Gottes Geist schafft Klarheit

Liebe Gemeinde,

hier in der kühlen Kirche konnten wir der Hitze draußen entfliehen. Wir feiern Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes. Nicht wie rtl2 in seinem Quiz noch angeboten hat, das Fest der Jungfrau von Orleans.
Der heilige Geist ist jetzt leider eine etwas luftige Angelegenheit, schwer zu fassen, denn er weht wo er will. Deshalb ist dieses Wochenende auch beliebter zum wegfahren als zum in die Kirche gehen. Pfingsten das Fest der Begeisterung. Vom Geist erfüllt begeistern die Jüngerinnen und Jünger die Leute in Jerusalem und werben an einem Tag 3000 neue Mitglieder. Schwierig ist es dieses Fest zu feiern in einer Situation wo wir jedes Jahr 10-20 Mitglieder verlieren und dem nur 2-3 neue Mitglieder gegenüber stehen. Da will die Begeisterung nicht so recht aufkommen. Pfingsten ist auch das Fest der Kirche. Aber wir als Evangelische legen bekanntlich nicht so großen Wert auf die Kirche. Im Grunde sind wir überzeugt, dass auch jeder alleine für sich an Gott glauben kann und es eher lästig ist, wenn da auch noch eine Institution mitmischt. Also was fangen wir mit diesem Pfingstfest an?

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Hier geht es weder um Begeisterung noch um die Kirche. Die Stimmung ist eher gedrückt. Denn der Text stammt aus den Abschiedsreden Jesu. Jesus weiß, dass er bald gehen muss, und er sorgt sich um seine Jüngerinnen und Jünger. Er möchte, dass es ihnen gut geht, wenn er weg ist. Und deshalb tröstet er sie und er verheißt ihnen einen neuen Tröster, den heiligen Geist. Dieser hat mehrere Aufgaben: Der heilige Geist soll die Freundinnen und Freunde Jesu trösten und er soll sie an Jesu Lehre erinnern und er soll ihnen Hoffnung schenken, Hoffnung auf eine Zeit wo sie bei Gott wohnen werden.

Ich weiß nicht wie es ihnen geht liebe Gemeinde,
aber mir gefällt diese Vorstellung vom heiligen Geist als tröstende und erinnernde Gegenwart. In der hebräischen Bibel ist der heilige Geist, die ruach weiblich. Sie wiegt mich sanft in den Armen, sie lehrt mich ihre Weisheit, sie tröstet mich. Ich kann mich in ihre Arme fallen lassen und mich geborgen fühlen.

Das brauche ich ab und zu ganz dringend. Das brauche ich wenn mir wieder einmal alles zu viel wird. Das brauche ich wenn die Probleme über mir zusammen schlagen und ich genau weiß; ich kann sie nicht lösen, diesmal werde ich es einfach aushalten müssen. Trost brauche ich, wenn eine nahe Person gestorben ist. Und Trost brauche ich, wenn der Körper nicht mehr so mitmacht und ich mich damit abfinden muss, dass manches nicht mehr geht. Und dann fange ich schon an, an die Wohnung zu denken, die Jesus bei Gott für mich vorbereitet hat, und auch dieser Gedanke ist tröstlich. Die Tage, die mir hier noch auf Erden bleiben, sind nicht alles, was noch möglich ist. Da wartet noch eine Zukunft auf mich bei Gott. Ich weiß zwar nicht wie das aussehen wird, aber es gibt noch eine Hoffnung über dieses Leben hinaus.

Und dann blicke ich wieder auf meine Schwierigkeiten und sage mir: Ich werde sie wohl aushalten müssen, und ich weiß immer noch nicht was ich tun könnte. Aber das fühlt sich schon anders an. Denn Gottes tröstende Gegenwart ist ja da, die göttliche Weisheit umgibt mich, und ich merke: Ja, es wird gehen, ja, ich werde das schaffen, ja, ich kann damit leben. Und dann wird Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes, ein Fest des Trostes. Und dann kann ich vielleicht ein klein wenig den Kopf aus allen Schwierigkeiten herausheben und mich umsehen. Und dann blicke ich umher und sehe: Ich bin ja nicht alleine. Da sind ja noch die anderen. Das sind die Nachbarinnen und Nachbarn, da ist die Familie, und da sind die anderen hier in der Kirche. Und dann wird deutlich: Die Kraft des heiligen Geistes ist nicht nur für mich alleine. Sie wirkt nicht nur in mir und tröstet mich. Diese Geistkraft wirkt zwischen uns. Wir leben mit anderen zusammen, damit wir uns auch gegenseitig trösten können. Und ich muss wirklich nicht mit allem alleine fertig werden. Ich bin schließlich nicht die einzige auf der Welt, die mit dem Schmerz des Abschieds leben muss. Ich bin nicht die einzige, die Schwierigkeiten in der Familie hat. Ich bin nicht die einzige, die eine pflegebedürftige Person betreuen muss. Da gibt es eine Menge Weisheit in meiner Umgebung, die ich abrufen kann.

