Gottes Geheimnis

Liebe Gemeinde,

der Brief des Paulus endet so, wie wir einander hier zu jedem Gottesdienst begrüßen. Wahrscheinlich machen wir uns kaum mehr Gedanken über diese Wendung. Paulus spricht von einem Gott, der mit der Gemeinde sein wird, aber er wünscht ihnen drei Dinge im Besonderen: Die Gnade des Herrn Jesus Christus, die Liebe des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Die Dreieinigkeit, in deren Zeichen der heutige Sonntag steht, ist wohl das schwierigste Kapitel unseres Glaubens.

Kürzlich sprach ein Theologe vor dem Pfarrkonvent unseres Kirchenkreises über den Islam. Er meinte, was die Moslems am Christentum am meisten irritiere, sei, dass es sich als monotheistische Religion bezeichne, also als eine Religion, die einen einzigen Gott verehrt, dass aber immer von dreien die Rede sei, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Die Christen, das störe jeden Moslem, schienen also an drei Götter zu glauben.

Plötzlich blickten einander die versammelten Pfarrer – die katholischen Brüder waren auch dabei – mit verlegenem Lächeln an. "Da haben nicht nur die Moslems Probleme – erklären Sie das einmal einem Konfirmanden", sagte einer laut. Und die anderen wiegten bedenkend die Häupter.

Am 23. Oktober 1553 wurde in Genf der 42jährige Michael Servet verbrannt. Er war innerhalb weniger Monate gleich zweimal zum Ketzertod verurteilt worden. Zuerst durch die katholische Inquisition und dann auf Veranlassung Calvins durch die Reformierten. Grund: Servet hatte sich intensiv mit der Dreieinigkeit befasst und war zu dem Schluss gekommen, dass Jesus Christus die alleinige Quelle aller Gotteserkenntnis sei. Alle anderen Vorstellungen über Gott seien Hirngespinste. Der Geist bleibe unsichtbar und sei an Christus gebunden, führe zu ihm hin.

"Antitrinitarier" nennt man die Anhänger solcher Theorien, die sich besonders im 16. Jahrhundert häuften. So gab es zum Beispiel auch Traktate eines gewissen Fausto Sozzini, der die Auffassung vertrat, Jesus sei als Mensch geboren und von Gott später adoptiert worden. Liest man heute solche Schriften, haben sie in der Regel durchaus etwas Faszinierendes und entbehren selten der inneren Logik. Oft waren solche Antitrinitarier Menschen von hoher Ethik und sehr sozialem Denken, die sich direkt der Nachfolge Jesu Christi verbunden sahen. Ein junger Pfarrer meinte kürzlich zu mir, er tue sich immer schwer mit Pfingsten und mit diesem Dreier-Mysterium, in dem sich kein Mensch zurechtfinde und das von Jesus doch so auch nicht gewollt gewesen sei. Ich war drauf und dran, ihm die Erklärung zuzuschicken, die ein Pfarrer, der längst im Ruhestand ist, für seine Konfirmanden ausgearbeitet hat:

· Das Dreieck hat drei Seiten, ist aber dennoch nur eine Figur.
· Das Wort "Ein" hat drei verschiedene Buchstaben, sie bilden aber nur ein Wort.
· Ein Akkord besteht aus mehreren Tönen, zusammen aber bilden sie einen Klang.
· Die Sonne ist nur eine, doch erscheint sie uns als Licht, Wärme und Strahlung.
· Die Rose ist ein Wesen, besteht aber aus Blüte, Farbe und Geruch.
· Der Mensch ist eine Ganzheit aus Leib, Seele und Geist.

Mir jedenfalls hat das genügt. Gott bleibt Gott. Aber er begegnet uns als Vater, Sohn und heiliger Geist.

Aber warum, so habe ich mich dann gefragt, ist die Definition der Dreieinigkeit eigentlich so furchtbar wichtig, dass deshalb Leute auf dem Scheiterhaufen brennen mussten? Bei Paulus ist doch nur davon die Rede, dass die Gemeinden einerlei Sinn haben sollen und Frieden halten und in der Liebe bleiben. Erst auf späteren Konzilien wurden Diskussionen über die Trinität auf die Spitze getrieben, die Kirche spaltete sich mehrfach wegen dieser Frage. Dann habe ich mir überlegt, wie mein ganz persönliches Verhältnis zu Gott ist, dann, wenn ich einfach ganz "untheologisch" mit ihm rede, an ihn denke. Und ich habe festgestellt: Wenn ich ein Anliegen habe, das mich bedrückt, unsicher macht, mir Angst macht und womit ich nicht klarkomme, rede ich mit ihm wie mit einem Vater, einem Vater, so, wie man sich ihn als Kind immer wünscht, einem, der alles begreift, was man verkehrt gemacht hat, der zwar ärgerlich ist, aber sich dennoch immer wieder vor seine Kinder stellt – und dessen Blick und Einfluss weit über das hinausgeht, was ich selbst einschätzen kann. Wobei es recht lange gedauert hat, bis ich mit dem Wort "Gnade" etwas anzufangen wusste. Inzwischen verstehe ich, dass das nicht bedeutet, dass Gott mir alle Steine aus dem Weg räumt. Jemand hat mir die Geschichte erzählt: Ein Mensch ist zu 100 Hieben verurteilt worden, 99 muss er aushalten, der letzte wird ihm erspart – das ist Gnade. Das klingt nun sehr hart – aber vielleicht, so denke ich mir, wäre gerade dieser letzte Hieb nicht mehr erträglich gewesen. Gott wird mir nicht mehr zumuten, als ich bewältigen kann, das ist Gnade.

