Gottes Geschenk: ein gerütteltes, überfließenden Maß seiner Liebe

Liebe Gemeinde,

Gott macht uns ein großartiges Geschenk. Ja? Der Predigttext hat davon erzählt. Habens Sie’s noch im Ohr? Mir selbst ist es auch erst beim intensiven Lesen des Predigttextes aufgefallen. Und das geht uns vielleicht im Alltag auch so. Was
wir von Gott an Gutem empfangen, ist nicht so schnell zu sehen und spüren.

Schauen wir zunächst auf das, was uns leicht vor Augen ist. Das liegt auch im Predigttext oben an. Das Bild ist bekannt: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wenn ich einmal etwas ins Auge bekomme, dann fängt mein Auge an zu tränen, und es tut weh. Meist reibe ich dann und schon bald ist das kleine Sandkorn draußen. Ich halte fest: Das Auge, mit dem ich meine Umwelt und meine Mitmenschen anschauen kann, ist empfindlich. (Das finde ich als Veranschaulichung toll!!!!)

Doch wie steht es mit dem Auge, mit dem ich mich selbst anschaue? Ist das ebenso empfindlich? Jesus sagt nein: Er stellt fest, dass wir mit einem Balken im Auge, anders gesagt: mit einem Brett vorm Kopf herumlaufen, wenn es darum geht, auf uns selbst zu schauen. (Gefällt mir auch sehr gut)

Statt dessen fällt es viel leichter bei anderen Schwächen und Ungereimtheiten festzustellen:

– Da(s) ist ein Mitschüler, der sich anstrengt für gute Noten. Gehänselt wird er als Streber.
– Da(s) ist der Arbeitskollege, der immer so schnell nach Dienstschluss verschwunden ist. Der will nichts mit uns zu tun haben, ist man sich sicher. Dabei muss er nach Hause, um seine kranke Frau zu pflegen.
– Da(s) ist der Nachbar, der immer so viel redet, dass es schon nervt. Er freut sich aber so, endlich mal wieder mit jemandem zu reden. Seine Frau ist vor Jahren gestorben und nun ist er allein.
– Da(s) ist ein Prominenter, der mal wieder zu tief ins Glas geschaut hat oder irgendwie anders daneben lag. "Das geht so nicht, als Prominenter darf man sowas nicht!", weiß der bunte Blätterwald der Boulevardpresse. Dabei hat er nur gemacht, was manch anderer auch tut oder mal gerne täte!

Aber damit sind wir schon in die Falle getappt. Jesus will, dass wir uns an die eigene Nase fassen. Das wir in uns gehen und darüber nachdenken, welcher Balken uns im Auge steckt. Wo haben wir unsere Schwächen und Fehler?

Darüber sollen wir intensiv nachdenken. Und erst, wenn wir dieser Balken aus unserem Auge gezogen haben, dürfen wir uns daran machen, dem andern den kleinen Splitter aus dem Auge zu ziehen!

Jesus spricht damit etwas an, was auch heute noch bekannt ist und als physikalisches Gesetz bekannt ist: Druck erzeugt Gegendruck. Nicht immer haben
wir diese innere Gelassenheit. Nicht immer habe ich die Ruhe, zu sagen: Das war Mist. Aber komm, jetzt ist es wieder in Ordnung. Es fällt mir manchmal schwer, Ärger wirklich verrauchen zulassen, wenn ich jemanden scharf zurechtweise(n) und versuche ihn zu ändern, ihm seine Gewohnheiten abzugewöhnen, weil ich es will – dann mache ich einen Fehler in Gottes Augen. Und dabei weiß ich doch so oft, wie es eigentlich gehen müsste: In der Familie, im Beruf, hier in der Kirchengemeinde, in der großen Weltpolitik. So kommt es dann zum Streit. Da helfen auch nicht die beschwichtigenden Sätze "Ich mein’s doch nur gut! Ich will doch nur dein bestes!". Sie kennen das sicherlich auch!