Auf dem Friedhof treffe ich noch andere Witwen, die auch trauern, und die mir erzählen können, wie sie über die ersten schwierigen Monate alleine hinweg gekommen sind. Am Bäckerauto stehen noch andere Menschen, die auch eine Hüftgelenksoperation hatten, und die mir Mut machen können, weil sie zeigen wie gut sie jetzt wieder laufen können. Und die Pflege, da kann ich doch einmal mit einer Schwester aus der Sozialstation reden, die hat so viel Erfahrungen, vielleicht weiß sie Rat. Jetzt kann ich wieder sehen, dass da eine Menge ist, was mich hält. Die tröstenden Arme der Geistkraft Gottes sind zu menschlichen Armen geworden. Ich werde tatsächlich gehalten. Im Netz meiner Beziehungen bekomme ich Rat und Trost und was ebenfalls wichtig ist, auch mal einen Tritt, damit ich in die Gänge komme, damit ich diejenigen Dinge, die ich noch zum Guten ändern kann auch angehe. Da sagt dann jemand aus der Familie: „Jetzt reicht mir dein Gejammer aber, geh endlich zum Arzt. Lass dich operieren. So wird es ja doch nicht mehr besser. Ich verstehe ja, dass du Angst hast, aber jetzt muss es halt sein.“ Und auch das kann sehr hilfreich sein. Und ich beginne zu verstehen, dass die Kraft des heiligen Geistes im Netz meiner Beziehungen einiges mehr als nur Trost. Trost ist ja schon viel. Aber die Geistkraft ist auch eine Energie, die mich anstößt und nach vorne bringt. Sie ist eine Kraft, die mein Leben verändert und die auch mich verändert. Ja, am Schluss unseres Predigttextes heißt es: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Zum Fürchten und Erschrecken ist die Kraft Gottes. Aber wir brauchen uns nicht zu fürchten, weil sie uns Frieden schenken wird. Und jetzt gewinnt das Ganze eine neue Weite. Aus meinen persönlichen Problemen tauche ich auf und sehe mich um. Und mein Weg wird klar. Frieden ist die Richtung, in die Gottes Geist mich schickt. Und dieser Frieden ist allumfassend. Er beginnt im persönlichen: Ich suche die Verständigung mit meinen Töchtern und bitte Gott, er möge mich leiten, wenn ich versuche zu verstehen, was sie bewegt. Und er geht weiter bei der Arbeit. Konflikte anzugehen und nicht vor sich hin schwelen zu lassen, eine Verständigung anzustreben, ist eine wichtige Aufgabe. Und der Blick weitet sich bis in die Weltpolitik hinein: Ich versuche politische Zusammenhänge zu verstehen, die zu Krieg und Hunger und Leid auf der Welt führen und sehe zu, was ich hier vor Ort tun kann, um zum Frieden beizutragen. Ich glaube, da gibt es eine ganze Menge, was tun kann. Zum Beispiel Produkte aus der Region kaufen, die nicht durch halb Europa gekarrt wurden, um hier bei uns zu landen. Oder Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten ernten verarbeiten und essen. Und ich kann mich nicht vom Schwarz-Weiß-Denken anstecken lassen. Es ist unwahrscheinlich, dass hier bei uns im Westen nur die Guten zu finden sind und in der islamischen Welt die Bösen wohnen. Und ich kann eine Politik unterstützen, die versucht Frieden zwischen verfeindeten Gruppen und Völkern zu stiften.

Pfingsten ist da Fest des heiligen Geistes. Als wir angefangen haben über den heiligen Geist nachzudenken, da war er noch eine luftige Angelegenheit und schwer zu fassen. Ansteckende Begeisterung fühle ich immer noch nicht. Aber was doch deutlich geworden ist: Gottes Geist schafft Klarheit. Mein Leben gewinnt in der Begegnung mit Gottes Geist Ziel und Richtung. Es wird ausgerichtet auf den Weg des Friedens. Dass ich von diesem Weg regelmäßig und immer wieder abkommen werde ist sowieso klar. Aber es ist die Richtung, in die der Geist uns zieht Ich wünsche uns allen, den Trost der göttlichen Kraft aber auch dass wir uns in Richtung Frieden von ihr ziehen lassen.

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