haben wir in diesen Tagen nötiger als dies. Darum hören wir zum Abschluss auf die 10 Gebote:

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