Gottes Friede stellt die Fragen

Weihnachten 2001 – ein für uns alle sicher bedeutsames Weihnachten. Es ist bedeutsam, weil es für uns alle unter dem Schatten der weltpolitischen Ereignisse dieser Zeit steht. Der Anschlag des 11. September hat die Welt wirklich verändert, es herrscht Krieg, an dem wir alle Anteil nehmen, Terrornachrichten berühren uns stärker als sonst. Und auch der Terror im Heiligen Land berührt uns mehr als sonst, denn er ist stärker geworden. Die Unversöhnlichkeit im Lande des Volkes Gottes und der Heimat Jesu von Nazareth berührt uns intensiver, weil auch unsere Kultur von der Religion des Nahen Ostens getroffen wurde.

Was ist das also für ein Weihnachten für uns in diesem Jahr? Ganz persönlich vielleicht ein Weihnachten wie jedes Jahr. Tradition wird gepflegt, der Weihnachtsbaum an derselben Stelle, die Geschenke, das Weihnachtsessen, die Stimmung, vieles so, wie auch in den vergangenen Jahren. Wo persönliche Veränderungen gewesen sind, werden die Gedanken in verschiedene Richtungen gehen: jemand ist dazugekommen, der hineingenommen wird in die weihnachtlichen Gefühle, wo jemand gegangen ist, da wird der Schmerz noch einmal viel deutlicher zu spüren sein.

Der freudige oder traurige Ablauf, die Hektik und der Stress oder auch die Ruhe dieser Tage wird ähnlich sein, wie in vielen anderen Jahren. Aber ich merke eben doch, dass innerlich etwas anders geworden ist. Die Weihnachtsbotschaft steht einmal mehr im Raum des genauen Gegenteiles. Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens, so verkündigten die Engel in der Heiligen Nacht und die Menschen dieser Welt können dies in wenigen Sekunden einfach beiseite schieben. Jeder mörderische Anschlag dieser Tage stellt diese Friedensbotschaft zutiefst in Frage.

Natürlich stellt die Wirklichkeit dieser Tage die Weihnachtsbotschaft in Frage, aber stellt die Wirklichkeit dieser Tage die Weihnachtsbotschaft wirklich in Frage? Ist es nicht eher anders herum, dass die Wirklichkeit, dass wir Menschen in Frage gestellt werden, dass unser Handeln hier kritisch angesehen wird? Zumindest verstehe ich die biblische Botschaft für mich so, dass sie mich, mein und unser Leben im Blick hat und dafür Hinweise, Orientierungen und Hilfen gibt. Die Terroranschläge in New York, der Krieg in Afghanistan, das Blutvergießen im Heiligen Land, all das ist auf dem Hintergrund der Weihnachtsbotschaft zu sehen und von ihr her zu begreifen. Aber eben nicht so, dass Gott sich zu verteidigen hat, sondern dass wir Menschen uns Gott gegenüber zu verantworten haben.

Paulus beschreibt die Weihnachtsbotschaft auf ganz andere Weise als es die Geschichte vom Stall und der Krippe tut.

Als wir unmündig waren, waren wir in der Knechtschaft der Mächte der Welt. Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.

Weihnachten hat die Welt verändert. Als die Zeit für Gott reif war, da hat er die Menschen aus der Knechtschaft herausgeführt, hat die Menschen erlöst, damit sie Kinder sind. Er hat das getan, indem er selber Mensch wurde, sich in die Welt hineinbegab, um sie dadurch zu verändern.

Nur verändert Gott die Welt nicht, indem er die Menschen zu Marionetten macht und sie dadurch verändert. Der Mensch bleibt Mensch, mit allen guten und schlechten Seiten. Die Frage ist dann nur, welche Seite lebt er aus, von wo her lebt er? Bleibt er in der Knechtschaft der Mächte dieser Welt oder lebt er die Kindschaft Gottes?

Die Knechtschaft der Mächte dieser Welt. Dahinter verbirgt sich sehr vieles. Es ist die Knechtschaft der Macht der Gewalt, die ein bestimmtes Handeln nach sich zieht, oft genug eben die Gegengewalt. Es ist die Macht des Geldes, des Reichtums, des Wohlstandes und des Ansehens. Es ist die Macht des persönlichen Bedeutsamkeit auf Grund äußerlicher Dinge, die uns oft von außen suggeriert werden: Jugendlichkeit, Schönheit, Sportlichkeit, Dynamik. Und vor allem Gesundheit, keinerlei Beeinträchtigung des Lebens, alles muss machbar und möglich sein. Knechtschaft der Mächte dieser Welt, die uns einnehmen wollen und denen wir mehr oder weniger hinterherlaufen, um unsern Platz zu finden.