Und genau an diesem Punkt zieht Jesus die Notbremse. Er sagt uns: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Barmherzig. Ich habe einmal nachgeschaut, wo das Wort herkommt: zwei Worte sind darin enthalten: arm und Herz: Und damit können sie sich schon denken, was das Wort ursprünglich meint: Barmherzig ist jemand, der ein Herz für Arme, der sich verständnisvoll denen zuwendet, die schwächer und problematisch sind, und ihnen wieder aufhilft. So hat es Jesus in vielfältiger Weise gemacht. Und so möchte Gott sich auch uns zuwenden. Das verheißt uns Jesus mit diesem Satz:

Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit diesem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.(Lk 6,38c)

Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß will Gott uns geben. Jesus hat für seine Vergleiche oft ganz reale Situationen benutzt. So auch hier. Ich stelle mir das so vor: Es ist Markt. Viel Gewusel. Und an einem der vielen Stände gibt es Mehl, wahrscheinlich in viele braune Leinensäcken. Und wie soll man das Mehl abmessen? Zur Zeit Jesu machte man das so: Man nahm ein Schale als Maß. Vielleicht so eine wie hier. [An dieser Stelle Glaskrug mit Mehl und entsprechend dem Text damit agieren] Super!!! Und dann gibt es zwei Möglichkeiten, Maß zunehmen: Ein genauer, pedantischer, auf seinen eigenen Gewinn bedachter Händler hat noch ein zweites Hilfsmittel dabei: Einen Stab, mit dem er über die gefüllte Schale streicht. So ist das Maß genau voll. Nicht zu wenig, aber auch garantiert nicht zu viel! Das ist der eine Händler. Der andere Händler macht es anders: Er greift tief in den Sack, macht die Schale randvoll. Und dann drückt und rüttelt er, bis wieder mehr in die Schale passt.
Ja, er packt sogar soviel in die Schale, dass sie überläuft. Und dann erst gibt er die Portion weiter. Sie werden jetzt fragen: Aber dann macht er doch ein schlechtes Geschäft, wenn er immer so viel als eine Portion verkauft!

Und mit dieser Frage sind wir einem der vielen Geheimnisse Gottes auf der Spur, ahnen wir etwas von dem großartigen Geschenk, das Gott uns macht. Gott möchte jedem Menschen, ob er groß oder klein ist, ein ebensolches volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß seiner Liebe geben.
Dieses Geschenk zu spüren ist nicht immer leicht. Und sich selbst zu sagen: Gott ist auch für mich da – das fällt auch schwer. Wir Menschen sind auf das Ja Gottes angewiesen. Und wir sind darauf angewiesen, dass wir dieses Ja Gott zu uns gesagt bekommen. Wir brauchen das, unsere Seele braucht das. Jesus zeigte damals seinen Jüngern, und uns heute, dass Gott der ganz andere ist. Dass Gott ganz anders bewertet und ganz anders schenkt. Er ist nicht so knauserig und penibel, wie der Händler, der das Maß mit dem Stock abstreicht. Und – Hand aufs Herz, manchmal bin ich auch so. Und Sie? Aber Gott schenkt und misst und mit einem vollen, gedrückten, gerüttelten und überfließenden Maß seiner Liebe. Gott schenkt uns mit seiner Liebe einen Wert, den wir uns nicht erarbeiten können. Gott will uns das Gefühl geben: Selbst, wenn sich alle Welt von dir abwendet: Ich bin da. Ich bin bei dir. Ich gehe mit dir mit. Ich lasse dich nicht allein. Deswegen dürfen wir uns bewusst machen, wo wir nicht barmherzig sind, wo wir unsere Schwächen haben, welche Balken bei uns im Auge steckt, welches Brett wir vor dem Kopf haben. Wir können das wagen, weil Gottes Wort gilt. Ich bin da. Und dann erst können wir auch merken: wir bekommen von Gott ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß seiner Liebe.

Deswegen können und dürfen wir auch barmherzig mit den Menschen umgehen, die um uns herum sind, mit denen wir leben und arbeiten.
Wir sollen nicht nur auf das schauen, was uns am anderen nicht gefällt. Wir haben die Aufgabe, unsere Familie, Nachbarn, Kollegen, kurz unsere Menschen so freundlich und barmherzig anschauen, wie Gott uns anschaut.

Jesus Christus ist es, der uns unseren Balken aus unserem Auge ziehen möchte und ihn auf seine Schultern genommen hat, bis hin zum Tod am Kreuz. Er lädt uns zu sich an seinen Tisch, wenn wir gleich Abendmahl feiern. Und weil er wieder auferstanden ist und lebt, sollen auch wir sicher sein: Gott will, dass wir auch leben. Mit ihm.

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