Wenn ich über Liebe nachdenke, fällt mir spontan Jesus Christus ein, als Vorbild zum einen, aber auch als der Zielpunkt von Liebe. Dann kann ich diese Frau verstehen, die die teure Salbe kauft und ihm einfach über die Füße gießt, weil sie eine ganz andere Liebe empfindet als die, die sie sonst zu geben gewöhnt ist. Ihm ihren Körper anzubieten, das käme ihr nie in den Sinn. Und wenn ich über Liebe in ihrer schönsten Form nachdenke, fällt mir die Szene mit dem Auferstandenen und Maria Magdalena am Grab ein, dieses ganz behutsame "Rühre mich nicht an" von Jesus, der das Leben dieser Frau völlig verändert hat. Eine sehr menschliche und doch über alles menschlich Denkbare hinausgehende Szene. Maria Magdalena war mit Jesus gegangen in dem sicheren Gefühl, ihn immer lieben zu müssen und in ihm alles zu finden, was sie zum Leben braucht. Sie hatte an einer Krankheit gelitten, Lukas berichtet von Besessenheit, und durch ihre Liebe zu Jesus hatte sie zu sich selbst zurückgefunden. Und nachdem sie gedacht hatte, alles wieder zu verlieren, als Jesus gestorben war, da sieht sie ihn wieder und schaut durch ihn und in ihm Gott. Jesus lebt fort, in ihrem Glauben. "Gott habe ich schon deshalb so nötig, weil er das einzige Wesen ist, das man lebenslänglich lieben kann", schreibt Dostojewski.

Wer schon einmal selbst ganz am Boden war, an der Grenze des eigenen Lebens gestanden hat, vielleicht in Verzweiflung über den Tod eines Menschen, vielleicht aber auch in eigener Krankheit oder weil er glaubte, sein Leben verpfuscht zu haben, kann es wohl bestätigen: Man kann aus all dem aufsteigen zu Gott. Um uns zu zeigen, dass dies möglich ist, dafür hat sich Gott in Jesus Christus offenbart. Er fragt jeden von uns: "Warum weinst Du?" und er ruft jeden von uns beim Namen, so, wie er es damals mit Maria Magdalena im Garten getan hat, damit sie ihn erkennt.

Das liest und hört sich alles schön, werden Sie vielleicht manchmal auch gedacht haben, wenn Sie in den Geschichten des Neuen Testaments versunken sind. Aber Jesus ist eben nun nicht mehr hier, nicht sichtbar, greifbar, spürbar. Seine Person, seine Ausstrahlung, können wir nicht erleben. "Ein Beispiel habe ich euch gegeben", hat er gesagt – und uns alleine gelassen, mit diesem fast unerfüllbaren Auftrag der Nachfolge?

Da setzt für mich das Wirken des Heiligen Geistes ein. Mit meinem begrenzten Verstand jedenfalls kann ich es mir nicht anders klarmachen. Was könnte es sonst sein, dass einem im Leben immer wieder in den unerwarteten Situationen Menschen begegnen, die man gerade jetzt braucht oder mit denen gemeinsam etwas möglich wird, was man alleine nie geschafft hätte?

Manchmal grenzt es ans Wunderbare: Ich erinnere mich an eine Situation auf unserer Pilgertour per Fahrrad durch Nordspanien. Ich hatte am zweiten Tag meine beiden Reisegefährten verloren, irrte durch total menschenleeres unwegsames Gelände, seit Stunden, ohne Landkarte, ohne Vorräte. Immer wieder betete ich. Ich wusste nur, ich muss westwärts. Es wurde gerade dunkel, als ich in einem Ort ankam, der "Rabanal" hieß wie unser Etappenziel, aber kein Mensch war auf den Straßen. Der Ort schien verlassen. Ich war am Ende – da hielt ein Auto. Zwei junge Männer versuchten gestikulierend mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich kann kein Spanisch, aber wir verständigten uns dennoch rasch: Dass ich Pilger nach Santiago sei, war klar – und dass ich zwei Leute suche, schienen sie zu ahnen. Ich war in einem anderen Ort gleichen Namens gelandet, unser Ziel war meilenweit entfernt. Aber irgendwas wollten die Männer mir klarmachen – und irgendwie vertraute ich ihnen und ließ zu, dass sie mein Rad in ihren Geländewagen hievten und mich auch. Ich solle mich nicht fürchten, sagten sie in gebrochenem Englisch. Ich fürchte mich eigenartigerweise kein bisschen. Die Männer brachten mich in das "richtige" Rabanal, vor einer Gasthaustür standen die Räder meiner Reisegefährten. Die hatten bereits in der Kirche gegenüber für mich gebetet. Meine Retter lachten, wünschten Gottes Segen und fuhren wieder davon. Meine Mitpilger kannten die jungen Männer ebenso wenig wie ich. Da, so spürten wir, hatte der Heilige Geist wohl gewirkt.

Wer nun schuld war daran, dass wir nicht aufeinander acht gegeben hatten, darüber wollten wir nicht mehr sprechen. Wir freuten uns ganz einfach. "Freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So b wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein." – näher als auf solchen Pilgerfahrten bin ich dem Apostelwort nie mehr gekommen. Und ich denke, näher können wir dem dreieinigen Gott auch nicht kommen als indem wir ihn in seiner Gnade, seiner Liebe und seiner Präsenz spüren. Mit unserem Verstand erklären können wir Gottes Geheimnis nicht. Dass wir uns seiner Gegenwart dennoch immer gewiss sein können, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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