An vielen Stellen ist es die Knechtschaft derer, die glauben in größter Freiheit zu leben, ohne zu merken, wie sehr sie sich an dies alles binden und in Wahrheit in größter Unfreiheit leben, nämlich in der Knechtschaft der Mächte dieser Welt.

Und das Ereignis der Heiligen Nacht kommt nun dazwischen. Da stellt Gott das Denken der Welt auf den Kopf und verändert die Sichtweise des Lebens. Nicht die Größe, nicht die Macht ist entscheidend, sondern das Kleine, das Zerbrechliche, das erst noch Werdende steht im Mittelpunkt. Gegen die Knechtschaft der Mächte dieser Welt, stellt Gott die Kindschaft, in die sich der Mensch hineinbegibt. Die Kindschaft, die ganz davon lebt, dass Gott als Vater dem Leben seinen Sinn und das Ziel gibt.

Das Kind in der Krippe wird zum Symbol für eine neue Wirklichkeit in unserem Leben, die nicht bestimmt ist von den Mächten und Gedanken dieser Welt, sondern von dem, der das Leben von A bist Z in der Hand hat.

Dann kehren sich die Werte der Mächte dieser Welt um. Der Stall, das Symbol der Armut und Einfachheit. Die Krippe, das Bild der geistlichen Lebensnahrung, beides aber auch Zeichen der Heimatlosigkeit in der Welt und der tiefen Geborgenheit in der Wirklichkeit Gottes. Oder schauen wir auf das Feld. Die Ärmsten und Ausgestoßenen erfahren größte Wertschätzung, die Hirten sind die ersten denen Gott durch die Engel die neue Friedensbotschaft verkündigt. Oder schauen wir auf die Weisen, die drei Könige. Nicht sie werden angebetet, sondern das Kind wird nun zum Zielpunkt der Anbetung. Das ist die Umkehrung der damals bekannten menschlichen Werte, die auch heute noch gültig sind, ohne wirklich gültig zu sein.

Gottes Eingreifen in die Welt, sein Kommen in dem Kind, erlöst uns von solchem menschlichen Denken, es verändert die tatsächlichen Bindungen in der Welt, indem sie in ein neues Licht gerückt werden, nämlich das der Kindschaft Gottes. Uns wird mit dem Weihnachtsfest deutlich: du Mensch, bist Kind dieser Welt, weil du Kind Gottes bist. Du bist Kind Gottes, so wie das Kind in der Krippe, und du muss dich nicht an diese Welt binden, um Kind dieser Welt zu sein. Du bist es als Kind Gottes und kannst deshalb in dieser Welt anders leben. So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind.

Und weil das so ist, stellt diese Weihnachtsbotschaft unser Leben als Menschen in Frage und nicht umgekehrt unser Leben die Weihnachtsbotschaft. Als Kinder Gottes sind wir diesem Vater verpflichtet, sind wir seinem Weg verpflichtet und dieser Weg ist gebunden an das Kind und den späteren Erwachsenen Jesus, den wir als den Christus glauben, als den Sohn Gottes, der unsere Kindschaft vorgelebt hat und in dessen Nachfolge wir Kinder Gottes sind. Gewalt, Terror, Friedlosigkeit, Hass, all das spricht nicht gegen die weihnachtliche Friedensbotschaft, sondern legt nur die Knechtschaft der Menschen offen, die diese Friedensbotschaft für sich nicht annehmen können. Gott hat seinen Frieden mit den Menschen geschlossen, er ist auf sie zugegangen, hat die Hand der Liebe gereicht und so die Möglichkeit eröffnet, dass wir Menschen anders leben können. Dieser Friede liegt über uns Menschen und den kann uns niemand mehr nehmen. Von Gott her sind wir nicht mehr Knechte, wir sind freie Kinder, die in der Bindung an Gott einen neuen Weg des Lebens gehen können. Andere können diesen Weg nicht mitgehen, entscheiden sich anders, setzen andere Maßstäbe. Aber wir Christen halten durch die Feier des Weihnachtsfestes daran fest, dass wir durch Gott an den Weg des Kindes, an den Weg der Versöhnung und des Friedens, an den Weg auch des Leidens um der Versöhnung und des Friedens willen gebunden sind. Das ist keine Knechtschaft, sondern darin liegt die Freiheit der Kinder Gottes, dass sie sich binden an die lebenschaffenden Mächte Gottes und eben nicht an die vernichtenden Mächte dieser Welt. Gottes Friede ist aufgerichtet, im Stall, am Kreuz und in der leeren Grabeshöhle. Und dieser Friede bleibt bestehen, auch wenn die Wirklichkeit um uns herum eine andere Sprache spricht. Sein Friede ist ständige Mahnung für uns Menschen, dass wir als die Kinder Gottes leben und diesen Frieden weitertragen.

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